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Die Verurteilung des Lukullus
Eine Oper in 12 Szenen
von Paul Dessau
Text von Bertolt Brecht



Aufführungsdauer: ca. 1 Std. 35 Minuten (keine Pause)

Premiere am 25. November 2007
an der Komischen Oper Berlin
Rezensierte Aufführung: 5. Januar 2008


Homepage

Komische Oper Berlin
(Homepage)
Das Fegefeuer als Spiel-Show

Von Annika Senger / Fotos von Thomas Aurin


Brecht-Opern stehen bekanntlich für den erhobenen Zeigefinger als Moralkeule gegen die Bourgeoisie - so auch die 1951 uraufgeführte Oper "Die Verurteilung des Lukullus" mit Musik von Paul Dessau. In der Tat handelt es sich um ein Lehrstück, kein besonders eingängiges. Währenddessen glänzt Katja Czellniks Inszenierung an der Komischen Oper Berlin mit originellen Regie-Einfällen und mit einem hoch motivierten Ensemble.

Vergrößerung Markus John (Der Kommentator) und
Kor-Jan Dusseljee (Lukullus)

Im Laufe der Ouvertüre projiziert eine Videokollage von Nachrichtenbildern aus dem Fernsehen die im alten Rom verankerte Handlung auf die multimediale Gegenwart. Das Schattenreich, in dem über den verstorbenen Feldherrn Lukullus gerichtet werden soll, wird als moderne Spiel-Show mit den Toten als Kandidaten dargestellt. Dies sind Figuren unterschiedlicher Couleur: beispielsweise ein Bauarbeiter, ein Fußballspieler oder ein Mädchen im rosa Sommerkleid. Viel Bewegung herrscht in diesem Fegefeuer, wo Lukullus am Ende die Strafe für seine hedonistischen Ausschweifungen empfangen wird. Die Regisseurin lässt ihn kurz nach seiner Ankunft mit einem Riesenluftballon spielen, wie es schon Charlie Chaplin im Film "Der große Diktator" getan hat. Auch auf der Opernbühne platzt der Ballon - die Welt lässt sich eben nicht so leicht erobern!

Vergrößerung

Kor-Jan Dusseljee (Lukullus),
Jens Larsen (Der Totenrichter) und
Markus John (Der Kommentator)

Eine mobile Bühne (ein Lob dafür an Hartmut Meyer!) zum Aufklappen und Aufblasen fungiert als weiteres Bewegungselement in dieser lebhaften Inszenierung. Quietschbunte Ganzkörper-Puppenkostüme verwandeln die Vorhölle in eine Art Disneyland - wohl eine Anspielung darauf, wie dicht Spaß und Schreckensmeldungen in der heutigen Medienwelt beieinander liegen. Ein Herd, an dem Lukullus kurz vor seiner Verurteilung seine Kochkünste unter Beweis stellt, um den Totenrichter mild zu stimmen, erinnert an TV-Kochshows. Bildgewalt dominiert also über die Musik - wahrscheinlich, weil sie ähnlich schwer zugänglich ist wie das Thema des Stückes.

Für Liebhaber romantischer Opern hat die Orchestrierung einen ungewöhnlichen Charakter: Auf Melodie-Instrumente wie Geigen, Bratschen und Klarinetten wird verzichtet. Schlagwerk und Trompeten machen den Orchesterklang aus, Dissonanzen kennzeichnen die Auftritte des Lukullus. Als Tasteninstrument kommt ein virtuos gespieltes Trautonium, ein Vorläufer des Synthesizers, zum Einsatz.

Vergrößerung Kor-Jan Dusseljee (Lukullus),
Gabriela Maria Schneide (Das Fischweib) und
Markus John (Der Kommentator)

Die Gesangsregister statuieren ein Exempel postmoderner Vielfältigkeit: Lukullus wird beispielsweise durch einen dramatischen Bel Canto-Tenor verkörpert; die theatralische, typisch Brechtsche Sprechgesangspartie des Fischweibs erfordert währenddessen keine Ausbildung zur Opernsängerin. Dennoch wirkt Gabriela Maria Schneides Interpretation der Rolle sehr atmosphärisch und ergreifend. Die Koloratursopran-Arie der Königin könnte hingegen aus dem italienischen Fach entnommen sein. Erika Roos muss die Partie im Liegen bestreiten - Hut ab für diese hervorragende Leistung! Auch Jens Larsen beeindruckt als Totenrichter mit seiner runden Bass-Stimme und seiner klaren Artikulation.

Der gesangliche Höhepunkt steckt jedoch im Auftritt des Gefallenenchores vor der Verkündigung des Urteils: Die Männer versammeln sich auf der linken Seite des zweiten Ranges, die Frauen auf der rechten. Es entsteht der Eindruck, als schwebe die bombastische Forderung "Ins Nichts mit ihm!" über dem Schattenreich und dem Zuschauerraum. Eine dermaßen intensive Eindringlichkeit dieser mobilisierten Masse untermauert den Urteilspruch des Richters noch zusätzlich: Lukullus wird ins Nichts verdammt, auch seine Einführung des Kirschbaums aus Asien kann seine Seele nicht mehr retten.


FAZIT

Ein Brechtsches Lehrstück in zeitgemäßer Aufmachung und bunten Farben für Zuschauer, die mehr wollen als die blanke Moralkeule.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Eberhard Kloke

Inszenierung
Katja Czellnik

Bühnenbild
Hartmut Meyer

Kostüme
Nicole Timm
Sebastian Figal

Video
Falschfilm (Hülsey,
Rechsteiner, Grenier)

Chöre
Robert Heimann

Dramaturgie
Bettina Auer

Licht
Franck Evin



Der Kinderchor der
Komischen Oper Berlin
(Einstudierung:
Christoph Rosiny, Jane Richter)

Der Bewegungschor
der Komischen Oper Berlin

Orchester der
Komischen Oper Berlin

Trautonium: Thorsten Kaldewei


Solisten

Lukullus
Kor-Jan Dusseljee

Der Kommentator
Markus John

Der Totenrichter
Jens Larsen

Das Fischweib
Gabriela Maria Schneide

Der König
Hans-Peter Scheidegger

Die Königin
Erika Roos

Die Kurtisane
Christiane Oertel

Der Lehrer
Christoph Späth

Der Bäcker
Peter Renz

Drei Frauenstimmen
Karen Rettinghaus
Miriam Meyer
Karolina Andersson

Zwei Kinder
Sophia Duwensee
Zoé Wewer



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Komischen Oper Berlin
(Homepage)



Da capo al Fine

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