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Die Geheimnisse eines Mädchenherzens in schwierigen Zeiten
Von Thomas Tillmann
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Fotos von der Opéra Royal de Wallonie
Nach 36 Jahren stand endlich wieder einmal Strauss' einerseits viel geschmähte, andererseits bei vielen doch auch sehr beliebte Arabella auf dem Spielplan der Königlichen Oper, diesmal natürlich auch wie es sich gehört in der Originalsprache und in einer Produktion aus Toulouse, für die Altmeister Pierre Médecin (er hat noch mit Wieland Wagner und Rudolf Hartmann gearbeitet!) die Geschichte ohne Mätzchen, dafür aber mit großem Geschick und Gefühl für Timing präzis und unterhaltsam erzählt. Diskutabel ist das zentrale Bühnenbild von Ausstatter Pet Halmen, der eine riesige Hotelhalle aus dunklem "Marmor" bauen ließ, auf deren Stufen sich große Teile der Handlung abspielen, was zwar das Flüchtig-Unsichere der Zeit illustriert, aber Intimität verhindert (zumal auch das Licht nicht die gewohnte Lütticher Qualität hat) und zudem eine unnötige Belastung der Darsteller darstellt. Halmen war auch für die nicht sehr prägnanten, aber ordentlichen Kostüme zuständig; für die Hauptdarstellerin indes hätte man schickere, elegantere und vorteilhaftere Roben schneidern lassen können.
Arabella (Mireille Delunsch, links) versucht ihrer jüngeren, als Bub verkleideten Schwester Zdenka (Anne-Catherine Gillet, rechts) ihren Standpunkt zum Thema Liebe klar zu machen.
Dem märchenhaften Ende misstraut der Regisseur und wird dann doch politisch: Arabella und Mandryka singen ihr Schlussduett auf dem herabgelassenen Kaisergemälde in luftiger Höhe, Mäntel, Tücher und Koffer suggerieren, dass die beiden sich zur Flucht aufmachen, um drohender Verfolgung im Einflussbereich der Nazis zu entgehen (ist Mandryka ein reicher Jude oder Roma?), das in Form des Hakenkreuzes bedrohlich im Bühnenhintergrund aufgezogen wird, was beim Schlussapplaus einen einzelnen Buhrufer auf den Plan rief, angesichts des Uraufführungsdatums des Werks im Jahre 1933 einige Monate nach der sogenannten Machtergreifung aber gar nicht so abwegig ist. Im Nachhinein bin ich mir nicht sicher, ob nicht auch die Frisuren der drei Grafen, mit denen Adelaide sich am Ende noch besser amüsiert als auch dem Fiakerball, derjenigen Adolf Hitlers gleichen sollen, auch die Hotelhalle könnte man als Anspielung auf die Protzarchitektur der Faschisten interpretieren, die Umarmungen der schwarz gekleideten Soldaten als (überflüssige) Reminiszenz auf Vorfälle vor dem Röhm-Putsch.
Graf Waldner (Tómas Tómasson, links) plagen wegen seiner Spielsucht erhebliche Geldsorgen - da kommt der reiche Mandryka (Werner van Mechelen, rechts) gerade recht mit seiner Bitte um die Hand der älteren Tochter.
Mireille Delunsch war eine eher zurückhaltende Arabella der sehr feinen, eleganten Linien, des vollendeten Ausgleichs zwischen volksliedhaftem Ton und Raffinement und des sehr schlanken Tons (man schüttelt den Kopf, wenn man liest, dass sie bereits Elsa und Amelia im Maskenball gesungen hat und demnächst nicht nur die Wagnerrolle an der Bastille-Oper wiederholt, sondern auch noch die Elettra im Idomeneo übernimmt), aber bei aller Bewunderung für ihre Pianokultur und ihr stilistisch tadelloses Singen vermisste man in den entscheidenden Momenten einfach den berühmten Strauss-Jubel, den eine so kleine Stimme einfach nicht entfalten kann - hier waren nicht eine Arabella und eine Zdenka, sondern zwei Zdenkas engagiert worden, und auch als Darstellerin konnte mich die Französin nicht nur wegen ihrer nicht einwandfreien Textverständlichkeit nicht dauerhaft fesseln. Anne-Catherine Gillet hinterließ mit großer Spielfreude und besserem Deutsch einen sehr guten Eindruck in der Hosenrolle, sieht man von dem alten Übel ab, im Forte und bei exponierten Tönen über Gebühr zu schreien, was nicht gut für die Stimme und nicht angenehm am Ohr des Zuhörers ist.
Schnell werden sich Mandryka (Werner van Mechelen) und Arabella (Mireille Delunsch) einig: Sie wollen für immer zusammen bleiben.
Werner Van Mechelen (wie die Interpretin der Titelpartie gab auch er sein Rollendebüt an diesem Abend) setzte erfreulicherweise nicht nur auf bloße Stimmkraft, sondern zeigte sich stets um Feinheiten und Nuancen bemüht; die berühmten Rollenvorgänger der Vergangenheit waren in dieser Hinsicht vielleicht nicht immer auf seiner Höhe, ihr Singen aber war insgesamt dafür ebenmäßiger, noch klangvoller und tonschöner. Hanna Schaer war eine mehr als respektable Adelaide mit zwar reifem, aber doch sehr intakten und expressiven Mezzosopran und viel Haltung. Tómas Tómasson ließ zwar den letzten Schliff in der Diktion vermissen, war aber trotzdem ein sehr präsenter, nie übertreibender Graf Waldner. Gilles Ragon klang mir bei aller Expressivität etwas zu greinend (was freilich zur Rolle des Matteo irgendwie passt), zu grell und zu charaktertenoral-verbraucht, da machte Steffen Schantz als Elemer trotz des etwas stumpfen Timbres seiner Stimme mehr her, und auch Patrick Delcour (Dominik) und Léonard Graus (Lamoral) hatten mehr Fans als nur die in die Jahre gekommene Gräfin. Mélanie Boisvert schließlich war als Fiakermilli weniger Repräsentantin eines dekadent-vulgären Wiens der Kaiserzeit, sondern eher eine Kopie der Lola-Lola aus Der blaue Engel.
Die Wirrungen der Handlung sind überwunden, aber der heraufziehende Nationalsozialismus stellt Mandryka (Werner van Mechelen) und Arabella (Mireille Delunsch) vor schwierigere Probleme.
Über den meisten Applaus konnte sich schließlich Patrick Davin freuen. Ich muss ehrlich sein: Natürlich hatte ich ihn als guten Dirigenten in Erinnerung, aber trotzdem hatte ich mich auf der Hinfahrt gefragt, ob er gerade in diesem Repertoire die Lücke würden schließen können, die Friedrich Pleyer nach seinem Weggang hinterlassen hatte. Der erste Gastdirigent ließ in seine Interpretation erfreulicherweise seine große Erfahrung mit Werken der Moderne einfließen und favorisierte einen stets durchsichtigen, schlanken, mitunter fast kammermusikalisch delikat wirkenden Orchesterklang, der hervorragend zum Konversationsstil der Oper passte. Einige Passagen indes könnte man sich doch etwas beherzter, süffiger und weniger nüchtern musiziert vorstellen, das hätte bei seinem Wiener Kollegen eben doch authentischer geklungen.
Ein trotz der gemachten Einschränkungen rundum gelungener Strauss-Abend und ein überzeugendes Plädoyer für ein unterschätzes Werk, das man auch an deutschen Bühnen wieder häufiger sehen möchte. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne, Kostüme
Chöre
Orchester der Solisten
Arabella
Zdenka
Adelaide
Fiakermilli
Eine Kartenaufschlägerin
Mandryka
Matteo
Graf Waldner
Graf Elemer
Graf Dominik
Graf Lamoral
Ein Zimmerkellner
Welko
Djura/Jankel
Drei Spieler
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