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Brandauer inszeniert Lohengrin - nichtVon Thomas Tillmann / Fotos von Klaus Lefebvre
Man hatte schon im Vorfeld und nach der Premiere viel gehört über die aggressiv mit "Brandauer inszeniert Lohengrin" beworbene Neuproduktion der romantischen Oper. Fazit nach langen vier Stunden und vierzig Minuten ist für mich, dass der berühmte Mime gerade das nicht tut, was der Slogan behauptet: Er inszeniert das Werk nicht! Hier wird die meiste Zeit gestanden, praktischerweise in Richtung Dirigent, das eine oder andere Mal wird auch ein Arm gehoben oder gekniet, die Augen werden gerollt, dass es eine Freude ist, Ansätze von Personenzeichnung und -führung macht man dagegen selten aus, die darstellerischen Bemühungen der Solisten wirken eher hausgemacht und nicht immer koordiniert.
Das Auge fällt auf einen Kunstrasenhügel, einen riesigen Baumstamm, der wie die diversen pfeilerartigen efeubewachsenen Türme nicht unerheblich an einen Phallus erinnerte, ohne dass diese Assoziation meiner Begleiterin im Folgenden durch Regieeinfälle gestützt wurde, Laub bedeckt die Spielfläche, Bühnennebel unterstützt den gewünschten Effekt - eine veritable Märchenwaldkulisse im Wesentlichen, von Ronald Zechner detailverliebt, aber wenig originell kreiert, von Hans Toelstede zwar mitunter sehr atmosphärisch (Morgenstimmung!), aber auch nicht wirklich spannend oder intelligent ausgeleuchtet. Vorn links liegt noch Gottfrieds Spielzeug verstreut, mit dem sich ein junges Mädchen amüsiert, das später auch den Ritter begrüßt (eine weitere Schwester vielleicht, von der wir bisher nichts wussten?), dessen mäßig großer, wie von der Firma Steiff hergestellt wirkender Schwan zur Erheiterung selbst des konservativen Publikums durch den Chor gereicht wird (eine ähnliche Wirkung hat später dann das Ehebett). Wenig überzeugend fand ich auch das neckische Fastnachtstreiben vor der Hochzeit, und dass der sterbende Telramund noch einmal nach seiner Jugendliebe Elsa greift, ist kein schlechter Einfall, trägt aber keinen Abend. Dass der Darsteller des Gottfried am Ende noch Schwanenfedern an den Körper geklebt bekommen musste, sagt viel über die Originalität und geistige Tiefe dieser Produktion aus, die ein erschlagender Artikel des Berliner Historikers Martin Lade im Programmheft natürlich nicht auffangen kann. In das konservativ-muffige Konzept fügen sich die schweren Kostüme von Petra Reinhardt problemlos ein, die von historischen Postkarten abgeschaut wirken und überkommene Traditionen gern aufnahmen (Elsa hat lange blonde Haare und ein weißes Kostüm, Ortrud zottelige dunkle und eine schwarze Robe mit Pelzstola, Lohengrin eine lächerliche Silberrüstung); nur für die Hochzeit bekam der Ritter ein ziemlich aktuell und leger wirkendes Outfit verpasst, das ihn wie einen charmanten Telenovela-Darsteller aussehen ließ.
Das Premierenpublikum konnte sich dem Vernehmen nach nicht beruhigen über den so wunderbar lyrischen Lohengrin von Klaus Florian Vogt, ohne zu bedenken, dass der Interpret die Partie auch gar nicht anders singen könnte, denn die Stimme ist eine wahrlich kleine - wäre ich für Besetzungsfragen an der Kölner Oper zuständig, hätte ich ihm einem Vertrag für den Rossillon in der Lustigen Witwe angeboten, die im November Premiere hat. Dass der gebürtige Holsteiner auch schon in Erfurt, Dresden, Baden-Baden, Madrid und sogar an der New Yorker Met den Schwanenritter gegeben hat, ändert an meinem Urteil nichts - jeder weiß, wie dünn dieses Fach besetzt ist und dass über Verstärkung an den großen Häusern nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Ich schlage vor, dass man bei den nächsten Neuproduktionen des populären Werks versucht, einen Countertenor oder vielleicht einen als Rosenkavalier erprobten lyrischen Mezzo als Lohengrin zu verpflichten, die dann sicher noch ätherischer und sensibler klingen würden bei der Danksagung an den Schwan und die Andersartigkeit des aus fernen Sphären angereisten Helden perfekt illustrieren müssten. Hier aber bemühte sich ein Tamino-Interpret, dessen Stimme an sich natürlich keine häßliche ist, auch in den Ensembles dank ihrer hellen Färbung zu hören und zu Effekten wie Legato und messa di voce leicht zu bewegen ist; arg unterbelichtet und farblos wirkt sie dagegen in Passagen, die eher Volumen in der Mittellage verlangen, und die gibt es nun einmal auch.
Camilla Nylund, die ich als Arabella in Gent sehr mochte und bereits als Salome in Köln überfordert fand, gab erwartungsgemäß eine sehr mädchenhafte Elsa des schlanken, zart-empfindsamen, mitunter apart silbrigen Tons, der geschmackvollen Phrasierung und des kultivierten Pianos, hatte aber wie ihr Partner wenig Reserven für dramatischere Passagen; dass ihr "Euch Lüften" gut liegen würde, war vorauszusehen, dass das Gegenteil im Brautgemach der Fall sein würde, auch.
Einen sehr engagierten, ungestümen, aber nie die Grenzen des guten Geschmacks verletztenden Friedrich gab Krister St. Hill. Sicher, die Stimme ist sicher noch nicht die eines erfahrenen Heldenbaritons, da gibt es auch Nebengeräusche und solche, die die harte Arbeit an der schweren Partie erkennen lassen, aber gerade im Vergleich mit seiner Partnerin muss man hier doch von einer überzeugenden, seriösen Leistung sprechen. Es wird niemanden überraschen, dass ich erneut große Probleme mit dem outrierten, penetranten Spiel und dem ungeschlachten Gesang von Dalia Schaechter hatte, die sich als Radbods letzter Sproß zwar nicht so skandalös blamierte wie als Preziosilla in La forza del destino, aber doch auch hier mit einer Tessitur konfroniert war, die sie nur mit bemitleidenswerter Kraftanstrengung und beherztem Griff in die Trickkiste des Außermusikalischen einigermaßen bewältigte. Dazu gesellten sich Textfehler und jede Menge hohler Töne, scheußliches Gekeife und vulgärer Sprechgesang - eine Pein für sensible Ohren, so dass die Frage aufkam, warum sie sich nicht doch langsam mit den vielen dankbaren Aufgaben beschäftigt, die das Charakterfach bietet. Reinhard Hagen kämpfte an diesem Abend (?) permanent mit Höhenproblemen, einzelne Töne erreichte er gar nicht oder kiekste, und überhaupt hatte man das Gefühl, dass dieser König schon ziemlich lange im Amt ist und sehr auf Ablösung hofft, trotz aller darstellerischen Agilität. Mehr Freude bereitete da Samuel Youn als Heerrufer mit leicht ansprechendem Bariton, und auch seine Diktion war nicht die schlechteste, so dass man eine Übertitelung an diesem Abend kaum vermisste.
Einen exzellenten Eindruck hinterließen die Chöre, die in Andrew Ollivants Einstudierung nicht nur sehr präzis, sondern auch ausgesprochen tonschön und differenziert zu singen verstanden, vielleicht auch weil sie anders als in vielen Inszenierungen nicht auch noch gleichzeitig tausend darstellerische Aufgaben zu bewältigen hatten. In guter Disposition präsentierte sich auch das Gürzenich-Orchester, dem bereits im große Ruhe verströmenden Vorspiel wunderschön verhaltene, schwebende Passagen gelangen, denen eine solide Probenarbeit vorausgegangen sein muss. Auch wenn es an diesem Abend nicht ganz ohne Spielfehler ging, möchte ich doch von Markus Stenz' bisher bester Leistung in der Domstadt sprechen, nicht zuletzt wegen der effektvollen, aber nie nur auf Wirkung abzielenden Steigerungen, wegen des berühmten langen Atems beim Aufbau von Szenen und der Ausgewogenheit in den Tableaus, aber auch wegen seines Bemühens, die Solisten mit ihren kleinen Stimmen zu unterstützen.
Niemand wird den Berichterstatter als Fan des Regietheaters bezeichnen wollen, aber ein solch naiver szenischer Muff bis zur Lächerlichkeit und eine solche Ideenlosigkeit, die über ein Konzert in Kostümen letztlich nicht hinaus kam, sind keine Alternative zu vom Regisseur vorab getadelten Konzepten. Auch hier möchte man die Augen schließen und sich ganz auf die Musik konzentrieren, was vielen treuen Opernfans über manchen wirren Abend hinwegzuhelfen pflegt. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Mitarbeit
Licht
Chor
Dramaturgie
SolistenHeinrich der Vogler,deutscher König Reinhard Hagen
Lohengrin
Elsa von Brabant
Gottfried, ihr Bruder
Telramund
Ortrud, seine Gemahlin
Der Heerrufer des Königs
Vier brabantische Edle
Vier Brautjungfern
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- Fine -