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Musiktheater
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Die lustige Witwe
Operette in drei Akten
(teilweise nach einer fremden Grundidee)
von Viktor Léon und Leo Stein
Musik von Franz Lehár




Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Köln am 11. November 2006

Logo: Oper Köln

Bühnen der Stadt Köln
(Homepage)

Die schale Witwe

Von Thomas Tillmann
Fotos wurden uns von der Kölner Oper nicht zur Verfügung gestellt; mehr dazu lesen Sie hier

"Operette muss mit Liebe gemacht sein. Man kann das nicht einfach alles auf den Kopf stellen. Man muss da mit einer gewissen Ehrfurcht ans Werk gehen, und die Dialoge müssen gut geschrieben sein", weiß Thomas Mohr, Darsteller des Grafen Danilo, und sagte es gegenüber der Theaterzeitung. Recht hat er. Die Dialoge in der Kölner Neuinszenierung der zurecht unverwüstlichen Lustigen Witwe waren in der Mehrzahl angenehm kurz und phasenweise auch durchaus witzig, aber man muss auch jemanden haben, der etwas von Dialogregie und dem Präsentieren dieser Texte versteht, und der oder die scheint bei dieser Produktion zu fehlen. Ob Jasmin Solfaghari Ehrfurcht vor dem Werk besitzt und ihre Arbeit mit Liebe verrichtet hat, weiß ich nicht; auf den Kopf gestellt hat sie eigentlich nichts, aber einen wirklich unterhaltsamen, temporeichen, sprühenden, vielschichtigen, über zweieinhalb Stunden den Zuschauer faszinierenden Theaterabend hat sie wahrlich auch nicht auf die Bühnenbretter bringen können.

Eng und etwas vergilbt wie der ganze Stadt Pontevedro und seine Pariser Botschaft wirkt der erste Raum von Mark Gläser, kühl und modern das Luxusanwesen der Glawari im zweiten und dritten Akt mit klaren geometrischen Formen, akkurater Gartengestaltung mit Teichlandschaft, in der schließlich Cascada nach dem Streit mit St. Brioche landet, Rasenfliesen, die mit Pfennigabsätzen zu treffen die vorrangige Aufgabe des weiblichen Bühnenpersonals war, und einer Aussparung für die im ersten Teil nur permanent hörbare, jetzt auch sichtbare Souffleuse, für die die Werkstätten auch noch ein lustiges Hütchen produziert hatten und die die Triangel schlagen durfte. Mehr Eindruck hätte diese Ausstattung vielleicht gemacht, wenn Hans Toelstede und sein Beleuchtungsteam sich ein wenig Mühe gemacht hätten - ich habe selten eine stümperhaftere, uninspiriertere Lichtregie gesehen wie an diesem Abend. Kostümbildnerin Su Bühler hat offenbar ein Faible für die Damenmode der fünfziger Jahre - eine andere Begründung für die Wahl dieser Epoche konnte ich nicht erkennen, die hübschen Werbebilder im Programmheft ergänzen die Idee, rechtfertigen sie aber nicht -, aber keinen Blick für die Tragbarkeit von Kleidern: Pausengespräch war das in jeder Hinsicht unvorteilhafte Auftrittskleid der Witwe, gegen das die gehandicapte Hauptdarstellerin mit seinem dünnen, jede Körperrundung hervorhebenden dunkelblauen Stoff und den freien Oberarmen sich hätte wehren müssen, und auch zu dem Evita-Peron-Kleid des zweiten Teils hätte eine Stola für den Rücken über der engen Corsage gehört. Immerhin hatte sie eine zweite Robe bekommen, während für einen weiteren Satz Partygarderobe kein Geld mehr da war (für farblich passende Schirme im zweiten Finale auch nicht).

Und die Inszenierung? Da setzt sich ein Trend fort, den mein Kollege Stefan Schmöe bereits in seinem Bericht über die letzte Kölner Premiere treffend beschrieb: "Es ist, als wolle man am Kölner Offenbachplatz die Opern-Uhr zurück drehen in eine Zeit, in der es noch kein Regietheater gab: Zur Saison-Eröffnung stellte Klaus Maria Brandauer den Lohengrin im schneidigen Ritterkostüm an die Rampe und überließ ihn dort bar jeder Personenregie seinem Schicksal (unser Bericht); in der zweiten Premiere der Spielzeit speist Michael Hampe Mozarts Cosi fan tutte (unser Bericht) mit dem bewährten szenischen Vokabular einer doch recht fernen Theaterepoche, als das Textbuch noch beim Wort genommen wurde." Allerdings muss man sagen, dass gerade beim Inszenieren von Operette die Älteren häufig ein gutes Händchen für das überzeugende Erzählen von Handlungen hatten, für das Kreieren von großen Auftritten und schwungvollen Ballszenen einerseits und romantischen Intermezzi andererseits, für dreidimensionale, interessante Bühnenfiguren und das Timing bei Pointen und Bühneneffekten und in den Dialogen. Dem Kölner Team des Jahres 2006 fällt stattdessen nur hin und wieder ein Gag ein, etwa wenn Valencienne unzählige Male dem Gatten das Toupet auf die Nase zieht, Danilo sich auf der Bühne die Zähne putzt und ordentlich ausspucken darf, Marika Rökks "Ich brauche keine Millionen" anstimmen darf und später "Nun sei bedankt, mein lieber Schwan", den eine Stunde vorher eine der Damen von ihrem Kopf auf den Teich im Garten der Millionärin gesetzt hatte, wenn Camille das Smokinghemd aufgerissen wird, er unter der Flagge Pontevedros eine Art Limbo andeuten muss, die Herren statt Tanznummern Buchstaben auf den Rücken geklebt bekommen, die aneinandergereiht "20 Millionen" ergeben, wenn die Diener der Glawari einen Strip andeuten, um danach mit freiem Oberkörper als Maxim-Kellner durchzugehen. Dem Charme des Genres im Allgemeinen und dieses Werks im Besonderen machen die müde, harmlose, anämisch-espritlose Regie, die wirklich schlappe, einfallslose Choreografie und die oberflächliche Personenführung und -zeichnung gründlich den Garaus, da hilft keine eilig aufgefahrene Pyrotechnik am Schluss.

Ulrich Hielscher machte darstellerisch keine schlechte Figur als seniler, mäßig gescheiter Botschafter, ist aber vokal mittlerweile offenbar in so schlechter Verfassung, dass man ihm für seine kurze Begrüßung der Gäste zu Beginn eine Fassung mit etwa fünf Tönen in bequemer Lage zurecht punktiert hatte. Claudia Rohrbach ist immer ein Plus in Operetteninszenierungen und nahm auch als kecke Valencienne sowohl durch quirliges Spiel als auch durch seriösen, schlanken, aber nie dünnen oder gar spitzen Gesang für sich ein. In Musa Nkuna hatte sie einen attraktiven Partner mit einer kräftigen lyrischen Tenorstimme, die auch in der hoch liegenden Kantilene nicht an Grenzen kommt (na ja, dass er ein wenig Anlauf vor dem C nahm, übersieht man mitfühlend an einem Premierenabend), sondern ihren Schmelz und ihren runden Klang bewahrt. Ich mochte auch Thomas Mohr als Danilo, nicht zuletzt weil er sich jeglicher Outrage enthielt und keine Parodie der großen Rollenvorgänger im Sinn hatte, sondern den Grafen als in die Jahre gekommenen, sympathisch untersetzten und leichten Grauschleier auf der Zopffrisur nicht verdeckenden Lebenskünstler portraitierte und dabei auch gesanglich sehr seriös vorging, indem er etwa häufig piano sang, feinere Nuancen suchte und trotz seines Fachwechsels zum Heldentenor hin in vielen Momenten einen durchaus lyrischen, jugendlichen Ton verströmte. Weniger Präsenz und vokalen Glanz entfaltete dagegen Kirsten Blanck, Mohrs Wälsungenpartnerin am Kölner Haus (dass die beiden sich ewig kennen, bereits in Jugendchören miteinander gesungen haben und auch einmal für ein halbes Jahr ein Paar waren, erfährt man aus der Theaterzeitung) und durchaus versiert im Operettenfach: Die Lisa im Dortmunder Land des Lächelns etwa scheint der Künstlerin mehr zu liegen, die zwar ein gutes Vilja-Lied sang, aber auch hier wie den ganzen Abend lang die letzte Eleganz und ein für die Rolle unerlässliches gestalterisches Raffinement vermissen ließ (was nützt da ein interpoliertes H, wenn es einfach nur erreicht, aber nicht ausgekostet wird und strahlt?). Die Stimme an sich hat (an diesem Abend?) keinen rechten Glanz in der Höhe, weist mitunter auch ein nicht unerhebliches Vibrato auf und bleibt zu behäbig für flottere, leichtere Passagen etwa im Auftrittslied oder dem Reitersmann-Duett, die Darstellerin ist weder deftiges Mädchen aus der Balkanprovinz, das zu Geld gekommen ist, noch strahlender Mittelpunkt der Pariser Amüsierszene.

Dieter Schweikart war ein erfreulich zurückhaltender Njegus und hätte auch ohne falsch geknöpfte Jacken einen guten Eindruck hinterlassen. Opernstudio-Mitglied Andrés F. Orozco Martinez und Johannes Preißinger versuchten, den französischen Verehrern der Witwe einiges Profil zu verleihen (das Cascada im zweiten Akt beim Duell offenbar getötet wird, eine Weile auf der Bühne herumliegt und dann in die pontevedrinische Fahne gehüllt von der Bühne getragen wird, ist eine dieser Ideen am Rande, die den Abend nicht intelligenter machen und auch nicht davon ablenken können, dass die Regisseurin keinen Schwung in die eigentliche Handlung bekommt), auch die pontevedrinischen Paare sind rollendeckend besetzt, anders als die müden Grisetten, die kaum zehn Sekunden lang die Beine heben beim Chanson, sondern die längste Zeit auf der Treppe kauern und sich von der verkleideten Baronin schubsen lassen müssen - meine Güte, wenigstens bei dieser Can-Can-Nummer muss doch das Haus toben!

Das Feuer, das das Gürzenich-Orchester in den ersten Takten der Einleitung versprühte, kam schnell zum Erlöschen, stattdessen hörte man viel Routine und nur hin und wieder ein paar schöne Einzelmomente (etwa im Viljalied, in dem dann aber der ansonsten ordentliche Chor ungeschlacht einsetzte und viel von der Stimmung zerstörte, die die Diva zu erzeugen sich redlich bemüht hatte) und ärgerte sich über breite, schleppende Tempi, die freilich zum geringen Tempo auf der Bühne glänzend passten (besonders schlimm im "Lippen schweigen", bei dem man die Solisten für ihre solide Atemtechnik nur bewundern konnte), brassiges Forte, das den einzigen Vorteil hatte, das nicht noch mehr Zuschauer einnickten, und wenig Einfühlungsvermögen in der Sängerbegleitung. Das Premierenpublikum war da durchaus aufmerksam und streng und bedachte auch Enrico Dovico mit deutlichen Buhs, der bei den Schlussvorhängen aus unerfindlichen Gründen erst nach Minuten wieder einsetzen ließ für ein letztes Potpourri.


FAZIT

Eine Inszenierung, die das Publikum (das sich den ganzen Abend über sehr zurückhält und zu Klatschmärschen und Reprisen geradezu gedrängt werden muss) mit Buhs quittiert - solch szenischen Muff will auch ein eher konservatives Publikum auf Dauer nicht sehen. Die Verantwortlichen sollten sich fragen, ob es nicht einen Mittelweg gibt zwischen radikalem Regietheater und reaktionärem Konservativismus.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Enrico Dovico

Inszenierung
Jasmin Solfaghari

Bühne
Mark Gläser

Kostüme
Su Bühler

Licht
Hans Toelstede

Chor
Andrew Ollivant

Dramaturgie
Christoph Schwandt


Chor der Oper Köln

Statisterie der Bühnen Köln

Gürzenich-Orchester Köln


Solisten

Baron Mirko Zeta
Ulrich Hielscher

Valencienne,
seine Frau
Claudia Rohrbach

Graf Danilo Danilowitsch
Thomas Mohr

Hanna Glawari
Kirsten Blanck

Camille de Rossillon
Musa Nkuna

Vicomte Cascada
Andrés F. Orozco Martinez

Raoul de St. Brioche
Johannes Preißinger

Bogdanowitsch
Stefan Kohnke

Sylvaine,
seine Frau
Ursula Meinardus

Kromow
Kimon Vassilopoulos

Olga,
seine Frau
Mariola Mainka

Pritschitsch
Ulrich Schüler

Praskowia,
seine Frau
Astrid Schubert

Njegus
Dieter Schweikart

Lolo
Enny Kim

Dodo
Martina Sigl

Jou-Jou
Andrea ter Haar

Frou-Frou
Andrea Roth-Arenz

Clo-Clo
Ulrike Simon

Margot
Heike Wagner

Tanzpaar
Martina Pohl
Athol Farmer


Weitere Informationen
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