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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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Ein Strauss für das 21. JahrhundertVon Stefan Schmöe / Fotos von Klaus LefebvreDie Oper beginnt mit einem Schrei, und sie endet mit einem Schrei. Dazwischen liegen Morde, Hinrichtungen, eine Vergewaltigung, kurz: eine Palette des kalkulierten Grauens. Man kann auch die gesamte Oper als einen Aufschrei auffassen, in symphonisch geprägte Töne gesetzt und von menschlichen Lautäußerungen an den Rändern begrenzt. Komponist Detlev Glanert und Librettist Hans-Ulrich Treichel haben auf Albert Camus' Drama Caligula von 1938 zurückgegriffen, dass inhaltlich seinen Ausgangspunkt beim Tod von Caligulas Schwester Drusilla nimmt: Aus dem Schmerz über den Verlust der geliebten Schwester entwickelt der römische Kaiser eine Logik der uneingeschränkten Freiheit durch brutale Unterdrückung und Tyrannei. Wie in einer Versuchsanordnung demütigt und quält Caligula seine Untertanen bis zum Tod. Eine Welt, in der dies möglich ist, kann keinen Sinn haben.
Detlev Glanerts im Auftrag der Theater Frankfurt und Köln komponierte Oper beschreibt die Vorgänge aus dem Inneren Caligulas heraus ein musikalisches Psychogramm des Unbewussten. Dementsprechend drückt sich in der Musik eine bis zum Zerreißen gespannte Emotionalität aus, die in erster Linie die Gefühlswelt und damit eben auch das Unterbewusste des Hörers anspricht. Der Henze-Schüler Glanert steht mit dieser Haltung in der Tradition des späten 19. (und beginnenden 20.) Jahrhunderts, auch in seiner hypertrophen Übersteigerung - Caligula ist in mancher Hinsicht die Fortführung von Richard Strauss' Salome und Elektra mit den Techniken des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Das zeigt sich äußerlich an den instrumentalen Mitteln und deren souveräner Handhabung (Glanert verwendet ein Symphonieorchester in der Tradition von Strauss und Mahler, hinzu kommt ein großer Chor) über den tiefenpsychologischen Ansatz bis zu einer Wesensverwandtschaft in den musikalisch wie inhaltlich erzeugten Stimmungen. Der auch in Salome gegenwärtige Mond etwa spielt auch in Caligula eine entscheidende Rolle, und das fürchterliche Pianissimo, das Salomes Warten auf den Kopf des Propheten begleitet, scheint ein um das andere Mal durch die Musik Glanerts zu spuken.
Dem unheilvollen Sujet entsprechend ist die Musik geprägt von scharfen Dissonanzen, kreist aber um deutlich erkennbare tonale Zentren. Damit gibt Glanert dem Hörer Orientierungspunkte, und das macht wohl auch den Erfolg des für einen Zeitgenossen ungewöhnlich häufig gespielten Komponisten aus: Die Musik klingt moderat modern und doch einigermaßen vertraut. Glanert hat sicheres Gespür für Klangwirkungen und Stimmungen, auch für Kontraste darin ist er ein Theaterpraktiker und ein würdiger Nachfolger von Richard Strauss. Caligula zieht Dank der Suggestionskraft der Musik vom ersten Ton an in Bann, und von ganz wenigen schwächeren Momenten abgesehen hält der Bogen bis zum Schluss.
Die Gefahr, der Caligula aber auch nicht immer ausweichen kann, ist die Verselbstständigung der Mittel. Die Oper hat die Tendenz, in schöne Stellen zu zerfallen. So gibt es eine Mottette für Chor a capella mit Anklängen an die Frührenaissance, stilistisch verwandt mit der stark spirituell geprägten Musik John Taveners oder auch Arvo Pärts. Dieses Chorstück ist ein wunderbarer Ruhepunkt, und man kann sich der Wirkung schwer entziehen, aber es bleibt isoliert im musikalischen Kontext. Das mag so gewollt sein, verstärkt aber den Eindruck einer Aneinanderreihung auf Kosten der dramaturgischen Stringenz. Auch das Libretto trägt zu diesem Eindruck bei. Librettist Hans Ulrich Treichel hat in vielen Passagen die Vorlage zu schönen Sprachbildern destilliert, deren poetischer Inhalt auch ohne den grausamen Kontext anspricht (auch hier liegt ein Vergleich mit Salome nahe). Als Gestaltungsprinzip ist das zu wenig ausgearbeitet. So überwiegt der Wohlfühlcharakter, zumal Glanert auch dafür erlesene Töne gefunden hat. Die perfide Logik Caligulas, der im Text als scharf denkender Herrscher dargestellt ist, findet in dieser gefühlsbetonten Musik kaum Widerklang.
Die Uraufführung von Caligula ist eine Gemeinschaftsproduktion der Opern Frankfurt und Köln, und am Main war die Inszenierung von Christian Pade bereits im Oktober zu sehen. Pade fokussiert noch stärker auf die Titelfigur, als dies ohnehin schon vorgegeben ist alle Figuren um den Kaiser herum sind szenisch kaum mehr als Stichwortgeber. Das würde den existenzphilosophischen Aspekt der Vorlage hervorheben, würde nicht Ashley Holland in der Titelrolle dem Kaiser lebensstrotzende Vitalität und gleichermaßen träumerische Melancholie verleihen. Im abstrakten Bühnenraum von Alexander Lintl man könnte das unterkühlte Foyer eines Großkonzerns darin erahnen bewegen sich moderne Menschen wie Kleinstplaneten um das Zentralgestirn Caligula herum; die Toten werden im überdimensionalen Gully entsorgt. Der Sklave Helikon, einziger vertrauter Caligulas, hat clowneske Züge und scheint, anders als der korrekt gekleidete High-Society-Hofstaat, nicht von dieser Geschäftswelt zu sein. Pade tut gut daran, die Oper szenisch nicht zu überfrachten, sondern auf Text und Musik (und seine solide Personenregie) zu vertrauen. Die wenigen, durchaus eindrucksvollen Bilder (etwa Käfige mit bewegungslos darin eingepferchten Menschen in Unterwäsche) reichen völlig aus es ist nicht das Schlechteste, wenn sich die Regie bei einer Uraufführung dem Werk unterordnet.
Sängerisch ist es ein ordentlicher, aber kein großer Abend. So imposant Ashley Holland darstellerisch auch ist, trotz sorgfältiger Gestaltung und einem warmen, sehr sauber geführtem Bariton hat er Mühe, sich gegen das Orchester zu behaupten. Die überdimensionierte Partie stößt aber wohl auch an die Grenzen des aufführungstechnisch Praktikablen: Um allen Facetten des diktatorischen Herrschers gerecht zu werden bedarf es einer Riesenstimme noch über Wagner-Format hinaus, die gleichzeitig ein perfektes Pianissimo in den vielen leisen Passagen leisten muss. Holland kann vieles (vor allem in den lyrischen Momenten), aber nicht alles davon einlösen; vor allem fehlt es der Stimme an heldischer Kraft. Er lässt sich aber nie zum (für andere Sänger leider nahe liegenden) Brüllen verleiten, sondern singt stets kultiviert. Ursula Hesse von den Steinen singt Caligulas Gattin Caesonia mit höhensicherem, aber flackernden und etwas unausgeglichenem Mezzosopran. Gerade für das abschließende Duett mit Caligula könnte man sich einen entrückteren Klang vorstellen. Countertenor Martin Wölfel singt den Helicon mit recht leichter Stimme, was der ins Komödiantische tendierenden Rollenanlage entgegen kommt. Aus dem ansonsten soliden Ensemble ragt Andreas Hörl mit klarem und sonorem Bass als Prokutrator Cherea heraus. Klangschön und von Andrew Ollivant ausgezeichnet vorbereitet präsentiert sich der Chor.
Musikalischer Star des Abends ist aber Dirigent Markus Stenz am Pult des sehr guten Gürzenich-Orchesters. Der Kölner Chefdirigent, der bereits die Frankfurter Uraufführungs-Premiere dirigiert hat, entwickelt eine vibrierende Spannung, die von den leisen Tönen her aufgebaut ist. Auch in den Eruptionen ist das Orchester nie einfach nur laut, sondern die Spannung entlädt sich oft beinahe explosionsartig, ohne danach abzureißen. In dieser Interpretation wird Caligula zum symphonischen Drama, getragen vom Orchesterklang, der das Unsagbare in Klängen ausdrückt.
Große Oper in Köln (und Frankfurt): Das Musiktheater wird von Detlev Glanert nicht neu erfunden, aber beeindruckend vielleicht eine Spur zu glatt - fortgeführt. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Licht
Choreographische Mitarbeit
Chor
Dramaturgie
SolistenCaligulaAshley Holland
Caesonia, seine Frau
Helicon
Cherea
Scipio
Mucius
Livia
Lepidus
Mereia
Vier Dichter
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- Fine -