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Les contes d´Hoffmann
(Hoffmanns Erzählungen)

Phantastische Oper in fünf Akten
Musik von Jacques Offenbach
Text von Jules Barbier und Michel Carré
Quellenkritische Neuedition von Jean-Christophe Keck und Michael Kaye (2005)


In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 20' (zwei Pausen)


Premiere im Theater Hagen am 18. November 2006

Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Nichts als weiße Mäuse

Von Stefan Schmöe / Fotos von Stefan Kühle

Hoffmann trinkt. Viel. Im Verlauf des Abends kommt nach groben Schätzungen ein Mehrfaches dessen zusammen, was der deutsche (oder auch französische) Durchschnittsbürger an Wein im Jahr konsumiert. Im zunehmenden Delirium rückt die Realität immer weiter weg. Stattdessen sieht Hoffmann - weiße Mäuse. Ein niedliches Exemplar huscht gleich zu Beginn über die Bühne - als böses Vorzeichen, wie später deutlich wird.

"Ich denke mir mein Ich durch ein Vervielfältigungsglas, und alle Gestalten, die sich um mich herum bewegen, sind Ichs." Dieses Zitat von E.T.-A. Hoffmann steht als Motto im Programmheft und unsichtbar, aber allgegenwärtig über der Inszenierung von Kay Metzger. Der Dichter erschafft sich in einem schöpferischen und gleichzeitig zerstörerischen Akt seine eigene Realität, erfindet die Erzählungen von den Frauen Olympia, Antonia und Giulietta quasi im Moment der Aufführung. So ist der Einheitsraum für alle fünf Akte ein karges Zimmer, zunächst eng und mit überdimensionierten Möbelstücken bestückt. Während sich der Raum von Akt zu Akt nach hinten perspektivisch verlängert, schrumpft das Inventar – der Regisseur spricht treffend von einem „Wegzoomen“ der Realität. Die Wände sind über und über mit Handschriften E.T.A. Hoffmanns bedeckt, ebenso die Muse, die wie ein Teil dieses Raumes wirkt. Alles Weitere ist Imagination. Gegenspieler Lindorf erscheint als Hoffmanns Doppelgänger: Die dunkle Seite des Dichters.

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Verdopplung des Ich: Lindorf (Frank Dolphin Wong, links) als Verdopplung Hoffmanns (Dario Walendowski)

Klangbeispiel Klangbeispiel: Hoffmanns "Ballade von Klein-Zack" (Dario Walendowski)
(MP3-Datei)


Was sich auf dem Papier als überzeugendes und schlüssiges Konzept liest; erweist sich auf der Hagener Bühne als wenig tragfähig. Da ist zunächst die Sache mit den weißen Mäusen: Fast alle Personen sind durchgängig als solche kostümiert; für die Handlung wichtige Personen wie Olympias Konstrukteur Spalanzani, Antonias Vater Crespel oder Giuliettas Verehrer Schlémil ebenso wie der Chor. Nur Hoffmann und sein alter ego Lindorf bleiben real; dazu die Figur der Stella, die als Idealbild im grünen Kleid durch den Raum schreitet - die Frauen in den Erzählungen haben ein paar grüne Einsprengsel in ihren Kostümen und bilden eine Art Zwischenwesen zwischen Mann und Maus. Diese Tiersymbolik allerdings wirkt ebenso an den Haaren herbeigezogen wie verniedlichend. Vor allem aber nivelliert sie die Handlung und nimmt der Dramaturgie der Oper das, was das Werk auszeichnet. Offenbach und seine Librettisten Paul Barbier und Michél Carré haben drei völlig unterschiedliche Welten als Widerspiegelung von Hoffmanns Gefühlsleben konstruiert – das skurrile Kabinett des Spalanzani und seiner Puppe Olympia, die bürgerliche Welt der Antonia, die auf Venedig projizierte erotische Traumwelt der Kurtisane Giulietta. In Metzgers Inszenierung dagegen ist alles gleich grau. Obwohl das „Erzählen“ im Titel der Oper steht, hat Metzger keine Geschichten zu erzählen, und mit ihrem sozialen Kontext raubt er seinen Figuren auch das Leben. Hier sind alle nur Puppen - oder eben weiße Mäuse, deren Schicksal nur mäßig berührt. Was bleibt, ist szenische Langeweile.

Vergrößerung in neuem Fenster Im Rausch sieht Hoffmann (Dario Walendowski) nur noch weiße Mäuse - und das Publikum (ohne Rausch) leider auch.

Klangbeispiel Klangbeispiel: Arie der Olympia (Stefania Dovhan)
(MP3-Datei)


Klangbeispiel Klangbeispiel: "Diamantenarie" des Dapertutto (Frank Dolphin Wong)
(MP3-Datei)


Auch die Abspaltung Lindorfs als Doppelgänger des Titelhelden verleiht der schleppenden Inszenierung keine Impulse, weil sie nicht glaubwürdig ist. Frank Dolphin Wong spielt den Bösewicht als allgegenwärtigen Mephisto, agil und geschmeidig über die Bühne wirbelnd. Mit jugendlich-kernigem, sehr durchsetzungsfähigem Bariton besitzt er auch musikalisch außerordentliche Präsenz und wird zur zentralen Figur, nicht nur seines leuchtend roten Kostüms wegen: Eigentlich müsste der Abend „Lindorfs Erzählungen“ heißen. Warum dies aber die andere Seite des Dichters sein sollte, das kann die durchaus solide Personenregie nicht plausibel vermitteln. Vielmehr nimmt die ständige Präsenz Lindorfs der Handlung den letzten Rest als Spannung, weil es überhaupt keine Überraschungsmomente mehr gibt.

Unklar bleibt auch die Funktion der Muse, die im allgemeinen Delirium eigentlich nichts zu suchen hätte. Marylin Bennett bleibt allerdings auch musikalisch blass. Zwar verfügt sie über ein schönes und warmes, sehr kultiviert gesungenes Piano, aber die lauteren Töne klingen kraftlos und matt. Auch müsste die Stimme der Muse jugendlicher sein, gerade im Vergleich zu den größtenteils sehr jungen Sängern in den anderen Hauptrollen. Da ist Marylin Bennett, in anderen Produktionen eine überzeugende Charakterdarstellerin, schlichtweg die falsche Besetzung.

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Hoffmann (Dario Walendowski) und Muse (Marylin Bennett); im Hintergrund Stella (Wanda Godlewska)

Dario Walendowski hat alle Voraussetzungen zu einem großen Hoffmann: Eine jugendlich-frische, auch „heldische“ Stimme mit sicheren und ausdauernden Spitzentönen, dazu „französische“ Leichtigkeit und „italienisches“ Espressivo. Diese Mittel setzt er aber (noch) unausgeglichen ein, hat die Stimme technisch nicht immer unter Kontrolle. So stehen sehr eindrucksvolle Momente unvermittelt neben unausgeglichenen Phrasen. Die immense Kraftanstrengung des beeindruckenden Olympia-Akts hinterließen am Premierenabend Spuren im (am wenigsten überzeugenden) Antonia- und dem etwas kraftmeierischen Giulietta-Akt.

Stefania Dovhan gestaltet die Koloraturen der Olympia nicht als abstrakte Stilübung, sondern mit warmer und leuchtender Stimme gelingt ihr der Balance-Akt zwischen artifizieller Stimmartistik und erotisch eingefärbter Liebeserklärung an Hoffmann – einer der wenigen Momente des Abends, an dem eine Figur inhaltlich gleichsam aufgebrochen wird und Musik und Szene zu einem großen Moment verschmelzen. Johanna Krumin singt sowohl Antonia als auch Giulietta - das liegt wohl weniger am Regiekonzept als vielmehr an den Möglichkeiten des Hagener Ensembles: Wenn man schon eine junge Sängerin am Haus hat, der beide Partien souverän beherrscht, soll man sie auch singen lassen – auch wenn dadurch die Kontraste zwischen beiden Frauengestalten verloren gehen. Johanna Krumin hat eine sehr schöne, lyrische Sopranstimme, die sich makellos in die Höhe aufschwingt. Der Antonia verleiht sie dadurch etwas Zartes und Zerbrechliches (was in der Regie wieder verloren geht), die Giulietta ist zwar klangschön, aber es fehlt eine Spur an Dramatik.

Vergrößerung in neuem Fenster Diamanten als Lockmittel: Lindorf alias Dappertutto (Frank Dolphin Wong) mit Giulietta (Johanna Krumin); im Hintergrund Hoffmann (Dario Walendowski)

Jürgen Dittebrand als Spalanzani, Andrey Valiguras als Crespel und Peter Schöne als Schlémil singen und spielen durchweg sehr überzeugend. Mit Richard van Gemert sind die komischen Rollen (Cochenille / Frantz / Pitinacchio) adäquat besetzt; der soliden Liane Keegan fehlen die dämonischen Untertöne, die man sich von der Stimme von Antonias Mutter wünschen würde.

Dirigent Gwennolé Rufet stürzt sich in Sturm-und-Drang-Manier in die Partitur, dass es gehörig laut wird im akustisch heiklen Hagener Theater. Mitunter verleitet das die Sänger unnötig zum Forcieren – daran kann noch gefeilt werden – aber die musikalische Interpretation hat Hand und Fuß, weil Rufet eben nicht „einfach nur laut“ spielen lässt, sondern sehr differenziert und plastisch gestaltet. Nicht nur die auftrumpfenden Tutti-Passagen, sondern gerade die kleinen solistisch besetzten Stellen sind sehr genau durchgeformt, und das Hagener Orchester präsentiert sich in ausgezeichneter Verfassung. Auch in der gut disponierten Wahl der Tempi wird der Wille zu einer „großen“ Interpretation hörbar – der (ansonsten gute) Chor kommt da nicht immer pünktlich mit. Wenn Rufet so weiter macht, wird von ihm noch zu hören sein.


FAZIT

Prekärer Fall einer ambitionierten Regie, die auf der Bühne den eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird und vieles mit Langeweile einebnet. Dagegen hat es trotz ausgezeichneter Leistungen von Sängern und Orchester und eines hochinteressanten jungen Dirigenten auch die Musik schwer.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Gwennolé Rufet

Regie
Kay Metzger

Ausstattung
Michael Heinrich

Choreinstudierung
Uwe Münch

Dramaturgie
Christian Wildhagen

Opernchor
des Theater Hagen

Philharmonisches
Orchester Hagen


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Hoffmann
Dario Walendowski

Niklausse / Muse
Marylin Bennett

Olympia
Stefania Dovhan

Antonia / Giulietta
Johanna Krumin

Lindorf / Coppélius /
Doktor Miracle / Dapertutto
Frank Dolphin Wong

Stiime der Mutter
Liane Keegan

Spalanzani
Jürgen Dittebrand

Crespel
Andrey Valiguras

Schlémil
Peter Schöne

Cochenille /
Frantz / Pitinacchio
Richard van Gemert

Nathanael
Bunchul Kim /
* Bernd Stahlschmidt-Drescher

Hermann
Tae-Hoon Jung /
* Wolfram Niggel

Wolfram
*Johann de Bruin /
Constantin Ruppr

Wilhelm
Dirk Achille /
* Egidijus Urbonas

Stella
Wanda Godlewska


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen (Homepage)




Da capo al Fine

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