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Der Zarewitsch

Operette in drei Akten von Béla Jenbach und Heinz Reichert
Musik von Franz Léhar

In deutscher Sprache


Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)


Premiere im Theater Hagen am 23. September 2006
(rezensierte Aufführung: 30. September 2006)

Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Operettenroutine

Von Stefan Schmöe / Fotos von Stefan Kühle

„Puccini ist der Verdi des kleinen Mannes, und Lehár ist dem kleinen Mann sein Puccini“. So böse urteilte im August 1931 Peter Panter alias Kurt Tucholsky in der Weltbühne, nachdem er einen Bericht über den Komponisten in London in einer Kino-Wochenschau gesehen hatte. Die Melodienseligkeit einer Epoche, in der sich die Katastrophe längst abzeichnet („Allmächtiger Vater im Himmel, der du die Käsemaden erschaffen hast und den Hitler“ heißt es im gleichen Artikel), ist dem Verfasser mehr als suspekt. Diese grundsätzliche Problematik der unpolitischen Gattung in einer hochpolitischen Krisensituation ist inzwischen in vielen Inszenierungen aufgegriffen worden, mit extremen Mitteln in Konwitschnys Dresdner Inszenierung von Kalmáns Csárdásfürstin, zuletzt in Liége in Richard Strauss' operettenhafter Arabella (unser Bericht).

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Thronfolger ohne Sinn für Frauen: Sonja (hier Stefania Dovhan) soll den Zarewitsch (Dario Walendowski) in die Geheimnisse der Liebe einweihen.

Ungebrochen ist dagegen die Beliebtheit der Gattung beim Publikum. Ein Theater wie Hagen, das auf dem Gebiet der Oper Grundversorgung in weite Gebiete tief in Sauer- und Siegerland hinein eine kulturelle leistet, ist gut beraten, mit Operetten ein Stammpublikum an sich zu binden, das dann auch die Experimentierfreude im Hinblick auf ungewöhnliche Stücke mit trägt. Dabei ist längst zur Binsenweisheit geworden, dass man die Gattung ernst nehmen und mit der notwendigen Sorgfalt behandeln muss, um auf dem schmalen Grat zwischen Verharmlosung und Kitsch nicht abzugleiten. Ein konventioneller Ansatz, erst einmal geradlinig eine Geschichte zu erzählen, ist da durchaus legitim. Ein Mann, der aus Gründen der Staatsraison auf die große Liebe und das private Glück verzichten muss – das ist ein großer Stoff für das Theater, aus dem sich eigentlich Kapital schlagen lassen müsste.

Regisseur Wolf Widder erzählt diese Geschichte im Einheitsbühnenbild (das man sich sicherlich üppiger vorstellen könnte als die im barocken Dekor gestaltete Sperrholzwand, die den Zarenpalast darstellen soll). Der Golf von Neapel, wohin sich das Liebespaar flüchtet, erscheint sinnfällig als gemalte Idylle, die schnell einreißt und augenfällig zerstört wird. Viel mehr an Interpretation gibt es nicht; statt dessen ein ansehnliches Ballett (Choreographie: Ricardo Fernando) und hübsch drapierte Szenen an der Rampe. Bei den dekorativen Kostümen von Maren Fischer fragt man sich, warum die Tänzerin Sonja ausgerechnet dann, wenn sie zur unstandesgemäßen Geliebten des Zarewitsch aufgestiegen ist und besonderen Glanz ausstrahlen müsste, ein arg biederes Sommerkleidchen verpasst bekommt, das so gar nicht nach großer Liebe aussieht.

Vergrößerung in neuem Fenster Intermezzo im Stil der Stehgreifkomödie: Das Dienerpaar Iwan (Richard van Gemert) und Mascha (Tanja Schun)

Mit dem konventionellen und jede Werkkritik in Tucholskys Sinn ausblendenden Regieansatz lässt sich leben, auch wenn damit eine Dimension verschenkt wird. Ärgerlicher sind die Nachlässigkeiten und mangelnde Sorgfalt im handwerklichen Bereich. Widder räumt dem komischen Dienerpaar über die Maßen viel Raum ein (besonders amüsant wird es trotzdem nicht), behandelt das tragische Paar Zarewitsch und Sonja dagegen stiefmütterlich knapp. Die Personenregie wirkt kaum durchdacht, und so wird die Handlung auf ein paar Klischees reduziert. Zwar ist die Geschichte vom Pathos großer Gesten befreit, ihr aber auch der Rest an Glaubwürdigkeit genommen. Wachsende Liebe und edler Verzicht müssten wenigstens ansatzweise aus den Gesichtern der Personen ablesbar sein; hier beschränkt sich die Regie aber weitgehend darauf, Auf- und Abtritte reibungslos zu organisieren. Extreme Formen nimmt das im verschenkten – oder verweigerten? - Schlussbild an, in dem sich Sonja völlig wirkungslos aus der Geschichte stiehlt und der Vorhang unvermittelt geschlossen wird. Etwas mehr große Oper dürfte es da schon sein.

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Das Traum von der Liebe erweist sich am Golf von Neapel als unerfüllbar: Zarewitsch (hier Dominik Wortig) und Sonja (Johanna Krumin)

Franz Lehár hat den Zarewitsch 1926 mit opernhaftem Aplomb für Richard Tauber komponiert. In Hagen wird Dario Walendowski (der mit dem zuletzt sehr erfolgreichen Dominik Wortig alterniert) den hohen Anforderungen der Titelrolle nicht annähernd gerecht. Die Stimme ist flach und gepresst, hat keinerlei „Schmelz“, und der Sänger sucht (Nervosität?) weitgehend vergebens nach dem passenden Operetten-Tonfall. Dabei verfügt Walendowski über ein kerniges Forte, mit dem sich Arienschlüsse immerhin effektvoll beschließen ließen, das er aber allzu sparsam einsetzt. Geradezu stimmlich luxuriös ist dagegen die Sonja mit Johanna Krumin besetzt, die ihren vollen, tragfähigen Sopran mühelos aufschwingen lässt und auch ihr (von der Regie nie gefordertes) schauspielerisches Potential andeutet. Im (von der Regie übertrieben tumb gezeichneten) Dienerpaar singt Richard van Gemert einen soliden, aber etwas farblosen Iwan, Tanja Schun ist eine stimmlich agile und sehr präsente Mascha mit jugendlich leichtem Sopran.

Das Philharmonische Orchester Hagen besticht unter der differenzierten Leitung von Steffen Müller-Gabriel mit rauschhaft großem, opernhaften Tonfall. Nicht immer funktioniert die Feinabstimmung mit den Solisten, wodurch manche gut gemeinte Verzögerung inhomogen wird. Dem von Uwe Münch einstudierten zuverlässigen Opernchor fehlt es angesichts des üppigen Orchesterapparats ein wenig an Klangfülle.


FAZIT

Allzu beiläufig routiniert inszenierte Operette; musikalisch mit Höhen und Tiefen.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Steffen Müller-Gabriel

Regie
Wolf Widder

Bühne
Sibylle Schmalbrock

Kostüme
Maren Fischer

Choreographie
Ricardo Fernando

Choreinstudierung
Uwe Münch

Dramaturgie
Stefan Klawitter

Statisterie
des Theater Hagen

Ballett-Ensemble
des Theater Hagen

Opernchor
des Theater Hagen

Philharmonisches Orchester Hagen


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Der Zarewitsch
* Dario Walendowski /
Dominik Wortig

Sonja
Stefania Dovhan /
* Johanna Krumin

Iwan
Richard van Gemert

Mascha
Tanja Schun

Großfürst
Horst Fiehl

Obersthofmeister
Klaus Nowaczyk

Fürstin
Verena Michel

Gräfin
Dorothee Ueter

Alter Fürst
Götz Vogelgesang

Junger Fürst
Wolfgang Niggel


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen (Homepage)




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