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Die Entführung aus dem Serail
Deutsches Singspiel in drei Aufzügen
von Wolfgang Amadeus Mozart
Dichtung von Christoph Friedrich Bretzner,
bearbeitet von Gottlieb Stephanie d. J.

Premiere am 2. November 2006
im Deutschen Theater in Göttingen


Aufführungsdauer: ca. 3 Stunden 20 Minuten (zwei Pausen)

Eine Koproduktion des Deutschen Theaters in Göttingen
mit dem Göttinger Symphonie Orchester und dem Göttinger Kammerchor


Homepage: Deutsches Theater in Göttingen

Homepage: Göttinger Symphonie Orchester

Gelungene Entführung

Von Bernd Stopka / Fotos von Dorothea Heise

Heinz Hilpert hat 1950 das Göttinger "Stadttheater", ein Dreispartenhaus, zum "Deutschen Theater in Göttingen" (DT), einer Sprechbühne, umgewandelt. Das war das Aus für Oper und Ballett in Göttingen, aber der Beginn einer legendären Schauspielära.
Während der Göttinger Händel Festspiele kann man im wunderschönen klassizistischen Bau Barockopern erleben, regelmäßig steht ein Musical oder eine Operette - von Schauspielern gesungen - auf dem Spielplan des DT, szenische Opernaufführungen im Repertoire mussten die Göttinger Opernfreunde hier bisher jedoch vermissen.

Umso größer waren Spannung und Erwartung als das Göttinger Symphonie Orchester (GSO) und das Deutsche Theater in Göttingen für diese Spielzeit "Die Entführung aus dem Serail" als Koproduktion ankündigten. Eine Spannung, die unmittelbar vor der festlichen Premiere deutlich spürbar knisterte.


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"Singt dem großen Bassa Lieder"
Konstanze (Alexandra Lubchansky),
Chor, Bassa Selim (Andreas Klumpf),
Pedrillo (Andreas Post), Osmin (Erdem Baydar)

Die Produktion ist gleich zweimal Chefsache. DT-Intendant Mark Zurmühle hat Mozarts Singspiel inszeniert und am Pult steht GSO-Chefdirigent Christoph Mueller. Ein internationales Sängerensemble wurde für die sechs Aufführungen engagiert. Die Wahl des Werkes ist nicht nur ein weiteres Highlight zum Mozart-Jubel-Jahr, sondern steht im Kontext des DT-Spielplans zwischen Peter Shaffers "Amadeus" und Lessings "Nathan der Weise". Zur "Nathan"-Produktion wird ganz direkt Bezug genommen: Der Sand auf dem Bühnenboden kann quasi als Zitat gedeutet werden. Ähnlichkeiten mit aktuellen Produktionen sind beabsichtigt und nicht zufällig.

In der "Entführung aus dem Serail" geht es um verschiedene Kulturen, verschiedene Gesellschaftsordnungen, verschiedene Umgangsweisen. Im entwaffnend einfachen, ja zuweilen naiven Text begegnen sich die christliche Welt und das Osmanische Reich. Verbunden werden sie durch die Figur des Bassa Selim, der als Renegat den Spagat zwischen beiden Welten versucht. Ganz unproblematisch ist das Ganze in heutiger Zeit nicht, aber Zurmühle gelingt es, keine Peinlichkeiten aufkommen zu lassen und dennoch, vor allem durch Requisiten und Kostüme, Assoziationen auszulösen, die Gedanken anstoßen, ohne dass der Holzhammer bemüht wird. Dabei bedient sich der Regisseur auch dezent somnambuler und surrealer Elemente.

Das Wesentliche aber bleiben die Gefühlswelten der Personen, die Mozart so individuell und vielschichtig charakterisiert hat: die Freude des Wiedersehens und die Angst davor, die Liebe und die Zweifel an der Treue - aber auch das Mitleid der Frauen mit den Männern, von denen sie gefangengehalten werden. Zurmühle lässt der Musik den Raum dies alles zu entwickeln, unterstützt und unterstreicht das Ganze mit wenigen Akzenten. Das weniger mehr sein kann, wird durch die sparsame Personenführung deutlich. Manchmal, vor allem im ersten Akt, der fast nur aus Rampensingerei besteht, könnte es allerdings doch ein bisschen mehr sein. Man merkt dem Schauspielregisseur den Respekt vor der Musik an und dafür ist man als regietheatergeplagter Opernfreund dankbar. Die Sänger werden nie durch die Regie behindert, ebensowenig durch die ästhetischen, charakteristischen Kostüme von Annette Pach. (Um die beiden traumhaft schönen Abendkleider wird manch eine Dame die Konstanze beneiden).


Vergrößerung in neuem Fenster "Traurigkeit ward mir zum Lose"
Konstanze (Alexandra Lubchansky)

Akustisch problematisch bleibt jedoch das Bühnenbild im ersten Akt. Um es ganz deutlich zu sagen: Die Schlichtheit der Bilder von Eleonore Bircher, die durch eine klar strukturierte, höchst ästhetische Farbgestaltung der Beleuchtung (Michael Lebensieg) geadelt werden, ist ergreifend schön. Eine bühnengroße halbrunde, glatte, graue Mauer, von außen dezent mit Mondsicheln verziert, stellt den Palast dar. Der erste Akt spielt vor dem Palast, das geschlossene Halbrund engt die Bühne nicht nur szenisch, sondern auch akustisch ein und reflektiert, ja schleudert den Klang geradezu gnadenlos und knallhart in den Zuschauerraum. Die für das Orchester im engen Graben sowieso nicht gerade vorteilhafte Akustik lässt die sonst gewohnte hohe Klangqualität des GSO vermissen und die Stimmen klingen überpräsent. Glücklicherweise steht das Bühnenbild auf der Drehbühne. Und nach der halben Drehung ergibt sich im zweiten und dritten Akt der gegenteilige Effekt. Das nun nach vorn offene Halbrund gibt dem Klang Raum sich zu entfalten und schickt ihn runder und homogener auf den Weg zum dankbaren Publikum.

Alexandra Lubchanskys substanzreicher, ausdrucksstarker Sopran klingt durch die beschriebenen akustischen Hindernisse in der ersten Arie ("Ach, ich liebte...") viel zu groß für das kleine Haus, entfaltet sie sich bei "offener Bühne" dann aber zu vollem Glanz und voller Schönheit. Mit "Traurigkeit ward mir zum Lose" rührt sie als Tragödin, im fulminanten "Martern aller Arten" bestechen ihre blitzsauberen Koloraturen, die voller Stimmkraft zum Ausdrucksmittel werden, weit entfernt von Kanarienvogelgezwitscher einzig der "geläufigen Gurgel" (Mozart) wegen. Bei "Es lebe die Liebe" zeigt sie einen weiteren Charakterzug der vielgestaltigen Konstanze: Ein erotisches Vollweib, wehe, wenn sie losgelassen. Dass die Stimme in der Premiere zuweilen mit kleiner Verzögerung ansprang, könnte an einer Indisposition gelegen haben, wegen der sie sich vor der Aufführung entschuldigen ließ.


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"Martern aller Arten"
Konstanze (Alexandra Lubchansky),
Bassa Selim (Andreas Klumpf)

Mit angenehm leichtem Sopran gestaltet Anja Metzger die Partie der Blonde. Eine resolute Dienerin im Sekretärinnenlook. Andreas Post ist mit wunderbar klarem, hellem Tenor ein nachdenklicher Pedrillo, der bei den Höhen des "Frisch zum Kampfe" wirklich zu kämpfen hat, mit "Im Mohrenland gefangen" dann aber Liedgesangsqualitäten zeigt. Schauspielerisch sind die beiden ein köstliches Paar, das sich um die Wette anzickt. Thomas Michael Allan demonstriert mit seinem lyrischen, samtigen Tenor ausgefeilte Stimmtechnik. Mit "Wenn der Freude Tränen fließen" singt er um sein Leben - oder um seine Liebe, so, als ob er Konstanze durch Gesang wiedergewinnen müsste.

Natürlich hat es seinen Reiz, für die Partie des Osmin einen Türken zu engagierten. Erdem Baydar ist nicht der dümmliche, bequeme Fettwanst, den man normalerweise als Osmin erlebt und der schon beim Ansehen Respekt erheischt. Dieser Osmin ist eher ein Giftzwerg, klein aber gemein und ziemlich agil. Er setzt Belmontes Koffer in Brand, wirft mit seinem Messer nach ihm und bereitet die aufgegriffenen Entführer und Entführten zum Köpfen vor. Erdem Bayday spielt das sehr engagiert und singt den Osmin ausgesprochen stimmschön. Aber auch stimmlich ist er kein Riese, kein tiefensatter Baß. Andreas Klumpf spielt einen gedankenversunkenen, weichen und attraktiven Bassa Selim, der seinen Weg zwischen den Welten noch nicht wirklich gefunden hat. Von Bernd Eberhardt bestens vorbereitet, debütierte der Göttinger Kammerchor mit hochkultiviertem, schlankem und blitzsauberem Klang als Opernchor.


Vergrößerung in neuem Fenster "Gern, gern will ich den Tod erdulden, aber schone nur sein Leben"
Konstanze (Alexandra Lubchansky) bittet den Bassa (Andreas Klumpf)
um Gnade für ihren Geliebten.
Dahinter: Osmin (Erdem Baydar),
Belmonte (Thomas Michael Allen), Blonde (Anja Metzger)

Quicklebendig, voller Elan legt Christoph Mueller los und hält was er verspricht, begleitet dabei trotzdem rücksichtsvoll und umsichtig die Sänger. Das Orchester in kleiner Besetzung folgt ihm willig und lässt einige schöne Soli hören. Die oben beschriebenen akustischen Probleme sind den Musikern nicht anzukreiden. Gelegentliche Unsicherheiten und Unsauberkeiten (vor allem bei den Streichern) lassen sich im Laufe der Aufführungen sicher noch korrigieren. Alles in allem eine gelungene Opernaktion in Göttingen. Am Ende gab es dann auch tosenden Beifall von einem begeisterten Publikum, das sich über weitere Opernproduktionen ganz sicher freuen würde.



FAZIT

Kein perfekter, aber ein hinreißender Abend - und das nicht nur für Lokalpatrioten.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Christoph Mueller

Regie
Mark Zurmühle

Bühne
Eleonore Bircher

Kostüme
Annette Pach

Licht
Michael Lebensieg

Dramaturgie
Stefan Dehler

Chor
Bernd Eberhardt



Göttinger Kammerchor
Göttinger Symphonie Orchester


Solisten

Bassa Selim
Andreas Klumpf

Konstanze
Alexandra Lubchansky

Blonde
Anja Metzger

Belmonte
Thomas Michael Allan

Pedrillo
Andreas Post

Osmin
Erdem Baydar


Weitere Informationen
erhalten Sie vom

Deutschen Theater in Göttingen


Göttinger Symphonie Orchester



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