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Musiktheater
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Silk Stockings


Musical von Melchior Lengyel nach dem Spielfilm "Ninotschka" von Ernst Lubitsch
Buch von George S. Kaufmann, Leueen McGrath und Abe Burrows
Deutsch von Joachim Franke
Musik und Songtexte von Cole Porter


in deutscher Sprache; Songs in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Premiere im Großen Haus des Musiktheaters im Revier Gelsenkirchen
am 29. September 2006


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Musiktheater im Revier
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Ganz Paris träumt von der Liebe

Von Peter Bilsing / Fotos von Rudolf Majer-Finkes


Das ist der Plot unserer Geschichte: „Russisches Girl, durchtränkt mit bolschewistischen Idealen, geht ins schreckliche, kapitalistische, monopolistische Paris. Sie wird in eine Romanze verwickelt und erlebt eine überwältigend gute Zeit. Der Kapitalismus ist doch nicht so schlimm.“ - Mit freundlich sozialistischen Grüßen, Ihr Melchior Lengyel.

Vergrößerung in neuem Fenster Daniel Drewes (Boroff) - der große Komponist wird vom Hotelpersonal umschwärmt

1939 kam der MGM-Klassiker „Ninotschka“ (Regie: Ernst Lubitsch, Hauptrolle: Greta Garbo, Drehbuch: Billy Wilder) in die Kinos. Kritik und Publikum waren hingerissen und sind es bis heute. 1940 wurde er gleich für vier Oscars nominiert (bester Film, beste Hauptdarstellerin, beste Drehbuchvorlage und bestes Drehbuch). Der im gleichen Jahr erschienene „Vom Winde verweht“ sahnte allerdings die Oscars ab und so ging „Ninotschka“ leider in allen Kategorien leer aus. Das Durchleiden von Schmachtfetzen (Böse Zungen unken: Schmalz!) stand also schon damals höher in der Publikumsgunst als satirisch witzige Unterhaltung. Verdient hätte er die Oscars schon.

Auf diesem genialen Film basierte Cole Porters 25. und gleichzeitig letztes Musical Silk Stockins, welches 1955 entstand. Die Story stammte, wie der Film, (nun leicht verändert) von dem ungarischen Journalisten und Dramatiker Melchior Lengyel (s.o.). In der Hauptpartie fand sich der Name: Hildegard Neff. Unser seliger Weltstar Hildegard Knef (Sic! Die Amerikaner wurden vom Produktionsteam für zu dumm befunden, zwei Konsonanten „K“ und „n“ hintereinander auszusprechen, und änderten ergo den Namen) wurde als erster deutscher Musicalstar am Broadway, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, akzeptiert; sie spielte die russische Oberst-Genossin in über 500 Vorstellungen. Zwei Jahre später wurde diese Musicalfassung von Rouben Mamoulian bei MGM mit Fred Astaire und & Cyd Charisse verfilmt, wobei Silk Stockings/Ninotschka endgültig Weltruhm erlangte. Mit der deutschen Version des Ohrwurms „I love Paris“ („Ganz Paris träumt von der Liebe“) reüssierte auch Caterina Valente in Deutschland und schlug alle bisher bekannten Verkaufsrekorde in den langsam aufblühenden Platten-Charts.

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Die Funktionäre: Eric Minsk (Brankov), Joachim G. Maaß (Ivanow), Urs Affolter (Bibinski); dazu Gaines Hall (Canfield) und Anke Sieloff (Ninotschka)

Dieses Musical ist nicht nur eine humorvolle und mächtig swingende Geschichtsstunde, sondern verfügt auch über hinreißende Musiknummern. Das Universalgenie Porter, für seine Kreativität und seinen intellektuellen Humor bekannt, schrieb auch die Texte selber. (Persönliche Anmerkung: Hallo Kids! Besser, schneller, kürzer, witziger, unterhaltsam und bildhafter könnt Ihr über den „Kalten Krieges“ kaum informiert werden! Überzeugt Eure Musik- und Geschichtslehrer und schaut Euch gemeinsam dieses geile Musik-Stück an !!). So ist dieser Abend nicht nur für Nostalgiker und Freunde des großen Broadway-Musicals bzw. fetzigen Bigbandsounds ein Muss, sondern bietet auch allen jüngeren Musikfreaks einmal die vielleicht unwiederbringbare letzte Chance verstehen zu lernen, wo und warum Opas und Omas Tanzbein damals spontan mitrockte.

'Mal wieder liegt unser Broadway in Gelsenkirchen und wer in den letzten Jahren die Musicalinszenierungen des Musiktheaters im Revier (MiR) mit staunend offenem Mund und Ohren verfolgt hat, wird auch diesmal nicht enttäuscht. Die neueste Produktion von „Silk Stockings / Ninotschka“ übertrifft alle Erwartungen, und nicht nur der Rezensent fragte sich nach der Premiere, ob und wie man so ein musikalisches Spitzen-Event überhaupt demnächst noch toppen kann.
Und wieder 'mal ist es der grandiose Kai Tietje (Musikalische Leitung), der den Schlüssel für diesen wunderbaren Musical-Abend sicher in der Hand hielt. (Wie wichtig gerade in diesem Genre Sound, Rhythmus, musikalischer Life-Drive und optimale Orchester- und Solistenprägnanz sind, bewies leider erst gerade das akustisch missglückte Musical Jesus Christ Superstar am Nachbarhaus in Essen - unser Bericht.) Tietje ist ein Mensch, der auch mal gerne selber in die Tasten greift, dabei aber stets das Ganze perfekt in Blick und Gehör hat und anscheinend eine unglaubliche Motivationsarbeit bei allen Musikern zu leisten imstande ist, denn was bei der Premiere aus dem Graben tönte, adelt Cole Porters geniale Musik nicht nur, sondern macht sie auch für Newcomer unvergesslich.

Vergrößerung in neuem Fenster Anke Sieloff (Ninotschka) und Gaines Hall (Canfield)

Da hüpfte das Knie des 80-Jährigen Opas neben dem mitwippenden Kopf seines Hip-Hop-Enkels und auch die häufig verquasten jammernden Alt-68er-Eltern swingen unisono mit ...als wäre die legendäre Count Basie Bigband wiedergeboren worden. Mehr als erstaunlich, wie sich die gelegentlich unter dem Ruf des „Beamtenorchesters“ stehenden Musiker der „Neuen Philharmonie Westfalen“ neben den zum Teil als Gästen integrierten Jazz-Solisten einbrachten das war schlichtweg fabulös! Ach, könnte man solches Engagement auch mal öfter in der Oper wiederfinden... Besser geht es kaum. Pars pro tutti sei hier der 1.Trompeter Carsten Gronwald, für mich der „Dizzy Gillespie“ dieses Abends, herausgehoben und auch der für das „Soundesigns“ verantwortlich Norbert Labudda muss „über den grünen Klee“ gelobt werden.

Doch was wäre aus dem Musical ohne ein so begnadetes Produktionsteam wie die Truppe um Regisseur Stefan Huber geworden.? Der erfahrene Schweizer Regisseur hatte mit Anything Goes am MiR 2003 seinen grandiosen Einstand gegeben um sich nun wieder zusammen mit Harald Thor (Bühne) und Susanne Hubrich (wunderbar zeitgemäße und farbeprächtige Kostüme!) selber zu übertreffen. So sieht das Dream-Team fürs Musicaltheater aus, das muss es sein! Die spielerische Leichtigkeit mit der die Solisten, Tänzer und Musiker agieren findet den ideal passenden Rahmen in einem vielseitig wandelbaren Bühnenraum der sich wie ein Schalltrichter öffnenden Bühnenoptik, die sowohl den Glamour des Luxushotels Riz, als auch im Null-Komma-nichts und mit nur wenigen Accessoires die Tristesse des Moskauer Kulturkommissariats widerzuspiegeln vermag. Beglückend schön sind die stimmungsvollen Ansichten und Projektionen von Paris und sogar im fernen Russland, wenn sich über der dusteren Wohnheimkolchose der Schneefall zu einem samtroten Sternenhimmel wandelt, dann hat das nicht nur Charme, Herz sondern auch herrlich augenzwinkernde Ironie. Besonders erwähnenswert ist darüber hinaus die fabelhafte Choreografie von Markus Buehlmann, der unzählige bekannte Hollywood-Filmbilder intelligent zitiert, ohne allzu plakativ allein nur Bekanntes zu kopieren. Welch eine Augenweide und mit was für einem Einsatz, Witz und choreographischer Erfindungsreichtum wird hier getanzt.

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Leah Gordon (Janice Dayton) - Szene im Filmstudio

Last but not least komme ich zu den singend tanzenden und gelegentlich auch steppenden Solisten, die am Ende völlig zurecht mit Bravos, Blumensträußen und Standing Ovations vom Premierenpublikum gefeiert wurden.

Allen voran die großartige Anke Sieloff; sie hat nicht nur die Traumstimme, und Traumfigur für diese Ninotschka, sondern steht auch tänzerisch blendend, sowohl solistisch, als auch im Ensemble, ihre Frau. Mit der wunderbaren Interpretation des Welthits „I love Paris“ auf russisch (!) hätte sie sicherlich den höchsten Leninordnen am Band mit Rubinen und goldenen Eisenbahnnägeln, mehr als verdient. Übertroffen wird sie allerdings noch von Leah Gordon, als „Janice Dayton“. Sie schlüpft geradezu in die Haut dieses Filmcharakters. Ich weiß nicht, was mehr zu bewundern ist, in der Interpretation dieser – von Porter mit genialer Bissigkeit gezeichneten - überkandidelten amerikanischen Frauentypologie, der Sprachwitz, die schauspielerische Leistung, ihre Tanzfertigkeiten oder die Sangeskünste. It was real great, Leah!

Perfekt ergänzt wurde die Solistenriege von Gaines Hall als famose Charakterisierung des charmanten Agenten „Steven Canfield“, der gelegentlich mit seiner Landsmännin Gordon auch mal heimatlich auf amerikanisch schwadronieren durfte. Daniel Drewes als „Pjotr Iljitsch Borofff“ ergänzte das prachtvolle Quartett und verblüffte (nicht nur optisch) mit seinen Klavierfertigkeiten. Glanzstück des Abend und ein stets erquicklicher Quell der Publikumsfreuden waren die drei Funktionäre Urs Affolter (Bibinski), Joachim G. Maß (Ivanow) und Eric Minsk (Brankov) – als wären die Marx Brother zurückgekehrt (tolle Maskenarbeit!); nicht zu vergessen die unzähligen weiteren Mitwirkenden, die sich als Hausdiener, Zimmermädchen, Hotelgäste, Milizionäre, Reporter, Mannequins ... einem ständigen, aber auch bravourös gemeisterten irren Kostümwechsel unterziehen mussten.


FAZIT

Cole Porter at its Best! Eine perfekte Musical-Produktion auf allen Ebenen. Wer fern aller Konserven verstehen möchte, was den Reiz und die Kongenialität dieser Musik ausmacht, muss diese „Silk Stockings“ gesehen und erlebt haben. Mein „Unbedingt hinfahren!“ gilt auch und besonders den Familienoberhäuptern. Machen Sie dieses Theatererlebnis bitte zum unvergesslichen Familienabend auch für ihre Kleineren – Gehen Sie ins Theater statt mit den Kids vor der Glotze „blöd zu vergehn“. Der Nachwuchs wird es Ihnen irgendwann einmal danken, da bin ich sicher. Vergesst aber bitte den Opa nicht! Gute Unterhaltung.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Kai Tietje

Inszenierung
Stefan Huber

Bühne
Harald Thor

Kostüme
Susanne Hubrich

Choreographie
Markus Buehlmann

Chor
Nandor Ronay

Sound-Design
Norbert Labudda

Dramaturgie
Wiebke Hetmanek



Ballett Schindowski

Statisterie des
Musiktheater im Revier

Neue Philharmonie
Westfalen

Band:

Carsten Gronwald (tr)
Andreas Laux (sax)
Carsten Scheunemann (sax)
Klaus Dapper (sax)
Marcus Bartelt (sax)
Martin Schäfer (sax)
Christian Kiefer (g)
Richard Güth (g)
Andy Pilger (dr)
Günther Jackowiak (b)
Gunnar Polansky (b)
Salvador Caro (p)
Bernhard Stengel (p)


Solisten

Nina Yaschenko
Anke Sieloff

Steven Canfield
Gaines Hall

Janice Dayton
Leah Gordon

Pjotr Iljitsch Boroff
Daniel Drewes

Bibinski
Urs Affolter

Ivanov
Joachim Gabriel Maaß

Brankov
Eric Minskl

Markovitch, Pierre Bouchard u.a.
Christoph Wettstein

Hotelmanager, Kulturkommissar u.a.
Georg Hansen

u.v.a.



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