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Der Rosenkavalier

Komödie für Musik in drei Aufzügen
Libretto von Hugo von Hofmannsthal
Musik von Richard Strauss


in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 4' 10 (zwei Pausen)

Premiere im Opernhaus Bonn am 10. September 2006


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Theater Bonn
(Homepage)

Bonjour tristesse

Von Thomas Tillmann / Fotos von Thilo Beu



Vergrößerung in neuem Fenster Die übersprühende Lebensfreude Octavians (Susanne Blattert) passt nicht zur melancholischen Stimmung der Feldmarschallin (Nancy Weißbach).

Cesare Lievis Rosenkavalier spielt im Italien der sechziger Jahre. Darüber weiß der dort Geborene besser Bescheid als der Rezensent und möglicherweise auch Teile des Publikums. Die Beweggründe für diese "Aktualisierung", die der Regisseur im (die ewig gleichen Materialien bereit haltenden und eine diskutabel kommentierte Diskografie aufweisenden) Programmheft darlegt, bleiben indes allzu dürftig: Wieso ist die genannte Epoche denn "die letzte Zeit, in der noch eine Aristokratie sichtbar war"? Was ist falsch daran, gerade dieses Werk in der vom Komponisten und Librettisten vorgesehenen Zeit zu belassen oder aber aufzuzeigen, warum sie sich in der Entstehungszeit gerade dieser Epoche zugewandt haben? Ansonsten "glänzt" diese Inszenierung durch einen Mangel an Einfällen und eine szenische Tristesse, wie man sie lange nicht hat beklagen müssen - hat Generalintendant Klaus Weise das Publikum darauf vorbereiten wollen, als er vor der Vorstellung mutmaßte, eine kontroverse Aufnahme der Produktion wie bei Fidelio oder Aus einem Totenhaus sei nicht zu befürchten? Die wenigen Bravorufe für das Regieteam am Ende kamen jedenfalls vom Freundes- und Bekanntenkreis, der zufällig Plätze direkt hinter dem Berichterstatter zugeteilt bekommen hatte, das Gros der Zuschauer applaudierte höflich dem Bühnenpersonal. Dass der italienische Sänger einem überdimensionalen Vogelkäfig entsteigt (von wegen "bunter Fellinianischer Zirkus"!), dass die schwarze Zeitung Valzacchis nun "Bild" heißt (in Italien auch?), dass das Licht gedimmt wird (an Thomas Roschers Beleuchtung gibt es noch eine Menge nachzubessern), wenn die Marschallin ins Sinnieren kommt, nachdem sie vor dem "Kann mich auch ein Mädel erinnern" ein bisschen Hüpfen durfte, damit auch der letzte Zuschauer kapierte, dass sie sich an ihre Jugend erinnert, dass Faninals Reichtum durch fünf riesige Mehlsackberge in Csaba Antáls Bühnenbild des zweiten Aufzugs illustriert wird, dass man bereits dann das riesige Rund sieht, das vorerst die Uhr noch nicht vollständig erkennen lässt, die im letzten Akt die Szene dominiert (schließlich geht es ja um Vergänglichkeit, na klar) und in der sich sogar die Gruselgestalten verstecken können, dass das Stelldichein zwischen vermeintlicher Kammerzofe und Baron in einem schicken Bordell mit riesigem Pailettenvorhang und anderem Dekor stattfindet, dass man für eine vielleicht irgendwann zu realisierende Produktion von La cage aux folles aufbewahren sollte (ebenso wie die vielen sicher teuren Kostüme für den Chor), trägt wahrlich keinen langen Strauss-Abend. Und es gelingt Lievi leider auch nicht ansatzweise, den Figuren deutliche Konturen und wirkliches Leben einzuhauchen, sie bleiben blaß und blutarm und für den Zuschauer weitgehend uninteressant wie das gesamte lieblos und arg banal erzählte Bühnengeschehen. Und auch das muss ein Opernregisseur wissen: Wenn man Stehtheater produziert, dann sollte man darauf achten, dass die Sänger mit den kleinsten Stimmen nicht auch noch hinten stehen.


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Da geht er hin, der Rosenkavalier (Susanne Blattert), während die Marschallin (Nancy Weißbach) ihren traurigen Gedanken über die Vergänglichkeit weiter nachgeht.


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Sophie (Anna Virovlansky, Mitte) ist im wahrsten Sinne hin- und hergerissen zwischen dem schmucken Rosenkavalier (Susanne Blattert, links) und ihrem öligen Bräutigam Ochs (Guido Jentjens, rechts).

Sehr schicke Exemplare finden sich unter den vielen, sicher teuren Kostümen von Marina Luxardo, Ochs etwa kommt im ersten Aufzug im gut sitzenden, eleganten schwarzen Anzug daher, auch das Mariandl hat ein (zu) edles Mantelkleid für ihr Rendezvous mit dem Baron auftreiben können, während die Designerin die Darstellerin der Sophie vielleicht nicht mochte und ihr daher graue Roben kreierte, die sie unnötig pummelig wirken ließen.

Star der Produktion ist als große, schlanke, rotblond gelockte Marschallin Nancy Weißbach, an deren Agathe im Lütticher Freischütz ich mich gut erinnere: Schon damals lobte ich ihren "vollen, eher dunklen Sopran", der über das lyrische Fach bereits hinaus ist, eine angenehme weibliche Färbung aufweist und auch einige Substanz in der unteren Mittellage und Tiefe besitzt (eine Fürstin in der Tradition einer Lehmann also, weniger der kürzlich verstorbenen Schwarzkopf), und hob hervor, dass sie um die Wirkung von Legato und mezza voce weiß, aber auch bei der Strauss-Partie, die sie bereits in Meiningen gesungen hat, gilt, "dass ihr das letzte bisschen Phrasierungseleganz, Stil und Rollenidentifikation (noch) fehlen, die ihre gute Leistung zu einer großen machen könnten" - man wünscht ihr weitere, in jeder Hinsicht bessere Produktionen dieser Oper, und noch mehr Mut zu Piano und Persönlichkeit, die sie am Ende zweifellos bewies, als sie auch vokal die einzige Autorität auf der Bühne war. Nicht unerwähnt bleiben soll, wie viel Mühe sie sich mit Hofmannsthals superbem Text machte, der freilich auch oberhalb der Bühne mitzuverfolgen war, was manchen Sänger zu falscher Schlampigkeit verleitet, insgesamt aber doch ein Gewinn ist.

Klangbeispiel Klangbeispiel: "Kann mich auch an ein Mädel erinnern" (1. Aufzug, Auszug) - Marschallin (Nancy Weißbach)
(MP3-Datei)


Klangbeispiel Klangbeispiel: "Mir ist die Ehre widerfahren" - Rosenüberreichung aus dem 2. Aufzug (Auszug) - Octavian und Sophie (Susanne Blattert und Anna Virovlansky
(MP3-Datei)


Man mag Anjara I. Bartz zugute halten, dass sie nach Angaben des Hausherrn erst am Morgen zugestimmt hat, anstelle der erkrankten Susanne Blattert die Titelpartie zu übernehmen - größer, individueller, interessanter und farbiger wäre die Stimme, die sich im Forte und bei etwas kräftigerer Orchesterbegleitung unangenehm spreizt und vibratös wird, aber auch nicht, wenn man sie vier Wochen früher informiert hätte. Und so schreit sie sich durch die Partie und erregt geradezu Mitleid, wenn ihr beim Schlussvorhang die Tränen die schmalen Wangen herunterfließen.


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Baron Ochs berauscht sich nicht nur am Wein, sondern auch an seinem eigenen Sexappeal (Guido Jentjens).

Der größte Irrtum der Besetzung ist aber zweifellos Guido Jentjens, den man nicht an einem kleineren Haus als Papageno hören möchte und der nun hier als Ochs nicht nur Schwierigkeiten bei Spitzentönen erkennen ließ, sondern auch in der tiefen Lage nichts weniger als ein Totalausfall war - der Stimme fehlt es einfach an Farben und Volumen. Dass er im zweiten Aufzug sein Hemd auszieht, ist ein lächerlicher Regieeinfall und kein Gesprächsthema für die Pause, dass man aber über einen Lerchenauer mit rasierten Achseln lacht, hat der Interpret sich selber zuzuschreiben, dem es ansonsten in jeder Hinsicht an Ausstrahlung und Charisma fehlte und der auch die nötige Durchdringung des Textes vermissen ließ.


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Ochs (Guido Jentjens) versucht das Octavian-Mariandl (Susanne Blattert) im "Beisl" zu verführen.

Anna Virovlanksy meisterte den empfindlich hoch liegenden Beginn als Sophie ohne Probleme und mit einigem Glanz, hatte hier auch darstellerisch durchaus ihre Momente, aber im weiteren Verlauf stellte man doch fest, dass auch sie nicht viel Substanz in der Stimme hat und die von ihr portraitierte Figur blass wie die Ausstattung wurde (im Schlussduett kämpfte sie zudem mit Intonationsproblemen). Ihren Herrn Papa gab Mark Morouse, der mehr Stimme als der Interpret des Ochs hatte, mit souveräner Höhe, Ausstrahlung und textlichen Feinheiten, Julia Kamenik hatte als Duenna nicht nur das interessantere, vorteilhaftere Kostüm, sondern auch den farbigeren Sopran und keine Angst vor lauten und schrillen Tönen. Der Valzacchi war mit Mark Rosenthal nicht überragend besetzt, man kann mehr aus dieser Rolle machen, aber immerhin bot er nicht solch peinigende Töne an wie seine Partnerin Vera Baniewicz, die mit ihrem derben, stumpfen Tonabsonderungen inzwischen selbst in Charakterrollen eine Zumutung ist und in dieser Hinsicht nur noch von Inken Lorenzen als Modistin und Emil Raykov als Faninals Haushofmeister übertroffen wurde. Viel Applaus erhielt zurecht Bülent Külekci für seine sehr nuanciert und ohne Furcht, dafür mit viel Leidenschaft vorgetragene Arie als Sänger, Egbert Herold war ein sehr präsenter Notar (gerade im Vergleich zu dem unterbelichteten Lerchenauer, der nicht auf ihn hören will).


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Das berühmte Terzett: Octavian (Susanne Blattert), Sophie (Anna Virovlansky (Sophie) und die Marschallin (Nancy Weißbach, von links nach rechts)

Erich Wächter hatte jede Menge damit zu tun, Bühne und Graben zu koordinieren, die Mehrheit der Sänger ließ ihn voller Angst nicht aus den Augen, was verschiedene Gründe haben kann (etwa seine zum Teil nicht eben organischen Tempi und eine gewisse Unflexibilität in der Begleitung etwa am Ende des ersten Aufzugs), vor allem aber den, das nicht ausreichend Proben angesetzt wurden, was aber die zum Teil unglaublichen Spielfehler (etwa während der Rosenüberreichung) des auch insgesamt wenig subtil, streckenweise auch wirklich knallig aufspielenden Beethoven Orchesters Bonn keineswegs entschuldigen kann - bei einer solchen Konzentration auf die reine Bewältigung des Notenmaterials ist an eine wirkliche Interpretation natürlich nicht zu denken, und wir reden hier über Profimusiker, die eine aus öffentlichen Geldern finanzierte Gage erhalten.


FAZIT

Eine szenisch wie musikalisch wenig überzeugende Neuproduktion, die in erster Linie Langeweile produziert, aber keineswegs die Aktualität und Modernität aufzeigt, "die nichts mit Tagesmoden zu tun hat" und die für den Regisseur angeblich den großen Reiz dieser Komödie ausmachen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Erich Wächter

Inszenierung
Cesare Lievi

Bühnenbild
Csaba Antál

Kostüme
Marina Luxardo

Licht
Thomas Roscher

Choreinstudierung
Sibylle Wagner

Dramaturgie
Martin Essinger


Statisterie des Theater Bonn

Chor und Kinderchor
des Theater Bonn
Beethoven Orchester Bonn


Solisten

* Premierenbesetzung

Die Feldmarschallin
Fürstin Werdenberg
Nancy Weißbach

Der Baron Ochs
auf Lerchenau
Michael Eder /
* Guido Jentjens

Ovtavian
* Anjara I. Bartz /
Susanne Blattert

Herr von Faninal
Mark Morouse

Sophie,
seine Tochter
Sigrún Pálmadóttir /
* Anna Virovlansky

Marianne Leitmetzerin
Julia Kamenik

Valzacchi
Mark Rosenthal

Annina
* Vera Baniewicz /
Evelyn Krahe

Ein Polizeikommissar
Rúni Brattaberg

Der Haushofmeister
der Feldmarschallin
Hans Müller

Der Haushofmeister
bei Faninal
Emil Raykov

Ein Notar
Egbert Herold

Ein Wirt
Georg Zingerle

Ein Sänger
Bülent Külekci

Drei adelige Waisen
Vardeni Davidian
Jeannette Katzer
Su Kyung Han

Modistin
Inken Lorenzen

Ein Tierhändler
Josef Michael Linnek

Hausknecht
Kamen Todorov

Vier Lakaien
der Marschallin
Sven Bakin
Young Jun Kim
Aram Mikayelyan
Johannes Marx

Vier Lerchenauer
Johannes Flögl
Algis Lunskis
Gintaras Tamutis
Kamen Todorov

Vier Kellner
Dong-Wook Lee
Vahan Markarian
Hartmut Nasdala
Johannes Mertes

Leopold
Andrea Azzurrini



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(Homepage)



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