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Maria Stuarda

Tragedia lirica in zwei Akten
Text von Giuseppe Bardari nach der Tragödie Maria Stuart von Friedrich Schiller
in der italienischen Übersetzung von Andrea Maffei
Musik von Gaetano Donizetti


In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Premiere an der Berliner Staatsoper Unter den Linden am 29. September 2006
(rezensierte Aufführung: 15. Oktober 2006)


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Staatsoper Berlin
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Tragische Oper als komische Farce

Von Annika Senger / Fotos von Monika Rittershaus
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Elisabetta (Katarina Karnéus)

Friedrich Schiller lieferte Gaetano Donizetti den Stoff seiner tragischen Oper um Liebe und Eifersucht: das Drama Maria Stuart. Obwohl Schiller in dieser Tragödie eine Begebenheit aus dem 16. Jahrhundert aufgreift, wird die Thematik in allen Zeiten und Epochen Menschen berühren: Die Schwestern Elisabeth und Maria lieben beide den Grafen Leicester, der sich jedoch für Maria entscheidet und sich auch nicht empört gegen Elisabeths politische Heirat mit dem französischen König richtet. In dieser Konstellation ist ein tragisches Ende bereits vorprogrammiert: Die gedemütigte Elisabeth nutzt ihre Machtposition als Königin von England aus, indem sie auf tödliche Rache an Maria schwört.

Karsten Wiegands Inszenierung von Maria Stuarda wirkt trotz dieser für alle Beteiligten niederschmetternden Situation in weiten Teilen wie eine Farce, die wohl eher die tragische italienische Oper mit dem dazugehörigen Schmerz und Liebesleid parodieren soll, anstatt ihn all zu bitterernst zu nehmen. Immerhin ist es in den Werken von Donizetti, Verdi und Co. gang und gebe, dass auf der Bühne aus Liebe gestorben wird. Da man dies als Opernbesucher bereits erwartet, muss man als Regisseur folglich innovativ sein. So arbeitet Wiegand in Sachen Requisite und Kostümierung mit Anachronismen. Die erste Szene spickt er mit einer Selbstreferenz, um die Oper als Kunstprodukt zu entlarven: Der erste Chorauftritt ertönt von einer alten Schallplatte, die Elisabeth selbst auflegt.

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Bedingt durch die Kostümierung wird Leicesters verschmähte Liebhaberin wie eine lächerliche, wenngleich boshafte Witzfigur dargestellt. Bei ihrem ersten Auftritt trägt Elisabeth beispielsweise einen Pyjama. Während des ersten Aktes schlüpft sie außerdem in ein lila Kleid mit weißen Punkten, wie es in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts modern gewesen sein könnte. Ihre Kniestrümpfe verstärken den unvorteilhaften Anblick in Gegenwart des Grafen zudem. Als sie sich in Marias Gefängniszelle auch noch entblößt und plötzlich in plumper, hellgelber Unterwäsche dasteht, kann das Publikum sein Gelächter nicht mehr zurückhalten. An dieser Stelle ist es der Übertreibung aber noch lange nicht genug: Die Frauen setzen sich, wenn auch nur angedeutet, Hörner auf: Elisabeth in Form einer Krone mit abstehenden silbernen Sternketten. Maria (in dieser Inszenierung eine am Boden kriechende Rollstuhlfahrerin) stellt sich ihr mit einer Kopfbedeckung aus goldenen Schlangen entgegen. Damit wird die gefangene Königin von Schottland zur Medusa – ein treffendes Bild, wie hier anzumerken ist: Schließlich konnte Maria ihre Gefühle für Leicester schon vor dem Ableben ihres Ehemanns Heinrich nicht beherrschen. Auch unter den wildesten Beschimpfungen und Tritten der Schwester lässt ihr das Herz keine Ruhe – ein fataler Fehler, denn Elisabeth unterschreibt daraufhin für ihre Rivalin das Todesurteil. In diesem Zusammenhang ist es höchst makaber, dass Leicester und der bübchenhafte, Jeans tragende Lord Cecil nach der Urteilsverkündigung seelenruhig zusammen essen und Wein trinken. Dieser Widerspruch scheint aber beabsichtigt zu sein, um das Publikum nicht all zu sehr in die Tragik der Handlung hineinzuziehen: Eigentlich möchte der Graf seine Geliebte ja vor dem Tod bewahren, wie es seine Worte kundtun. Dass er während dessen genüsslich speist, ist so unrealistisch, dass es gleichzeitig einen komischen Effekt hat.

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Erst in der Schluss-Szene verzichtet Wiegand auf seine postmodernen, parodistischen Durchbrechungen. Die Verurteilte klammert sich in ihrem Bett mit letzter Kraft an einem Strick fest und versucht sich mit Mühe aufzurichten. Das erste Mal könnte man so als Zuschauer auf die Idee kommen, Mitleid für sie zu empfinden. Dagegen animiert ihr Ende wiederum zum Lachen: Elisabeth, die wie Maria in ein Brautkleid geschlüpft ist, macht ihrer Schwester selbst den Garaus, indem sie andeutet, ihr die Kehle durchzuschneiden – das ganze mit einem herrlich schadenfrohen Gesichtsausdruck.

Nicht nur schauspielerisch ist Katarina Karnéus als Elisabeth hervorragend besetzt. Auch stimmlich verschmilzt sie mit dem Charakter ihrer Rolle: Ihr klarer, metallisch schneidender Mezzosopran verfügt über ein sehr schnelles Vibrato, das die innere Aufgewühltheit der liebeskranken Königin widerspiegelt – sollte es tatsächlich mit Absicht eingesetzt sein. Hin und wieder wäre es wünschenswert, die auf der Bühne verkörperten Emotionen deutlicher zu artikulieren, doch die Boshaftigkeit Elisabeths mitsamt den damit verbundenen Kränkungen zeigt Karnéus in voller Klarheit. Elena Mosuc ist vor allem für die Dynamik ihres lyrischen Soprans zu loben: Meisterhaft lässt sie ihre Stimme an- und abschwellen, und selbst in den hohen Lagen ist ihr Decrescendo immer noch brillant. Da Maria unschuldig ihr Leben lassen muss, bedarf es für ihre Darstellung eines gewissen Maßes an Sanftheit. Auch diese Eigenschaft transportiert Mosuc mit ihrer Stimme, die nicht nur technisch, sondern interpretatorisch ebenso ausgereift ist.

Das Gegenteil lässt sich wiederum über Arttu Kataja in der Rolle des Cecil behaupten. Obwohl er als Elisabeths Schatzmeister von Anfang an Marias Kopf fordert und damit neben der Königin von England über ihr Schicksal richtet, bleibt er auf der schauspielerischen Ebene blass und unscheinbar. Dieses Manko könnte man als Zuschauer vielleicht verschmerzen, wenn es Kataja gelänge, sich gesanglich hervorzuheben. Seine zitternde Bass-Stimme vermittelt jedoch keinerlei Ausdruck. Im Vergleich singt José Bros die Partie des Grafen Leicester mit viel Pathos und Leidenschaft. Er gesteht Elisabeth seine Liebe zu Maria jedoch so übertrieben aufgesetzt und sich dabei hin und her wiegend, dass sein Bekenntnis eher den Anschein von Ironie hat. Das würde aber mit dem parodistischen Charakter der Inszenierung bestens einhergehen.


FAZIT

Wenn man selbst unglücklich verliebt oder eifersüchtig ist, bietet die Inszenierung Anlass, sarkastisch darüber zu lachen. Sollte das nicht der Fall sein, ist sie immer noch ein musikalischer Leckerbessen, vor allem wegen der gesanglichen Leistungen der Solistinnen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Alain Altinoglu

Inszenierung
Karsten Wiegand

Bühne
Alain Rappaport

Kostüme
Britta Leonhardt

Licht
Andreas Fuchs
Diego Leetz

Choreinstudierung
Eberhard Friedrich


Chor der Staatsoper Berlin
Staatskapelle Berlin


Solisten

Elisabetta
Katarina Karnéus

Maria Stuarda
Elena Mosuc

Roberto, Graf von Leicester
José Bros

Giorgio Talbot, Graf von Shrewsbury
Christof Fischesser

Lord Guglielmo Cecil
Arttu Kataja

Anna Kennedy
Constance Heller






Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Staatsoper Unter den Linden Berlin
(Homepage)



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