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Warum die Esel an der Macht sind
Von Annika Senger Künstlerinnen und Künstler aus Europa, den USA und Lateinamerika treffen in der Inszenierung der mittelalterlichen Geschichte vom Fauvel aufeinander und vereinen Musik, Erzählung, Tanz und Schattenspiel. Die Aktualität des alten Stoffes ist offensichtlich: Unter Käuflichkeit und Machthunger, Dummheit, Maßlosigkeit, Bösartigkeit und fehlender Vernunft leidet die Menschheit noch immer. Hintergrund des Roman de Fauvel ist der Zorn seiner Autoren (darunter Notare, Kleriker und andere Intellektuelle) über Korruption und Machtgier bei Hof und in der Kirche im Frankreich des 14. Jahrhunderts. Das Werk steht in der Tradition der satirischen und allegorischen Geschichten, in denen Tierfiguren als Protagonisten auftreten. In Fauvels Fall handelt es sich um einen Esel, der von Fortuna wider den Rat der Vernunft aus seinem Stall geholt und zum Herrn über die Welt ernannt wird. Die weltlichen und geistlichen Würdenträger, hohe und niedere Staatsdiener sie alle kommen und schmeicheln Fauvel hingebungsvoll. Dagegen beklagen die Autoren und das Volk sich bitter über den schlechten und traurigen Zustand der Welt. Der Name des Esels besteht aus den ersten Buchstaben der Worte Flaterie, Avarice, Vilanie, Envie und Lacheté (Schmeichelei, Geldgier, Bosheit, Wankelmut, Neid und Feigheit). Er leitet sich außerdem ab aus den Silben faux und vel (falsch/Schleier). Das Ensemble COLLAGE beschäftigt sich seit den 90er Jahren mit dem musikalischen Stoff des Roman de Fauvel und der Idee einer szenischen Umsetzung. Die Verse des Manuskripts von Chaillou, das sich in der Französischen Nationalbibliothek in Paris befindet, hat das Ensemble für die Inszenierung in der Berliner Heilig-Kreuz-Kirche eigens ins Deutsche übersetzen lassen und aus den 167 original erhaltenen Musikstücken 27 ausgewählt, übertragen, arrangiert und instrumentiert.
Szenenfoto (Fotograf: Hans-Joachim Wuthenow)
Um die Handlung für das Publikum verständlich zu machen, liest Regisseurin Ilse Scheer mit ihrer angenehm tiefen Erzählstimme Passagen aus der deutschen Übersetzung des Werkes vor. Die Mitwirkenden tragen mittelalterliche Kostüme und verwenden auch Instrumente aus der Zeit. Dennoch weist die Inszenierung einige dramaturgische Mängel auf: Die Titel der altfranzösischen und lateinischen Musikstücke werden lieblos auf die Schattenspiel-Wand projiziert, doch der genaue Inhalt der Lieder bleibt dem Zuschauer verborgen. Hin und wieder illustrieren Bilder, beispielsweise grausames Leid in Form von Schwarzweiß-Zeichnungen, die Musikstücke allerdings wirkt deren Einsatz eher willkürlich, wenn man den Inhalt nicht bis ins Detail kennt. Zwar könnte man nebenher das Libretto lesen, das den Zuschauern vor Beginn der Aufführung zur Verfügung gestellt wird, aber es liegt wohl auf der Hand, dass man dann nicht mehr hinreichend fähig ist, sich auf das Bühnengeschehen zu konzentrieren. Der satirische Witz der Inszenierung steckt in der ulkig komischen Choreographie von Jaime Tadeo Mikan, der in einem Eselskostüm als Fauvel auftritt. Der Schwanz des Tieres gleicht einem Phallus, den der Tänzer sich vorn zwischen die Schenkel klemmt, um die Zeugung von Fauvels Nachkommen mit seiner Braut, der eitlen Ruhsucht, anzudeuten. Die Hochzeitsnacht stellen Mikan und seine Tanzpartnerin Stephanie Hecht hinter der Schattenwand dar: Dabei bewegen sich die beiden im Grenzbereich zwischen Komik und Erotik, denn die Verbindung zwischen der schönen eitlen Ruhmsucht und dem Esel bietet einen absurd lächerlichen Anblick. Gleiches gilt für die Volksszenen, in denen Fauvel mit übertriebener Hingabe angebetet wird und Lebhaftigkeit in die stellenweise langatmige Inszenierung einkehrt. Gesanglich gelingt es der Sopranistin Amy Green mit Abstand am besten, sich dem Charakter der mittelalterlichen Musikstücke anzupassen. Das verwundert wenig, da ihr Studienschwerpunkt auf der Alten Musik lag. Glockenhell, sphärisch und mit sparsamer Dramatik fließt ihre Stimme durch die für 27 ausgewählten Lieder. Ihren Sänger-Kollegen kostet es während dessen wesentlich mehr Mühe, sich der Musik aus dem 14. Jahrhundert zu fügen. Bass Wilfried Staufenbiel schmückt seinen Part beispielsweise mit zu viel zitterndem Vibrato, was vielleicht auf der Opernbühne passende Effekte erzielen könnte, im mittelalterlichen Musiktheater jedoch fehl am Platze wirkt. Anfangs gehen die Stimmen der Gesangssolisten im Schall der Instrumente nahezu unter. Glücklicherweise erfolgt eine Klangabgleichung aber noch vor der Pause. Der Fauvel-Chor kommt bedauerlicherweise so gut wie gar nicht zur Geltung.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Kostüme
Choreographie
Solisten
Sopran
Alt
Tenor
Bariton
Bass
Erzähler
Tanz
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