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Les contes d´Hoffmann
(Hoffmanns Erzählungen)


Phantastische Oper in fünf Akten
Musik von Jacques Offenbach
Text von Jules Barbier und Michel Carré

in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere an den Wuppertaler Bühnen im Schauspielhaus Wuppertal am 18. März 2006

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Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Unendliche Weiten...


Von Frank Becker / Fotos von Milena Holler

Das oft geschmähte und nach dem Willen einiger Politiker und Sparfüchse in der Verwaltung der Stadt am liebsten abgerissene oder zu „Rudis Reste-Rampe“ umgewidmete Wuppertaler Schauspielhaus hat sich seit seiner multifunktionalen Nutzung für alle drei Bühnen-Sparten dank der großartigen Architektur und der darin verborgenen hervorragenden Akustik zu einem Musentempel auch des Belcanto und Verismo der großen Oper entwickelt.

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Star Trek - Next Generation (Marcello Bedoni - Melba Ramos)

"Hoffmanns Erzählungen" (Les Contes d´Hoffmann) standen am 18. März als Premiere auf dem Programmzettel, und der hauseigene Wuppertaler Operndramaturg Johannes Weigand, der erst im Januar mit seiner Inszenierung von Humperdincks "Hänsel und Gretel" Ehre einlegte, schenkte dem Premieren-Publikum auch hier eine Inszenierung á la bonheur. Ihm zur Seite stand das Opernorchester (Sinfonieorchester Wuppertal), das unter der Leitung von Evan Christ zwar solide agierte, allerdings nicht die Dynamik und die inspirierte Form erreichen konnte, die ihm sein angestammter Leiter, GMD Toshiyuki Kamioka zu vermitteln vermag.

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Melba Ramos als Giulietta

In einem berauschten (wörtlich zu nehmen) und berauschenden (dank der Musik) Bilderbogen griff 1881 der "Champagner- Komponist" Offenbach drei der Erzählungen des trinkfreudigen Juristen, Komponisten, Kapellmeisters, Malers und Schriftstellers E.T.A. Hoffman auf, einer Galionsfigur der deutschen Romantik. Die unheimliche Erzählung "Der Sandmann", die düstere Geschichte vom "Rath Crespel", die Erzählung "Die Abenteuer einer Silvesternacht", sowie in der Rahmenhandlung Hoffmanns Stammkneipe "Lutter & Wegener" am Gendarmenmarkt in Berlin und Motive aus "Klein-Zaches", "Ritter Gluck" und "Der goldene Topf" vermischen sich nebst auf Alfred de Musset zurückgehenden französischen Einsprengseln im Libretto Jules Barbiers zu einer personal- und ereignisreichen Sauf- und Liebesgeschichte.

Hoffmann (Marcello Bedoni) zecht mit den Kumpanen, während er auf seine "Ex" Stella (Melba Ramos) wartet, die als Operndiva in "Don Giovanni" singt. Schon angetrunken, lässt er sich von Nebenbuhler Lindorf (Kay Stiefermann) breitschlagen, seine Affären mit den drei großen Geliebten seines Lebens zu erzählen: dem menschlichen Automaten Olympia, der unglücklichen Antonia und der raffinierten Hure Giulietta. Johannes Weigand läßt dabei der Phantasie -  ganz im Sinne des fabulierfreudigen Hoffmann - die Zügel schießen, und schickt den Helden in der ersten Episode, in der sich der Dichter in das von Spalanzani geschaffene Maschinenwesen Olympia verliebt, auf den Spuren von Captain Kirk in die unendlichen Weiten des Weltraums. Die Geliebte bekommt die Gestalt eines Androiden und das übrige Personal ist dem der Star Trek- Serie nachempfunden. Maske (Barbara Junge-Dörr) und Kostüme (Judith Fischer) bekamen hierfür einhelligen und begeisterten Applaus. Nicht vergessen werden sollen das raffinierte Bühnenbild von Moritz Nitsche, das  Sternenhaufen, Spiralnebel und Galaxien vorüberziehen läßt und das wirkungsvolle Licht Fredy Deisenroths. Hier wartete man nur noch auf die Stimme aus dem Off: "Unendliche Weiten...". Gelungen.

Die zweite, unheimliche Episode führt in eine düsteres Kabinett, in dem zwar der Himmel voller Geigen hängt und auch ein Flügel wie ein Platzhirsch den Raum beherrscht, der jedoch durch seine niedrige Decke und die sich nach hinten verjüngende Form Bedrückung und Unheil verspricht. Das tritt auch ein. Die Geliebte Antonia, Tochter des Hofrat Crespel, erleidet das gleiche tragische Ende wie die Mutter, eine schwindsüchtige Sängerin, die durch Überanstrengung am Gesang stirbt. Eine dämonische Rolle spielt dabei der angebliche Arzt "Miracle", der Antonias Tod wünscht und erreicht.

Der hervorragende Bariton Kay Stiefermann glänzte hier wie zuvor als Nebenbuhler Lindorf, rachsüchtiger Coppelius und später als Zuhälter Dapertutto - herrlich! Als sein Gegenspieler in allen Rollen begeisterte Marcello Bedoni das Publikum als lebendiger, warmer lyrischer Tenor. Das Terzett Hoffmann/ Miracle/ Crespel, einer der dramatischen Höhepunkte der Oper, mit dem großartigen Baß Christoph Stegemanns als Crespel ist ein Hochgenuß. Brillant auch Stephan Boving als komödiantisch angelegter Diener Frantz.  Die Duett-Szene Antonia/Mutter (vorzüglich abgestimmt hier die Stimmen Melba Ramos´ und Diane Pilchers) in einer Video-Projektion ist ein  weiteres der Bonbons, wenn auch die weit überschätzte Melba Ramos, deren Stimme ansonsten nicht hielt, was die ihr eilfertig zu Füßen gelegten Vorschußlorbbeeren versprachen, längst nicht in allen übrigen Passagen überzeugte.

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Hoffmanns Muse (Stefanie Schaefer)

Vor herrlicher venezianischer Kitsch-Kulisse mit Gondel und Ponte spielt sich das erotische Maskentreiben (Parodie einer Parodie) der Giulietta-Episode ab - erneut ein Lob an Maske und Kostüme. Hoffmann verliebt sich in eine Edelhure, deren Zuhälter Dapertutto, bereits im Besitz des Schattens von Peter Schlemihl, nun nach dem Spiegelbild Hoffmanns giert. Natürlich gelingt ihr das fiese Vorhaben und Peter Schlemihl (Reinhold Schreyer- Morlock)  kann sich über einen düpierten Schicksalsgenossen freuen. Hier wird es endlich einmal Zeit, dem "heimlichen" Star der Aufführung gebührend Tribut zu zollen, der Mezzosopranistin Stefanie Schaefer, die als Muse und Nicklausse Hoffmann durch das Stück begleitet. Ihr bewegendes Spiel und ihre durchweg hervorragende stimmliche Leistung machte sie neben Stiefermann und Stegemann zu der Protagonistin, auf deren Einsatz man begierig wartete. Sie enttäuschte in keiner Phase. Und noch einem gebührt ein Lorbeerzweig: dem ungenannten Künstler am Kontrabaß, dem in dem "Verschwörungs-Duett" Giulietta/Dapertutto ein wahrhaft meisterliches Solo gelang. Vergrößerung

Hoffmann im Rausch (Marcello Bedoni)

Hoffmann bekommt, was er verdient: einen schweren Rausch, nicht Stella, die ihm zum Glück der intrigante Lindorf wegschnappt - und zum guten Ende seine Muse. Der Schlußchor setzte noch einmal die ganz ausgezeichnete, von Jaume Miranda einstudierte Leistung von Chor und Extrachor der Wuppertaler Bühnen in Szene.


FAZIT

Ein unterhaltsamer phantastischer Bilderbogen auf solider orchestraler Basis, mit teils hervorragender (Schaefer, Stiefermann, Stegemann, Bedoni), teils im Vorfeld maßlos überschätzter (Ramos) sanglicher Leistung. Weigands Inszenierung reizt dazu, sich wieder einmal mit dem Werk E.T.A. Hoffmanns auseinanderzusetzen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Evan Christ

Inszenierung
Johannes Weigand

Bühnenbild
Moritz Nitsche

Kostüme
Judith Fischer

Choreinstudierung
Jaume Miranda

Choreographie
Rosita Steinhauser

Licht
Fredy Deisenroth

Video
Mark Calin Caliman


Chor und Extrachor der
Wuppertaler Bühnen

Statisterie der
Wuppertaler Bühnen

Sinfonieorchester Wuppertal



Solisten

Hoffmann
Marcello Bedoni

Olympia, Antonia, Giulietta, Stella
Melba Ramos

Muse, Nicklausse
Stefanie Schäfer

Lindorf, Coppelius, Mirakel, Dapertutto
Kay Stiefermann

Andres, Cochenille, Frantz, Pitichinaccio
Stephan Boving

Stimme von Antonias Mutter
Diane Pilcher

Nathanael, Spalanzani
Cornel Frey

Luther, Crespel

Christoph Stegemann

Hermann, Schlemihl
Reinhold Schreyer-Morlock

Baß solo
Jochen Bauer

Statist
Mammadou Diallo



Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



Da capo al Fine

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