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Musiktheater
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Death in Venice (Tod in Venedig)

Oper in zwei Akten
Text von Myfanwy Piper
nach der Novelle von Thomas Mann
Musik von Benjamin Britten


in englischer Sprache mit deutschen ‹bertiteln
Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Premiere im Theater Mönchengladbach am 26. Mai 2006


Homepage

Theater Krefeld-Mönchengladbach
(Homepage)
Ringkämpfe, ästhetisch betrachtet

Von Stefan Schmöe / Fotos von Matthias Stutte


Benjamin Brittens letzte Oper Death in Venice, entstanden 1973, steht nicht nur in Konkurrenz zu ihrer unmittelbaren Vorlage, nämlich der 1912 verfassten Novelle Thomas Manns, sondern auch zu deren bildgewaltiger filmischen Umsetzung durch Luchino Visconti aus dem Jahr 1971. Dabei setzt Visconti die Hauptfigur, den Dichter Aschenbach, mit Gustav Mahler gleich (dessen Tod 1911 Thomas Mann sicher beeinflusst hat) und fügte dem Stoff somit eine dezidiert musikalische Komponente hinzu. Dagegen lag Britten eine „cinemaskopische“ Vertonung fern. Er deutet den Stoff als eine Auseinandersetzung zwischen dem apollinischen und dem dionysischen Element: Klarheit und Ordnung gegen Rausch und Sinnlichkeit. Der Kunstgriff, verschiedene Figuren der Novelle zu unterschiedlichen Erscheinungsformen des Dionysos zusammenzuziehen, wirkt allerdings recht konstruiert.

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Überfahrt ohne Rückkehr: Gondoliere (Christoph Erpenbeck) und Aschenbach (Hans-Jürgen Schöpflin)

Zwar emanzipiert sich die Oper von ihrer Vorlage, aber um den Preis einer übergroßen Geschwätzigkeit. Vieles in dieser Oper wirkt redundant: Die (schon bei Thomas Mann) verwendeten Metaphern werden erst in den überlangen Monologen des Aschenbach, dann noch einmal im Orchesterklang reflektiert, als trauten der Komponist und seine Librettistin Myfanwy Piper dem Zuschauer einen selbstständigen Erkenntnisprozess nicht zu. Auch folgt die musikalische Reaktion oft erst nach dem Text in (allerdings erlesen schönen) instrumentalen Passagen. Die Vielzahl von Szenen und Figuren ermöglicht es Britten, die gesamte Palette seiner Ausdrucksmöglichkeiten vorzuführen. Sein verklärtes (homoerotisch geprägtes) Schönheitsideal wirkt stellenweise aber recht kunstgewerblich und hinterlässt disparate Eindrücke. So taucht die Musik den Knaben Tadzio, dem der Dichter verfällt, in ein reines, von hellen Farben des Schlagwerks getragenes Licht mit einer Aura aus dreiklangsseligen ätherischen Rufen aus dem Nichts (ganz ähnlich, aber weitaus stärker ironisch gebrochen hat Ernst Krenek rund 50 Jahre zuvor in Jonny spielt auf den Gletscher rufen lassen) – ganz ungefährdet vom musikalischen Kitsch ist das nicht.

Vergrößerung in neuem Fenster Ringkampf als vornehmste Form der Körperkultur: Tadzio (Christian Speidel) siegt

Die Probleme des Werkes werden durch die zwar solide, aber oftmals in Routine erstarrende Inszenierung von Andreas Baesler noch verstärkt. Baesler siedelt das Stück in einem halb verfallenen Kinoraum an (Bühne: Harald B. Thor), ohne aus der diffus nostalgischen Stimmung im Verlauf der Geschichte Kapital schlagen zu können. Auf die Leinwand werden, durchaus eindrucksvoll, ab und zu Videosequenzen (Matthias Heipel) eingeblendet, aber eine stringente Idee entwickelt sich auch daraus nicht. Mit zwei verschiebbaren Seitenwänden verwandelt sich der Raum schnell und glaubwürdig in die Empfangshalle des Hotels; die angedeutete Gondel beschwört dagegen ebenso wenig venezianische Atmosphäre herauf wie ein Wasserbecken, das die Lagune darstellen soll. Nicht, dass diese Ideen unpassend wären (eher sind sie allzu eindeutig), aber es müsste etwas damit geschehen. Ähnliches gilt für die Personenregie, die sich weitgehend in vorhersehbaren Auf- und Abtritten erschöpft.

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Wen stört schon die Cholera, wenn nur die Frisur sitzt? Aschenbach (Hans-Jürgen Schöpflin) beim Coiffeur (Christoph Erpenbeck)

Die Kostüme verweisen ebenso auf den Beginn des 20. Jahrhunderts wie die choreographischen Elemente, die dem frühen Ausdruckstanz verhaftet sind. Den ersten Akt beschließt eine Art sportlicher Mehrkampf zwischen Tadzio (der in der Oper stumm bleibt und von einem Tänzer dargestellt wird) und Freunden, und nicht erst hier lässt die Regie die längst überfällige Brechung vermissen. Die Huldigung von Körper und Kraft wird derart naiv vorgeführt, als habe es Leni Riefenstahls Triumph des Willens und die Vereinahmung solcher Körperkultur durch den Nationalsozialismus nie gegeben. Als dionysisches Ballett tragen die Tänzer später noch Ziegenfelle um die Waden – da gerät die Choreographie von Michael Langeneckert zur Peinlichkeit. Als wolle man die Überdeutlichkeit des Librettos noch übertreffen lässt das Regieteam die Darsteller mehr und mehr grotesk schminken, um die allgegenwärtigen Zeichen des Todes hervorzuheben. Im Schlussbild trägt Tadzio in einer Videosequenz die Maske des Todes – sicher ein hübscher visueller Effekt, aber banal in der Deutung. So wird das Werk szenisch verschenkt.

Vergrößerung in neuem Fenster Tod in Venedig: Aschenbach (Hans-Jürgen Schöpflin) stirbt, Tadzio (Christian Speidel) entschreitet multimedial ins Nichts

Hohes Lob gilt den Sängern, allen voran dem wendigen und agilen Tenor Hans-Jürgen Schöpflin in der Riesenrolle des Aschenbach, die er bravourös zwischen Altersweisheit und Verfall meistert. Christoph Erpenbeck ist mit sonorem Bariton ein ebenso überzeugender vielgesichtiger und wandlungsfähiger Dionysos. Durchweg gut besetzt sind die vielen mittleren und kleinen Rollen, in denen sich die Sänger allerdings wegen der Personenvielfalt kaum profilieren können. Die Niederrheinischen Sinfoniker unter der Leitung von Graham Jackson bleiben an klanglicher Auffächerung wie an Flexibilität nichts schuldig (ebenso wie der von Heinz Klaus einstudierte vorzügliche Chor). So ist es musikalisch eine Aufführung auf hohem Niveau, in der sich ein gut aufeinander eingespieltes Ensemble präsentiert.


FAZIT

Ein problematisches Werk, dessen Redseligkeit durch eine allzu unkritische Inszenierung noch betont wird – es bedürfte einer zupackenderen, wohl auch eigenwilligeren Regie, um Brittens Oper, die viel schöne Musik enthält, zu retten. Die imponierende Ensembleleistung allein reicht dazu nicht aus.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Graham Jackson

Inszenierung
Andreas Baesler

Bühne
Harald B. Thor

Video
Matthias Heipel

Choreinstudierung
Heinz Klaus

Dramaturgie
Ulrike Aistleitner


Chor und Statisterie der
Vereinigten Städtischen Bühnen
Krefeld und Mönchengladbach

Die Niederrheinischen Sinfoniker


Solisten

Gustav von Aschenbach
Hans-Jürgen Schöpflin

Reisender, ältlicher Geck,
Gondoliere, Hotelmanager,
Coiffeur, Anführer der Straßensänger,
Dionysos
Christoph Erpenbeck

Apollo
Frank Valentin

Hotelportier
Markus Heinrich

Erdbeerverkäuferin,
Spitzenverkäuferin,
Straßensängerin
Debra Hays

Straßensänger
Kairschan Scholdybajew

Bootsmann, Fremdenführer,
Priester, Angestellter im Reisebüro
Tobias Pfülb

Bettlerin
Kerstin Pajic-Dahl

Glasbläser
Rainer Roon


Tänzer

Tadzio
Christian Speidel

Tadzios Mutter
Silvia Behnke

Gouvernante
Eleonora Nezguretska

Tadzios Freund
Denis Veginy

Tadzios Freunde
Ziga Jereb
Craig Pereira-Gillis
Gökce Sönmemis

Akrobat
Lidija Curcic

Akrobatin
Gökce Sönmemis



Weitere
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Mönchengladbach

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Da capo al Fine

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