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La Gioconda

Oper von Amilcare Ponchielli
Libretto von Tobia Gorria (Arrigo Boito)
nach Victor Hugos Angelo, tyran de Padoue


in italienischer Sprache mit französischen und flämischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 40' (zwei Pausen)

Premiere im Théâtre Royal am 16. Juni 2006


Homepage

Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)

Schöne Bilder

Von Thomas Tillmann / Fotos von der ORW


Anstelle eines Programmheftes hat die Opéra Royal de Wallonie zusammen mit der renommierten, wunderbaren Zeitschrift L'Avant-Scène Opéra anlässlich der Neuproduktion der Ponchielli-Oper eine Spezialausgabe zu diesem Meisterwerk der italienischen Oper herausgegeben. Jean-Louis Grinda, an dessen respektable Ring-Inszenierung man sich erinnert (2008 bis 2011 wird sie übrigens in Montpellier wieder aufgenommen), ist eben ein Mann mit glänzenden Kontakten, und die meisten Besucher der Lütticher Oper bedauern, dass im Herbst seine letzte Spielzeit vor dem Weggang nach Monte-Carlo beginnt.

Vergrößerung in neuem Fenster Barnaba (Jean-Philippe Lafont, links)
eröffnet Alvise Badoero (Paata Burchuladze, rechts),
dass seine Frau Laura einen fremden Mann trifft.

Grinda ist auch ein kluger Mann: Er weiß, dass man an Arrigo Boitos problematischem Libretto eigentlich nur scheitern kann, er weiß auch, dass das Publikum in Liège gern schöne Bilder und prächtige, historisierende Kostüme sieht (diesmal wieder von Jean-Pierre Capeyron, wobei manche in ihrer Opulenz die Bewegungsfreiheit der Akteure nicht unerheblich einschränkten), und so bedient er eben die Erwartungen und entwirft in dem weiten Raum von Eric Chevalier und Nicolas de la Jartre vor einem unschöne Falten werfenden Prospekt mit Venedig-Panorama, der ergänzt wird um Versatzstücke von Prunkbauten oder auch eine Schiffsattrappe für das Stelldichein der Liebenden, mit üppig wabbernden Bühnennebel und Kunstschnee vom Schnürboden und auf die Wirkung des geschmackvollen Lichts des versierten Jacques Chatelet vertrauend stimmungsvoll-pralle Bilder. Dem modernere Produktionen gewohnten Zuschauer entlockt das zweifellos das eine oder andere Schmunzeln, ein bisschen mehr Führung des Stummfilmpathos und Standardgesten verpflichteten Bühnenpersonals hätte sicher auch nicht geschadet, aber man muss doch anerkennen, dass die Geschichte mit großem Respekt, hohem Tempo und einiger Stringenz erzählt wird, dass Schlüsselszenen wie etwa Barnabas Intrigen sehr anschaulich herausgearbeitet werden und dass die Massenszenen gut organisiert sind, was manch progressiverem Regisseur keineswegs gelingt.

Vergrößerung in neuem Fenster

Gioconda (Anna Shafajinskaja, rechts) muss erkennen,
dass Enzo (Maurizio Comencini, Mitte) Laura liebt.

Anna Shafajinskaja hat sich in den letzten Jahren einen Namen im dramatischen Sopranfach gemacht, und so ist sie keine schlechte Wahl für die kräftezehrende Titelpartie mit ihren unanfechtbaren Spitzentönen von großer Durchschlagskraft und Entschlossenheit, die nicht zuletzt die Ensembleszenen krönen. Vokale Feinheiten, Phrasierungseleganz, Timing, Pianogesang und Durchdringung des Textes sind dagegen ihre Sache nicht, und so bleibt ihr Portrait doch sehr allgemein, oberflächlich und wenig berührend, bei aller Souveränität. Keinen wirklich schlechten Eindruck hinterließ Maurizio Comencini als Enzo, auch wenn er ziemlich nervös durch "Cielo e mar" hetzte und sein Tenor keinen hohen Wiedererkennungseffekt hat oder besonderen Reiz verströmt - und der Applaus nach der Arie war so bedeutend nicht, dass er sich hätte verbeugen müssen. In Häusern mit gnädigerer Akustik dürfte das starke Flackern und die strengen, uncharmanten Töne des in die Jahre gekommenen, matten Mezzos von Lidia Tirendi weniger auffallen, ihre arg begrenzte darstellerische Kompetenz indes lässt sich kaum verstecken (man ordnet doch nicht die Röcke, wenn man eigentlich schon scheintot ist!). Mit der Cieca kehrte Zlatomira Nikolova an die Stätte früherer Erfolge zurück, und natürlich ist auch ihr nicht sehr elegant eingesetzter, in der Höhe reichlich scharfe Mezzosopran inzwischen ziemlich steif geworden. Das gilt auch für die zweifellos beeindruckend laute, in der Tiefe fast wie ein Bass klingende, ein erhebliches Vibrato aufweisende Stimme von Jean-Philippe Lafont als Barnaba, der die hohen Töne dank großen Krafteinsatzes natürlich immer noch erreicht, aber Spielraum für Nuancen gibt es da etwa im "O monumento" natürlich nicht - das berühmte "Gut gebrüllt, Löwe!" beschreibt seine ziemlich pauschale Interpretation des Bösewichts nicht schlecht. Und auch Paata Burchuladze, der im kommenden Jahr als Boitos Mefistofele an der Opéra Royal angekündigt ist, hat größere Fans als mich: Der Stimme mangelt es einfach an der nötigen Italianità, man wird den Eindruck nicht los, dass Boris Godunow sich zum Karneval in Venedig eingefunden hat. Die Kraftmeierei seines Singens steht der des französischen Kollegen nichts nach, auch er ist eben eher ein Stimmbesitzer als ein Interpret, hat aber zweifellos noch immer seine Fans.

Vergrößerung in neuem Fenster Gioconda (Anna Shafajinskaja) sieht nur noch
einen Ausweg: Selbstmord.

Léonard Graus und Guy Gabelle reüssierten als Zuàne und Isèpo, Stéphanie Lhorset und Cédric Cazzotes belebten als kleinwüchsige Begleiter der gutherzigen Straßensängerin das Bühnengeschehen. Überaus engagiert präsentierten sich die Chöre (und auch der gut vorbereitete Kinderchor des Hauses), wobei im Überschwang der ersten Szenen der eine oder andere Einsatz schon ein wenig klapperte. Das konnte der ansonsten viel Übersicht und Werkkenntnis beweisende Rani Calderon am Pult auch nicht verhindern, der das Drama mit straffen, rasanten, aber nie gehetzt wirkenden Tempi vorantrieb, wenn ihm die erfahrenen Damen und Herren auf der Bühne, die den Vorstellungen des Komponisten mitunter sehr individuelle Lösungen entgegensetzten (etwa Lidia Tirendi, die ihre Einsätze im Duett mit Gioconda so langsam anging, das der beliebten Nummer jede Spannung fehlte), keinen Strich durch die Rechnung machten. Nicht unerwähnt bleiben sollen die Damen und Herren des Balletts der Opéra de Nice, nicht nur wegen ihres stürmisch gefeierten Einsatzes in der reichlich altmodischen, unfreiwillig komischen Choreografie des Stundentanzes von Marc Ribaud (ein Gemälde mit mythologischen Figuren und Göttern erwacht zum Leben).

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Endlich vereint:
Laura (Lidia Tirendi, links)
und Enzo (Maurizio Comencini, rechts)


FAZIT

La Gioconda ist ein prachtvolles Werk, keine Frage, aber für eine wirklich überzeugende szenische Produktion braucht es wohl doch mehr als üppige Roben, Bühnennebel und gute Scheinwerfer.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Rani Calderon

Inszenierung
Jean-Louis Grinda

Choreografie
Marc Ribaud

Bühne
Eric Chevalier
Nicolas de la Jartre

Kostüme
Jean-Pierre Capeyron

Licht
Jacques Chatelet

Chor
Edouard Rasquin

Leitung Kinderchor
Jean-Claude van Rode



Ballett der
Opéra de Nice

Orchester, Chöre und
Kinderchor der
Opéra Royal de Wallonie



Solisten


La Gioconda
Anna Shafajinskaja

Laura
Lidia Tirendi

La Cieca
Zlatomira Nikolova

Enzo Grimaldo
Maurizio Comencini

Barnaba
Jean-Philippe Lafont

Alvise Badoero
Paata Burchuladze

Zuàne
Léonard Graus

Isèpo
Guy Gabelle

Un barnabotto
Marc Tissons

Un pilota
Alexei Gorbachev

Un cantore
Youri Lel

Un altra voce
Patrick Pircak

Serpina
Stéphanie Lhorset

Vespone
Cédric Cazzotes



Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)



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