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Musiktheater
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The Bassarids
(Die Bassariden)

Opera seria in einem Akt
Text von Wystan Hugh Auden und Chester Kallman
nach der Tragödie Die Bakchen des Euripides
Musik von Hans Werner Henze (revidierte Fassung von 1992)


in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 10' (keine Pause)

Premiere im Opernhaus Köln am 15. September 2005

Logo: Oper Köln

Bühnen der Stadt Köln
(Homepage)

Große Oper, weichgekocht

Von Stefan Schmöe / Fotos von Klaus Lefebvre

Vergrößerung in neuem Fenster Widersacher: Vernunftsmensch Pentheus (Urban Malmberg, rechts) und Dionysos (Ray M. Wade jr.)

In Hans Werner Henzes Bassariden werden die großen Dinge verhandelt: Im Zusammenprall von Ratio, symbolisiert durch Pentheus, den machtbewussten und (nicht zuletzt der Machtsicherung wegen) asketisch der Sinnlichkeit entsagenden König von Theben, und Eros, verkörpert durch Dionysos, explodiert das gesellschaftliche Gefüge. Henze hat in dem 1966 für die Salzburger Festspiele komponierten Werk auch einen Vorgriff auf 1968, einen Versuch gesellschaftlicher Befreiung gesehen, der aber gleichzeitig die Frage stellt: Was ist Freiheit? (Und entsprechend: Was ist Unfreiheit?) Dabei ist nicht nur der Rückgriff auf die antike literarische Vorlage (die Bakchen des Euripides) ein aus Sicht der Avantgarde konventioneller Ansatz, sondern auch die musikalische Großform stellt sich konsequent in die Tradition Alban Bergs, indem Henze die Oper als viersätzige Symphonie anlegt (ähnlich wie Berg seine Opern auf dem Gerüst absolut-musikalischer Formen aufbaut). Der Kommunist Henze hat sich dagegen verwehrt, als ein Nachfolger des Großbürgers Richard Strauss verstanden zu wissen, aber ungeachtet der natürlich signifikanten Unterschiede gibt es eine Reihe von Parallelen zwischen Strauss' Antikenopern Elektra und Salome und den Bassariden - nicht zuletzt im repräsentativen, von üppiger Orchesterbesetzung in höchstem Maße klangsinnlich untermauerten Anspruch, mit dem Henze seinen Salzburger Auftraggebern (festspiel-)gerecht wurde. Die Bassariden sind zweifelsohne große Oper.


Vergrößerung in neuem Fenster Zicken, zeitlos gekleidet: Agaue (Dalia Schaechter, links) und Autonoe (Claudia Rohrbach)

Mit Markus Stenz hat die Kölner Oper einen Generalmusikdirektor, der als ausgewiesener Henze-Experte gilt, hat er doch drei Uraufführungen Henzes (Das verratene Meer 1990 in Berlin, Venus und Adonis 1997 in München, L'Upupa 2003 bei den Salzburger Festspielen) geleitet. An die Kölner Erstaufführung der (nicht zuletzt der umfangreichen Chorpartie schwer aufzuführenden) Bassariden durfte man daher höhere Erwartungen knüpfen - zumal das große Kölner Haus von seinen Mitteln her dem Werk gewachsen sein sollte – aber die werden in mehrfacher Hinsicht arg enttäuscht. Das betrifft zunächst den orchestralen Part. Stenz gelingt es bestenfalls in den (allerdings umfangreichen) leisen Passagen, jene entrückte Sinnlichkeit entstehen zu lassen, mit der Henze den Gott Dionysos umgibt. Aber schon hier scheint die Farbpalette des Orchesters begrenzt, könnte stärker aufgefächert werden, und in den Forte-Klangballungen entsteht ein allzu mulmig-unbestimmter Klangbrei. Gegenüber der lyrisch-verführerischen Dionysos-Musik umgibt den Pentheus eine „härtere“, sprödere (auch dissonanzenreichere) Klangwelt, die bei Stenz zwar angemessen schroff erklingt, aber die einzelnen Instrumentalstimmen (und, was gravierender ist: auch die Gesangsstimmen) voneinander isoliert, anstatt sie in Beziehung zu setzen. Insgesamt klingt vieles zufällig, unausgereift.


Vergrößerung in neuem Fenster In Frauenkleidern möchte Pentheus unerkannt erforschen, was es mit den dionysischen Festen auf sich hat

Vor allem im ersten der vier Bilder gelingt es kaum, die (ordentlich singenden) Solisten in den Orchesterklang einzubinden. Dabei hat der schwedische Bariton Urban Malmberg mit relativ leichtem, dadurch aber beweglichem und trotzdem durchsetzungsfähigem Bariton durchaus die vokalen Mittel für die Rolle des Pentheus, die er bis auf kleine zwischenzeitliche Ermüdungserscheinungen bravourös bewältigt. Ray M. Wade jr. legt den Dionysos als recht lyrischen Charaktertenor an, der mitunter in Schwierigkeiten kommt, wenn er heldische Akzente setzen muss, disponiert die umfangreiche Partie aber klug. Dalia Schaechter als Agaue, Mutter des Pentheus, fehlt es trotz beeindruckender Interpretation an der letzten dramatischen Kraft – schließlich tötet sie ihren eigenen Sohn (im Wahn, es sei ein Löwe), und dafür bedürfte es noch durchdringenderer Töne. Einen ausgezeichneten Eindruck hinterlässt Claudia Rohrbach, die mit glockenrein aufleuchtender Stimme die kleinere Partie der Autonoe (Schwester der Agaue) singt. Dieter Schweikart als abgedankter König Kadmos und Andrea Andonian als Amme gestalten ihre Rollen souverän, wobei das inzwischen Brüchige der Stimmen unüberhörbar ist. Johannes Preißiger singt den Seher Teiresias mit greller, unausgewogener Stimme, was die Figur allzu sehr in die Nähe einer Karikatur rückt. Timm de Jong ist ein unauffälliger Hauptmann.

Chor und Extrachor der Oper Köln wurden zum letzten Mal von Albert Limbach präpariert, der bei der Einstudierung bereits mit seinem Nachfolger Andrew Ollivant zusammengearbeitet hat. Zwar haben die Chöre die schwierige Partie gut einstudiert, aber oft fehlt es – ähnlich wie beim Orchester – an klanglicher Präsenz. Gerade in den Mezzo-Passagen ist der Klang „verhuscht“ und zu undeutlich, müssten die Mittelstimmen mehr „tragen“, der Sopran mehr Glanz verbreiten.


Vergrößerung in neuem Fenster Und da soll man nicht an Richard Strauss und seine Salome denken? Agaue mit dem Haupt ihres Sohnes Pentheus (sie glaubt noch, es handele sich um einen Löwenkopf)

Ähnlich unbestimmt wie die musikalische Interpretation gibt sich auch die Inszenierung von Jasmin Solfaghari. Zunächst überlässt die Regisseurin ihrem Ausstatter Alexander J. Mudlagk das Feld, für den, so hat er dem Monatsjournal des Theaters anvertraut, die „Farbe Marmor“ sowie die „Lebensfarben Rot und Grün“ in den Bassariden dominieren. So hat er ein dreifach gestaffeltes Portal aus schäbbigem Marmor-Imitat wie einen Rahmen um die Bühne herumgebaut. Stufen rechts, links, oben und unten sollen (in Anlehnung an die perspektivisch „falschen“ Rätselbilder M.C. Eschers) die räumliche Orientierung aufheben. Dahinter gibt es eine dreieckige Spielfläche, die aufgrund ihrer geringen Maße den Chor weitgehend zu oratorischer Herumsteherei verdonnert. Die Ausleuchtung ist knallig-bunt (Licht: Hans Toelstede), und wenn der Chor sich postiert hat, sieht es nach einer Mischung aus Low-Budget-Science-Fiction und öffentlich-rechtlicher Fernsehshow der 70er-Jahre aus.


Vergrößerung in neuem Fenster Was bleibt uns angesichts solcher Bilder noch zu sagen? Scottie, beam me up!

Durch die Begrenzung der nutzbaren Spielfläche auf einen schmalen Streifen hebt die Regisseurin den Konflikt zwischen Pentheus und Dionysos als Kammerspiel hervor, und hier gelingen ihr die stärksten Momente. Dafür verschenkt sie viele bühnenwirksame Momente des Werkes, das eben auch durch die repräsentativen (aber hier fast ausgeblendeten) Chorszenen lebt. Ansonsten wirken die allermeisten Einfälle der Regie wie überflüssige Mätzchen, die man schnell vergisst. Beim mehr pflichtbewussten als enthusiastischen Schlussapplaus wurde das Regieteam konsequenterweise dann fast ignoriert, die Beifallsstärke änderte sich beim Vorhang der Regisseurin jedenfalls kaum merklich – zu substanzarm ist diese Inszenierung, als dass man sich darüber ereifern könnte.


FAZIT

Es bleibt das Gefühl, bei diesen Bassariden etwas verpasst zu haben: Ein eindrucksvolles Werk des modernen Musiktheaters wird leichtfertig „verschenkt“, weil weder Regisseurin noch Dirigent einen griffigen Zugang dazu finden.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Markus Stenz

Inszenierung
Jasmin Solfaghari

Bühne und Kostüme
Alexander J. Mudlagk

Licht
Hans Toelstede

Chor
Albert Limbach
Andrew Ollivant

Dramaturgie
Christoph Schwandt
Oliver Binder


Chor und Extrachor der Oper Köln

Statisterie der Bühnen Köln

Gürzenich-Orchester Köln


Solisten

Dionysos
Ray M. Wade jr.

Pentheus, König von Theben
Urban Malmberg

Kadmos, sein Großvater
Dieter Schweikart

Teiresias, ein Seher
Johannes Preißinger

Hauptmann der Wache
Timm de Jong

Agaue, Mutter des Pentheus
Dalia Schaechter

Autonoe, ihre Schwester
Claudia Rohrbach

Beroe, Amme des Pentheus
Andrea Andonian


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Bühnen der Stadt Köln
(Homepage)





Da capo al Fine

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