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La forza del destino
(Die Macht des Schicksals)


Oper in vier Akten
Libretto von Francesco Maria Piave
nach Ángel de Saavedra y Ramírez de Baquedanos
Don Álvaro o la fuerza del sino
Musik von Giuseppe Verdi


in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere am 4. Mai 2006


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Bühnen Köln
(Homepage)

Fortgesetzter Negativtrend

Von Thomas Tillmann / Fotos von Klaus Lefebvre


Im Programmheft zur Neuinszenierung von Verdis La forza del destino, die in den Händen von Christian Schuller lag, dem Oberspielleiter der Oper Köln und Leiter der Kinderoper, betont Nils Szczepanski: "Die konfliktreiche romantische Welt ist nicht mehr in einheitlicher Form, sondern nur noch kaleidoskopartig darstellbar, und gerade in der vermeintlich unwahrscheinlichen Dramaturgie der Werke zeigt sich eine realistische Reflexion der Wirklichkeit".

Vergrößerung in neuem Fenster Leonora (Isabelle Kabatu, rechts) fleht Alvaro (Ray M. Wade jr., links) an, ihr noch einen Tag Zeit zu geben, bis sie gemeinsam fliehen.

Wie eine Rechtfertigung einer disparaten, sich zwischen reduzierter Symbolik (Wartesaal, Rammbock, religiöse Symbole) und kleinlichem Realismus (Kriegsszenen) nicht entscheidender Regie wirkt das vorgeschaltete Zitat, einer Erzählweise, die erschreckend konzept- und einfallslos eine überschaubare Anzahl von Einzelideen aneinanderreiht, die sich verfängt in dazu erfundenen, zum Teil rätselhaften Nebenhandlungen, die kein bisschen besser sind als die Vorlage, die Szenen sich überlappen und zusätzliche Figuren auftreten lässt, was weder neu noch erhellend ist, die bald an konzertante Aufführungen erinnerndes Herumgestehe und das rampennahe Ausführen überkommener Standardgesten erlaubt, dann wieder nervös machenden Aktionismus (Tod des Marchese) und bloß Dekoratives (Ende des zweiten Aktes) favorisiert, kaum je Personenführung und differenzierte Figurenzeichnung jenseits des Plakativen erkennen lässt, die das Stück insgesamt schwächer wirken lässt als es vielen ohnehin erscheint (nicht dem Komponisten, der es gegenüber seinem Librettisten Piave als "comico e terribile" im Sinne Shakespeares gelobt hat). Seiten ließen sich füllen mit der Beschreibung des Gesehenen, drei Stunden sind eine lange Zeit. Vergrößerung in neuem Fenster

Leonora (Isabelle Kabatu) beschwört Pater Guardian (Andreas Hörl), ihr Asyl zu gewähren.

Ein weiteres Problem: In Köln kommen - anders als am Stadttheater Bern, wo vor einigen Wochen auf der Grundlage des vollständigen Aufführungsmaterials von Philipp Gossett tatsächlich die Petersburger "Urfassung" Premiere hatte, exklusiv für den deutschsprachigen Raum; in San Francisco hatte man sich Ende 2005 dann doch für die Mailänder Version entschieden - nur ein gegenüber der berühmten, beliebten sinfonischen Ouvertüre deutlich kürzeres und schwächeres Preludio sowie der drastische Schluss aus der Petersburger Fassung zur Aufführung (Verdi hatte das Werk 1862 für die russische Metropole geschrieben), in dem Alvaro sich vor den Augen der Mönche in die Tiefe stürzt, anstatt neben der sterbenden Leonora und dem tröstenden Padre sein Schicksal anzunehmen und zu überleben. Für mein Empfinden ist es wie so häufig: Verdi wusste, warum er seine Oper für die Mailänder Premiere im Jahre 1869 überarbeitet hat, warum er am Ende statt dumpfer Schläge entschwebende pianissimi geteilter Violinen wollte. Die Verantwortlichen dieser "Kölner Fassung" wussten offenbar nicht recht, was sie wollten.

Vergrößerung in neuem Fenster Preziosilla (Dalia Schaechter, links) und Mastro Trabuco (Johannes Preißinger, rechts) betreiben ein gut gehendes Bordell (Chor und Extrachor der Oper Köln).

Auch mit der Besetzung wurde ich größtenteils nicht glücklich: Isabelle Kabatu gab sich mir am Premierenabend zu selbstverliebt dem Klang der eigenen Stimme, ihren Piani und anderer arg kalkuliert wirkender Manierismen hin, sie konzentrierte sich für meinen Geschmack zu sehr darauf, den Klang der großen Leontyne Price zu kopieren (Imitation führt meistens zur Vergröberung der schwächeren Momente, ohne die Größe der starken zu erreichen, so auch hier), oder sonstwie die Aufmerksamkeit auf sich und einen Sopran zu ziehen, der an sich durchaus üppig und kraftvoll klang, aber auch ziemlich weit ausschwang und in der Höhe erheblick flackerte - für mein Empfinden ein Beispiel für das Phänomen, eine lyrische Stimme (vor allem in der Mittellage) größer zu machen und dramatisch klingen zu lassen. Töne über dem System klangen nicht nur in der Pace-Arie wenig fokussiert und wiesen ein unattraktives Klirren auf, das Anschleifen derselben wurde einzelnen Zuschauern offenbar gegen Ende ebenso zu viel wie das leere Primadonnengehabe und war ihnen Grund genug für Buhs. Insgesamt blieb mir ihre Interpretation einfach zu pauschal und ließ keine wirkliche Auseinandersetzung mit dem gesungenen Wort erkennen, und auch in schauspielerischer Hinsicht beschränkte sie sich auf das absolut Notwendige.

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Fra Meltione (Günter von Kannen, vorn) ist einmal mehr entsetzt über den maroden Zustand der Welt (hinten: Andreas Hörl als Pater Guardian).

Dass Ray M. Wade jr. mit dem Alvaro überfordert sein würde, nachdem er bisher vor allem mit Mozart- und Rossini-Rollen hervorgetreten war, war zu erwarten gewesen und lässt einen den Kopf schütteln über so viel Ignoranz (sei es einer skrupellosen Intendanz, eines unverantwortlichen Managements oder fehlgeleiteter Ambitionen des Künstlers selbst) - diese Rolle ist eine der dramatischsten im Oeuvre Verdis überhaupt. Sicher gab es da etwa in der Arie einige schöne lyrische Momente, aber unter Fortedruck verlor die helle Stimme erheblich an Farbe, heisere Nebengeräusche im Passaggio fielen auf, hohe Töne wurden nur mit erheblichem Aufwand erreicht und gehalten und erinnerten nicht selten an Schreie, tiefe gerieten flach - kein Wunder, dass da keine Zeit war für feinere Nuancen und eine Beschäftigung mit dem italienischen Text. Und auch das muss gesagt werden: Auf Grund seines immensen Gewichts waren die darstellerischen Möglichkeiten des jungen Sängers über ein tolerables Maß hinaus beschränkt.

Vergrößerung in neuem Fenster Don Carlos (Bruno Caproni, Mitte) kann an nichts anderes mehr denken als an Rache und wird selber immer wieder Opfer der anderen Soldaten (Chor und Extrachor der Oper Köln).

Bruno Capronis Bariton ist hörbar reifer geworden in den letzten Jahren und hat ein wenig an Glanz eingebüßt, aber glücklicherweise haben sich seine expressiven Mittel auch erheblich entwickelt, und anders als die Mehrheit seiner Kollegen wußte er aus dem Text Funken zu schlagen, nutzte die gesamte dynamische Skala. Trotz der lustlosen, trägen Begleitung fegte er mit unerhörter Verve durch die Cabaletta, beeindruckte mit gewagten Interpolationen und konnte sich dementsprechend über manchen Bravoruf freuen. Barsch und derb dröhnte dagegen die Mittellage des behäbigen, tiefen Mezzos von Dalia Schaechter, und die Intonationstrübungen in der Höhe waren ebenso skandalös wie die Mogelei bei Koloraturen und Spitzentönen, von denen manche glücklicherweise in den Chor- und Orchesterfluten untergingen, die rechtzeitig einsetzten. Manchen mag der Regiefirlefanz um ihre Figur von den musikalischen Unzulänglichkeiten abgelenkt haben, den Rezensenten nicht. Andreas Hörl ließ sich vor der Vorstellung ansagen - während der Endproben war eine Grippewelle durchs Haus gezogen -, aber ich habe nicht den Eindruck, dass seine sehr gerade, "deutsche" Stimme bei besserer Disposition wirklich mehr Gewicht und Autorität besitzt und der Interpret eindringlicher ist. Die Meinungen gingen auseinander über die Leistung von Günter von Kannen als Fra Melitone: Einerseits war er der einzige wirkliche „Typ“ auf der Bühne, ein zupackender, beherzter Sängerdarsteller eben, der auch in einer schwachen Inszenierung nicht untergeht wie die Mehrzahl seiner Kollegen, andererseits lag ihm die Partie hörbar zu hoch und geriet mancher Ton so daneben, dass man sich fragt, ob sich nicht geeignete, weniger exponierte Partien für diesen verdienten Künstler finden lassen. Johannes Preißinger überzeugte als Mastro Trabuco auch eher durch szenische Präsenz als mit stimmlichen Qualitäten, Dieter Schweikart sang den Marchese di Calatrava mit reifem Ton und großer Sorgfalt, Francisco Vergaras Mittel sind inzwischen auch für kleinere Rollen wie den Alcalde zu brüchig, Timm de Jong assistierte als Chirurgo, Machiko Obata als Curra. Im Wesentlichen gut vorbereitet und leistungsstark präsentierte sich die Chöre des Kölner Hauses (Einstudierung: Andrew Ollivant). Enrico Dovico mangelte es mindestens phasenweise an der gebotenen Autorität gegenüber dem Bühnenpersonal, das sich durchaus eigene Tempi erlaubte, und wie der Regie an einem schlüssigen Gesamtkonzept und Persönlichkeit, um am Pult des Gürzenich-Orchesters über eine sehr allgemeine, pauschale Interpretation hinauszukommen.


FAZIT

Der Negativtrend der Kölner Oper setzt sich mit dieser wenig sehenswerten und auch nur bedingt hörenswerten Verdi-Produktion bedauerlicherweise fort.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Enrico Dovico

Inszenierung
Christian Schuller

Bühne und Kostüme
Jens Kilian

Chor
Andrew Ollivant

Licht
Guido Petzold

Dramaturgie
Christoph Schwandt



Chor und Extrachor
der Oper Köln

Statisterie
der Bühnen Köln

Gürzenich-Orchester Köln


Solisten

Marchese di Calatrava
Dieter Schweikart

Leonora di Vargas
Isabelle Kabatu

Don Carlo di Vargas
Bruno Caproni

Alvaro
Ray M. Wade jr.

Padre Guardiano
Andreas Hörl

Fra Melitone
Günter von Kannen

Preziosilla
Dalia Schaechter

Mastro Trabuco
Johannes Preißinger

Alcalde
Francisco Vergara

Chirurgo
Timm de Jong

Curra
Machiko Obata



Weitere
Informationen

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Bühnen Köln
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