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Falstaff

Commedia Lirica in drei Akten
Libretto von Arrigo Boito
nach William Shakespeares The Merry Wives of Windsor und King Henry IV
Musik von Giuseppe Verdi

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln


Aufführungsdauer: ca. 2h 40' (eine Pause)


Premiere im Theater Hagen am 17. Juni 2006
(rezensierte Aufführung: 19. Juni 2006)

Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Unter Sportsfreunden

Von Stefan Schmöe / Fotos von Stefan Kühle

Die Damen spielen Tennis, die Herren Golf – in der vornehmen Gesellschaft von Windsor amüsiert man sich sportlich, und die eine oder andere Affäre quasi unter Freunden gehört wohl dazu. So flirtet Ford (was im Libretto eigentlich nicht vorgesehen ist) zwischen seinen Eifersuchtstiraden heftig mit Meg Page, der besten Freundin seiner Gattin Alice. Amouröse Abenteuer solcher Art sind natürlich zeitlos. Mit leichter Hand inszeniert Rainer Friedemann den Falstaff als unterhaltsames Verwirrspiel, das in unseren Tagen ebenso passiert wie im beginnenden 15. Jahrhundert Heinrichs IV. Dabei wird der Stoff keineswegs konsequent ins 21. Jahrhundert verpflanzt, sondern Friedemann und Ausstatter Walter Perdacher zeigen gerade so viel zeitgemäße Accessoires wie erforderlich, um am Puls der Zeit zu bleiben und dennoch eine Geschichte ganz im Sinne Shakespeares und Verdis zu erzählen. Im Ergebnis ist das vielleicht eine Spur zu harmlos, aber recht vergnüglich.

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Nachhilfeunterricht in Liebesdingen, theoretischer Teil: Falstaff (Gary Simpson) belhrt Ford (Frank Dolphin Wong)

Der abstrakte Bühnenraum ist in stilvollem toskanischem Rot gehalten und betont das spielerische Moment – um Naturalismus geht es dem Regieteam nicht. Mit ein paar Möbeln – Umkleidebank in der Kabine des Sportplatzes, elegantes Mobiliar für die Fords, ein paar Sperrmüllfunde als Strandgut für Falstaff – ist schnell und wirkungsvoll das jeweils passende Ambiente dargestellt. Auch die recht konventionelle, aber sorgfältige Personenregie ist stimmig. Überzeugend ist die Spannung zwischen Ford und seinem unerwünschten Schwiegersohn Fenton dargestellt: Letzterer gehört nämlich nicht zu Fords sozialer Schicht, sondern ist bestenfalls der Greenkeeper des Golfplatzes, also eine vermeintlich schlechte Partie für Töchterchen Nanetta. Am Schlussbild allerdings scheitert Friedemann (wie fast jeder Regisseur); die Maskerade im nächtlichen Wald (mit Anklängen an Klu-Klux-Klan-Rituale) ist reichlich albern geraten. Einen Theatercoup verschenkt Friedemann allerdings kläglich: Falstaffs Sturz aus der Wäschetruhe in die Themse – dazu ist Friedemann rein gar nichts eingefallen.

Vergrößerung in neuem Fenster Revereeee-he-hen-za: Formvollendet, wenn auch nicht ohne musikalische Ironie, läuft das Treffen zwischen Mrs. Quickly (Liane Keegan) und Falstaff (Gary Simpson) ab.

Dem Klamauk sollte der dicke Ritter von der tragikomischen Gestalt wohl auch nicht geopfert werden. Falstaff ist in dieser Inszenierung ein eleganter Gentleman, trotz Bäuchlein einer, mit dem man sich sehen lassen kann. Gary Simpson, als Gast für diese Produktion engagiert, singt und spielt mit großer Souveränität. Mit sonorer, raumfüllender Stimme, aber auch der notwendigen Beweglichkeit für Verdis Parlando-Ton gibt er den gutmütigen Kumpel, der aufgrund seiner Lebenserfahrung so leicht nicht aus der Ruhe zu bringen ist. In der hier besprochenen zweiten Aufführung blieb er allerdings zunächst im Ausdruck recht neutral, gewinnt der Figur erst in der zweiten Hälfte schärfere Konturen ab. Angesichts seines stimmlichen Potentials könnte er sicher noch mehr aus der Rolle machen.

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Gehörnt: Falstaff (Gary Simpson) trifft sich mit Alice (Dagmar Hesse) zum Rendezvous im nächtlichen Park.

Stark sind die von Falstaff umworbenen Damen besetzt: Insbesondere Dagmar Hesse trumpft als Alice mit einem stimmlichen Furor auf, der schon musikalisch deutlich macht, wer hier das Sagen hat. Mühelos kann sie von großen Kantilenen auf kleine und feine Nuancen in den Ensembles umschalten und gleichzeitig ebenso sportlich wie elegant auf der Bühne herumwirbeln. Überzeugend auch Marilyn Bennett als Meg Page, zurückhaltender gesungen und gespielt, was die Hierarchie in der Damenwelt sehr gut deutlich macht. Schwächer schneidet das junge Liebespaar ab. Nanetta ist mit Tanja Schun, mehr Soubrette als lyrischer Sopran, zu leicht besetzt; zwar kämpft sich die Sängerin tapfer durch die Partie, aber die Stimme trägt in den lyrischen Kantilenen nicht ausreichend. Der sehr junge Tenor Jeffrey Krueger ist mit dem Fenton noch überfordert. Zwar hat er die Höhe, aber die Stimme klingt angestrengt und eng. Beide Sänger besitzen viel Potential (und gerade das Hagener Ensemble ist ein gutes Beispiel für erfolgreiche „Nachwuchsarbeit“), aber dieser Falstaff kommt zu früh.

Vergrößerung in neuem Fenster Tutti gabbati: Am Ende haben sich (fast) alle zum Narren gemacht - Nannetta (hier:Stefania Dovhan, die in der Premiere sang) und Fenton (Jeffery Krueger, m.) haben dabei immerhin geheiratet.

Wegen Erkrankungen mussten an diesem Abend kurzfristig zwei Rollen mit auswärtigen "Einspringern" besetzt werden: An Stelle von Liane Keegan sang Elisabeth Hornung die Mrs. Quickley mit großer Stimme, einer Spur zu übertriebener Ironie und einem spielerischem Einfühlungsvermögen, als habe sie alle Proben von Beginn an mitgemacht. Auch Dorin Mara (der den erkrankten Frank Dolphin Wong vertrat) fügt sich mit klarem und präzise geführtem, tragfähigem Bariton als Ford bestens in das Ensemble ein. Richard van Gemert (Bardolfo) und Andrey Valiguras (Pistola) singen ein solides Dienerpaar, Jürgen Dittebrand bleibt als Dr. Cajus ziemlich blass.

Präzise und federnd spielt das Philharmonische Orchester Hagen unter der Leitung von Chefdirigent Antony Hermus. Sehr flexibel und immer präsent passt sich das Orchester den Sängern an. Einige Ungenauigkeiten gab es (wie in so vielen Aufführungen) in den diffizilen Ensembles vor allem im zweiten Bild, aber alles in allem bietet das Theater Hagen einmal mehr eine geschlossene Ensembleleistung, die sich über die Stadtgrenzen hinaus hören lassen kann.


FAZIT

Gelungenes Saisonfinale: Ein unbeschwerter Falstaff für schöne Sommerabende.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Antony Hermus

Regie
Rainer Friedemann

Ausstattung
Walter Perdacher

Choreinstudierung
Uwe Münch

Dramaturgie
Christian Wildhagen

Opernchor
des Theater Hagen

Philharmonisches Orchester Hagen


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Sir John Falstaff
Gary Simpson

Bardolfo
Richard van Gemert

Pistola
Andrey Valiguras

Ford
Frank Dolphin Wong /
* Dorin Mara a. G.

Alice Ford
Dagmar Hesse

Nannetta
Stefanie Dovhan /
* Tanja Schun

Miss Quickly
Liane Keegan /
* Elisabeth Hornung a.G.

Meg Page
Marylin Bennett

Fenton
Jeffery Krueger

Dr. Cajus
Jürgen Dittebrand

Wirt
Johann de Bruin /
* Egidijus Urbonas

Page / Ned
Wolfgang Niggel

Page / Will
Dirk Achille

Isaak
Tae-Hoon Jung

Tom
Johan de Bruin


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen (Homepage)




Da capo al Fine

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