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Mehr als ordentlich
Von Thomas Tillmann
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Fotos von Stefan Kühle Als ich das Theater Hagen an diesem Januarabend verließ, glaubte ich meinen Ohren nicht zu trauen, als eine ältere Dame zu ihrer Begleiterin sagte, die letzte Strauß-Operette habe ihr besser gefallen, es sei auch nicht so viel und so laut gesungen worden, und die Kostüme und das Bühnenbild seien auch bunter und schöner gewesen ...
Chrysothemis (Dagmar Hesse) hebt das Beil
Unter dem Eindruck dieser Momentaufnahme frage ich mich, ob sich die massiven Buhrufe nach der Premiere von Elektra vielleicht gar nicht gegen Rainer Friedemanns am Ende durchaus diskutable Deutung des Stoffes richteten, sondern einige Berufene gegen einen Abend und ein (an der Volme überhaupt erst 1927 zuerst aufgeführtes, zuletzt 1981 gezeigtes) Werk protestierten, dass auf manchen immer noch sehr modern und verstörend wirkt, vor allem wenn man eigentlich nur eine abendliche Unterhaltung vor dem Steakhouse-Besuch gesucht hatte (nicht wenige Hagener scheinen übrigens den Umweg nicht gemacht zu haben, es waren doch einige Plätze im Parkett frei).
Die herrische Mutter Klytämnestra (Liane Keegan)
"Blut ... fordert neues Blut, und Tod will Tod. Und Schuld zwingt Schuld herbei. Alter Mord, neuer Mord, niemals ein Ende." Dieses Zitat aus Aischylos' Orestie scheint den Hausherren inspiriert zu haben, dem Zuschauer ein positiveres Ende zu verweigern: Orest läuft nach der Ermordung seiner Mutter und ihres Buhlen Amok und tötet Elektra, große Teile des Hofstaats und schließlich sich selber, nur Chrysothemis und der Junge Diener überleben, aber ob sie nach diesen Vorfällen eine Zukunft haben, wagt man doch zu bezweifeln. Bereits zu Beginn sickert das Blut durch den Rost des Metalls, unerklärlich und immer wieder, vergeblich müht sich eine Angestellte, es zu entfernen (ihr Pfeifen vor dem ersten Akkord des Orchesters gehört freilich in die Kategorie Mätzchen, von denen es erfreulich wenige gab an diesem bemerkenswerten Abend). Mit sicherer Hand und ohne Exzesse erzählt Friedemann die bekannte Geschichte in einem unwirtlichen Heldengedenkraum von Walter Perdacher (mit abgesperrtem Agamemnon-Sarkophag und einem steinernen Heldenkranz um das in die Wand eingelassene Initial des Atriden), der nicht unbeabsichtigt an die megalomane Architektur des Dritten Reiches und den "Pharaonenkomplex ehrgeiziger Diktatoren" denken lässt, "die der Hinfälligkeit der nur in ihrer Person begründeten Herrschaft durch gewaltige Bauten zu begegnen trachten" (Joachim Fest). Der nach hinten ansteigende Boden ist geborsten und in zwei Teile geteilt: Links ist der Herrschaftsbereich Klytämnestras, dort wird später auch der Thron stehen, rechts ist Elektras mit Kleidungsstücken bedeckter Mauerwinkel (eine Idee, die sich mir nicht mitteilte), in dem sie mit Puppen die bisherigen Tragödien reinszeniert und sich in entscheidenden Momenten in den Mantel ihres Vaters hüllt (eine Idee, die man inzwischen zu oft gesehen hat).
Das Ende naht:
Eine gute Elektra-Produktion steht und fällt mit der Besetzung der Hauptrollen. Beim Lesen der künstlerischen Biografie von Ruth Emileani, die man als Gast für die Titelpartie engagiert hatte, schüttelt man gleich mehrfach den Kopf: Bereits während des Studiums sang die aus Moskau stammende Mezzosopranistin (!) Erda, Waltraute, Fricka, Klytämnestra und Ariadne (!), ermuntert von der großen Christa Ludwig, die ihr empfahl, Partien von Wagner und Strauss einzustudieren. In ihrer Repertoireliste tauchen aber auch Verdis Ulrica, dann wieder Tschaikowskis Lisa und Schostakowitschs Katharina Ismailowa auf, im März 2005 sang sie Olga in Eugen Onegin und Eboli in Bonn und Weimar, schließlich Erda (!) im Dortmunder Rheingold, nachdem sie noch im Herbst 2003 bei der deutschen Erstaufführung von Rossinis Frühwerken für Koloraturalt auftrat (im Juni 2005 errang sie den Hauptpreis beim »Giulietta Simionato«-Wettbewerb unter dem Patronat von Luigi Alva in Italien!), was einen doch rätseln lässt, ob man es hier wirklich mit einem Ausnahmetalent oder mit einer irregeleiteten Künstlerin mit existentiellen finanziellen Problemen zu tun hat. Hörbar war an diesem Abend, dass die Elektra eine Nummer zu groß für sie ist und sie diese Mörderpartie keinesfalls an einem größeren Haus singen darf. Die lyrischen Passagen des Auftrittsmonologs und der Orestszene waren natürlich nicht das Problem, hier hatte sie einige wirklich schöne Momente, und anders als bei manchen prominenten Kolleginnen der Vergangenheit und Gegenwart hat sie alle Töne für die Partie bis in die Extremhöhe, auch wenn die Stimme in dieser Lage eher belegt und farblos klingt und man sich über einige gesprochene Passagen ärgerte. Leider ist die Russin keine sonderlich beeindruckende Darstellerin, und die Regie hat ihr da offenbar nicht viel helfen können oder wollen (auch nicht die viel zu ordentliche, merkwürdig nach Karnevalsfachgeschäft ausschauende Perücke), so dass man sich eigentlich mehr für die jüngere Schwester interessiert, die in Dagmar Hesse mit ihrem auch sehr schlanken, natürlich auch über die aktuellen Grenzen strapazierten, in der Höhe mitunter etwas hart werdenden lyrischen Sopran eine attraktive, furchtlose Interpretin fand und hier einmal nicht ein sympathisches Pummelchen ist, dass man in die Arme schließen möchte, sondern eine arrogant-intrigante, durchaus an der Macht im Hause interessierte Person, die der Schwester das Beil entwendet und diese gern damit beseitigen möchte.
Dramatisches Ende:
Liane Keegans Namen kennt man spätestens seit den Aufführungen des Ring im australischen Adelaide, bei dem sie unter anderem als Erda und Waltraute dabei war; seit der Spielzeit 2005/2006 ist sie festes Ensemble-Mitglied am Theater Hagen und gab hier nun eine absolut souveräne, sehr disziplinierte und vollmundig-kraftvolle Klytämnestra im weißen Kleid mit blutigem Saum, hoch aufgetürmten weißen Haaren, mächtiger Krone und Marlenes (schlecht und billig kopiertem) Schwanenmantel, die wüste Übertreibungen nicht nötig hatte, sondern Expressivität und Präsenz aus dem (Noten-)Text entwickelte. Frank Dolphin Wong war ein jugendlich-attraktiver, durch intensive Körpersprache und kultivierten Schöngesang auffallender Orest, das Hagener Urgestein Jürgen Dittebrand ein versierter Aegisth im Danilo-Outfit, Stefania Dovhan eine gute Wahl für die fünfte Magd, anders als Richard van Gemert, der mit seinem kleinen, unattraktiven Tenor beinahe ein Totalausfall in der ja nicht unwichtigen Partie des Jungen Diener war, was man von den übrigen Mitwirkenden nicht sagen kann, die allesamt glänzend einstudiert waren und hervorragendes Deutsch sangen (und doch findet man auch als Kenner des Werkes beim Mitlesen der - sehr diskret gekürzten - Übertitel immer noch Details, die man vergessen hatte). Antony Hermus hatte die Zügel fest in der Hand bei seiner durchaus hörenswerten, farbig-intensiven, emphatisch, aber nie undisziplinierten und so den Sängern die Sache nicht unnötig schwer machenden Wiedergabe der vom Komponisten erstellten reduzierten Orchesterfassung. FAZITWer Operettenseligkeit erwartet, kommt bei dieser Produktion sicher nicht auf seine Kosten. Wer aber eine szenisch wie musikalisch solide Aufführung des packenden Strauss-Einakters mit echten Höhepunkten erleben möchte, der sollte ins Theater Hagen fahren, das mit Christine Teare eine weitere Besetzung der Titelpartie anzubieten hat, die immerhin an der Welsh National Opera Partien wie Donna Anna, Kaiserin und Amelia und an der Londoner Royal Opera Covent Garden Turandot und kleinere Partien im Ring gesungen hat. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Ausstattung
Dramaturgie
Choreinstudierung
Solisten* Alternativbesetzung
Elektra
* Christiane Teare
Chrysothemis
Klytämnestra
Orest
Aegisth
Vertraute
Schleppträgerin
* Sarahlouise Owens
Junger Diener
Alter Diener
Pfleger des Orest
Andrey Valiguras
Aufseherin
Erste Magd
Zweite Magd
Dritte Magd
Vierte Magd
Fünfte Magd
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