Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Guillaume Tell

Opéra in vier Akten
von Gioacchino Rossini
Text von Victor-Joseph Etienne de Jouy
und Hippolyte Louis Florent Bis

Aufführungsdauer: ca. 3h 15' (eine Pause)

Premiere im Großen Haus des Musiktheaters im Revier Gelsenkirchen
am 23. September 2005


Homepage

Musiktheater im Revier
(Homepage)

Der Rütli liegt in Gelsenkirchen!

Von Thomas Tillmann / Fotos von Rudolf Majer-Finkes


Wenn man ehrlich ist, so muss man zugeben, dass man mit einigen Befürchtungen ins Musiktheater im Revier gekommen war: Gioacchino Rossinis letzte, 1829 in Paris mit größtem Aufwand uraufgeführte Oper Guillaume Tell, die mit Schillers Drama weniger zu tun hat, als die meisten glauben, gilt vielen als szenisch wie musikalisch unaufführbar, nicht zuletzt wegen der Länge der Partitur, der französischen Originalsprache, die an deutschen Bühnen wahrlich nicht gepflegt wird, des personalen Aufwandes, der selbst größere, finanzkräftigere Häuser in Schwierigkeiten bringen würde. Und bei aller Begeisterung für die beispielhafte Spielplangestaltung, den Mut der Verantwortlichen und den auch für Außenstehende spürbaren spirit bei allen Beteiligten: Man hat in Gelsenkirchen auch Abende erlebt, an denen der gute Wille das problematische Resultat nicht ganz aufwiegen konnte.

An diesem Premierenabend war es anders, und das fängt bei der Inszenierung an: Während der langen Ouvertüre gibt Andreas Baesler dem Zuschauer ein bisschen Nachhilfeunterricht, indem er auf dem Vorhang, auf den man Charles Girons Panoramabild Die Wiege der Eidgenossenschaft kopiert hatte, das im Nationalratssaal in Bern hängt, die Handlungsorte markieren und Regieanweisungen einblenden lässt. Und auch im Weiteren bemüht der Hausregisseur des MiR sich, die Handlung klar und kurzweilig auf die Bühne zu bringen, die Befindlichkeiten der Einzelfiguren wie der Kollektive deutlich herauszuarbeiten, ohne dabei aber allzu pädagogisch zu werden.

Vergrößerung in neuem Fenster Vom Unglück der österreichischen Besatzung, unter der die Schweizerinnen und Schweizer (Chor, Extrachor und Statisterie des MiR im Hintergrund) so sehr leiden, lenkt Guillaume Tell (Jee-Hyun Kim) nur sein Sohn Jemmy (Claudia Braun) ab.

Kaspar Zwimpfer hat einen wuchtigen Bühnenraum entworfen, der mich ein wenig an einen Swimmingpool erinnerte, aus dem man das Wasser herausgelassen und ein paar austauschbare Fenster und Türen eingelassen hat und den man über eine Art Feuerleiter betritt oder verlässt - oder auch durch den Gullideckel, durch den Leuthold und Tell zu Beginn entkommen (das Hochschwappen des Wassers danach sorgt für amüsiertes Gelächter im Parkett) und in dem der erschossene Landvogt am Ende verschwindet. Es ist in jedem Fall ein Enge, Abgeschlossenheit und Kälte suggerierender Raum, der nur auf der linken Seite ein wenig Raum bietet für Tellsches Familienidyll mit Blumenkästen vor dem Fenster und Kuckucksuhr in der guten Stube. Darüber tut sich eine mächtige Holzbalkenkonstruktion mit zugehöriger Balustrade auf, die den Besatzern, die auch durch rote Kontrolllampen und altmodische Lautsprecher omnipräsent sind und mit ihren dunklen Brillen wie schwarze Sheriffs in Trachtenuniformen wirken, uneingeschränkten Blick auf das subversive Bergvolk erlaubt, das Gabriele Heimann in grobe, traditionell-ländliche Trachten, Kniebundhosen und Wanderstiefel gesteckt und wie in manchem Heimatfilm aussehen lässt, ohne sich darüber lustig zu machen.

Vergrößerung in neuem Fenster

Mathilde (Regine Hermann, links) ist mit der brutalen Unterdrückungspolitik Geslers (Nicolai Karnolsky, rechts) nicht länger einverstanden: Tell (Jee-Hyun Kim, hinten Mitte) mag er in Ketten legen, aber nicht dessen Sohn.

Ansonsten entwickelt die Regie ein gutes Gespür dafür, wann Naturalismus und Idylle gebrochen werden müssen, um Kitsch zu vermeiden, wann Statuarik mehr Wirkung erzielt als Aktionismus und große Effekte (auch die gibt es, etwa wenn Baesler sehr realistisch die Zerstörungswut der Österreicher zeigt), wann Andeutung ausreicht und drastischere Bilder den Gesamteindruck verflachten (die Exekution Melcthals etwa wird angedeutet, aber nicht gezeigt, und bei dem Tanz während der Hundertjahrfeier der österreichischen Herrschaft werden die Frauen zwar beklemmend gedemütigt und unterworfen, aber eben nicht ausgezogen oder vergewaltigt). Und so gelingen auch pathetische Momente ohne jene Peinlichkeit, die dann die letzten Szenen bestimmen: Über den überflüssigen Einfall, dass die Damen die Feldbettdecken ihrer Männer zusammenfalten und einen Apfel aufs Kopfkissen drücken - letztgenannter war schon zuvor als Symbol für den Schweizer Widerstand gegen die Unterdrückung durch das Haus Habsburg überstrapaziert worden! -, um so ihren Beitrag zum Freiheitskampf zu leisten, hätte man vielleicht hinweggesehen, nicht aber über die Touristen, die mit EU-Fähnchen ins Schlussbild platzen, das rote Konfetti, die hochgezogenen Schweizer Fahnen und die "'s Boot isch voll"-Transparente, die eine holprige Aktualisierung andeuten.

Vergrößerung in neuem Fenster Der junge Melcthal (Christopher Lincoln, Mitte) lässt sich von Walter Furst (Joachim G. Maaß, links) und Tell (Jee-Hyun Kim, rechts) davon überzeugen, für sein Vaterland zu kämpfen.

Eine gute Wahl für die Titelpartie war Jee-Hyun Kim, dessen immer rauer, erhebliche Nebengeräusche aufweisender Stimme die kaum überstandene Sommergrippe nicht anzuhören war. Der Koreaner ist für mich ein Paradebeispiel für das Phänomen eines Sängers, der mit wenig schmeichelhaftem Material dennoch großen künstlerischen Eindruck zu erzielen versteht, zumal er hohe Töne furchtlos attackiert und viel Herzblut investiert, was mitunter zwar etwas veristisch anmutet, den portraitierten Figuren aber viel Charakter verleiht. Vergessen werden dürfen aber auch die zarteren Momente nicht, etwa in den Szenen mit seinem Bühnensohn, in denen der Künstler sich vokal sehr zurückzunehmen weiß, ohne dass sein Gesang an Intensität verlieren würde.

Eine Entdeckung ist zweifellos der australische Tenor Christopher Lincoln, der bereits an Häusern wie der San Francisco Opera, dem Gran Teatro Liceu in Barcelona oder dem Muziektheater in Amsterdam aufgetreten ist und eine Lieder-CD bei Orfeo eingespielt hat. Die gefürchtete Tessitura der Arnold-Partie bereitete ihm keinerlei Schwierigkeiten, die sehr helle, dafür aber bewegliche und biegsame Stimme spricht in der Höhe sehr schnell und völlig unproblematisch an, ihr Besitzer weiß auch um die Wirkung der mezza voce und die voix mixte, kommt aber etwa in dem berühmten Terzett, das seine Wandlung markiert, hörbar an Grenzen, was man angesichts des souverän gesungenen "Asile héréditaire" in Kauf zu nehmen bereit war. Natürlich hat auch Regine Hermann zu wenig Stimme und zu wenig Farben in derselben, um eine wirklich überzeugende Mathilde zu sein, natürlich ist sie nicht eine solche Offenbarung wie Andréa Guiot, die in dem berühmten Pariser Querschnitt so exemplarisch den "Sombre forêt" beschwört, aber sie vermag manches Defizit durch die Seriosität ihres Singens, durch die überzeugende Bewältigung der virtuosen Hürden und ihre engagierte, am Wort orientierte Interpretation aufzuwiegen. Dass Peter Theiler sie auf der Premierenfeier als kräftigen Spinto bezeichnet hat, ist allerdings wohl eher Wunschdenken eines Intendanten, der einen solchen sicher gern in seinem Ensemble hätte und bis dahin eine lyrische Sopranistin, die sich kaum wehren kann, in diesem Fach überstrapaziert.

Vergrößerung in neuem Fenster

Hedwige (Anna Agathonos), Guillaume (Jee-Hyun Kim) und Jemmy Tell (Claudia Braun, von links nach rechts) sind glücklich: Der Landvogt (Nicolai Karnolsky) lebt nicht mehr.

Claudia Braun war mir darstellerisch etwas zu neckisch als Jemmy, steuerte aber einige schöne silbrige Töne und präsente Acuti in den Ensembleszenen bei, Anna Agathonos war eine darstellerisch bemühte Hedwige, bleibt aber leider auch wegen des hörbar zu tiefen Tones in dem wunderbaren Trio mit Jemmy und Mathilde im Gedächtnis (sie sollte an ihrer Höhe arbeiten, die auch dann nicht ganz unwichtig ist, wenn man eine große Begabung für die Koloraturaltpartien Rossinis hat). Nicolai Karnolsky hatte als Gesler ein wenig Pech, weil er häufig in ungünstiger, weit hinten liegender Position zu singen hatte, aber auch in den übrigen Momenten entwickelte er weder szenisch noch musikalisch viel Ausstrahlung und zeigte sich auch stilistisch nicht auf der Höhe der anderen Beteiligten. Sehr anständige Leistungen sind dagegen dem Rest des Ensembles zu bescheinigen, das sich durchweg mit Erfolg um das französische Idiom bemühte (es spricht für das Klima am Haus und das Wissen um die Anforderungen des Genres, dass nach der Vorstellung der Souffleuse ausdrücklich für ihr Sprachcoaching gedankt wird!), namentlich dem jungen Bariton Günter Papendell, der einen anrührenden Leuthold gab, Joachim Gabriel Maaß, der ein würdiger Walter Furst war, aber auch Nyle P. Wolfe als Melcthal und William Saetre als Rodolphe. Das neue Ensemblemitglied Sergio Blazquez sang mit etwas kehligem, aber höhensicheren Tenor zu Beginn durchaus gefühlvoll das Lied des Fischers.

"Nie zuvor hatte es eine Oper gegeben, in der das Volk so unumstritten in den Mittelpunkt des musikalischen und dramatischen Geschehens gerückt ist", schreibt Sigurd Schimpf in einem Beitrag zu der EMI-Aufnahme aus den siebziger Jahren, und auch wenn der erweiterte Gelsenkirchener Opernchor rein personenmäßig nicht erfüllen kann, was man hier eigentlich erwartet, so schlagen sich die Damen und Herren doch tapfer, singen engagiert und mit größerer Sorgfalt als mancher Chor in der Umgebung (Nandor Ronay hat da bei der Einstudierung offenbar ganze Arbeit geleistet).

Samuel Bächli schließlich war der souveräne musikalische Leiter des Abends, der nicht nur die Neue Philharmonie Westfalen zu die meiste Zeit sehr konzentriertem, präzisen, aber auch farbenreich-mitreißenden und hinsichtlich der Lautstärke nie unkontrolliert ausbrechenden Spiel anhielt und dem Bühnenpersonal ein verständnisvoller, jede Unterstützung bietender Begleiter von großer Übersicht war, sondern auch eine akzeptable Strichfassung erstellt hatte, die dem ungeduldigen Zuschauer nicht allzu viel zumutet.


FAZIT

Eine Saisoneröffnung, wie man sie sich überzeugender kaum denken kann. Ein Abend, der der Mehrheit des Publikums insgesamt überzeugend ein weniger bekanntes Meisterwerk ans Herz legt (und man kann nur hoffen, dass die Mundpropaganda und die Berichterstattung dafür sorgen, dass demnächst nicht so viele Plätze frei bleiben wie bei dieser Freitagspremiere!), der eben aber auch musikalisch ein so hohes Niveau hat, das Connaisseurs keine arrogante Milde an den Tag legen müssen und nur den Umstand preisen können, dass sie diese Oper einmal auf einer Bühne gesehen haben.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Samuel Bächli

Inszenierung
Andreas Baesler

Bühne
Kaspar Zwimpfer

Kostüme
Gabriele Heimann

Chor
Nandor Ronay

Dramaturgie
Johann Casimir Eule


Koproduktion mit dem
Nationaltheater Weimar




Chor des Musiktheater
im Revier

Neue Philharmonie
Westfalen


Solisten

Guillaume Tell
Jee-Hyun Kim

Hedwige,
Tells Gattin
Anna Agathonos

Jemmy,
Tells Sohn
Claudia Braun

Arnold Melcthal
Christopher Lincoln

Melchthal,
sein Vater
Nyle P. Wolfe

Mathilde,
Prinzessin aus dem Hause
Habsburg, zur Regierung der
Schweiz bestimmt

Regine Hermann

Gesler,
Landvogt der Kantone
Schwyz und Uri

Nicolai Karnolsky

Rodolphe,
Anführer der Soldaten
William Saetre

Walter Furst
Joachim G. Maaß

Leuthold,
Hirte
Günter Papendell

Ruodi,
Fischer
Sergio Blazquez

Seine Braut
Tabea Kranefoed

Jäger
Jerzy Kwika /
* Kwang-Woo Park

* Alternativbesetzung






Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Musiktheater im Revier
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2005 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -