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Orlando
Opera seria in drei Akten
von Georg Friedrich Händel
nach einem Libretto von Carlo Sigismondo Capece


In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h (eine Pause)

Premiere der Konzertanten Aufführung
im Aalto-Theater Essen am 15. Oktober 2005


Logo:  Theater Essen

Theater Essen
(Homepage)
„Verrückter Knabe! Wieder Gewalt?“

Von Gerhard Menzel / Fotos von Bettina Stöß


Nein, hier geht es nicht um die unbesonnenen Taten des Parsifal, die von Gurnemanz harsch gerügt werden, sondern um ein Konglomerat aus Mittelalterstoff, Barockvertonung und Gegenwartsthriller. Nachdem Regisseur Tilman Knabe mit seinen Machwerken in Gelsenkirchen (Nabucco) und Essen (Salome) kläglich gescheitert war, brachte er in seiner zweiten Produktion in Essen einen Orlando auf die Bühne des Aalto-Theaters, die endlich einmal zu Diskussion und ernsthafter Auseinandersetzung taugt.

Szenenfoto Zoroastro demonstriert Angelica Macht und Reichtum.
(Anke Herrmann und Diogenes Randes)

Wenn man einmal von der nervtötenden Primitivität absieht, die Tilman Knabe in seine Inszenierungen einbringt, gelingt ihm in diesem Orlando eine ganz gezielte Konzentration auf ein zentrales Thema des Stückes, den Wahnsinn. In diesem Fall die spezielle Form des Wahnsinns, die in seinen brutalen und rücksichtslosen Auswüchsen im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht. Leider verfügt Tilman Knabe anscheinend nicht über die intellektuellen und handwerklichen Mittel, um aus seinem durchaus stimmigen Konzept, ein mitreißendes und den Atem stocken lassendes Drama zu gestalten.

Die vorgenommene Versetzung des heute nur noch wenig bekannten Orlando-Stoffes in die Gegenwart ist an sich schlüssig und trifft auch in der neu gestalteten Charakterisierung der - durch stumme Rollen ergänzten - Figuren durchaus den Kern der Geschichte. Doch immer wieder steht sich Tilman Knabe mit seinem oberflächlichen Gehabe selbst im Weg und zerstört unmittelbar das, was er soeben aufgebaut hat.

Szenenfoto

„Werbefilm ab!“
Zoroastro führt Orlando in einer
Endlosschleife dessen erfolgreiches Berufsleben
vor Augen, bevor er aus Liebe zu Angelica alles aufgab.
Ann Hallenberg (Orlando)

Klangbeispiel Klangbeispiel: Ann Hallenberg (Orlando)
„Cielo! Se tu il consenti“ (II,3)
(MP3-Datei)


Dies passt aber so gar nicht zu dem von Alfred Peter geschaffenen, äußerst praktikablen und wandlungsfähigen Bühnenbild, der oberen Chefetage eines großen Konzerns, der über genügend finanzielle und technisch-visuelle Kapazitäten verfügt. In so „hochgestellten“ Verhältnissen - immerhin erscheint auch der Chef des Hauses (Stefan Soltesz) in den Filmsequenzen - ist es nicht einmal in Extremsituationen üblich oder vorstellbar, dass dort beim Zusammentreffen von emotional zugeneigten Personen immer sofort die Hosen herunter gelassen werden und man sich gegenseitig unter beiseitelassen aller menschlichen Regulierungsinstanzen in derartiger Weise an die Wäsche geht und übereinander herfällt.

Szenenfoto Das Liebespaar Angelica und Medoro in action.
(Anke Herrmann und Bea Robein)

Auch wenn sich (fast) alle Geschehnisse irgendwie aus dem Text herauslesen lassen - Wahnsinn, Mord, Selbstmord, Verwüstung etc. werden explizit ausgesprochen - führte diese Art der Darstellung nach anfänglicher Befremdung beim Publikum schnell zur Belustigung und wirkte so äußerst kontraproduktiv.

Szenenfoto

Dorinda muss erkennen, dass sie Medoro
endgültig an Angelica verloren hat.
(Christina Clark, Anke Herrmann und Bea Robein)

Scheinbar bedingungslos ließen sich alle fünf Protagonisten auf dieses oft bizarre Spiel ein. Gabriele Rupprecht hatte zu diesem Machtspiel der Gefühle Kostüme und Masken entworfen, die wirklich filmreif waren. Alleine der künstliche, mit Fettfalten bestückte Bauch und die behaarte Brust, die für Ann Hallenberg als Orlando angefertigt wurde, war ein Meisterwerk der plastischen Maskenbildnerei (die holländische Herstellerfirma bekam übrigens einen „Masken-Oskar“ für den Film „Herr der Ringe“). Auch von nahem betrachtet waren die Gesichter der beiden „Hosenrollen“ so männlich gestaltetet, dass die Personenkonstellationen jederzeit glaubwürdig erschienen.

Szenenfoto Spiegelszene a la Die Marx Brothers im Krieg (Duck Soup)
Orlando liebt Angelica bis zum Wahnsinn.
Inzwischen weiß er nicht mehr,
ob er Männchen oder Weibchen ist.
(Ann Hallenberg)

Dass Händels Musik bei dieser szenischen Übermacht nicht vollständig ins Hintertreffen geriet, ist Alessandro De Marchi zu verdanken, der mit Orlando erstmals eine Produktion in Essen übernommen hatte. Als gefragter Spezialist für Alte Musik arbeitet er jedoch nicht nur mit Spezialensembles zusammen, sondern führt barocke Opern auch immer wieder erfolgreich mit „normalen“ Opernochestern auf. In Essen stand ihm - dem Ausmaß des Hauses entsprechend - ein relativ großes „Händel-Orchester“ zur Verfügung. Weniger Purist als Pragmatiker, brachte er die Partitur Händels in farbenreicher Gestaltung zum swingen. Manchmal etwas zu forsch (wie im Terzett am Ende des 1. Aktes), musizierten die Mitglieder der Essener Philharmoniker zusammen mit ausgewählten Alte-Musik-Spezialisten (im Continuo) mit viel Engagement und erfreulich viel Einfühlungsvermögen.

Szenenfoto

Vorher - Der Traum:
Dorinda in ihrem „Paradies“
(Christina Clark)

Klangbeispiel Klangbeispiel: Christina Clark (Dorinda)
„Amor è qual vento“ (III,5)
(MP3-Datei)


Immer dann, wenn sich die Regie zurücknahm, konnte sich die Musik besonders intensiv entfalten. Begleitet von Vogelgezwitscher und Solovioline (auf der Bühne platziert) gehörte Dorindas Arie „Amor è qual vento“ (III,5) - entzückend gespielt und gesungen von Christina Clark - genauso zu den Höhepunkten des Abends, wie Orlandos Arie „Già l'ebromio ciglio“ (III,8), begleitet vom aparten Klang zweier Viola d'amore und Violoncello-Pizzikato (ebenfalls auf der Bühne). Die Zusammenarbeit zwischen Regie und musikalischer Leitung schien bei dieser Produktion auf jeden Fall Hand in Hand zu gehen.

Szenenfoto Nachher - Die Realität
Orlando im vernichteten „Paradies“
(Ann Hallenberg)

Wie es für Händels Oper Orlando unbedingt notwendig ist, war die Titelpartie mit Ann Hallenberg entsprechend stark besetzt. Nicht nur ihre - schon erwähnte - außergewöhnliche äußere Erscheinung stimmte mir der Konzeption der Inszenierung überein, sondern auch ihr agiles und intensives Spiel und ihre ungeheuere Bühnenpräsenz. Was sie dazu noch an musikalischer Substanz und Ausdruckskraft einbrachte, war schier überwältigend. Ihr nahm man den bis zum Äußersten gehenden, wahnsinnig gewordenen „Verliebten“ wirklich ab.

Überhaupt muss dem fünfköpfigen Ensemble konstatiert werden, dass es bereit war, den oft überzogenen - und dadurch manchmal unfreiwillig komisch oder gar peinlich wirkenden - Aktionismus des Regisseurs engagiert umzusetzen. Dabei gab nicht nur Ann Hallenberg ihr Rollendebüt als Orlando, sondern auch für Anke Herrmann war die Partie der Angelica ein Debüt. Sie wirkte stimmlich zwar etwas angestrengter als z.B in Händels Deidamia in Halle, aber sie war trotzdem eine echte Partnerin, bzw. Gegenspielerin Orlandos.

Szenenfoto

„Ende gut, alles gut“ (?)
Nachdem alle Altlasten beseitigt sind,
feiert man den mit Mühen erwirkten Neuanfang.
(Ann Hallenberg, Christina Clark, Diogenes Randes,
Bea Robein und Anke Herrmann)

Neben Christina Clark waren mit Diogenes Randes (Zoroastro) und der neu ans Aalto-Theater engagierten Bea Robein (Medoro) noch zwei weitere Ensemblemitglieder mit an dieser Produktion beteiligt. Dafür, dass alle drei ein so weitgefächertes Repertoire bewältigen müssen, behaupteten sie sich gegen die Alte-Musik-Spezialisten mit Bravour und sicherten damit eine musikalisch wie darstellerisch hochkarätige Interpretation.


FAZIT

"Hard-core" Händel, der leider oft durch Primitivität viel an seiner Qualität und Überzeugungskraft einbüßt. Mit einigen Korrekturen könnte diese Produktion dagegen auch bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe und Halle reüssieren, bei denen in letzter Zeit die Operninszenierungen sehr viel an Niveau vermissen ließen.
Das Publikum überschüttete die Musiker jedenfalls mit Bravos, das Regieteam mit Buhs.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Alessandro De Marchi

Inszenierung
Tilman Knabe

Bühne
Alfred Peter

Kostüme
Gabriele Rupprecht



Statisterie des
Aalto-Theaters

Essener Philharmoniker



Solisten

Orlando
Ann Hallenberg

Angelica
Anke Herrmann

Medoro
Bea Robein

Dorinda
Christina Clark

Zoroastro
Diogenes Randes






Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Essen
(Homepage)

Alessandro De Marchi
als Dirigent von
Deidamia in Halle und
Ulisse in Stuttgart

Ann Hallenberg
Händels
Hercules in Halle



Da capo al Fine

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