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Nos (Die Nase)

Oper in sechzehn Nummern von Dmitri Schostakowitsch
Libretto von Georgi Jonin, Arkadi Preiss, Jewgeni Samjatin und Dmitri Schostakowitsch
nach der gleichnamigen Novelle von Nikolaj Gogol
Deutsche Fassung von Wolfgang Willaschek, Johannes Schaaf und Oleg Caetani

in deutscher Sprache mit Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 45' Stunden (ohne Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 4. Juni 2006
(Rezensierte Aufführung: 16. Juni 2006)


Logo:  Theater Essen

Theater Essen
(Homepage)
Wenn die Nase läuft ...

Von Stefan Schmöe / Fotos von Karl Forster

Ein Mann erwacht eines Morgens ohne Nase. Das Riechorgan hat sich verselbstständigt, wandert in der Uniform eines (höher gestellten) Milittärs durch St. Petersburg, wird am Flughafen beim Ausreiseversuch verhaftet und landet letztendlich wieder an ihrem angestammten Platz. Die Novelle, die der Oper zugrunde liegt, stammt von Nikolaj Gogol und aus dem Jahr 1836; und Schostakowitsch hat daran wohl der surreale und collagenhafte Charakter fasziniert, der wie für die ästhetische Umbruchzeit der 20er-Jahre geschaffen war. Es ging ihm nicht darum, die Geschichte musikalisch noch einmal grotesk zu überzeichnen; vielmehr schafft die an vielen Stellen „seriöse“ Musik den Kontrast, der die Farce zur Tragikomödie macht - trotzdem wirbelt der Komponist oft genug alles durcheinander. Der Verlust der Nase bedeutet auch den Verlust der Potenz, sexuell wie innerhalb der sozialen Hierarchien. Der verstümmelte Kowaljoff erlebt den Verlust als furchtbaren, unverschuldeten Abstieg. Gogol und Schostakowitsch sind aber weit entfernt, eine Lehre daraus ziehen zu lassen: Kowaljoff ist nicht lernfähig. Kaum hat er seine Nase wieder, tritt er mit unvergleichlicher Arroganz auf. Auch in diesem zynischen Schluss liegt eine Absage an die klassische Oper.

Vergrößerung in neuem Fenster Die Nase läuft (in Petersburg herum), und auch der Arzt weiß keinen Rat: Marcel Rosca (Arzt, l.) und Wolfgang Koch (Platon Kusmitsch Kowaljoff)

Regisseur Johannes Schaaf hat 2004 in Essen Bergs Wozzeck inszeniert (unsere Rezension), ebenfalls ein Werk, dass auf einer älteren literarischen Vorlage (zeitgleich zu Gogol entstanden), dem Schauspielfragment Georg Büchners, basiert und ebenfalls aus vielen Einzelszenen zusammengesetzt ist. Auch kann man in beiden Werken die Hilflosigkeit des (unterrangigen) Individuums in einem starren System als Kernmoment ausmachen. Schaaf und Bühnenbildner Hans Dieter Schaal verzahnen beide Opern, indem sie ein vergleichbares Grundmodell vorgeben: Überdimensionale, streng geometrische Figuren als zentrale Elemente einerseits (in der Nase sind das „Wand“, „Keil“ und „Bogen“, die auch im Programmheft leitmotivisch jeder Szene zugeordnet sind – bei Wozzeck waren es „Wand“, „Haus“ – in der Nase quasi recycelt – und „Rad“), winzige Wohnräume am Bühnenrand als Rückzugsrefugium des Individuums andererseits (Maries Zimmer im Wozzeck hatte auch diese Gestalt).

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Turbulenzen: (v. l. n. r.) Francisca Devos (Brezelverkäuferin), Viktor Sawaley (Wachtmeister der Polizei) und Robert Wörle (Nase in Gestalt eines Staatsrates)

Überzeugende Argumente für diese Verschränkung liefert die Inszenierung der Nase aber im Weiteren aber nicht. Wurden die Hauptfiguren in Wozzeck von den abstrakt geometrischen Elementen geradezu überrollt (das „Rad“ als „Schicksalsrad“), so bleiben die Formen in der Nase weitgehend belanglos, sogar fast unkenntlich, könnte man nicht im Programmheft nachlesen. Der „Bogen“ ist zwar beherrschendes Bühnenelement im Hintergrund (in vielen Szenen schieben sich andere Dinge davor), entwickelt aber kaum Suggestivkraft. Man mag darin eine überdimensionierte Stadtarchitektur sehen (das stalinistische Moskau liegt da näher als das zaristische Petersburg); aber diese Anordnung erschwert es zusätzlich, die ohnehin sehr großen Bühne des Aalto-Theaters wirkungsvoll zu füllen. Gerade die Massenszenen wirken recht unmotiviert; ein Dutzend Tischtennisspieler beim Zwischenspiel vermitteln mehr den Eindruck eines planlosen Aktionismus' denn durchdachter Regie, und das allgegenwärtige Balalaika-Ensemble „Wolga-Virtuosen“ ist folkloristischer Kitsch, auf den Schaaf in dieser Gestalt besser verzichtet hätte.

Vergrößerung in neuem Fenster Fluchtversuch der Nase am Flughafen

Ihre starken Momente verdankt die Inszenierung in erster Linie dem grandiosen, jederzeit spielerisch wie sängerisch präsenten Wolfgang Koch in der Rolle des Kowaljoff. Die exzellente Sprachbehandlung Kochs – gesungen wird in deutscher Übersetzung - macht die Übertitel weitgehend überflüssig. Musikalisch zieht er alle Register von der sonoren Klage bis zur Groteske. Auch die 37 (!) weiteren im Programmheft aufgeführten Darsteller können fast durchweg überzeugen; hervorzuheben sind Almas Svilpa als schmieriger Barbier Iwan Jakowlewitsch mit markantem Bariton und Robert Wörle als „Nase in Gestalt eines Staatsrats“ mit schneidendem Charaktertenor. Mit der Vielzahl der Charaktere und Personen kommt die Regie nicht immer zurecht; überzeugend sind hier die Szenen, die in einem verschiebbaren Kubus spielen (Zeitungsredaktion; Wohnung der Padtotschina). Manche Wendung wird nicht genügend pointiert (die Flucht der Nase aus der Kasaner Kathedrale) oder gehen in der Flut der Ereignisse fast unter. Auch ist der (überzeugend singende) Chor arg bunt eingekleidet – so zeigt der Regisseur zwar hinreichend Chaos auf der Bühne, aber ohne ein ordnendes System dahinter. Mehr Strenge hätte der Inszenierung durchaus gut getan.

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Hosrew Mirsa (sitzend: Rüdiger Frank), der Star der Petersburger Gesellschaft, hält Hof.

Die collagenhaft zwischen verschiedenen Stilrichtungen changierende Musik der Nase liegen den Essener Philharmonikern und Dirigent Stefan Soltesz, der sich vor allem mit Strauss und Wagner profiliert hat, nicht unbedingt. Die ruhigen, getragenen Passagen gelingen am besten; hier entwickelt das Orchester auch den erforderlichen „großen“ Ton. Es dürfte aber deutlicher spürbar sein, wie sehr die Musik permanent auf der Kippe steht und ins Groteske umzuschlagen droht. Gerade aber diese musikalische Groteske bleibt unterbelichtet. Das Orchester, von Soltesz auf äußerste Disziplin eingeschworen, müsste freier, ja frecher spielen, Einzelstimmen sich mehr verselbstständigen. Zu kontrolliert, mitunter zu sehr symphonisch statt kammermusikalisch und solistisch gedacht klingt die Musik auch da, wo sie durch einzelne Instrumente getragen wird. So bleibt die Handbremse angezogen, und Schostakowitschs rotzfrecher Sturm und Drang wird im symphonischen Kollektiv gezähmt.


FAZIT

Sicher keine schlechte Produktion, aber es fehlt der Biss und der letzte Funken Genialität, um einen großen Abend daraus zu machen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Stefan Soltesz

Inszenierung
Johannes Schaaf

Bühnenbild
Hans Dieter Schaal

Kostüme
Renée Listerdal

Licht-Design
Manfred Voss

Choreinstudierung
Alexander Eberle

Dramaturgie
Wolfgang Willaschek



Statisterie, Chor und Extrachor
des Aalto-Theaters

Ensemble "Wolga-Virtuosen"

Essener Philharmoniker


Solisten



Kowaljoff
Wolfgang Koch

Iwan Jakowlewitsch, Barbier
Almas Svilpa

Quartalsaufseher / Türsteher
Victor Sawaley

Iwan, Diener Kowaljoffs
Albrecht Kludszuweit

Nase in Gestalt eines Staatsrats
Robert Wöhrle

Alexandra Padtotschina
Marie-Helen Joël

deren Tochter / junge Dame
Astrid Kropp

Beamter in der Redaktion
Michael Haag

vornehme Matrone
Margareta Turner

Frau des Jakowlewitsch
Sabine Brunke-Proll

Brezelverkäuferin /
Sopransolo in der Kirche
Franciska Devos

Ein Doktor
Marcel Rosca Jaryschkin /
ein Bekannter
Rainer Maria Röhr

Lakai der Gräfin / Iwan Iwanowitsch
Günter Kiefer

Pjotr Fjodorwitsch /
ein hoch dekorierter Oberst
Wojciech Halicki

Hosrew Mirsa
Rüdiger Frank


u.v.a.






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