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Der fliegende Holländer

Romantische Oper in drei Aufzügen
von Richard Wagner
Text vom Komponisten


Aufführungsdauer: ca. 2 10' Stunden (ohne Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 9. April 2006

(Rezensierte Aufführung: 24. Mai 2006)


Logo:  Theater Essen

Theater Essen
(Homepage)
Keine Erlösung für den Zuschauer

Von Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu

"Traft ihr das Schiff im Meere an, blutrot die Segel, schwarz der Mast?" Senta zwingt in ihrer großen Ballade, musikalisches Herzstück wie motivische Keimzelle des Fliegenden Holländers, geradezu die Imagination ihrer Traumgestalt herbei. Da liegt es nahe, die tatsächlich unmittelbar folgende Erscheinung des zur ewigen Seefahrt verdammten Kapitäns als Traumgebilde und gleichermaßen psychopathische Projektion (auch sexueller) Sehnsüchte zu interpretieren. Die „romantische Oper" (so Wagners Werkbezeichnung) zieht in der Essener Neuinszenierung ihren romantischen Gehalt aus unerfüllbaren Sehnsüchten in einer gänzlich entromantisierten Welt, in der Bürokraten, Hostessen und Putzfrauen herrschen, also einer sehr gegenwärtigen Sphäre, aber das Versprechen einer – besseren? – Gegenwelt wird nicht eingelöst. Nicht für Senta, und nicht für den Zuschauer.

Vergrößerung in neuem Fenster Liebesdrama im Büro? Abteilungsleiter Erik (Thomas Piffka) kann Senta (Astrid Weber) nicht recht begeistern.

Die Inszenierung des australischen Regisseurs Barrie Kosky ist seit der Premiere heftig umstritten - noch in der hier besprochene Aufführung rund 6 Wochen später war das an (allerdings vereinzelten) Zwischenrufen zu spüren. Kosky deutet im oben beschriebenen Rahmen die Oper als eine Mischung aus Wahnvorstellung und Alptraum Sentas, der in einer orgiastischen Hochzeitsszene gipfelt, in der sie ein regelrechtes Monster gebiert. Dabei sind Koskys Ansätze keineswegs neu; aus der Perspektive Sentas hat bereits Harry Kupfer in seiner legendären Inszenierung für die Bayreuther Festspiele erzählt, und auch die Übertragung „großer" Stoffe ins schäbig-spießbürgerliche Ambiente ist insbesondere durch Christoph Marthaler und Anna Viebrock ausgiebig durchdekliniert worden; an bühnenfüllenden Sex-and-crime-Orgien hat es in der Vergangenheit sowieso kaum gemangelt. Kosky versteht es aber, seine Ideen in einer beklemmenden, sehr spannungsgeladenen Bildsprache umzusetzen und gleichzeitig eine vordergründige Eindeutigkeit zu verweigern. Diese Inszenierung stellt Fragen anstatt Antworten zu geben.

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Der Fels als Zitat einer längst vergangenen Opernwelt ist nur noch Symbol für unerfüllbare Träume - da hilft auch die Präsenz von Muskelmann Holländer (Almas Svilpa) nichts.

Tragender Bestandteil ist das faszinierende Bühnenbild von Klaus Grünberg, das einen nüchternen Innenraum mit renovierungsbedürftigen Heizkörpern zeigt, aber dennoch kaum konkret zu deuten ist. Es könnte sich um einen Büroraum handeln (von den kugelförmigen Deckenlampen abgesehen fehlt das Mobiliar), aber ein überdimensioniertes Panoramafenster macht es gleichzeitig zur Bühne, wie man sie aus Mehrzweckhallen oder Gemeindehäusern der 60er und 70er-Jahre kennt (und auf der sich Senta bewegt). Jenseits des Fensters sieht man im ersten und dritten Aufzug die Fassade eines Bürogebäudes, und in dessen Fenster stehen allerhand Männer und blicken mit Ferngläsern und Polaroidkameras auf die immer präsente Senta. Für Kosky ist der Fliegende Holländer eine „Oper des Sehens", und das ist hier eindrucksvoll umgesetzt. Im zweiten Bild schaut man auf einen Parkplatz mit Straßenlaternen, der aber reichlich verwildert ist. Diese (raffiniert ausgeleuchteten) Bilder wirken surreal und befremdlich, ohne dass man immer sagen könnte, woran genau das liegt. Über dem ganzen Werk liegt eine bedrohliche Atmosphäre, als würde man durch eine wohlgeordnete Oberfläche in (psychologische) Abgründe schauen, die sich aber nicht so ohne weiteres dechiffrieren lassen wollen.

Vergrößerung in neuem Fenster Transparenz: Alle Blicke sind auf Senta (Astrid Weber) gerichtet, die zwischen Erik (Thomas Piffka, r.) und Holländer (Almas Svilpa) steht.

Die zierliche, bei überragender musikalischer Linienführung eher lyrische als dramatische Astrid Weber ist als Senta eine Idealbesetzung für dieses Konzept: Ein junges Mädchen, das unter den Blicken der Männer zur Ware degradiert wird (womit Koskys Regie durchaus in bewährten Deutungsmustern bleibt). Diese Senta aber hat mit ihrem schwebend leichten, dabei aber sehr höhentragfähigem Sopran etwas weltflüchtiges, dass die geforderte Distanz zur (singenden) Umwelt schafft. Almas Svilpa als stimmkräftiger, recht ungehobelt artikulierender Holländer ist vokal wie körperlich ein beeindruckender Gegenpol: Ein Muskelpaket im Unterhemd vom Typ Fernfahrer, der zwar in der geordneten Bürowelt Dalands eine urwüchsige (sexuelle) Alternative zum hornbrillentragenden Abteilungsleiter Erik, aber kaum eine wirkliche Zukunftsperspektive für Senta darstellt. Thomas Piffka als relativ leichtgewichtiger, aber sauber singender Erik ist trotzdem nicht der übliche Langweiler, sondern liefert inmitten der auch vom suspense lebenden Erzählweise fast wohltuende Ruhepunkte. Die zu Funktionsträgern herabgestuften Daland und Steuermann werden von Marcel Rosca und Andreas Herrmann routiniert und solide gesungen – auch das passt ins Konzept ebenso wie die gefährlich-boshafte Mary von Marie-Helen Joël.

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"Steuermann, lass die Wacht": Zur populäsrten Nummer der Oper wird Senta vielfach dupliziert.

Neben der ausgefeilten Personenregie trägt die intelligente, viele Querbezüge hervorhebende musikalische Interpretation durch Dirigent Stefan Soltesz und die guten Essener Philharmoniker zum Spannungsbogen bei. Insbesondere die Wechsel zwischen dämonischer Attacke und verinnerlichtem lyrischen Innehalten gelingen hervorragend und vermitteln eine Atmosphäre permanenter Unruhe. Lediglich die klangliche Balance zwischen dem zupackenden Blech und den etwas verhaltenen Streichern dürfte ausgewogener sein. Exzellent trumpfen die auch schauspielerisch stark geforderten Chöre auf (Einstudierung: Alexander Eberle), die sehr präsent und bei aller Wucht nicht lärmend singen. Dabei ist die Musik und Inszenierung immer aufeinander abgestimmt: das ist Musikdrama ganz in Wagners Sinn.

Vergrößerung in neuem Fenster Die Szene, die das Essener Publikum nachhaltig verstört: Im Traum gebiert Senta ein Ungeheuer.

Streitpunkt der Aufführung ist der provokative dritte Aufzug: In der Chorszene des 3. Aktes mit dem populären „Steuermann, lass die Wacht" (was manchen auf die „schönen Stellen" sensibilisierten Besucher besonders verärgern mag) erscheint das gesamte Personal – auch die Männer – im gleichen rostrote Kleid und der gleichen Perücke wie Senta. Aus der pathologischen Sicht Sentas wird diese völlige Fixierung des Geschehens auf ihre eigene Person durchaus plausibel, ebenso die Zwangsvorstellungen von Hochzeitsnacht und Geburt. Aber die drastische Szene bricht provokativ mit den Sehgewohnheiten. Kosky akzentuiert das noch schärfer, indem er am Rand der Bühne – vor dem Vorhang, was bei der Overtüre (wohl bewusst) zu völlig falschen Erwartungen führt – romantische Felsen zeigt, an denen sich die unerlöste Senta, die zuvor dem Holländer die Kehle durchgeschnitten hat, festklammert. Das offene Ende steht auch im Kontrast zum nachkomponierten „Erlösungsschluss", den Soltesz spielen lässt. Wagners Erlösungsgedanke lässt genügend Einspruchsmöglichkeiten, die diese widersprüchliche Schlusslösung allemal rechtfertigen.


FAZIT

Eine sicherlich provokative, aber dabei ungeheuer spannende Produktion, über die sich trefflich streiten lässt, die aber gerade deshalb zu den besten Wagner-Interpretationen der letzten Zeit gehört.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Stefan Soltesz

Inszenierung
Barrie Kosky

Bühnenbild und Licht
Klaus Grünberg

Kostüme
Alfred Mayerhofer

Choreinstudierung
Alexander Eberle

Dramaturgie
Kerstin Schüssler-Bach



Chor und Extrachor
des Aalto-Theaters

Essener Philharmoniker


Solisten



Daland
Marcel Rosca

Senta
Astrid Weber

Erik
Thomas Piffka

Mary
Marie-Helen Joël

Steuermann
Andreas Hermann

Holländer
Almas Svilpa






Weitere Informationen
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Da capo al Fine

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