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Musiktheater
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Tiefland

Musikdrama in einem Vorspiel und zwei Aufzügen von Rudolf Lothar
Musik von Eugen d'Albert


in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Theater Duisburg am 28. Januar 2006
(rezensierte Aufführung: 31. Januar 2006)


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Deutsche Oper am Rhein
(Homepage)
Eine Schauergeschichte aus dem Komödienstadel

Von Stefan Schmöe / Fotos von Eduard Straub

Zurück zur Natur? Von den Bergen, wo die Menschen noch gut und rein sind, steigt der Hirte Pedro herab in die Ebene, das „Tiefland“, um auf Vermittlung des reichen Sebastiano die Arbeiterin Marta zu heiraten. Er begreift nicht, dass diese Sebastianos Geliebte ist und nur zur Wahrung des Scheins verheiratet werden soll, um dem Gerede über die Affäre mit Sebastiano ein Ende zu machen. Als Pedro allmählich die Zusammenhänge durchschaut, tötet er Sebastiano und kehrt – zusammen mit Marta, deren Respekt und Liebe er mit seinem entschlossenen Auftreten gewonnen hat – zurück auf „seine“ Berge. Zurück zur Natur eben.

Vergrößerung

In der Bergeinsamkeit hält Pedro (Wolfgang Schmidt) vorsorglich ausreichend Sitzgelegenheiten für unerwarteten Besuch wie hier von Tommaso (Alfred Kuhn, Mitte) und Sebastiano (John Wegener) bereit

Tiefland war lange fest im Repertoire verwurzelt, ist aber inzwischen von den Spielplänen weitgehend verschwunden. Dabei birgt die Oper, die der Wagner-Nachfolge (Pedro hat manche Züge des „Naturburschen“ Siegfried) ebenso verpflichtet ist wie dem in der Entstehungszeit außerordentlich populären Verismo, viel schöne Musik. Zwar ist manches Motiv plakativ überzeichnet (etwa die Zuordnung „gute Berge – böses Tiefland“) und der teilweise volkstümliche Tonfall der Musik (der die hochdramatischen Passagen kontrastieren soll) wirkt oft gekünstelt und banal; aber die Handlung bietet – besonders in der Entwicklung der Hauptfiguren Pedro und Marta – große Opernmomente. Die Nähe zum Kitsch ist allerdings nicht ungefährlich, wie man in der Duisburger Neuinszenierung, die so ziemlich alles falsch macht, was hier falsch zu machen ist, erfahren kann

Regisseur Elmar Fulda möchte die Geschichte nachvollziehbar erzählen, was natürlich legitim ist. Dazu allerdings hätte er die Figuren nicht noch schematischer zeichnen müssen als sie ohnehin schon sind. Die Inszenierung bewegt sich unentschlossen zwischen einer sehr detailgetreuen, naturalistischen Erzählweise und einer vorsichtig abstrahierenden Sicht, verwickelt sich dabei aber in absurde Widersprüche. Das beginnt beim verunglückten Bühnenbild von Florian Parbs, dass im ersten Bild eine Berglandschaft aus Holzplatten vor Sternenhimmel zeigt (das soll wohl abstrakt aussehen, erweckt aber mehr den Eindruck, als sei man mit den Pappmachéfelsen nicht rechtzeitig fertig geworden). Pedro sitzt fröstelnd vor einem Feuer und singt von der Einsamkeit hier oben; wozu aber hat er dann Sitzbänke gleich für einen kompletten Männergesangsverein um sich? Warum singt Sebastiano, der ihm von der geplanten Heirat berichten will, Hirtenkollegen Nando an - eine Verwechslung? Warum macht Marta, von Sebastiano hierhin getragen, in Sommerkleid und Stöckelschuhen erst einmal einen Bergspaziergang im Nachtfrost? Solche Details fallen auf, weil Fulda an anderen Stellen mit genau solcher Detailgenauigkeit auftrumpfen möchte.

Vergrößerung Überfordert? Diese Geste der Marta (Morenike Fadayomi) wird man nur mit viel gutem Willen als "innovativ" bezeichnen können.

Die Mühle, in der die Geschichte im Weiteren spielt, soll an eine moderne Industriemühle erinnern, sieht aber mit ihrer Holzvertäfelung und üppiger Deckenbeleuchtung eher aus wie ein Tonstudio (Mühlenknecht Morruccio kippt - die Unbeholfenheit dieses Regieeinfalss ist geradezu anrührend - zwei Säckchen Korn in einen Trichter, um dem Publikum die Bedeutung dieses Raums zu demonstrieren). Die Arbeiter tragen Blaumann und Helm mit Grubenleuchten, was man in Duisburg am ehesten als folkloristisch angehauchte Loyalität mit dem Ruhrgebiet verstehen kann. Wer in diesem Tiefland Herzenswärme bewahrt hat (wie Moruccio und die Magd Nuri), ist unschwer an der Hornbrille zu erkennen. So wird die Welt vergleichsweise einfach. Dazu ist die Personenregie weitgehend auf eine pauschale Verzweiflungsgestik wie aus dem Opernmuseum reduziert. Das alles nimmt gegen Ende mehr und mehr unfreiwillig parodistische Züge an, und im Finale der (hier besprochenen) zweiten Aufführung gab es im Parkett manchen Lacher. Tiefland – ein Schwank aus dem Volkstheater.

Vergrößerung

Beziehungsstress: Sebastiano (John Wegener) muss gegenüber seiner Geliebten Marta (Morenike Fadayomi) handgreiflich werden, um ihr die Gründe für die Hochzeit plausibel zu machen.

Leider setzt sich diese Problematik auch musikalisch fort. Wolfgang Schmidt legt den Pedro schauspielerisch als derartig tumben und kraftmeiernden Naturburschen an, dass einem alle bösen Klischees über intellektuell limitierte Tenöre in den Sinn kommen (dabei hat er in der Vergangenheit durchaus bewiesen, dass er auch anders kann). Sängerisch imponiert die vokale heldentenorale Kraft, mit der Schmidt den hochdramatischen Effekten gerecht wird. Alles unterhalb des Fortissimo klingt dagegen schnell flach (und das Piano dadurch oft weinerlich). Auch sind die Ausdrucksmittel limitiert. Den lyrischen Passagen wird er so kaum gerecht. Gerade anders herum ist es bei Morenike Fadayomi in der Rolle der Marta. Im dramatischen Fach ist die Stimme schlichtweg überfordert (das hat sich in der Vergangenheit - wie etwa in Macbeth, vgl. unsere Rezension - schon gezeigt ). Fehlende stimmliche Reserven versucht Frau Fadayomi mit einer geradezu grotesken Überbetonung der Konsonanten wettzumachen – da zischt das „sssss“ oder rollt das „rrrrr“ , bis der mühsam erreichte Ton fast zu Ende ist. Oft schleift sie die Töne unangenehm von unten an, und in der hohen Lage verengt sich die (oft gepresste) Stimme auf eine einzige Klangfarbe. Das alles hätte die Sängerin nicht nötig, würde sie im lyrischen Fach bleiben, denn mit der attraktiv abgedunkelte Mittellage und der in lyrischen Passagen gut ansprechende Höhe beeindruckt sie ebenso wie mit der enormen Intensität, mit der sie sich in die Rolle stürzt. Man darf sich da wohl auch fragen, warum Intendanz und musikalische Leitung der Rheinoper eine junge Sängerin so offensichtlich verschleißen. Stimmlich unangefochten ist dagegen John Wegner, der mit großem, heldischen Bariton und durchschlagender vokaler Präsenz den Sebastiano singt. In der sehr direkten, knalligen Akustik des Duisburger Theaters dürften es mitunter ein paar Lautstärkegrade weniger (und dafür mehr Nuancierung) sein. Wegner gelingt es immerhin, in einigen wenigen Momenten mehr als den eindimensionalen abgrundtiefen Bösewicht aus der Figur herauszuholen.

Vergrößerung Neuer Beziehungsstress: Dem naiven Pedro (Wolfgang Schmidt) muss Marta (Morenike Fadayomi) mit nachhaltigen Argumenten den Ernst der Lage verdeutlichen

Wie man Tiefland musikalisch mustergültig hätte singen können, zeigt Netta Or in der Rolle der Magd Nuri – intensiv und leuchtend klar, dabei aber ebenso sauber wie technisch souverän gesungen. Heikki Kilpeläinen verfällt anfangs noch dem allgemein vorherrschenden forcierten Getöse, besinnt sich dann aber auf die Qualitäten seines höhensicheren Baritons. Alfred Kuhn gibt Tommaso, dem Dorfältesten, mit einem solide geführtem Bass ein glaubhaftes Profil, Norbert Ernst singt den Hirten Pedro mit sauberem, klangschönen Tenor.

Insgesamt fehlt dem -- in den Hauptpartien zu dröhnendem Forte neigenden - Ensemble die ordnende musikalische Hand. Der gesundheitlich schwer angeschlagene Hans Wallat am Pult der Duisburger Philharmoniker wurde daher wohl mehr seiner erwiesenen Verdienste als der aktuellen Aufführung wegen bejubelt. Zwar gelingt ihm mancher orchestrale Aufschwung imponierend, und die sorgfältig disponierten Steigerungen (die dabei durchaus Rücksicht auf die Sänger nehmen) sind große Momente, in denen der Dirigent Handwerk wie Meisterschaft zeigt. Aber da, wo die Musik sich um den „einfachen“ Ton bemüht (und in der Überstrapazierung der Leitmotive auch an den Rand des Trivialen gerät) und in dem kammermusikalisch zurückgenommenen Passagen ist die musikalische Interpretation kaum konturiert. Die (guten) Duisburger Philharmoniker scheinen da ein um das andere Mal sich selbst überlassen. So zerfällt die Partitur in viele Einzelszenen, und eine schlüssige musikalische Gesamtkonzeption ist nicht zu erkennen. Die Fokussierung auf die „großen Stellen“ betont auch hier das Plakative und Vordergründige des Werkes. In dieser Verfassung liefert die Deutsche Oper am Rhein wenig Argumente, das Tiefland in die Spielpläne zurückzuholen.


FAZIT

Vokale Dauerforte-Attacke auf die Ohren des Publikums zu szenisch dilettantischem Volkstheater. D'Alberts an sich sehens- und hörenswerte Oper hätte eine bessere Umsetzung verdient.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Hans Wallat

Inszenierung
Elmar Fulda

Bühne und Kostüme
Florian Parbs

Licht
Volker Weinhart

Dramaturgie
Volker Weinhart

Choreinstudierung
Christoph Kurig



Chor der Deutschen Oper am Rhein

Die Duisburger Philharmoniker


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Sebastiano, reicher Grundbesitzer
* John Wegner /
Oleg Bryjak

Tommaso, Dorfältester
Alfred Kuhn

Moruccio, Mühlknecht
Stefan Heidemann /
* Heikki Kilpeläinen

Marta
Morenike Fadayomi

Pepa
* Lisa Griffith /
Theresa Plut

Antonia
Stephanie Woodling

Rosalia
Monique Simon

Nuri
Lisa Griffith /
* Netta Or

Pedro, ein Hirt
* Wolfgang Schmidt /
Angelos Simos

Nando, ein Hirt
* Norbert Ernst /
Torsten Hofmann

Eine Stimme
Franz-Martin Preihs /
Ortwin Rave







Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Deutsche Oper am Rhein
(Homepage)



Da capo al Fine

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