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Das Land des Lächelns

Romantische Operette in drei Akten
nach Viktor Léon
Text von Ludwig Herzer und Fritz Beda-Löhner
Musik von Franz Lehár


Premiere am 18. September 2005 im Theater Dortmund

Aufführungsdauer: ca. 2h 25' (eine Pause)


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Theater Dortmund
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(Lebens-)Lügen im Land des Lächelns

Von Thomas Tillmann / Fotos von Thomas M. Jauk (Stage Picture Gmbh)

Was gibt es Schwierigeres, als in diesen Tagen Operette gut auf die Bühne zu bringen? Rückt man ihr mit den Mitteln des sogenannten Regietheaters auf den betagten Leib, geht's meistens daneben und verschreckt das Publikum, inszeniert man sie so, wie letztgenanntes sie immer schon gesehen hat, funktioniert's irgendwie auch nicht mehr (schon weil das Geld für wirklich opulente Ausstattungen fehlt und kaum noch ein Darsteller wirklich Dialog sprechen und textverständlich singen kann) und regnet's Hämisches von der Kritik. Ralf Nürnberger, der in Dortmund bereits Ariadne auf Naxos und Turnages The Silver Tassie auf die Bühne gebracht hat, wollte vermutlich beiden Seiten gerecht werden, indem er das Stück nicht gänzlich auseinander nimmt, aber durch die Konzentration auf das Innenleben Lisas und den Kunstgriff, im exotischen Klischee-China eigentlich Wiener Verhältnisse gespiegelt zu sehen und dabei einigen (den Rezensenten durchaus erheiternden) gallig-ironischen Spott auszuschütten, ungewohnte Aspekte im bekannten Werk aufzuspüren sucht.

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Bei einem Tee en deux kommen sich der chinesische Prinz (Charles Kim) und die Wiener Gräfin (Kirsten Blanck) näher.

Wenn der Vorhang sich hebt - und das tut er natürlich bereits während der Ouvertüre -, sehen wir Lisa erwachen, eine Frau in den besten Jahren in einem wirklich unvorteilhaften, jedes Pölsterchen hervorhebenden weißen Nachtgewand, eine reiche Witwe (wie wir dem Programmheft entnehmen) mit einem Chinatick und dem dringenden Bedürfnis, einen kräftigen Schluck Wasser aus einer Plastikflasche zu nehmen (wie vornehm). Frau Gräfin betrachtet die wertvollen Exponate in der Vitrine ihres exklusiven Salons und erinnert sich an erlittenes Leid im fremden Land - das Land des Lächelns also als reflektierende Rückblende einer Frau, die das Glück in der Ferne suchte und auf das Abenteuer schlecht vorbereitet war (sie gibt es in dieser Produktion nach dem Krach mit Sou-Chong sogar selber zu).

Klangbeispiel Klangbeispiel: "Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt?" (2. Akt) - Sou-Chong (Charles Kim) und Lisa (Kirsten Blanck)
(MP3-Datei)


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China, wie es sich eine Wiener Gräfin (und ein Dortmunder Opernhausbesucher?) vorstellt - mit Kostümen aus eingefärbten Bettdecken und Lampenschirmen von Ikea auf Köpfen und Laternenstäben (Ensemble des Theater Dortmund).

Dass dieses China natürlich weit davon entfernt ist, ein authentisches zu sein, und dass der Blick Lisas auf dieses Land und ihren Prinzen letztlich ein touristischer, klischeebehafteter ist, setzt Kostümbildnerin Claudia Rühle so um, dass sie die Kostüme der Chinesen offenbar aus eingefärbten Steppdecken hat herstellen lassen, dass die Chinesenhüte ebenso aus der Lampenabteilung von Ikea stammen wie die obligatorischen Laternen, mit denen Chinesen unentwegt durch ihr Land trippeln und durch ihre Pappbrillen mit Schlitzaugen auf Apfelblüten aus Papier schauen, die sie auch als Tischdekoration im Foyer hätten finden können. Die meisten meiner Sitznachbarn ließen sich übrigens von der Musik und dem sehr stimmungsvollen Licht einlullen und verstanden nicht, warum der Rezensent mehr und mehr zu kichern beginn (nicht zu lächeln!). Einleuchtender scheint mein auch nicht seltenes Kopfschütteln gewesen zu sein, denn neben Momenten, die ein gutes Händchen für Personenführung und Figurenzeichnung erkennen ließen, sah man sich leider auch mit einer Fülle natürlich wohl überlegter Mätzchen, zu sehr ausgewalzter Einzelideen und überflüssiger Aktualisierungen konfrontiert. Richtig blöd ist der Einfall, als Pendant zum Obereunuchen Gustls alkoholabhängige Tante als älteren Herrn im Fummel zu präsentieren (Helmut Palitsch hatte die zweifelhafte Ehre) - darüber lachen selbst Abonnenten aus dem Märkischen Kreis nicht mehr (da empfiehlt man doch gern noch einmal die so professionell gemachte hauseigene Produktion von La Cage aux Folles, die ab dem 24. September wieder auf dem Spielplan steht). Und irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass Nürnberger die romantischen, ruhigen Momente des Werkes doch insgeheim ein bisschen peinlich sind, dass ihm dazu bedeutend weniger eingefallen ist als zu den flotten, die sich um Gustl und vor allem um Mi ranken, er sich hier mehr auf die Fähigkeiten seiner Darsteller verlässt, anstatt eigene Akzente zu setzen, oder sie - und das überzeugt dann schon - in ihrer Zerbrechlichkeit entlarvt (Lisa fühlt sich etwa am Ende von "Dein ist mein ganzes Herz", das sie zum Teil mit anhört, in Sous sehr fester Umarmung keinesfalls wohl).

Klangbeispiel Klangbeispiel: "Dein ist mein ganzes Herz" (2. Akt) - Sou-Chong (Charles Kim)
(MP3-Datei)


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Ob es Buddha war, der Sou-Chong (Charles Kim) und Lisa (Kirsten Blanck) die Liebe ins Herz gesenkt hat?

Kirsten Blanck, die als lyrischer Koloratursopran keine unbedeutende Karriere hatte und etwa an Häusern wie der Deutschen Oper Berlin, der Staatsoper Berlin, der Hamburgischen Staatsoper, der Wiener Staatsoper, der Semperoper Dresden, der San Francisco Opera oder der Mailänder Scala aufgetreten ist, dann einen Fachwechsel zum jugendlich-dramatischen Fach vornahm und in Dortmund zuletzt als Leonore im Fidelio oder als Freia im Rheingold zu hören war, wäre theoretisch eine ideale Besetzung für diese auch auf den nicht wenigen Tondokumenten skandalös unterbesetzten Partie, aber praktisch ist das natürlich keine farbige, volle, saftige Stimme, sondern eine, der man die leichte Vergangenheit und die künstliche Verbreiterung deutlich anhört, und die in erster Linie lauter und in der manches Mal ziemlich gequetscht klingenden, vibratoreichen Höhe reichlich scheppernd, keinesfalls aber liebenswürdiger geworden ist und damit für manchen genau die Klischees erfüllt, die man unter "Operettensängerin" subsumiert findet. Immerhin, die Künstlerin singt mit viel Routine und dem Wissen um die rechte Verbindung von Noten und gut zu verstehendem Wort, sie hat auch die richtige Attitüde und einigen Charme und ist insgesamt trotz der gemachten Einschränkungen keine wirklich schlechte Wahl.

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Noch ist alles eitel Sonnenschein zwischen Sou-Chong (Charles Kim) und Lisa (Kirsten Blanck).

Besser gefiel mir zweifellos Charles Kim, der seine Tauber-Platten gehört hat und dem großen Kollegen manches an Stimmfärbung, geschmackvoller Phrasierung und Nuancen abgelauscht hat, ohne ihn zu parodieren. Sicher, die Stimme an sich ist vielleicht nicht die attraktivste, aber der Koreaner weiß sehr effektiv mit ihr umzugehen, ein dank geschmackvoller Pianoeffekte sehr verinnerlichtes "Immer nur Lächeln" zu singen und mit kraftvollen Spitzentönen aufzutrumpfen, und er hat nicht zuletzt das Plus der asiatischen Optik und des Akzents. Heike Susanne Daum ist dagegen eine erfrischend freche Mi mit billiger Karnevalsperücke, die in ihren Solos mit dem Brettlton vielleicht ein wenig übertreibt, was aber der Regisseur vielleicht genau so haben wollte, der in seiner Textfassung auch das Wort "scheißegal" meinte unterbringen zu müssen, was an sich ja schon garantiert, dass die Dialoge aufregend modern sind. Björn Arvidsson hat bei mir vokal keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, aber darstellerisches Profil wusste er dem Gustl schon zu geben, was ja vielleicht auch das wichtigere ist. Der bereits erwähnte Helmut Palitsch durfte auch als Obereunuche lustig sein, Lothar Becher war weder als Lisas Vater noch als Sous Oheim von besonderer Intensität. Günter Wallner verantwortete am Pult der nicht immer ganz konzentriert und synchron, aber dankenswerter auch selten zu laut spielenden Dortmunder Philharmoniker einen süffigen, mitunter für meinen Geschmack etwas zu breiten, zu wenig geschärften Operettensound.

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Seine Liebe und ihre Liebe, die sind beide gleich: Prinzessin Mi (Heike Susanne Daum) und Graf Gustl (Björn Arvidsson), das andere Paar.

FAZIT

Eine Operetteninszenierung mit Anspruch und einigen überzeugenden, amüsierenden, aber auch mit vielen überflüssigen, zu sehr bemühten Einfällen, die aber auch niemanden wirklich verärgern, wie die völlige Gleichgültigkeit zeigte, mit der das Regieteam begrüßt wurde, als es vor den Vorhang trat.


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Produktionsteam


Musikalische Leitung
Günter Wallner

Inszenierung
Ralf Nürnberger

Bühne
Ralf Nürnberger

Kostüme
Claudia Rühle

Choreinstudierung
Granville Walker


Chor und Statisterie
des Theater Dortmund

Dortmunder Philharmoniker


Solisten

Graf Ferdinand Lichtenfels
Lothar Becher

Lisa, seine Tochter
Kerstin Blanck

Lore, seine Nichte
Heike Susanne Daum

Graf Gustav von Pottersstein
Björn Arvidsson

Exzellenz Hardegg,
seine Tante
Helmut Palitsch

Alter Diener bei Lichtenfels
Christian Pienaar

Prinz Sou-Chong
Charles Kim

Mi, seine Schwester
Heike Susanne Daum

Tschang, sein Oheim
Lothar Becher

Fu-Li, Sekretär der
chinesischen Gesandtschaft
Björn Arvidsson

Obereunuche
Helmut Palitsch



Weitere
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