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Orphée et Eurydice (Orpheus und Eurydike)
Oper in vier Akten
Text von Pierre Louis Moline nach Ranieri de' Calzabigi
Musik von Christoph Willibald Gluck
in der Bearbeitung von Hector Berlioz


in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 30' (keine Pause)

Premiere im Opernhaus Bonn am 30. April 2006



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Theater Bonn
(Homepage)

Orpheus' gefährliche Liebschaften

Von Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu



Vergrößerung in neuem Fenster Unerwarteter Todesfall in der Sakristei von Saint-Sulpice: Orpheus (Susanne Blattert) und die sterbende Euridike (Julia Kamenik)

Die Wahl der „richtigen“ Fassung von Christoph Willibald Glucks Orpheus und Eurydike wirft mancherlei Probleme auf: Nicht nur hat der Komponist die 1762 in Wien uraufgeführte italienische Fassung Orfeo et Euridice mehrfach verändert und den jeweiligen Aufführungsbedingungen angepasst, sondern 1774 für Paris grundlegend überarbeitet und erweitert. Neben textlichen Veränderungen, die über eine reine Übersetzung hinausgehen, und hinzukomponierten Teilen stellt vor allem die Besetzung des Orpheus mit einem Tenor (gegenüber einem Kastraten in der italienischen Fassung) eine einschneidende Veränderung dar. Von den etlichen Mischfassungen der Rezeptionsgeschichte hat die Bearbeitung von Hector Berlioz von 1859 besondere Bedeutung, weil sie die weitgehend vergessene Oper zurück auf die französische Bühne brachte – mit einer Altistin in der Titelrolle. Für diese Fassung hat sich die Bonner Oper entschieden (wobei der Orpheus hier mit einem Mezzosopran besetzt ist), und den Ausschlag mag das Regiekonzept von Dietrich Hilsdorf gewesen sein, der eine im Jahr 1785 in der Pariser Kirche Saint-Sulpice angesiedelte Krimi-Geschichte über die Handlung stülpt – da mag der romantische Blickwinkel Berlioz' näher gelegen haben als die Suche nach einem Gluck angemessenem „authentischen“ Klangkonzept.


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Undurchsichtige Konstellation: Orpheus (Susanne Blattert), Amor (Sigrún Pálmadóttir, rechts) und die tote Eurydike (Julia Kamenik)

Hilsdorf hat zuletzt die Offenbach'sche Orpheus-Version Orpheus in der Unterwelt in der Essener Aalto-Oper virtuos in eine Theater-auf-dem-Theater-Situation umgedeutet und ist trotz (oder gerade wegen) einer gewagten gedanklichen Konstruktion dem Werk sehr nahe gekommen (unsere Rezension), und Mordsgeschichten in Kirchen wusste er bereits in der Duisburg-Düsseldorfer Tosca spannend zu erzählen. In dieser Bonner Inszenierung allerdings wirkt manches wie ein Selbstzitat, weil der Ansatz insgesamt wenig überzeugt. Zunächst turteln Orpheus und Eurydike im Beichtstuhl, dass die Wäschestücke nur so fliegen, dann sinkt sie an der Schwelle zur Sakristei plötzlich leblos danieder – Mord? Amor, eine attraktive Rokoko-Dame und vielleicht Nebenbuhlerin, könnte da ebenso schuldig sein wie Orpheus, und man erlebt eine formidable Leichenschau nebst halbwissenschaftlichen Wiederbelebungsversuchen durch den seinerzeit populären Dr. Mesmer. Die Rolle des Chores (Nonnen, Pariser Bürger) bleibt darin wenig schlüssig, und an vielen Stellen tritt die Inszenierung auf der Stelle, nicht zuletzt weil nach einem Überraschungsmoment regelmäßig lange Zeit Leerlauf herrscht.


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Leichenschau: Orpheus (Susanne Blattert) und Ensemble

Auch in dieser Konstellation ist der eigentliche Orpheus-Mythos leidlich erkennbar, und ein paar eindrucksvolle Bilder gelingen Hilsdorf mit seiner gewohnt präzisen Personenregie schon. Aber es bleibt der Eindruck, dass die durch die unkonventionelle Erzählweise mehr große Theatereffekte verschenkt als neue gewonnen werden. Die großen Furienchöre etwa (eine der eindrucksvollsten Chorszenen der Opernliteratur) und daran kontrastreich anschließende elysische Ruhe, das bleibt auf der Bühne Hör- und Gedankendrama und ist nicht weiter visualisiert (gerade hier ist die Funktion des Chores in der Inszenierung überhaupt nicht klar). Dagegen verleihen die aufwendigen Kostüme und der geschmackvolle Bühnenraum dem Spiel einen dekorativen Zug, der gegenüber der Handlung schnell dominiert.

Einmal mehr wird im Programmheft de Laclos' bei solchen Gelegenheiten arg strapazierter Briefroman Gefährliche Liebschaften zitiert. Das mag auf ein Intrigenspiel am Vorabend der französischen Revolution anspielen, ebenso wie der Schauplatz, die Kirche Saint-Sulpice, durch Dan Browns Erfolgsroman The da Vinci Code (deutsch: Sakrileg) eine mysteriöse Aura erhalten hat. Jenseits solcher literarischer Assoziationen aber wirkt die Inszenierung an vielen Stellen statisch und geradezu konventionell.


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Spektakulärer Wiederbelebungsversuch durch Dr. Mesmer: Orpheus (Susanne Blattert), nah und doch getrennt von Eurydikes Schatten (Julia Kamenik)

Eine gewisse Eintönigkeit stellt sich aber auch durch die musikalische Interpretation ein. Das betrifft weniger die Sänger selbst – vor allem die ebenso koloratursichere wie zupackende Susanne Blattert imponiert als Orpheus, Julia Kamenik gibt eine jugendlich jubelnde Eurydike und Sigrún Pálmadóttir einen strahlenden Amor – als mehr die zu geringen Kontraste zwischen den Stimmfärbungen der drei Sängerinnen, die sich innerhalb der Hilsdorfschen Dramaturgie stimmlich stärker gegeneinander absetzen müssten. Weitaus stärker noch fällt das unbewegliche Dirigat von Wolfgang Lischke ins Gewicht. Die starre zweitaktige Phrasierung der Furienchöre etwa lässt kaum einmal eine musikalische Linie aufklingen, und die meist zügigen, dabei mitunter schlicht zu schnellen Tempi (etwa in der gehetzten Ouvertüre) verstärken den Eindruck einer mechanisch ablaufenden Musik. Den von Gluck überreich gezeichneten musikalischen Kontrasten fehlt es fast immer an innerer Kontur, da müssten auch einmal die Mittelstimmen und die Bläser plastischer herausgearbeitet werden. Die Berlioz-Fassung mit den „modernen“ Instrumenten wirkt sich dabei eher nivellierend aus, und die daraus resultierenden spezifischen klanglichen Möglichkeiten werden nur selten ausgeschöpft.


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Choreographisch starkes Finale: Eurydike stirbt unter Orpheus' Blick erneut

Die Dreieckskonstellation Orpheus-Eurydike-Amor gewinnt so weder durch die Regie noch durch die Musik die nötige Binnenspannung, um das Konzept zu rechtfertigen. Dadurch muss man lange auf die Schlusspointe warten, über deren Sinn man streiten kann (und die hier nicht verraten werden soll) – die aber einen eindrucksvollen Schlusspunkt setzt. An das gute Ende, das sei gesagt (bei Hilsdorf wird man sowieso nichts anderes erwarten) glaubt der Regisseur nicht. Die Logik, die zum schrecklichen Ende führt, bleibt er allerdings in weiten Teilen schuldig.


FAZIT

Trotz guter Sänger ein (kurzer) Abend mit Längen, weil die Musik die statischen Momente der Inszenierung nicht ausfüllen kann.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Wolfgang Lischke

Inszenierung
Dietrich Hilsdorf

Bühne
Haitger M. Böken

Kostüme
Renate Schmitzer

Licht
Thomas Roscher

Choreinstudierung
Sibylle Wagner

Dramaturgie
Ulrike Schumann


Statisterie des Theater Bonn

Chor und Extrachor
des Theater Bonn
Beethoven Orchester Bonn


Solisten

Orphée
Susanne Blattert

Eurydice
Julia Kamenik

Amor
Sigrún Pálmadóttir



Weitere
Informationen

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Theater Bonn
(Homepage)



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