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Fidelio
Oper in zwei Aufzügen
Dichtung frei nach dem französischen Libretto
des Jean Nicolas Bouilly von
Joseph Ferdinand Sonnleithner und Georg Friedrich Treitschke
Dialogfassung von Friederike Roth
Musik von Ludwig van Beethoven



Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere der Koproduktion von Theater Bonn
und Beethovenfest Bonn
im Theater Bonn am 25. September 2005



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Theater Bonn
(Homepage)

Kein schöner Sonntagabend mit ergreifender Musik

Von Thomas Tillmann / Fotos von Thilo Beu


Dass Günter Krämer keine besondere Schwäche für das Libretto von Beethovens Fidelio hat, hätte man sich denken können, da ist er in guter Gesellschaft, und darum hat er bisher um dieses Werk auch einen großen Bogen gemacht. Nun aber ließ er sich von Friederike Roth neue Texte schreiben, sehr poetische, schöne, durchaus entschlüsselbare, aber für das Empfinden der meisten Zuschauer einfach zu lange Texte, die den Abend besonders im ersten Teil eher wie eine Schauspielpremiere wirken ließen. Was aber schwerer wiegt, ist der Umstand, dass Regisseur und Autorin auch ein eigenes Thema gefunden haben: Hier geht es nicht länger um willkürliche Gewalt und die Befreiung daraus unter unvorstellbaren persönlichen Opfern, sondern um das Wesen der Liebe an sich, die sich nicht von der "Pflicht der treuen Gattenliebe" an die Kette legen lassen soll, hier wird erzählt "von der samtweich so zarten ersten so leichten Liebe verführt zur stählernen Treue", von der "Hingabe wie verwandelt, wie festgegossen zur zähnefletschenden Treue zum Tod", hier wird angeprangert, dass die "ewige Liebe stahlwollebehandelt zur Treue auf Teufel komm raus im Weißdorngestrüpp" verkümmert und dass die überbewertete Treue Menschen zu "Märtyrer(n) in Sachen Liebe" macht.

Natürlich kann man dem Jubel des Duetts "O namenlose Freude" misstrauen, kann mutmaßen und auch zeigen, dass sich die Eheleute auseinander gelebt haben, dass eben nicht alles so weiter gehen kann wie bisher, kann die Verletzungen betonen, die beide erlitten haben und die sicher nicht ohne Auswirkungen auf die Beziehung bleiben. Natürlich kann man das happy end des Finale als aufgesetzt empfinden und das auch auf die Bühne bringen, man kann annehmen, dass nicht alles wieder gut ist, dass zumindest Marzelline tief enttäuscht und verletzt ist. Aber darf man die eigenen Erkenntnisse zum Thema Ehe, Beziehung und Treue dem Stück eines anderen so aufdrücken, darf man ein Kunstwerk zum bloßen Aufhänger für eigene Ideen machen? Ist das nicht doch Missbrauch? Hätte Günter Krämer da nicht eher ein eigenes Stück schreiben müssen? Hätte er seine Ideen nicht eher in seine für 2006 an der New Yorker Met geplante Neuinszenierung von Strauss' Die ägyptische Helena einbringen können? Und: Was ist denn eigentlich die Botschaft? Will Krämer einem platten Hedonismus das Wort reden, der der Routine der Liebe zu entgehen sucht, indem man sich trennt, wenn das Verliebtsein schwindet, wie Teenager? Klare Antworten bietet Krämer nicht, und die überwiegende Mehrheit der Premierenbesucher in Bonn war keineswegs bereit, sich auf solche Gedanken einzulassen, sondern machte ihrem Ärger über das Gezeigte (und das nicht Gezeigte!) mit Rufen wie "Aufhören!", "Musik!", "Beethoven!" oder "Quatsch keine Opern!" (einem Motto des Hauses!) Luft.

Andererseits: Hat das Publikum ein Recht auf eine Fidelio-Inszenierung, bei der allein die Musik im Vordergrund steht, bei der in erster Linie die Sehgewohnheiten von Leuten bedient werden, die Beethovens Willen so genau kennen wollen, die ungefragt und beschwörend ihren Sitznachbarn mitteilen, dass sie den Krieg miterlebt hätten und deshalb keine Bilder von Gewalt mehr sehen wollten, und gleichzeitig fordern, der Regisseur solle an die Wand gestellt werden? Ist Fidelio wirklich nur ein Feiertagsstück mit glanzvollen Melodien zum Mitsummen? Und tut Krämer nicht doch gut daran, sich solchem Ansinnen zu widersetzen? Deswegen das Publikum gleich pauschal als provinziell abzustempeln, wie er es nach der Vorstellung getan haben soll, geht natürlich auch zu weit.


Vergrößerung in neuem Fenster Erinnerung an glückliche Liebestage: Leonore (Nancy Gustafson) mit ihrer Hochzeitstorte.

Noch bevor die lange, als "Leonore III" bekannte Ouvertüre erklingt (auch dies eine diskutable Entscheidung!), wird der Zuschauer Zeuge von Leonores und Florestans Hochzeit, eine (echte) Hochzeitstorte mit aufgestecktem Plastikpärchen in weiß und schwarz wird als Erinnerung daran noch lange Zeit vorn auf der Bühne sichtbar sein, wo natürlich auch Krämers Lieblingssymbol für Beziehung zu finden ist, zwei Stühle und ein Tisch. Doch auch wenn Leonore das Tortenpärchen wie einen Talisman bei sich trägt: Die Erinnerung an vergangenes Liebesglück reicht nicht aus, um in dieser Welt der Korruption und Gewalt heil zu bleiben, ihr schlichtes, cremefarben-seidiges Hochzeitskleid mit Federbesatz (Kostüme: Falk Bauer) ist bald wie sie selber mit Blut verschmiert (die in den Schoß gelegten Hände könnten eine Vergewaltigung andeuten), die Haare sind strähnig, der Traum von Glück ist geplatzt, von Florestan ist nur noch ein blutiger Umriss auf dem weißen Stoffhalbrund zu sehen, das sich über dem schrägen Gitterboden auftut, der von unten weiß angestrahlt wird und als Spielfläche dient (Bühne: Herbert Schäfer). Und dann taucht Fidelio auf, Leonores alter ego, das ihr sein Sakko reicht und sie hinausschleppt, ihr das Blut abwischt, während Männer in schwarzen Anzügen ihre Gedanken über Liebe, Treue und Tod auf den Stoff pinseln.

Bald wird klar, dass Leonore und Florestan stellvertretend für alle Paare stehen und leiden: Alle Frauen tragen das oben beschriebene Kleid, auch Marzelline, alle Männer schwarze Anzüge. Frauen räumen die Farbe für ihre Männer weg, sie decken Tische, bringen Essen in Suppenterrinen, stricken, die anfängliche Liebe geht verloren im täglichen Trott der Treue und der überkommenen Rollenbilder. Fidelio hält immerhin den bereits in die Jahre gekommenen, unattraktiven Jaquino mit seinen schlechten Manieren und seinen plumpen Besitzansprüchen (Mark Rosenthal entwickelt hier darstellerisch mehr Präsenz als vokal) von Marzelline weg, ohne längerfristigen Erfolg.


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Pizarro (John Wegner, hinten) will Rocco (Andrej Telegin, vorn) zwingen, ihm bei der Mordtat zu helfen.

Vor dem Auftritt Pizarros, der mit seinen Siegergesten an einen Politiker unserer Tage erinnert, senkt sich der Vorhang, danach dominiert ein riesiger Kabinettstisch die Bühne, an dem neben Pizarro auch Rocco sitzt. Die klare Trennung zwischen Opfern und Tätern verschwimmt, alle sind alles in Krämers Sicht der Dinge, manches Opfer wird schneller zum Täter, als man und es selber es denkt (das gilt natürlich auch für den umgekehrten Fall). Das eigentliche Problem ist aber, dass diese politischen Szenen nicht recht passen wollen zum davor Gezeigten, sie wirken wie Fremdkörper, halbherzig gearbeitet in der Erkenntnis, dass man sie nicht ganz übergehen kann. Ein Gefängnis ist hier vorerst nicht zu sehen - oder aber soll auch hier nur ein Aspekt des menschlichen Lebens gezeigt werden, der dazu führt, dass aus dem Zauber der jungen Liebe das Gefängnis von Beziehung und Treue wird? Stehen die Verletzungen, die hier gezeigt werden, eigentlich für das, was Verliebte auf dem Weg zu Verheirateten sich antun?


Vergrößerung in neuem Fenster Fidelio (Daniel Schüßler, links) erträgt den Anblick des völlig apathischen, abgestumpften Florestan (Klaus Florian Vogt, rechts) nicht.

Und dann gibt es im zweiten Teil doch auf einmal eine Mauer aus weißen Steinen, die sich hinter den Umrissen der Opfer auftut, die Rocco und Fidelio aufzureißen trachten, um ein Grab für Florestan zu schaufeln, und die schließlich in sich zusammenfällt (welche Respektlosigkeit gegenüber den Sängern, die nun in feinem Staub stehen, welch hoher Preis für einen vorsehbaren coup de théâtre!). Und man wundert sich, dass jetzt doch das Stückchen Brot zum Einsatz kommt, ein merkwürdiger Realismus, auch in dem Kampf, den Fidelio und Pizarro austragen. Hat Krämer den Mut verloren, seiner Grundidee treu zu bleiben? Trotz mancher Zuspitzungen gerät der zweite Akt viel weniger inspiriert: Fidelio muss jetzt natürlich sterben, Leonore reicht Marzelline tröstend dessen Jacke, Rocco zählt das Geld, das er für seine Mitwirkung bekommen hat, die (von Mark Morouse solide gesungenen) Worte des Ministers werden von bekannten Politikergesten begleitet und wirken dadurch natürlich noch salbungsvoller, Marzelline, die eigentliche Verliererin in diesem "Spiel", wird brutal gezwungen, sich zu freuen, und wird noch dankbar sein müssen, wenn Jaquino sie nimmt. Auch Leonore freut sich nicht: Sie befreit nicht Florestan von seinen Ketten, sondern kettet sich an ihn und wirft den Schlüssel weg. Wir verstehen: Nun ist das Paar, das glücklich sein sollte über die Wiedervereinigung, für immer aneinander gekettet, gefangen in ehelicher Treue, weiter entfernt von der Liebe als je zuvor.


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Das Finale ohne wirklichen Jubel (von links nach rechts): Leonore (Nancy Gustafson), der tote Fidelio (Daniel Schüßler, vorn), Florestan (Klaus Florian Vogt), Don Fernando (Mark Morouse), Rocco (Andrej Telegin), die unglückliche Marzelline (Anna Virovlansky), Jaquino (Mark Rosenthal) und die anderen Paare (Damen und Herren des Chores und Extrachores).

Weniger kontrovers wurde die musikalische Seite des Abends aufgenommen: Unter Roman Kofmans Leitung überzeugt das fein abgestufte, konzentrierte, pulsierend-fließende Spiel des Beethoven Orchester Bonn, der wunderbar weiche, warme Klang der Holzbläser, die gute Balance zwischen den Gruppen, die Transparenz auch bei Tuttistellen, die auch den positiven Effekt hat, dass die Sänger fast immer gut zu verstehen sind. Allerdings bleibt die Deutung des Generalmusikdirektors gleichzeitig auch sehr diskret und brav und könnte an mancher Stelle aggressiver und "moderner" klingen. Das Werk wird übrigens "in einer neuen, wissenschaftlich gesicherten Version" präsentiert, "die den originalen Notentext wiederherstellt" und "von den bisher bekannten, in den gedruckten Partituren verbreiteten musikalischen Gestalt deutlich hörbar" abweicht, wie Dr. Helga Lühning, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bonner Beethovenarchivs, im Programmheft erläutert (eine Idee wäre natürlich gewesen, in dem Jahr, in dem sich Uraufführung der Leonore zum zweihundertsten Mal jährt, diese frühe Fassung erneut zur Diskussion zu stellen).

Klangbeispiel Klangbeispiel: "Lass den letzten Stern der Hoffnung nicht erbleichen" (Auszug aus der Arie der Leonore aus dem ersten Akt) - Nancy Gustafson
(MP3-Datei)


Ich kann mich nicht erinnern, je eine so schlechte Leonore wie die von Nancy Gustafson gehört zu haben. Wie so viele, die das lyrische Fach hinter sich lassen und ins lukrativere dramatische einsteigen, verbreitert sie ihren Sopran in der Mitte, was zu einem nicht unerheblichen Vibrato führt, vor allem aber zu erheblichen Problemen mit der steifen, engen Höhe und der Intonation: Die Spitzentöne der Arie etwa erreicht sie auch nicht annähernd, den virtuosen Anforderungen derselben bleibt sie das meiste schuldig, spätestens ab dem Ende der Kerkerszene hört man nur noch unkontrolliertes Geschrei einer Stimme, die jetzt fast immer unter dem angepeilten Ton bleibt und auch in der unteren Mittellage und Tiefe viel zu wenig Gewicht hat, und durch heftiges Zwischenatmen zerrissene Bögen, wo Legatoqualitäten gefordert wäre. Und was nützt verinnerlichter Pianogesang, wenn sonst fast nichts stimmt? Man kann es nicht oft genug sagen: Vokale Not darf nicht mit Expressivität verwechselt werden, und der Umstand, dass die Künstlerin darstellerisch als traumatisierte Frau zu berühren weiß, ist kein wirklicher Trost für die peinigenden Geräusche, die sie dabei absondert. Umso mehr wundert es mich, dass die selbsternannten Beethoven-Experten im Publikum an dieser ungenügenden Leistung keinen Anstoß nahmen.

Wenn die Leonore schon so schwachbrüstig ist, dann ist man gut beraten, eine Marzelline wie Anna Virovlansky mit ihrem kleinen, piepsigen, aber doch angenehm frischen Sopran an ihre Seite zu stellen. Über Klaus Florian Vogts Florestan ist nicht viel mehr zu sagen als das, was ich über die Premiere in Köln geschrieben habe: Er hat nach wie vor keine Mühe mit der hohen Tessitura, aber man hört bei aller Bewunderung für die hohe Textverständlichkeit und das hervorragende Legato die ersten Kratzer auf der lyrischen Tenorstimme, besonders bei den sehr durchdringenden Fortetönen.

Klangbeispiel Klangbeispiel: "Willig duld' ich alle Qualen" (Auszug aus der Arie des Florestan aus dem zweiten Akt) - Klaus Florian Vogt
(MP3-Datei)


Ein ziemlich junger Rocco ist Andrej Telegin, dessen Bass für diese Partie noch etwas mehr Volumen in der Tiefe haben dürfte, und die Nebengeräusche, die sich im Laufe des Abends einstellen, lassen auch die Stirn runzeln. John Wegner ist ein erfahrener Interpret des Pizarro mit mancherlei Gebrauchsspuren erkennen lassendem, trockenen Heldenbariton. Daniel Schüßler hat als Fidelio keinen leichten Job, zumal er sehr direkt die Emotionen des Publikums abbekam und mitunter geradezu niedergebrüllt wurde, aber neben sehr bewegenden Momenten gab es auch solche, in denen er ziemlich weinerlich und überemotional seinen Text präsentierte und sich nicht gerade als erster Schauspieler erwies. Im Gefangenenchor waren die Herren keineswegs immer zusammen, die Kommunikation mit dem Graben war hier auch nicht die beste, und auch das Finale hat man schon strahlender und klangschöner gehört (Choreinstudierung: Sibylle Wagner).


FAZIT

Helga Lühning spricht im Programmheft von einer "Zeit, in der die Oper als Gattung des Theaters insgesamt die Orientierung zu verlieren scheint". Günter Krämers Inszenierung hat dazu zweifellos einen Beitrag geleistet mit diesem den Rezensenten mit zwiespältigen Gefühlen zurücklassenden, anstrengenden, fordernden, eigenwilligen Abend. Es ist nicht zuletzt aber auch ein Abend, an dem in der Pause über das Gesehene diskutiert wurde und nicht über das im Anschluss einzunehmende Dinner, und das tut der Oper vielleicht auch ganz gut. Die Frage, die bleibt, ist, wie weit ein Regisseur mit einer hochsubjektiven Deutung gehen darf - das fast einhellig verärgerte Premierenpublikum hat seine Antwort gefunden und wird die Wiederaufnahmen bei den Beethovenfesten der nächsten Jahre vermutlich meiden, auch wenn für 2006 Eva Johansson und John Treleaven, für 2007 Waltraud Meier und Thomas Moser als prominente Interpreten der Hauptpartien angekündigt sind.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Roman Kofman

Inszenierung
Günter Krämer

Bühne
Herbert Schäfer

Kostüme
Falk Bauer

Licht
Thomas Roscher

Choreinstudierung
Sibylle Wagner

Dramaturgie
Jens Neundorf von Enzberg


Chor und Extrachor
des Theater Bonn
Beethoven Orchester Bonn


Solisten

* Besetzung der Premiere

Leonore
* Nancy Gustafson/
Carol Wilson

Fidelio
Daniel Schüßler

Marzelline
Julia Kamenik /
* Anna Virovlansky

Florestan
Louis Gentile /
* Klaus Florian Vogt

Don Pizarro
John Wegner

Rocco
Andrej Telegin

Jaquino
Mark Rosenthal

Don Ferrando
Selcuk Cara /
* Mark Morouse

Erster Gefangener
Dong-Wook Lee

Zweiter Gefangener
Kamen Todorov



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