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Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Oper von Bertold Brecht
Musik von Kurt Weill


in deutscher Sprache

Premiere im Theater Basel am 14. September 2005
(rezensierte Vorstellung: 25. September 2005)


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Theater Basel
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Game over

Von Ina Schabbon / Fotos vom Theater Basel


Mahagonny, die Netzstadt, die alles bietet, was Mann sich nur wünschen kann, in der Mann sich sein mühsam verdientes Geld aus der Tasche ziehen lässt: Diese Geschäftsidee dreier sinistrer Gestalten gewinnt in Brecht/Weills Oper über den Aufstieg und Fall dieser Stadt eine zerstörerische Eigendynamik, die zum bösen Ende alle vernichtet. Doch obwohl in Zeiten von Heuschreckenkapitalisten und Spaßgesellschaft Brecht/Weills Kapitalismuskritik eigentlich hochaktuell wirken müsste, kommen uns die Bilder heute seltsam fremd und leer daher. Gewiss, das Mittel der Verfremdung wurde von Brecht und seinem Komponisten bewusst eingesetzt, auf dass wir im Theatersessel nur ja nicht, eingelullt von süßer Illusion, auf das kritische Denken verzichten. Und wer könnte diesen Anspruch besser umsetzen, als der Meister der ironischen Verfremdung, Nigel Lowery, der in schöner Regelmäßigkeit am Theater Basel in jeder Spielzeit eine Oper auf die Bühne bringt und dabei für Regie, Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet. Doch scheint es diesmal, als ob das Aufeinandertreffen von Lowerys ironischer Distanz und Brechts Verfremdungen sich gegenseitig aufheben und etwas Lebloses, Leeres daraus entsteht.

Vergrößerung

Uneinigkeit auf der Kommandobrücke (Brandt, Araya, Murphy)

Die drei Stadtgründer entsteigen in Raumanzügen der Unterwelt und nehmen die wüste, nur von Ratten bewohnte Gegend in Besitz: Sie müssen nur den Hauptschalter umlegen und die mitgebrachte Satellitenschüssel anschließen und schon leuchten auf der antiquierten Kommandobrücke die Lämpchen und Bildschirme, weht die Fahne des Aufbruchs auf der Leinwand darüber. Jenny und ihre Mädchen bevölkern als Klone von Walt Disneys Schneewittchen diese Kunstwelt, der Hurrikan ist ein sich drehendes überdimensionales Paket.

Vergrößerung Schnaps und Spiele (Murphy, Herrenchor)

"Was ist der Taifun an Schrecken gegen den Menschen, wenn er seinen Spaß will?" Mit diesem Satz im Zentrum der Oper gewinnt die Inszenierung dann doch noch an Dichte. Lowery bezieht nun Stellung und führt die Brutalität eines Systems, in dem (für Männer) gilt: Jedem nach Belieben, solange er es nur bezahlen kann, gnadenlos vor. Wenn zum Schluss die demonstrierenden Massen in einem riesigen, aus dem Bühnenhimmel herabgeschwebten Käfig mit der Aufschrift "game over" fest sitzen, wirkt das nicht nur aufgrund von Weills brutalem (Trauer?-)Marsch beklemmend.

Vergrößerung

Sie lässt ihn nicht vom Haken: Wer kein Geld hat, muss sterben. (Kirch, Araya)

Überzeugend die musikalische Seite des Abends. Jürg Henneberger kann mit dem glänzend aufgelegten Sinfonieorchester Basel alle Register der Weillschen Partitur ausspielen von betörend schöner Lyrik über grob-banalen Gassenhauerton bis hin zu brutaler Unerbittlichkeit. Ebenso souverän beherrscht Maya Boog als Jenny alle Register ihres Faches. Ihr sinnliches Piano beim "Moon of Alabama" lässt die Zuhörer den Atem anhalten, und auch die Schauspielerin begeistert. Die Riesenpartie des Jim Mahoney ist mit dem jungen Daniel Kirch ideal besetzt, den große Spielfreude und ein gut sitzender, strahlkräftigem Tenor auszeichnen. Sehr anrührend seine Arie im Gefängnis. Karl-Heinz Brandt mit seinem hellen, schlank geführten Tenor und Andrew Murphy mit seinem kraftvollen, sehr geerdeten Bariton geben als Fatty und Dreieinigkeitsmoses ein zwischen diabolisch und durchgeknallt changierendes Gangsterpaar. Leider nicht auf dem selben stimmlichen Niveau gestaltet Graziela Araya deren Anführerin, die Witwe Begbick. Die Entdeckung des Abends ist Markus Brutscher als Jack und Tobby. Von diesem strahlenden und dennoch weichen Tenor möchte man gerne mehr hören!

Einmal mehr begeistert der bestens vorbereitete und glänzend disponierte Chor des Theater Basel. Mit großer Homogenität und Durchschlagkraft gestaltet er seine Partie und trägt einen nicht geringen Anteil am nachhaltigen Eindruck des Abends.


FAZIT

Ein Wechselbad der Gefühle. Was bleibt, sind vor allem musikalische Höhepunkte.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Jürg Henneberger

Regie, Bühne und Kostüme
Nigel Lowery

Licht
Hermann Münzer

Chorleitung
Henryk Polus

Dramaturgie
Beate Breidenbach



Chor des Theater Basel
Sinfonieorchester Basel


Solisten

Leokadja Begbick
Graziela Araya

Fatty, der Prokurist
Karl-Heinz Brandt

Dreieinigkeitsmoses
Andrew Murphy

Jenny
Maya Boog

Jim Mahoney
Daniel Kirch

Jack o'Brien
Markus Brutscher

Sparbüchsenbill
Thomas J. Mayer /
Marian Pop

Alaskawolfjoe
Harold Wilson

Tobby Higgins
Markus Brutscher

Sechs Mädchen von Mahagonny
Eva Buffoni
Giulia Del Re
Bianca Gierok
Karin Hellmich
Monika Lichtenberg
Esther Randegger



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Basel
(Homepage)



Da capo al Fine

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