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Standing Ovations und Buh-Geschrei Unter den Linden
Von Annika Senger / Fotos von Chris Van der Burght Die Bühne der Berliner Staatsoper Unter den Linden stellt eine Eislandschaft dar. Der Orchester-Graben ist geschlossen. Stattdessen sieht man rechts auf einer Erhöhung ein kleines, aus den Gruppen Oltremontano und Aka Moon zusammengesetztes Ensemble bestehend aus Bass-Gitarre, Bouzouki, Percussion, einzelnen Streich- und Blasinstrumenten sowie einer Sängerin. Minutenlang herrscht um den Tänzer Elie Tass herum Schweigen. Verzweifelt versucht er, einen Laib Brot zu brechen vergeblich. Hindert ihn die durch das Bühnenbild suggerierte Kälte am Beginn einer Vesper? Eine von vielen offenen Fragen, die sich im Laufe der Aufführung aufdrängen
Duo Seraphim Regisseur Alain Platel lehnt sich mit seinem postmodernen Patchwork aus Musik, Tanz und Schauspiel an Claudio Monteverdis Vespro della Beata Vergine (zu Deutsch: Marienvesper) aus dem Jahr 1610 an. Die musikalische Bearbeitung von Fabrizio Cassol, Wim Becu und Tcha Limberger durchbricht allerdings Monteverdis barocke Form und kreiert etwas völlig Neues: Die entstehende Mischung läßt sich am besten als multikulturell bezeichnen. Über den rezitativen Mezzosopran von Maribeth Diggle legt sich herzzerreißende Zigeunermusik, was Monteverdis religiös-getragener Vesper sehr viel Kraft und Leidenschaft verleiht. Die Tänzer, die ebenfalls aus unterschiedlichen Kulturen stammen, werden bis an die Grenzen der Selbstkontrolle von den Klängen mitgerissen. Als Tcha Limberger mit seiner Flöte ein indisches Schlangenbeschwörer-Solo anstimmt, unterstreicht Hyo-Seung Ye die musikalische Betörung des tänzerisch angedeuteten Tieres mit leichten, fließenden Bewegungen. An einer anderen Stelle verfällt Fabrizio Cassol am Saxophon in einen Blues, so daß es wenig überrascht, daß das gesamte Ensemble plötzlich anfängt, hysterisch Eric Claptons Ballade Tears in Heaven zu brüllen. Diese Stilbrüche wirken unberechenbar und sind alles andere als aufeinander abgestimmt. Operngänger, die eine Vorliebe für traditionelle Formen hegen, haben damit anscheinend nicht gerechnet: Bereits während der Aufführung lichten sich die Reihen!
Prozession
Patel gibt dem Publikum Rätsel auf, denn der Sinn seines Werkes ist nicht immer leicht zu entschlüsseln. Warum wirft Tänzerin Rosalba Torres Guerrero in ihrer Raserei die Namen von Hollywood-Helden wie King Kong, Spiderman und Rambo in den Saal? Was hat Sigmund Freud in diesem Wust an fiktiven Persönlichkeiten zu suchen? Will der Regisseur provozieren, als er Torres Guerrero auf einmal ein menschliches Bedürfnis mit den Worten lovely kaka huldigen läßt? Vespero ist außerordentlich gewöhnungsbedürftig, was das Publikum Patel in aller Ehrlichkeit mitteilt: Kaum fällt der Vorhang nach einem langatmigen Ende, ertönen laute Buh-Rufe vermischt mit Jubel-Geschrei und Standing Ovations. Diese Polarisierung ist durchaus nachzuvollziehen: Die Tänzer haben ein großes Lob verdient, vor allem Iona Kewey, die immer wieder die kunstvollen, akrobatischen Figuren eines Schlangenmenschen präsentiert. Das Stück selbst erscheint jedoch wie eine verstörende Aneinanderreihung von wirren Ideen. Soll es das Seeleninnenleben von psychiatrischen Patienten thematisieren? Eine Frage, die womöglich nur der Regisseur beantworten kann
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Produktionsteam
Konzept und Regie
Musikalische Leitung
Bühne
Kostüme
Licht
Sound Design
Dramaturgie
Musikalische Dramaturgie
SolistenSopranMaribeth Diggle
Tänzer
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