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Musiktheater
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Vespero

Ein genreübergreifendes Projekt in einem Aufzug von Alain Platel

Musik von Fabrizio Cassol in Zusammenarbeit mit Wim Becu und Tcha Limberger
nach der Marienvesper von Claudio Monteverdi


in englischer Sprache, Gesangstexte in italienischer Sprache

Aufführungsdauer: ca. 1h 45' (keine Pause)

Premiere an der Berliner Staatsoper Unter den Linden am 1. März 2006
(rezensierte Aufführung: 2. März 2006)

Im Rahmen der Cadenza-Barocktage Berlin
Koproduktion mit KunstenFESTIVALdesArts-La Monnaie/De Munt (Brüssel), Le Grand Théâtre de Luxembourg, RUHRtriennale, TorinoDanza, Holland Festival (Amsterdam), Sadler’s Wells (London)


Homepage

Staatsoper Berlin
(Homepage)
Standing Ovations und Buh-Geschrei Unter den Linden

Von Annika Senger / Fotos von Chris Van der Burght

Die Bühne der Berliner Staatsoper Unter den Linden stellt eine Eislandschaft dar. Der Orchester-Graben ist geschlossen. Stattdessen sieht man rechts auf einer Erhöhung ein kleines, aus den Gruppen „Oltremontano“ und „Aka Moon“ zusammengesetztes Ensemble bestehend aus Bass-Gitarre, Bouzouki, Percussion, einzelnen Streich- und Blasinstrumenten sowie einer Sängerin. Minutenlang herrscht um den Tänzer Elie Tass herum Schweigen. Verzweifelt versucht er, einen Laib Brot zu brechen – vergeblich. Hindert ihn die durch das Bühnenbild suggerierte Kälte am Beginn einer Vesper? Eine von vielen offenen Fragen, die sich im Laufe der Aufführung aufdrängen…

Vergrößerung

Duo Seraphim

Regisseur Alain Platel lehnt sich mit seinem postmodernen Patchwork aus Musik, Tanz und Schauspiel an Claudio Monteverdis Vespro della Beata Vergine (zu Deutsch: Marienvesper) aus dem Jahr 1610 an. Die musikalische Bearbeitung von Fabrizio Cassol, Wim Becu und Tcha Limberger durchbricht allerdings Monteverdis barocke Form und kreiert etwas völlig Neues: Die entstehende Mischung läßt sich am besten als „multikulturell“ bezeichnen. Über den rezitativen Mezzosopran von Maribeth Diggle legt sich herzzerreißende Zigeunermusik, was Monteverdis religiös-getragener Vesper sehr viel Kraft und Leidenschaft verleiht. Die Tänzer, die ebenfalls aus unterschiedlichen Kulturen stammen, werden bis an die Grenzen der Selbstkontrolle von den Klängen mitgerissen. Als Tcha Limberger mit seiner Flöte ein indisches Schlangenbeschwörer-Solo anstimmt, unterstreicht Hyo-Seung Ye die musikalische Betörung des tänzerisch angedeuteten Tieres mit leichten, fließenden Bewegungen. An einer anderen Stelle verfällt Fabrizio Cassol am Saxophon in einen Blues, so daß es wenig überrascht, daß das gesamte Ensemble plötzlich anfängt, hysterisch Eric Claptons Ballade „Tears in Heaven“ zu brüllen. Diese Stilbrüche wirken unberechenbar und sind alles andere als aufeinander abgestimmt. Operngänger, die eine Vorliebe für traditionelle Formen hegen, haben damit anscheinend nicht gerechnet: Bereits während der Aufführung lichten sich die Reihen!

Vergrößerung Prozession

Patel gibt dem Publikum Rätsel auf, denn der Sinn seines Werkes ist nicht immer leicht zu entschlüsseln. Warum wirft Tänzerin Rosalba Torres Guerrero in ihrer Raserei die Namen von Hollywood-Helden wie King Kong, Spiderman und Rambo in den Saal? Was hat Sigmund Freud in diesem Wust an fiktiven Persönlichkeiten zu suchen? Will der Regisseur provozieren, als er Torres Guerrero auf einmal ein menschliches Bedürfnis mit den Worten „lovely kaka“ huldigen läßt?

Vespero ist außerordentlich gewöhnungsbedürftig, was das Publikum Patel in aller Ehrlichkeit mitteilt: Kaum fällt der Vorhang nach einem langatmigen Ende, ertönen laute Buh-Rufe vermischt mit Jubel-Geschrei und Standing Ovations. Diese Polarisierung ist durchaus nachzuvollziehen: Die Tänzer haben ein großes Lob verdient, vor allem Iona Kewey, die immer wieder die kunstvollen, akrobatischen Figuren eines Schlangenmenschen präsentiert. Das Stück selbst erscheint jedoch wie eine verstörende Aneinanderreihung von wirren Ideen. Soll es das Seeleninnenleben von psychiatrischen Patienten thematisieren? Eine Frage, die womöglich nur der Regisseur beantworten kann…


FAZIT
Ein etwas schwieriges Stück, das Fragen aufwirft.


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Produktionsteam

Konzept und Regie
Alain Platel

Musikalische Leitung
Wim Becu

Bühne
Peter De Blieck

Kostüme
Lies Van Assche

Licht
Carlo Bourguignon

Sound Design
Alexandre Fostier

Dramaturgie
Hildegard De Vuyst

Musikalische Dramaturgie
Kaat De Windt



Les Ballets C. de la B.

Ensemble Oltremontano:

Tcha Limberger, Violine / Flöte
Vilmos Scikos, Kontrabass
Wim Becu und Adam Woolf, Barockposaune
Doron Sherwin und Marleen Leicher, Zink

Aka Moon:

Fabrizio Cassol, Saxophon
Stéphane Galland, Percussion
Michel Hatzigeorgiou, Bassgitarre / Bouzouki


Solisten

Sopran
Maribeth Diggle

Tänzer
Quan Bui Ngoc
Mathieu Desseigne-Ravel
Lisi Estaràs
Iona Kewney
Samuel Lefeuvre
Mélanie Lomoff
Ross McCormack
Elie Tass
Rosalba Torres Guerrero
Hyo-Seung Ye






Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Staatsoper Unter den Linden Berlin
(Homepage)



Da capo al Fine

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