Rund um Erotik und den heißen Brei
Von Angela Mense
/
Fotos von Bettina Stöß
Erleichterung! Das ist wohl die erste Reaktion auf die Mitte März bekannt gegebene Nachricht, dass Marguerite Donlons Vertrag als Ballettdirektorin des Saarländischen Staatstheaters bis 2009 verlängert wird. Eine Qualitätsgarantie für das von massiven Sparmaßnahmen betroffene Theater und das Versprechen, dass es auch weiterhin ein Forum für avantgardistisches Tanztheater geben wird. Aber ist es das wirklich noch? Nach "Beauty" und "Poesie des Körpers" führt die Donlon-Compagnie nun mit "Eros" seine Annäherungsversuche an das Faszinosum Tanz fort. Man ist gespannt, wie die Truppe mit dem bereits dritten doch recht selbstreferentiellen Thema fertig wird. Den Besucher empfangen nach dem gewohnten Muster der ehemaligen "SubsTanz"-Reihe schon auf den Treppenabsätzen Tanzinstallationen, die ihn über Foyer, Galerie und Toiletten schließlich auf die Bühne hin- und ins Thema einführen: manierierte Tussis, deren Gesichter und damit ihre Persönlichkeit unter langen blondierten Strähnen verschwinden in Marguerite Donlons "Entrée Filles", ein von Meritxell Aumedes Molinero nachgestelltes Stummfilm-Drama "Genannt Héloïse" frei nach Rousseau, ewige Annäherungsversuche eines Jünglings an eine hübsche Schaufensterpuppe auf der Parkbank in Donlons "Strange Encounters" und schließlich auf der Bühne aufgebaute Peep-Holes von Klaudia Stoll und Jacqueline Wachall, wo der Zuschauer durch ein Guckloch heimlicher Beobachter gestellter Domina-Szenen wird. So weit, so nett.
Wurst an Mohrenkopf
Auch das Konzept des Hauptteils orientiert sich an altbewährtem Rezept. Drei Choreografien von Mitgliedern des Ensembles und der Ballettchefin selbst zu einem Thema, DEM Thema. Das Programmheft hat eine Gebrauchsanweisung parat: "Jedes Element ist selbständig. In Beziehung zueinander setzt sie [die Stücke] der Blick des Betrachters. Dies ist im besten Fall eine erotische Methode. Dabei geschieht mehr als wir ahnen. Oder planen." Derartig zur Verantwortung gezogen, ergreift einen schon mal die Panik. Dabei muss man sich einfach locker machen, sich fallen lassen. Denn was die nächsten zwei Stunden auf der Bühne passiert, ist so schön anzusehen wie die Bilder eines wirren Traums, auf die man sich staunend einlässt, ohne sie zu dechiffrieren: Tänzer in grauen Anzügen und einfachen orangefarbenen Kleidern zertreten Chips mit bloßen Füßen, essen Wurst und Mohrenköpfe, während sie sich mit starrem Blick ein imaginäres Porno ansehen, tanzen ein Pas de Deux mit einer Puppe. Im Hintergrund fließt langsam Blut an glatten, weißen Wänden herunter und Videobilder zeigen zwei sich anziehende und abstoßende Flüssigkeiten. Mit Anziehung und Abstoßung funktioniert Ilka von Häfens "monarchisches Prinzip" von Erotik und Sexualität, das frei nach Salvador Dalì unsere Wahrnehmungen und Beziehungen beherrscht. Eine fantasiereiche Komposition, deren Dynamik leider oft in den performanceartigen, symbolischen Handlungen erstarrt.
Tänzer im Diskofieber
Das Thema Herrschaft und Manipulation verarbeitet auch Ignacio Martìnez in seiner Choreografie "sky_edit". So ernüchternd sie in ihrer formalen Einfachheit rüberkommt, ist sie doch thematisch nicht ohne Witz: Gott wird mit einem DJ assoziiert oder umgekehrt und die Erdenbürger mit den Besuchern einer Disko. Das Ballettcorps ist in Grüppchen formiert, innerhalb derer Bewegungsprozesse ablaufen. Der Welten-DJ, unverkennbar im weißem Kostüm, schreitet mitten durch das Geschehen, gibt sich als Manipulator aber auch als Außenseiter zu erkennen. In einem zweiten Teil gibt er in einem psychologisierten Solo die Folge der Einsamkeit, seine gebrochene "Seele" preis, für die Martìnez und sein Interpret Raphael Saada eine ausdrucksstarke Bewegungssprache finden.
Zunge im Gegenlicht
Durch Marguerite Donlons Choreografie "Eros Life Instinct" führt eine abendbekleidete Blondine als Zeremonienmeister. Augenzwinkernd stimmt sie mit einem kurzen und sehr anschaulichen Text in das weibliche Lustprinzip ein, entledigt sich ihrer Perücke, lässt sich die Haare unter den Achseln und an den Beinen rasieren, zieht sich den einen hochhackigen Schuh aus und läuft schließlich hinkend über die Bühne. Lust und Verlust, erotische Perfektion und lächerliche Geilheit bestimmen die Bildsprache Donlons und ihrer Koregisseurinnen Klaudia Stoll und Jacqueline Wachall. In einer skurrilen Szene lässt sich ein Mädchen, von dessen weißem Kleid nur noch der ausladende Reifrock übriggeblieben ist, von einem Dutzend Transvestiten und Dominas küssen. Weibliche Körper räkeln und strecken sich in einem im Gegenlicht pervers erscheinenden Schattenspiel, während auf dem videobebilderten Hintergrund grell geschminkte Wesen extrem lange und rote Zungen herausstrecken. Die Begegnung zwischen einer Prostituierten und zwei Freiern gerät zu einem poetisch-zärtlichen Pas de trois
Schön und im besten Falle sinnlich. Der Zuschauer ist für seine Rezeption selbst verantwortlich. Ein derart demokratisches Verhältnis zum Publikum fasziniert, bzw. faszinierte bei Marguerite Donlon. Denn anfangs war es schließlich noch neu, inspirierend und irgendwie cool und sexy. Aber mit spannungsgeladener Erotik hat das längst nichts mehr zu tun. Eine künstlerische Entwicklung zeichnet sich nur innerhalb des altbewährten Konzepts ab. Die besteht darin, dass die Grenzüberschreitung zwischen Tanz und bildender Kunst immer weiter fortschreitet, so dass die Ballettabende in freie Performances und Installationen zerfallen und man substantielles Tanztheater schmerzlich vermisst.
FAZIT
Es scheint, als wollten sich die Choreografen der Verantwortung entziehen, uns etwas mitzuteilen, also mehr zu sein als schöne, als experimentell deklarierte Anarchie. Schade um die schönen Ideen, die talentierten Tänzer und die Bewegungsästhetik der Donlon-Compagnie.
Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
|
Produktionsteam
Künstlerische Leitung Marguerite Donlon Choreographische Assistenz Claudia Schellino Asstattungsassitenz Matthias Werner Produktionsassistenz Stephan Schmidt
DAS MONARCHISCHE PRINZIP
Choreographie Ilka von Häfen Bühne/Kostüme Ilka von Häfen
Musik Vincent Courtois, Meret Becker, Triola im Fünftonraum, Steve Reich, Peter Thomas, Einstürzende Neubauten, Autechre, Gustav Mahler, Joseph Schmidt
SKY_EDIT
Choreographie Ignacio Martìnez Bühne Markus Maas Kostüme Ignacio Martínez Musik Claas Willeke
EROS - LIVE INSTINKT
Inszenierung Marguerite Donlon, Klaudia Stoll, Jacqueline Wachall Bühne Markus Maas, Marguerite Donlon, Klaudia Stoll, Jacqueline Wachall Kostüme Marguerite Donlon, Klaudia Stoll, Jacqueline Wachall Musik Claas Willeke u.a.
Ensemble Ilka van Häfen,
Youn Hui Jeon, Hitomi Kuhara,
Micol Mantini, Merixtell Aumedes Molinero,
Sarah Reynolds, Héloise Vellard,
Elmer Domdom, Constantin Georgescu,
Toby Kassell, Matthias Markstein, Ignacio Martìnez, Andrea Palombi,
Raphael Saada, Antonio Chamizo Salcedo
Weitere Informationen
Staatstheater Saarbrücken (Homepage)
|