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Suor Angelica
Oper in einem Akt
Musik von Giacomo Puccini
Libretto von Giovacchino Forzano



I Pagliacci
Oper in zwei Akten
Musik und Libretto von
Ruggero Leoncavallo


In italienischer Sprache mit französischen und flämischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 50' (eine Pause)

Premiere im Théâtre Royal de Liège
am 22. April 2005

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Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)
Verismo im (ungewohnten) Doppelpack

Von Thomas Tillmann / Fotos von der Opéra Royal de Wallonie


Normalerweise wird Puccinis unterschätzte Suor Angelica als lyrisches Mittelstück des Trittico zusammen mit Il tabarro und Gianni Schicchi aufgeführt, I Pagliacci nach Mascagnis Cavalleria rusticana gespielt. Warum nun ausgerechnet diese beiden Werke, deren Uraufführungen beinahe dreißig Jahre auseinander liegen, an einem Abend gegeben wurden, wurde zwar von den Verantwortlichen nicht wirklich überzeugend beantwortet, aber es störte auch nicht, denn immerhin werden beide von der Mehrheit der Musikwissenschaftler dem Genre des Verismo zugerechnet.

Vergrößerung Suor Angelica (Hasmik Papian, links) möchte von ihrer hartherzigen Tante (Fiorenza Cossotto, rechts) wissen, wie es ihrem Kind geht.

Dass Claire Servais vor dem Vorhang mit Buh-Rufen bedacht wurde, fand ich ungerecht, denn immerhin hatte sie mit großer Sensibilität und der hier nötigen Ruhe das wenig offensichtliche Höhepunkte aufweisende Frauenstück umgesetzt. Dieses unangenehmste Gefühle der Beklemmung auslösende Kloster ist tatsächlich so etwas wie ein Gefängnis - das die Bühne von Rudy Sabounghi beherrschende Gitter unterstreicht es anschaulich -, auch oder vielmehr gerade weil die Insassinnen problemlos in alle wie Teile eines überdimensionalen Setzkastens wirkende Zellen gelangen, was ja die soziale Kontrolle noch verstärkt und Privatsphäre gar nicht erst aufkommen lässt. Die Titelheldin immerhin hat sich in diesem Ambiente der Angst und Unterdrückung immerhin einen Kräutertopf vor das Zellengitter stellen können, durch das ihre Mitschwestern traurig die Hände stecken, wenn die Sonne sich für drei Tage im Jahr zeigt (das fantastische Licht von Laurent Castaingt kommt hier besonders gut zur Geltung, schafft aber den ganzen Abend lang viel Atmosphäre) und sie selber am Ende leblos wie ein weiblicher Christus hängt. Sicher, die Idee, auch noch Angelicas Kind auftreten zu lassen und damit die ganze Geschichte als Albtraum der bereits todessehnsüchtigen oder unter Realitätsverlust leidenden Titelfigur anzulegen, mag diskutabel sein, abwegig ist sie nicht, und auch die Videoprojektionen von Feldern und Bäumen im Wind verfehlen ihre Wirkung nicht, auch wenn diese Regiezutat natürlich nicht ganz neu ist.

Vergrößerung

Suor Angelica (Hasmik Papian) setzt ihrem beklagenswerten Leben ein Ende.

Hasmik Papian hat - wie Leserinnen und Leser meiner Kritik der Amsterdamer Norma wissen - größere Fans als den Rezensenten, der sie zwar in der Titelpartie des Puccini-Einakters richtiger findet als in Belcantopartien und es auch schätzt, dass diese Rolle mit einer ausreichend dramatischen Stimme besetzt ist, dem aber auch bei der Gestaltung der unglücklichen Nonne auffiel, dass trotz einzelner berührender Momente letztlich das Plakative, Laute im Vordergrund steht, dass pseudodramatisches Schreien Verzweiflung transportieren soll und dass man nach Feinheiten vergeblich sucht, gerade auch vokal, was ein paar Pianotöne und (eher heikle) Morendi nicht ausschließt. Dass die tiefe Lage ziemlich flach klingt fällt weniger ins Gewicht als die nicht unangefochtene Höhe, die weniger Glanz als Schärfe verbreitet, ein unschönes Klirren aufweist und nicht ohne hörbaren Kraftaufwand produziert wird.

Die legendäre Fiorenza Cossotto feierte am Premierenabend ihren 70. Geburtstag, und bei allem Respekt vor der großen Künstlerin und ihrer enormen Karriere im dramatischen Mezzofach seit 1956 muss man sagen, dass man dies auch hörte (wie viel frischer und leistungsfähiger klang da die unwesentlich jüngere Grace Bumbry vor zwei Wochen bei der Blutspendegala in Düsseldorf) und die szenische Leistung so überwältigend nicht war, dass man darüber gänzlich hinweggesehen hätte, auch wenn einzelne Besucher es sich nicht nehmen ließen, sie mit Bravorufen für das Lebenswerk zu würdigen. Natürlich ist die bassige Brust- und Sprechstimme ungeheuer imposant, natürlich dringt da jedes harte, gemeine Wort wie gemeißelt an Angelicas und des Zuhörers Ohr, aber ansonsten fühlt man sich als Berichterstatter doch verpflichtet, den berühmten Mantel des Schweigens zu bemühen, während die vielen anderen Damen zwar vielleicht weniger prägnant sangen, aber doch sehr ordentliche Leistungen beisteuerten, ohne dass man eine von ihnen besonders hervorheben müsste.

Vergrößerung Das Publikum (Ensemble der Opéra Royal de Wallonie) amüsiert sich, während sich der Konflikt zwischen Nedda (Alketa Cela, vorne links) und ihrem Gatten Canio (Vladimir Galouzine, Mitte) bei der Werbeveranstaltung für die Abendvorstellung bereits abzeichnet.

Deutlich konventioneller und weniger inspiriert fiel die Pagliacci-Inszenierung von Jean-Louis Grinda aus, der die Opéra Royal de Wallonie im Juni 2007 verlässt, um Intendant an der Opéra de Monte-Carlo zu werden: Er erzählt die Geschichte zwar temporeich, aber insgesamt doch eher brav und solide als wirklich packend, wobei er sich im Wesentlichen auf das darstellerische Geschick des Bühnenpersonals und die beeindruckende Optik des Tribünengerüsts sowie die Wirkung der bunten Kostüme von Jorge Jara verlassen konnte.

Eine der interessanteren Stimmen ihrer Generation hat zweifellos die Albanerin Alketa Cela. Allerdings müsste ihr jemand die Callas-Aufnahmen wegnehmen: Wie so viele kopiert sie eher die Unarten der Legende als von ihr die große Kunst der Interpretation auf der Grundlage von Musik und Text zu lernen, so dass erfüllte Momente neben unfertigen standen, und ob sie mit ihrem besonders in der Mittellage mitunter leicht verschleiert klingenden, keinen ordentlichen Triller ausführenden und in der leicht ansprechenden Höhe sehr lauten, auf Grund einer gewissen Schärfe durchaus brillanten, durchdringenden, aber nicht gerade liebenswürdigen lyrischen Sopran wirklich bereits die Titelpartien in Tosca und Glucks Iphigénie en Tauride übernehmen muss, fragte sich mancher besorgte Beobachter bei aller Bewunderung für ihren risikoreichen Einsatz für Werk und Rolle und das schauspielerische Potential.

Vergrößerung

Voller Wut und Trauer beklagt der gehörnte Canio (Vladimir Galouzine) sein Schicksal in "Vesti la giubba".

Ich habe eine Schwäche für die baritonal gefärbte, wie ein dunkler Strom flüssigen Goldes den Gehörgang flutende (das enthusiastische Bild sei verziehen!), trauerumflorte, wirklich dramatische und damit manchen Hörer der Mainstream-Aufnahmen zweifellos überraschende Tenorstimme von Vladimir Galouzine, dessen exzellenter Hermann in Pique Dame mir noch in bester Erinnerung ist und der auch als Canio mit einer erstaunlichen Rollenidentifikation aufwartete, ohne der bei vielen Kollegen verbreiteten Outrage zu verfallen. Über frenetischen Beifall konnte sich der nach seinem Rigoletto in Lüttich so beliebte Ko Seng-Hyoun nach dem mit großer Höhensicherheit und vielen Textnuancen gestalteten Prolog freuen - die merkwürdigen Nebengeräusche auf der Stimme wollte das Publikum da gern überhören. Ansprechende Leistungen sind auch George Petean als Silvio und Florian Laconi als Beppe zu bescheinigen, und dass das Lütticher Haus einen exzellenten Chor hat, den Edouard Rasquin trainiert, ist an dieser Stelle immer wieder hervorgehoben worden.

Spiritus rector der Aufführung war zweifellos Giuliano Carella am Pult (vielleicht ist er einer der Aspiranten für das Amt des musikalischen Leiters der Königlichen Oper, der der Abschied von Friedrich Pleyer zum Jahresbeginn 2006 bevorsteht, der sich eben auch als Orchesterzieher an diesem Haus einen großen Namen gemacht und so dafür gesorgt hat, dass das Kollektiv auch unter Gastdirigenten das gewohnte Niveau bewahrt), der in dem Puccini-Einakter jede Süßlichkeit zu vermeiden verstand und stattdessen auf ein geradezu impressionistisches, verinnerlichtes Klanggemälde der zarten, raffinierten Töne setzte. Beim zweiten Werk war es vor allem die Vitalität und der Drive des Orchesterspiels, das gefiel, das Bemühen um differenziertes, kontrastreiches Musizieren, wo man sonst gern knallige Effekte präsentiert bekommt, und ein guter Sängerbegleiter ist der Italiener auch.



FAZIT

Das "Experiment" ist gelungen: Suor Angelica und I Pagliacci gehen auch ohne die gewohnten Begleiter.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Giuliano Carella

Inszenierung
Claire Servais
(Suor Angelica)
Jean-Louis Grinda
(I Pagliacci)

Bühne
Rudy Sabounghi

Kostüme
Jorge Jara

Licht
Laurent Castaingt

Choreinstudierung
Edouard Rasquin

Neuproduktion der
Opéra Royal de
de Wallonie



Chöre und
Orchester der
Opéra Royal de Wallonie


Solisten



Suor Angelica:

Suor Angelica
Hasmik Papian

La Zia Principessa
Fiorenza Cossotto

La Badessa
Laura Balidemaj

La Suora Zelatrice
Christine Solhosse

La Maestra
delle Novizie
Cécile Galois

Suor Genovieffa
Nicole Fournié

Suor Osmina
Chantal Glaude

Suor Dolcina
Christiane Remacle

La Suora Infermiera
Magali Mayenne

Le Cercatrici
Angélique Engels
Anne Seghers

Una novizia
Barbra Pryk

Le Converse
Myriam Hautregard
Emilienne Coquaz

Le novizie i sorelli
Dominique Detournay
Sylvianne Biname
Dominique Everaert
Banghua Fan
Marianne Goethals
Chantal Herbillon
Yvette Weris
Christine Pirson


I Pagliacci:

Nedda
Alketa Cela

Canio
Vladimir Galouzine

Tonio
Ko Seng-Hyoun

Silvio
George Petean

Beppe
Florian Laconi



Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Opéra Royal
de Wallonie

(Homepage)



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