Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Das Rheingold
Vorabend des Bühnenfestspiels
Der Ring des Nibelungen
Von Richard Wagner

In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 3/4 Stunden

Premiere am 23. Oktober 2004


Homepage des Badischen Staatstheaters Karlsruhe
Badisches Staatstheater Karlsruhe
(Homepage)
In mythischer Strenge

Von Christoph Wurzel / Fotos von Jacqueline Krause-Burberg (Karlsruhe)

Die Wagnerianer im Südwesten haben es gut. Sie können unter einem breiten Angebot an Nibelungen-Ringen wählen, die freilich recht unterschiedlich angelegt sind. Schon seit einigen Jahren halten Stuttgart und Mannheim Wagners Zyklus im Repertoire und nehmen die Tetralogie in dieser Spielzeit wieder auf: Stuttgart ab Ende November und Mannheim ab Anfang Juli 2005. Im Winter 2003/2004 war in Baden-Baden der St. Petersburger Ring zu sehen, der dem Vernehmen nach in absehbarer Zeit nochmals zurückkehren soll. Und nach ca. 10 Jahren gibt es nun auch in Karlsruhe wieder einen neuen Ring, nachdem die letzte Produktion in der Regie von Jean-Louis Martinoty szenisch zwar unbefriedigend, musikalisch aber wenigstens solide ausgefallen war. Das Badische Staatstheater wird sich nun Zeit lassen, seinen neuen Ring zu schmieden. Der Anfang ist jetzt mit dem Rheingold gemacht, das Werk ist gelungen und ein einhellig bejubelter Erfolg geworden.

Vergrößerung in neuem Fenster Einfügen: Foto Rheingold 4 Nur einen sah ich, der sagte der Liebe ab: Um rotes Gold entriet er des Weibes Gunst Von links: Andreas Scheidegger (Froh), Ursula Hesse von den Steinen (Fricka), Rosita Kekyte (Freia), Matthias Wohlbrecht (Loge).

Denis Krief ist der Regisseur und zugleich Ausstatter des neuen Karlsruher Rings. In Deutschland hat er bisher wenig gearbeitet, wird aber umso mehr in Frankreich ("Benvenuto Cellini" an der Bastille-Oper) und vor allem in seiner Wahlheimat Italien geschätzt, wo er mehrfach den "Premio abbiati erhielt. An dem aus der Asche neu entstandenen La Fenice in Venedig wird er im nächsten Jahr den "Parsifal" inszenieren - ein erfahrener und vielseitiger Theatermann. Und dies ist der stellenweise fesselnden Produktion des Ring-Vorabends auch anzusehen.

In kargen Bildern, sparsam auf die notwendigsten Symbole beschränkt, hat Krief den Anfang der Verstrickungen in Unrecht, Gewalt und Leid in mythischer Strenge inszeniert, schon klar auf das böse Ende vorausweisend. Ein Ring grauer Steine ist im Halbrund geschichtet und wird mittels der Drehbühne immer wieder geschickt neu positioniert. Halbrunde Wandelemente mit rostig anmutender Oberfläche fügen sich zu unterschiedlichen Räumen schwebend zusammen - zum undefinierten Ort auf Bergeshöhen in der ersten und vierten Szene, zu einer Art Tunnel oder Gewölbe in der unterirdischen Kluft von Nibelheim. Wotans Speer, Loges Netz und ein paar braune Säcke für den Nibelungenschatz sind alles, was an Requisiten benötigt wird. Zeitlos im Design sind auch die Kostüme. Das Übrige leisten eine geschickte Beleuchtung und als Videoprojektionen auf schmalen Flächen die Naturelemente Wasser und in der letzten Szene das Feuer, denn "ihren Ende eilen sie zu".

Vergrößerung in neuem Fenster

Einfügen: Foto Rheingold 2 Weh! Zertrümmert! Zerknickt! Der traurigen traurigster Knecht! Von links: Stefan Stoll (Alberich), Bjarni Thor Kristinsson (Wotan).

In der archaischen Eigentlichkeit des Textes hat Krief die Handlung also belassen, nichts aktualisiert, weder Raum noch Zeit festgelegt, dafür aber umso genauer und intensiver das Allgemein-Menschliche der Interaktionen zu sinnvollen Szenen gestaltet. Besonders die Ensembles sind beeindruckend gelungen, der Auftritt der Riesen etwa oder das Schlussbild. Lebendigem Spiel wird in natürlichem Fluss, ohne Hektik, in präzisem Timing und synchron zur Musik eindrucksvoll Raum gegeben. Die Charaktere sind differenziert geformt. Die Götter treten jeder in seiner Eigenart genau gezeichnet hervor: Donner der impulsiv Cholerische, Froh fast als jugendlicher Held und Loge als gerissen-schlauer Drahtzieher nehmen sie Gestalt an. Fasolt und Fafner sind auch genau unterschieden, fern jeder Kolossalität individuell fein gezeichnet. So wird Fasolt in seiner vergeblichen Liebe zu Freia fast zur tragischen Figur und Fafners handgreiflich brutale Besitzgier wird augenfällig.

Nicht ganz so überzeugend allerdings gelingt die Rheintöchter-Szene, mit ihren ständigen Schwimmbewegungen wirken sie erotisch doch ein wenig unterkühlt. Auch dem Auftritt Erdas mangelt es etwas an der Mächtigkeit dieses unerhörten Moments, ihr bloßer Gang über die Bühne verströmt wenig Geheimnis und Schauer. Ob die kurze Anleihe im Jurassic Park der Drachen-Verwandlungsszene gerade zum Vorteil gerät, sei dahingestellt, man könnte sie auch als Fremdkörper in dieser im Stil ansonsten sehr streng und ernst aufgefassten stimmigen Inszenierung empfinden.

Die Sängerdarsteller fügen sich jedenfalls dem Konzept mit glasklaren Gesten, da ist keine Bewegung, kein Gang, die sich nicht logisch aus Text und Musik ergäben. Alles in allem ist das Personenführung, die Sinn stiftet und bannen kann. Krief breitet die Handlung vornehmlich im vorderen Bühnenraum aus, die Tiefe nutzt er erst zum Schlussbild. Der Eindruck eines Kammerspiels, der dadurch entsteht, kommt der Unmittelbarkeit und atmosphärischen Dichte dieser Inszenierung auch deutlich zugute.

Vergrößerung in neuem Fenster Einfügen: Foto Rheingold 1 Ein Tand ist´s - doch ward es zum runden Reife geschmiedet, hilft es zur höchsten Macht, gewinnt dem Manne die Welt. Von links: Matthias Wohlbrecht (Loge), Ulrich Schneider (Fasolt) Peter Lobert (Fafner).

Dieser genau kalkulierten szenischen Sachlichkeit stellte GMD Anthony Bramall Wagners Musik in schöner Farbigkeit gegenüber. Zwar hatte das Orchester gerade im Vorspiel noch etwas Mühe, die sich aufschichtenden Klangwellen in fließende Bewegung zu gießen, das war vielleicht der Premieren-Anspannung geschuldet, aber es spielte sich doch zunehmend frei und trug dann nicht unwesentlich zu diesem spannungsvollen Opernabend bei. Mit kultiviertem Klang, konzentriert vor allem in den heiklen Bläserstellen, stellte die Staatskapelle einmal mehr seine Qualität als Opernorchester unter Beweis. Bramall nahm die Partitur durchaus zumeist mit gebremstem Schaum, jedoch nicht lau oder nachlässig. Dies kam den Sängern zugute, die stets über dem Orchester blieben und ihren Text gut verständlich über die Rampe brachten.

Und noch ein weiteres Plus: das ausgezeichnete Sängerensemble bestach mit großer Homogenität und ausgefeilter Stimmcharakteristik. Drei Rheintöchter mit Stimmen klar wie ein Bergbach und entschieden genug für die Hüterinnen des Schatzes: Inga Schlingensiepen, Janja Vuletic und Sabrina Kögel. Alberich war Stefan Stoll aus dem Ensemble der Komischen Oper Berlin. Er meisterte den Spagat zwischen Gezänk und Gesang mit Bravour.

Echt aus nordischem Holz geschnitzt ist der Sänger des Wotan Bjarni Thor Kristinsson, der 1967 auf Island geboren wurde. Mächtig von Statur, doch weich von Stimme. Er gibt dem Wotan nicht nur herrische Züge, auch der Zweifel gehört zu seinem Charakter. Von starker Bühnenpräsenz ist die Rollengestaltung der Fricka durch Ursula Hesse von den Steinen, die ihr hochdramatisches Material wirkungsvoll einzusetzen vermag. Rosita Kekyte verleiht der Freia Züge einer tragischen Heldin. Als Loge brilliert Matthias Wohlbrecht mit hinterhältiger Spritzigkeit, die er mit stimmlicher Schärfe garniert. Donner und Froh, die beiden Nebengötter gewinnen in dieser Inszenierung deutlich auch eigenes Profil, vor allem Andreas Scheidegger als Froh verleiht seinem kurzen Arioso wahrhaft belcantischen Glanz. Fasolt und Fafner, die ungleichen Brüder, sind stimmlich auch unterschieden: im feinen Parlando der eine und dumpf polternd der andere. Schließlich Ewa Wolak als Erda: mit fundamental gesättigter Tiefe verleiht sie der Urwala urwüchsige Kraft.


FAZIT

Nach einer eher faden Goldgräber-Story (Fanciulla del West) ist dem Staatstheater Karlsruhe mit Rheingold ein Opernabend voller packender Szenen gelungen: Der vielversprechende Anfang eines Rings, der sich in Ruhe entwickeln wird und in zeitloser Modernität solide Dauerhaftigkeit verspricht.

Damit könnte zu Zeiten zunehmender Kritik am Regietheater der neue Karlsruher Ring auch eine ernsthafte Alternative zum Stuttgarter Ring werden: Hier erleben wir die mythische Welt, wie sie wirkt, dort, welche gesellschaftlichen Dimensionen heute dahinter erkennbar werden.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Anthony Bramall

Regie, Bühne und Kostüme
Denis Krief

Dramaturgie
Margrit Poremba



Statisterie des Badischen
Staatstheaters

Badische Staatskapelle


Solisten

Wotan
Bjarni Thor Kristinsson

Donner
Klemens Sander

Froh
Andreas Scheidegger

Loge
Matthias Wohlbrecht

Alberich
Stefan Stoll

Mime
John Pickering

Fasolt
Ulrich Schneider

Fafner
Peter Lobert

Fricka
Ursula Hesse von den Steinen

Freia
Rosita Kekyte

Erda
Ewa Wolak

Woglinde
Ina Schlingensiepen

Wellgunde
Janja Vuletic

Floßhilde
Sabrina Kögel



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Badischen Staatstheater
Karlsruhe

(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2004 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -