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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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Bitonale AbbrucharbeitenVon Stefan Schmöe / Fotos von Klaus LefebvreDie Kölner Kulturpolitik erscheint manchem als ein Mysterienspiel. Opernfreunde etwa wurden jüngst durch Pläne aufgeschreckt, das zum millionenschweren Sanierungsfall verkommene Opernhaus durch einen kühnen, zukunftsweisenden Neubau an anderer Stelle zu ersetzen. Nun lässt sich über die ästhetischen Qualitäten des 1957 von Wilhelm Riphahn (1889 bis 1963) erbauten Hauses streiten: So erinnern drinnen die demokratisch ins Parkett hinunter sausenden Balkone arg an zu groß geratene Schlitten, während draußen der Bühnenturm durch zwei angeklebte fensterreiche Trakte als überdimensioniertes Terrassenhaus verkleidet wird. Eindrucksvoll wäre das kühn zwei Etagen umschließende obere Foyer, hätte man nicht die knatschbunte Kinderoper hineingestellt. Um das Haus herum herrscht urbanes kölsches Durcheinander aller Bausstile (oder besser Stillosigkeiten) der alten Bundesrepublik, gekrönt durch die verkehrsreiche Nord-Süd-Fahrt, die den Offenbachplatz markant von der City abschneidet. Und trotzdem ist der großzügige und an vielen Stellen elegante Riphahn-Bau ein wichtiges Monument der (Theater-)Baugeschichte und des bundesrepublikanischen Kulturverständnisses, das nicht leichtfertig gegen einen postmodernen Prunkbau eingetauscht werden darf. Insofern die gute Nachricht: Es wird wohl doch saniert.
Ein anderes Myterienspiel anderer Art ist die Rappresentazione di Anima e di Corpo, das Spiel von Seele und Körper des Florentiners Emilio di' Cavalieri (um 1550 1602). Dieses oratorisch angelegte, aber vom Komponisten für eine szenische Aufführung konzipierte Werk gehört zu den allerersten Werken des Musiktheaters überhaupt; uraufgeführt wurde es 1600 in Rom. Körper und Seele treffen auf verschiedene allegorische Gestalten wie die Zeit, die Lust oder das Weltliche Leben, um letztendlich den rechten Weg ins Paradies zu finden. Rezitativische Solo-Nummern wechseln mit kommentierenden Chorsätzen ab. 1968 wurde das Werk bei den Salzburger Festspielen mit großem Anklang wiederentdeckt und wird seitdem hin und wieder meistens in Kirchenräumen aufgeführt.
Was hat nun Emilio de' Cavalieri, der am Hofe der Medici so etwas wie die Funktion eines Generalintendanten innehatte, mit Sanierungsbeschlüssen für die Kölner Oper zu tun? Nun, Regisseur Uwe Hergenröder verlegt das allegorische Spiel mitten in die Kölner Lokalpolitik, als seien Verstand" und guter Rat" 'mal eben aus dem Gürzenich herüber gekommen. Die Aufführung schlägt einen Bogen von der feierlichen Eröffnung des Hauses (Ausschnitte aus der Eröffnungsrede werden vom Band eingespielt) bis zur apokalyptischen Abrissbirne. Seele (mit variablem, immer wieder leicht abgedunkeltem, dann aber wieder aufleuchtendem Sopran und herzerweichender Unschuldsmiene: Viola Zimmermann im kreuzbiederen 57er-Jahre-Look) und Körper (stimmlich sauber, aber ein wenig zu brav: Panajotis Iconomou) sind Assistentin und Bühnenarbeiter bei der Eröffnungsfeierlichkeit, die sich näher kommen eine hübsche Parallelhandlung, die das moralisierende Spiel ironisch durchkreuzt. Eben diese Ironie ist es, die das Konzept leidlich funktionieren lässt.
Cavalieri hat sich, dem pädagogischen Anspruch huldigend, in diesem Werk weitgehend der edlen Einfalt verschrieben anders als seine Zeitgenossen Peri und Cavalli, die gleichzeitig weitaus komplexer den Orpheus-Mythos vertonten (von Monteverdis Orfeo ganz abgesehen). Eine an der historischen Aufführungspraxis orientierte Einrichtung war den Verantwortlichen dieser Produktion wohl zu wenig; und Cavalieri mit einem Jazz-Quartett zu konfrontieren klingt immerhin spannend. Was Steve Gray aber als musikalische Fassung, wie es im Programmheft heißt, zusammengeschrieben hat, erinnert nur noch fern an Cavalieri. Auch das wäre ja nicht schlimm, wenn es denn an sich gut wäre, aber Gray mixt bunt alle Epochen mit einer Vorliebe für die Romantik zusammen. Das klingt Takt für Takt toll, hat aber keinen erkennbaren musikalischen Zusammenhang und ist deshalb nicht erst auf die Dauer nervtötend. Manche Passage wird neoromantisch zerdehnt (ob das an der Interpretation des ansonsten umsichtigen Dirigenten Alastair Willis oder an der Bearbeitung liegt, ist nicht auszumachen). Das wichtigtuerische Klangbild passt nicht zu den knappen und einfachen Formmodellen, denen es aufgepfropft wird.
Jeder neu eingefügte Ton mag inhaltlich motiviert sein. Ein Beispiel: Da raisonniert die Zeit als Lokalpolitiker, dem der kölsche Klüngel offensichtlich zu einigem Wohlstand verholfen hat, zunächst über die Vergänglichkeit allen Seins und man glaubt, Dieter Schweikart habe die falsche (weil nicht zum Orchester passende) Tonart gewählt. Aber nein: Der Herr singt mit gespaltener Zunge, die falschen Töne sollen wohl darauf hinweisen, dass er später als Welt wiederkehren und unermesslichen Reichtum (sprich: ein neues Opernhaus) versprechen wird. Wo es um den Lebenszyklus eines Opernhauses geht, hat Gray wohl gedacht, darf die Liebe singen wie bei den Belcantisten und die Hölle rumoren wie Fafners Drachenhöhle bei Wagner, oder es wird eben mal kurz bitonal und so fort. Hier aber verkommt die Musik zum Gemischtwarenladen der besonderen Art.
Der sehr große Chor singt sauber und differenziert, ist aber mit vollem und vibratoreichem Klang einem spätromantischem Klangideal verpflichtet. Aus dem Jazz-Quartett ragt Gerd Dudek am Saxophon heraus er darf am Beginn und Schluss gedankenverloren spielen, aber ja nicht zu experimentell improvisieren. Christian Füllgraff steuert auf der Gitarre eine zusätzliche Klangfarbe bei, Bassist Dietmar Fuhr fällt nicht weiter auf was man sich von Jürgen Grimm am Keyboard auch wünschen würde (leider vergeblich): Nämlich immer dann, wenn das Keyboard kläglich ein Cembalo imitieren soll. Insgesamt wäre mehr Mut zum Jazz wünschenswert gewesen, aber bis auf Dudeks Soli ist diese Möglichkeit weitgehend verschenkt. Unbarmherzig zeigt eine Uhr auf der Bühne, die den Zuschauerraum optisch fortsetzt (Ausstattung: Ulrich Schulz), wie langsam die Zeit voranschreitet. Trotz mancher hübscher Idee und guter Sängerleistungen (genannt sei noch Musa Nkuna mit markantem Tenor als Verstand), trotz eines klangschönen und engagierten Orchesters tritt das Stück auf der Stelle, reichen Einfälle wie der schulterfrei an einer Schultafel das moralische Grundvokabular anschreibende Schutzengel nicht aus, um eine komplette Szene zu tragen. Inszenierungen wie diese haben natürlich auch das Problem, dass nach der Premiere alle gelesen haben, worin die Pointe besteht (hier wird die soundsovielste Aufführung besprochen, man wusste also, worauf man sich einzulassen hatte). Das Kölner Publikum bedachte die zum Glück kurz gehaltene Grundsatzdiskussion auf offener Bühne über Abriss oder Nichtabriss mit stoischer Nichteinmischung, beklatschte dann aber freundlch den Einfall mit der Abrissbirne, die eindrucksvoll die Rückwand zertrümmert (und dann schicksalsschwer vor sich hinpendelt). Danach gab's erstaunlich viel Beifall für alle Beteiligten, denen man durchweg hohes Engagement bescheinigen kann.
Das Experiment, Cavalieri als Schablone für einen Diskurs über unser Kulturverständnis aufzubereiten, führt zum bitonalen Missklang statt zur spannungsreiche Dissonanz. Für Kölner Opernfreunde ist die lokalkulturpolitische Inszenierung, auch wenn sie die heiße Phase der Abrissdebatte verpasst hat, wohl ein Pflichttermin; Auswärtige Besucher können diese Baustelle getrost meiden. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Licht
Chor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten AufführungDie Zeit / Die Welt Dieter Schweikart
Der Verstand
Der Körper
Die Seele
Der gute Rat
Die Lust
Das weltliche Leben
1. Gefährte
2. Gefährte
Antwort aus dem Himmel
Der Schutzengel
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