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Musiktheater
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Rappresentazione di Anima e di Corpo
(Das Spiel von Seele und Körper)

Melodramma spirituale
Libretto von Agostino Manno
Musik von Emilio de' Cavalieri
Musikalische Fassung von Steve Gray


in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 30' (keine Pause)

Premiere im Opernhaus Köln am 12. Mai 2005
(rezensierte Aufführung: 11. Juni 2005)

Logo: Oper Köln

Bühnen der Stadt Köln
(Homepage)

Bitonale Abbrucharbeiten

Von Stefan Schmöe / Fotos von Klaus Lefebvre

Die Kölner Kulturpolitik erscheint manchem als ein Mysterienspiel. Opernfreunde etwa wurden jüngst durch Pläne aufgeschreckt, das zum millionenschweren Sanierungsfall verkommene Opernhaus durch einen „kühnen, zukunftsweisenden Neubau an anderer Stelle“ zu ersetzen. Nun lässt sich über die ästhetischen Qualitäten des 1957 von Wilhelm Riphahn (1889 bis 1963) erbauten Hauses streiten: So erinnern drinnen die demokratisch ins Parkett hinunter sausenden Balkone arg an zu groß geratene Schlitten, während draußen der Bühnenturm durch zwei angeklebte fensterreiche Trakte als überdimensioniertes Terrassenhaus verkleidet wird. Eindrucksvoll wäre das kühn zwei Etagen umschließende obere Foyer, hätte man nicht die knatschbunte Kinderoper hineingestellt. Um das Haus herum herrscht urbanes kölsches Durcheinander aller Bausstile (oder besser Stillosigkeiten) der alten Bundesrepublik, gekrönt durch die verkehrsreiche „Nord-Süd-Fahrt“, die den Offenbachplatz markant von der City abschneidet. Und trotzdem ist der großzügige und an vielen Stellen elegante Riphahn-Bau ein wichtiges Monument der (Theater-)Baugeschichte und des bundesrepublikanischen Kulturverständnisses, das nicht leichtfertig gegen einen postmodernen Prunkbau eingetauscht werden darf. Insofern die gute Nachricht: Es wird wohl doch saniert.


Vergrößerung in neuem Fenster Feierliche Eröffnung des Kölner Opernhauses 1957: Die "Zeit" (Dieter Schweikart)redet zur Freude des Publikums ein paar Worte auf kölsch und singt mahnend von der Vergänglichkeit.

Ein anderes Myterienspiel anderer Art ist die Rappresentazione di Anima e di Corpo, das „Spiel von Seele und Körper“ des Florentiners Emilio di' Cavalieri (um 1550 – 1602). Dieses oratorisch angelegte, aber vom Komponisten für eine szenische Aufführung konzipierte Werk gehört zu den allerersten Werken des Musiktheaters überhaupt; uraufgeführt wurde es 1600 in Rom. Körper und Seele treffen auf verschiedene allegorische Gestalten wie die „Zeit“, die „Lust“ oder das „Weltliche Leben“, um letztendlich den rechten Weg ins Paradies zu finden. Rezitativische Solo-Nummern wechseln mit kommentierenden Chorsätzen ab. 1968 wurde das Werk bei den Salzburger Festspielen mit großem Anklang wiederentdeckt und wird seitdem hin und wieder – meistens in Kirchenräumen – aufgeführt.


Vergrößerung in neuem Fenster Hübsche Assisstentin der Geschäftsführung, aber dem prüden Zeitgeist gehorchend bestenfalls zum platonischen Flirt bereit: Die "Seele" (Viola Zimmermann) vor dem Modell des gerade eröffneten Theaters.

Was hat nun Emilio de' Cavalieri, der am Hofe der Medici so etwas wie die Funktion eines Generalintendanten innehatte, mit Sanierungsbeschlüssen für die Kölner Oper zu tun? Nun, Regisseur Uwe Hergenröder verlegt das allegorische Spiel mitten in die Kölner Lokalpolitik, als seien „Verstand" und „guter Rat" 'mal eben aus dem Gürzenich herüber gekommen. Die Aufführung schlägt einen Bogen von der feierlichen Eröffnung des Hauses (Ausschnitte aus der Eröffnungsrede werden vom Band eingespielt) bis zur apokalyptischen Abrissbirne. Seele (mit variablem, immer wieder leicht abgedunkeltem, dann aber wieder aufleuchtendem Sopran und herzerweichender Unschuldsmiene: Viola Zimmermann im kreuzbiederen 57er-Jahre-Look) und Körper (stimmlich sauber, aber ein wenig zu brav: Panajotis Iconomou) sind Assistentin und Bühnenarbeiter bei der Eröffnungsfeierlichkeit, die sich näher kommen – eine hübsche Parallelhandlung, die das moralisierende Spiel ironisch durchkreuzt. Eben diese Ironie ist es, die das Konzept leidlich funktionieren lässt.


Vergrößerung in neuem Fenster Kölner High Society: Die "Lust" (Samantha Rubenhold) mit Gefährten (rechts: Adrian Stopper)

Cavalieri hat sich, dem pädagogischen Anspruch huldigend, in diesem Werk weitgehend der edlen Einfalt verschrieben – anders als seine Zeitgenossen Peri und Cavalli, die gleichzeitig weitaus komplexer den Orpheus-Mythos vertonten (von Monteverdis Orfeo ganz abgesehen). Eine an der historischen Aufführungspraxis orientierte Einrichtung war den Verantwortlichen dieser Produktion wohl zu wenig; und Cavalieri mit einem Jazz-Quartett zu konfrontieren klingt immerhin spannend. Was Steve Gray aber als „musikalische Fassung“, wie es im Programmheft heißt, zusammengeschrieben hat, erinnert nur noch fern an Cavalieri. Auch das wäre ja nicht schlimm, wenn es denn an sich gut wäre, aber Gray mixt bunt alle Epochen mit einer Vorliebe für die Romantik zusammen. Das klingt Takt für Takt toll, hat aber keinen erkennbaren musikalischen Zusammenhang – und ist deshalb nicht erst auf die Dauer nervtötend. Manche Passage wird neoromantisch zerdehnt (ob das an der Interpretation des ansonsten umsichtigen Dirigenten Alastair Willis oder an der Bearbeitung liegt, ist nicht auszumachen). Das wichtigtuerische Klangbild passt nicht zu den knappen und einfachen Formmodellen, denen es aufgepfropft wird.


Vergrößerung in neuem Fenster Benimm-Unterricht beim Schutzengel (Andrea Andonian) für das junge Paar: "Seele" und "Körper" (liegend: Panajotis Iconomou) lernen etwas über das Paradies, wie man dem Tafelbild entnehmen kann.

Jeder neu eingefügte Ton mag inhaltlich motiviert sein. Ein Beispiel: Da raisonniert die „Zeit“ als Lokalpolitiker, dem der kölsche Klüngel offensichtlich zu einigem Wohlstand verholfen hat, zunächst über die Vergänglichkeit allen Seins – und man glaubt, Dieter Schweikart habe die falsche (weil nicht zum Orchester passende) Tonart gewählt. Aber nein: Der Herr singt mit gespaltener Zunge, die falschen Töne sollen wohl darauf hinweisen, dass er später als „Welt“ wiederkehren und unermesslichen Reichtum (sprich: ein neues Opernhaus) versprechen wird. Wo es um den Lebenszyklus eines Opernhauses geht, hat Gray wohl gedacht, darf die Liebe singen wie bei den Belcantisten und die Hölle rumoren wie Fafners Drachenhöhle bei Wagner, oder es wird eben mal kurz bitonal und so fort. Hier aber verkommt die Musik zum Gemischtwarenladen der besonderen Art.


Vergrößerung in neuem Fenster Alles umsonst: Die Abrissbirne verursacht apokalyptisch das Ende des Theaters. Doch keine Angst; noch vor der Premiere verständigten sich die Kölner Kulturpolitiker darauf, das Opernhaus zu sanieren (und nicht, wie zwischenzeitlich angedacht, abzureißen). Zu klären sind, so ist zu hören, nur noch Detailfragen (z.B. wer die erforderlichen 135 Millionen Euro aufbringen wird).

Der sehr große Chor singt sauber und differenziert, ist aber mit vollem und vibratoreichem Klang einem spätromantischem Klangideal verpflichtet. Aus dem Jazz-Quartett ragt Gerd Dudek am Saxophon heraus – er darf am Beginn und Schluss gedankenverloren spielen, aber ja nicht zu experimentell improvisieren. Christian Füllgraff steuert auf der Gitarre eine zusätzliche Klangfarbe bei, Bassist Dietmar Fuhr fällt nicht weiter auf – was man sich von Jürgen Grimm am Keyboard auch wünschen würde (leider vergeblich): Nämlich immer dann, wenn das Keyboard kläglich ein Cembalo imitieren soll. Insgesamt wäre mehr Mut zum Jazz wünschenswert gewesen, aber bis auf Dudeks Soli ist diese Möglichkeit weitgehend verschenkt.

Unbarmherzig zeigt eine Uhr auf der Bühne, die den Zuschauerraum optisch fortsetzt (Ausstattung: Ulrich Schulz), wie langsam die Zeit voranschreitet. Trotz mancher hübscher Idee und guter Sängerleistungen (genannt sei noch Musa Nkuna mit markantem Tenor als „Verstand“), trotz eines klangschönen und engagierten Orchesters tritt das Stück auf der Stelle, reichen Einfälle wie der schulterfrei an einer Schultafel das moralische Grundvokabular anschreibende „Schutzengel“ nicht aus, um eine komplette Szene zu tragen. Inszenierungen wie diese haben natürlich auch das Problem, dass nach der Premiere alle gelesen haben, worin die Pointe besteht (hier wird die soundsovielste Aufführung besprochen, man wusste also, worauf man sich einzulassen hatte). Das Kölner Publikum bedachte die zum Glück kurz gehaltene Grundsatzdiskussion auf offener Bühne über Abriss oder Nichtabriss mit stoischer Nichteinmischung, beklatschte dann aber freundlch den Einfall mit der Abrissbirne, die eindrucksvoll die Rückwand zertrümmert (und dann schicksalsschwer vor sich hinpendelt). Danach gab's erstaunlich viel Beifall für alle Beteiligten, denen man durchweg hohes Engagement bescheinigen kann.


FAZIT

Das Experiment, Cavalieri als Schablone für einen Diskurs über unser Kulturverständnis aufzubereiten, führt zum bitonalen Missklang statt zur spannungsreiche Dissonanz. Für Kölner Opernfreunde ist die lokalkulturpolitische Inszenierung, auch wenn sie die heiße Phase der Abrissdebatte verpasst hat, wohl ein Pflichttermin; Auswärtige Besucher können diese Baustelle getrost meiden.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Alastair Willis

Inszenierung
Uwe Hergenröder

Bühne und Kostüme
Ulrich Schulz

Licht
Dirk Sarach-Craig

Chor
Albert Limbach

Dramaturgie
Steffi Turre


Chor der Oper Köln
Statisterie der Bühnen Köln

Jazzquartett:
Gerd Dudek, Saxophon
Jürgen Grimm, Keyboard
Christian Füllgraff
Dietmar Fuhr, Bass

Gürzenich-Orchester Köln


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Die Zeit / Die Welt
Dieter Schweikart

Der Verstand
Musa Nkuna

Der Körper
Panajotis Iconomou

Die Seele
Ausrine Stundyte /
* Viola Zimmermann

Der gute Rat
Timm De Jong

Die Lust
* Samantha Rubenhold /
Eva Vogel

Das weltliche Leben
Charlotte Stoppelenburg /
* Eva Vogel

1. Gefährte
Adrian Strooper

2. Gefährte
Francisco Vergara

Antwort aus dem Himmel
Petra Baráthová

Der Schutzengel
Andrea Andonian


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Bühnen der Stadt Köln
(Homepage)





Da capo al Fine

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