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Musiktheater
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Tristan und Isolde

Handlung in drei Aufzügen
Von Richard Wagner

Premiere am 30. Oktober 2004
im Opernhaus Halle

Opernhaus Halle

Tristan auf der Shakespearebühne

Von Bernd Stopka / Fotos von Gert Kiermeyer


Die Leidenschaften toben wie wild. Die Handlung der "Handlung in drei Aufzügen" spielt sich somit auch mehr im Inneren der Personen ab, denn als Bühnenaktion. Tristan und Isolde zu inszenieren ist daher eine besonders große Herausforderung. Oft werden da Extreme vorgezogen: Eine in künstlich eingebauten Überaktionen ertrinkende visuelle Ablenkung, oder das totale Einfrieren von Bewegungen zugunsten einer Konzentration auf die Musik, was dann einer konzertanten Aufführung in Bühnenbildern gleichkommt.

René Kollo findet in seiner Inszenierung für das Opernhaus Halle einen Mittelweg, einen ziemlich überzeugenden sogar. Er stellt Tristan und Isolde auf eine shakespearsche Bretterbühne und versucht, die unbarmherzig dramatische Liebeserfahrung dezent ironisch zu kontrapunktieren. Aber ohne dem Werk Gewalt anzutun. Peter Sykora schuf hierzu die Bühnenbilder und hinreißende Kostüme.



Vergrößerung Liebestrank statt Todestrank:
Tristan (Graham Sanders) und Isolde (Kirsi Tiihonen).
Brangäne (Ulrike Schneider) ist entsetzt.

Der unaufhaltsame Lauf der Zeit wird durch Projektionen von ziehenden Wolken auf den Bühnenhintergrund deutlich. Für den ersten Akt genügen ein Mast, zwei Taue und ein Seilzug um den Ort der Handlung anzudeuten. Im zweiten Akt stellt er ein großes Doppelbett auf einen Blütenteppich zwischen zwei metallne, baumartige Balkenkonstruktionen, von denen ein Baum von unten nach oben und einer von oben nach unten zu wachsen scheint. Die Trümmer dieser Balken begrenzen das letzte Bild. Das erinnert ein bisschen an Ponnelles Bayreuther "Tristan-Baum". Eine Inszenierung, in der Kollo damals selbst die Titelpartie gesungen hat. Besonderen Reiz bieten einige Lichteffekte. Die vollständige Veränderung des Lichts beim Trinken des Liebestrankes, die sich bei Isoldes Ankunft im dritten Akt wiederholt ist sicher der eindringlichste Moment.

Die Bretterbühne steht mitten auf der Opernbühne und rechts und links sitzt Publikum (Statisten), das mit Operngläsern alle Details der Liebe sieht und mit Taschenlampen auch noch das dunkelste Geheimnis des Doppelbettes aufdecken will. Kollo sieht die alles beobachtende Gesellschaft als den wahren Verhinderer der großen Liebe zwischen Tristan und Isolde. Das mutet zwar eher befremdlich an und hilft dem Stück auch nicht wirklich weiter, aber was Kollo zur Personenregie einfällt ist doch ein genaueres Hinschauen wert.

Vorausgesetzt er hat Akteure, die das umsetzen können. Da sind in dieser Produktion die Damen in Vorragstellung. Kirsi Tiihonen zeichnet ein geradezu atemberaubendes Charakterbild der Isolde. Im ersten Akt ist die ganz die rachelüsterne, gekränkte, rothaarige Irin, die Kurwenal mit zickigem Knicks zeigt, wie sie "vor König Marke zu stehen" kommt. Ihr dramatischer Sopran hat einen leicht gaumigen Klang an den man sich aber schnell gewöhnt und dann begeistert sie mit ihrer Interpretation, die zeigt, dass sie die Isolde nicht nur singt, sondern ein gutes Stück weit durchdrungen hat. Passend zu ihrer Haltung im ersten Akt, klingt die Stimme zunächst etwas hart und kühl, zeigt aber bereits mit dem "er sank mir in die Arme" zu welch emotionaler Intensität sie fähig ist. Mit dem ersten "Tristan" nach dem Liebestrank blüht ihr Sopran dann warm und voll auf. So gestaltet sie den zweiten Akt leidenschaftlich und den Liebestod sehnsüchtig.

Leider ging gerade im zweiten Akt ein Stück der feinen Interpretation von Kirsi Tiihonen im Versuch über "Tristan" unter, den Graham Sanders bei seinem sehr verfrühten Rollendebüt unternahm. Sehr vorsichtig, fast schon markierend, begann er im ersten Akt und ließ einen leichten, künstlich heldisch-rauh eingefärbten und eigentlich hellen, aber auch künstlich eingedunkelten Tenor hören. Trotz größten vorsichtigen Angehens der Töne war die richtige Intonation Glückssache. Und viel Glück hatte er im ersten Akt nicht. Im zweiten Akt schlug er sich tapferer, klang aber immer angestrengt und überfordert. Erst im dritten Akt gab es Passagen in denen er aussingen konnte und die sicher und beherrscht klangen. Auch bekam man hier gelegentlich den Eindruck, dass er wusste was er sang. Ansonsten war der Kampf mit der Partie von einer Interpretation weit entfernt stimmlich wie darstellerisch. Über die Schwierigkeit der Partie bestehen keine Zweifel. Auch darüber, dass das Debüt in dieser Partie eine große Herausforderung ist. Aber etwas besser sollte sie schon vorbereitet sein.



Vergrößerung Zwischen Liebe und Entsetzen:
Tristan (Graham Sanders), Kurwenal (Johann Werner Prein),
Isolde (Kirsi Tiihonen), Brangäne (Ulrike Schneider) und Chor.

Ulrike Schneider spielte die Brangäne einfach hinreißend. Ängstlich gegenüber Tristan und Kurwenal, in Sachen Zaubertrank in sich zerrissen, dann mutig, dann verzweifelt. Das wirkte alles sehr natürlich. Für ihre Stimme wird die Brangäne aber eher nicht zu einer Paraderolle, wenngleich sie eine durchaus beachtliche Interpretation hören lässt. Ganz angenehm rund klingt die Tiefe, die Höhen geraten gelegentlich etwas spitz und zuweilen klingt auch bei ihr ein gaumiger Ton an.

Johann Werner Prein singt mit markigem Bariton einen routinierten Kurwenal, der die ganze Breite der pathetischen Operngesten bedient. Sonor, wenn auch zuweilen leicht nasal singt Jürgen Trekel den König Marke, der sich am Ende des zweiten Aktes seinen Schal von Tristan abnehmen lässt, bevor Tristan sich in Melots Schwert stürzt. Dieser Schal taucht im dritten Akt wieder auf, wie ein Treuemotiv. Die kleineren Rollen sind adäquat besetzt. Wobei Nils Giesecke als junger Seemann und Hirt besonders gute Eindrücke hinterlässt. Der Männerchor klingt angemessen poltrig markant, wobei es schon verwundert, dass die Matrosen im ersten Akt in einer Polonaise durch Isoldes Gemach ziehen dürfen.

Ganz besonders stark ist der Schluss gelungen. Zwar ist die Idee, Tristan nicht sterben zu lassen, sondern die Ankunft Isoldes und das folgende Ende als seine Vision oder weitere Fieberphantasie zu inszenieren nicht neu, aber lieber doch eine gute bekannte Idee überzeugend umsetzen, als nur um der Originalität willen einen eigenen mäßigen Gedanken verfolgen.

Die riesige Sonnenscheibe im Hintergrund ("O dieses Licht") erglüht orange, verdunkelt sich in tiefes Rot und verwandelt sich schließlich in die Weltkugel. Die scheint langsam in das Weltall zu verschwinden, indem sie immer kleiner wird ("... in des Welt-Atems wehendem All - ertrinken, versinken..."). Ein perspektivischer Trick mit großer Wirkung, der das musikalische Sehnen und Zehren unterstützt, ja verstärkt.

Oder vielmehr verstärken könnte. Denn was sich das Orchester des Opernhauses Halle an Premierenabend leistete war erschreckend. Schon im Vorspiel fragte man sich, ob man im Graben Chromatik mit dem Verschmieren von Tönen verwechselt. Von wackeligen und falschen Einsätzen einmal ganz zu schweigen. Dirigent Klaus Weise scheiterte mit dem Versuch den ganz großen Bogen über das Vorspiel zu spannen. Immer wieder fiel der ein. Eine bloße Steigerung durch Lautstärkeentwicklung kann nicht auffangen, was in Proben versäumt wurde. Die Mängel zogen sich durch den gesamten Abend. Mal stärker mal schwächer, aber einen positiven Eindruck hinterlassen Dirigent und Orchester nicht. Selbst der oben beschriebene, szenisch so eindringlich dichte Liebestod wurde durch mehrere kleinere und einen gewaltigen desillusionierenden Patzer seines Zaubers beraubt.
So hat Kollo das "kontrapunktisch durch Scherz, Witz, Ironie, Distanz erträglich gemacht werden" des Grauens auf der Bühne, das das Begreifbare übersteigt (Programmheft) sicher nicht gemeint!


FAZIT

Eine überwiegend überzeugende szenische Umsetzung, die besonders durch ihre Personenregie überzeugt. Hörens- und sehenswert ist vor allem Kirsi Tiihonen als Isolde. Graham Sanders (Tristan), der Dirigent Klaus Weise und das Orchester sollten aber noch intensiv an Partie bzw. Partitur arbeiten.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Klaus Weise

Inszenierung
René Kollo

Bühnenbild und Kostüme
Peter Sykora

Choreinstudierung
Jens Petereit



Herrenchor des Opernhauses Halle

Statisterie des Opernhauses Halle

Orchester des Opernhauses Halle


Solisten

Tristan
Graham Sanders

König Marke
Jürgen Trekel

Isolde
Kirsi Tiihonen

Kurwenal
Johann Werner Prein

Melot
Gerd Vogel

Brangäne
Ulrike Schneider

Ein Hirt
Nils Giesecke

Ein Steuermann
Ki-Hyun Park

Ein junger Seemann
Nils Giesecke


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Opernhaus Halle
(Homepage)




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