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Musiktheater
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Benvenuto Cellini
Opéra comique von Hector Berlioz
Text von Leon de Wailly und Henri Auguste Barbier
Dialoge ins Deutsche übertragen von Peter Theiler


In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 30' (eine Pause)

Uraufführung der Dialogfassung von 1856
am 2. Oktober 2004
im Großen Haus des
Musiktheaters im Revier Gelsenkirchen


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Musiktheater im Revier
(Homepage)

Fulminante Uraufführung nach fast 150 Jahren

Von Thomas Tillmann / Fotos von Rudolf Majer-Finkes


Chapeau, da ist dem Musiktheater im Revier unter seinem Generalintendanten Peter Theiler (vor der Vorstellung in Anwesenheit des französischen Generalkonsuls Jacques Moreau und weiterer Prominenz vom Ritterstand in den Offiziersrang des "L'Ordre des Arts et des Lettres" versetzt!) zum Spielzeitbeginn mit der Uraufführung der Dialogfassung des Benvenuto Cellini von 1856 tatsächlich eine kleine Sensation gelungen!

Die an dessen Autobiografie angelehnte Oper über den genialen Bildhauer, Lebemann und Renaissancekünstler Benvenuto Cellini ist im Karnevalstreiben im Rom des Jahres 1530 angesiedelt: Im Schutze der Nacht versucht der Titelheld, der seinen Konkurrenten Fieramosca bereits bei dem ruhmvollen Auftrag, für den Papst eine Perseusstatue zu gießen, übertrumpft hat, diesen auch in dem Kampf um die Hand Teresas auszustechen, der Tochter des päpstlichen Schatzmeisters Balducci. Als Fieramosca die Entführung seiner Verlobten Teresa zu vereiteln sucht, ersticht Cellini im hitzigen Gefecht einen seiner Widersacher. Des Mordes angeklagt, wird der Goldschmied unter der Bedingung päpstliche Absolution zugesichert, dass es ihm gelänge, bis zum Abend die Perseusstatue zu gießen - ein unmögliches Unterfangen, aber schließlich stehen Leben, Ruhm und Liebe auf dem Spiel. Als zu guter Letzt das Metall ausgeht, wirft Cellini in rasendem Furor all seine Gold-, Silber- und Bronzearbeiten in die Schmelze. Und wenn dann am Schluss der Oper der Heroe Perseus triumphierend das Haupt der Medusa schwenkt, ist die Botschaft klar: Hier hat einer gegen die Regeln der akademischen Kunst und der Gesellschaft seine künstlerische Vision durchgesetzt, alles riskiert und alles gewonnen, die Liebe, das Leben, vor allem aber die Rechtfertigung seines regelsprengenden Tuns durch die Großartigkeit seiner Kreation.

Vergrößerung in neuem Fenster Teresa (Claudia Braun, rechts) wird gleichermaßen von Fieramosca (Aris Argiris, links) und von Cellini (Burkhard Fritz, rechts) umworben ...

Werfen wir einen kurzen Blick auf die Geschichte des Werks: Berlioz hatte seinen Cellini zwar von Anfang an als Opéra comique geplant, aber als sich 1838 eine Aufführungschance an der Pariser Grand Opéra ergab, stimmte er wohl oder übel zu, dass die an sich als gesprochene Dialoge konzipierten Passagen in Rezitative umgewandelt wurden, was das Werk letztlich zu lang werden und die Premiere am 10. September zu einem vollständigen Reinfall werden ließ. Kloiber und Konold weisen in ihrem "Handbuch der Oper" darauf hin, dass eine Reprise im folgenden Jahr erheblich unter der Erkrankung mitwirkender Sänger und nicht bewältigenden orchestertechnischen Anforderungen litt. Nach der von Franz Liszt in Auftrag gegebenen, sehr erfolgreichen Aufführung des Werkes in Weimar im Jahre 1853 in deutscher Sprache drang dieser auf eingreifende Kürzungen, worauf Berlioz einiges umstellte, vor allem die Szene in der Gießerei stark straffte und die Oper in drei Akte gliederte - in dieser "Weimarer Fassung" wurde das Werk 1852 in Weimar und 1853 in London aufgeführt. 1856 ersetzte der Komponist dann die Rezitative dieser Version erneut durch Dialoge, doch eine geplante Aufführung am Théâtre Lyrique kam nicht zustande. Zwar erlebte die Oper in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts einige Aufführungen in Deutschland, aber nach der Jahrhundertwende verschwand es fast völlig von den Spielplänen.

Erst 1966 kam es in Covent Garden zu einer Wiederaufnahme der Pariser Fassung (es gab da einen Live-Mitschnitt mit Nicolai Gedda, Elizabeth Vaughn, Yvonne Minton, Napoleon Bisson, Robert Massard und John Pritchard als Dirigenten), auf die sich auch die meines Wissens bisher einzige Studioaufnahme des Werkes stützt, die 1972 mit Nicolai Gedda, Christiane Eda-Pierre, Jane Berbié, Jules Bastin, Robert Massard, dem Chor des Royal Opera House, dem BBC Symphony Orchestra und natürlich Colin Davis am Pult entstand (Karsten Steiger erwähnt zudem einen wohl ebenfalls in London aufgezeichneten Mitschnitt der Weimarer Fassung in englischer Sprache aus dem Jahre 1964, den Antal Dorati dirigiert und der Richard Lewis, Joan Carlyle, Josephine Veasey und andere festhält, nicht aber den in mancher Hinsicht zweifelhaften, aber nicht minder interessanten Mitschnitt aus Rom, bei dem im Mai 1973 Seiji Ozawa der musikalische Leiter ist und Franco Bonisolli, Teresa Zylis-Gara, Wolfgang Brendel und Elisabeth Steiner in fremden Gefilden bei aller grundsätzlichen Bewunderung wenig Idiomatisches hören lassen).

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... entscheidet sich aber für den Goldschmied (Burkhard Fritz, rechts mit Claudia Braun) und folgt ihm gegen den ausdrücklichen Wunsch des Vaters.

Klangbeispiel Klangbeispiel: Claudia Braun (Teresa) und Burkhard Fritz (Cellini).
(MP3-Datei)


Doch nicht nur die absolute Länge dieses "musikalisch ungemein reichen Meisterwerks" (Kloiber/Konold) mag einen nachhaltigeren Erfolg verhindert haben: Ich empfand während der Gelsenkirchener Premiere auch die einzelnen Nummern in sich als zu ausgedehnt, als dass die Handlung sich dem Sujet entsprechend zügig entwickeln könnte. Erschwerend kommt nach Ansicht des Produktionsdramaturgen Johann Casimir Eule hinzu, dass Berlioz seine erste Oper musikalisch "neuartig, anspruchsvoll und quer zu allen Theaterkonventionen angelegt" und zudem "symbolisch hoch aufgeladen" hat - hätte der Goldschmied nicht wirklich von 1500 bis 1571 gelebt, "Berlioz ... hätte ihn sich als idealen Ausdruck für Künstlertum und All-Genie, Rebellion und höchste gesellschaftliche Anerkennung erfinden müssen: Bewegte sich doch Cellinis Leben scheinbar virtuos zwischen Verbrechen und päpstlicher Gnade ..., vollendeter skulpturaler Finesse und maßloser Lebensgier, umfassender humanistischer Bildung und einem ... hitzigen Temperament"; die Nähe zwischen der Titelfigur und dem Komponisten liegen dabei auf der Hand. Das Publikum von heute indes scheint das faszinierende "Nebeneinander von komischen und tragischen, grotesken wie erhabenen Szenen", das "ästhetisches Credo der jungen romantischen Generation" war, viel unvoreingenommener schätzen zu können - wie sonst wäre der langanhaltende, frenetische Schlussapplaus zu werten? Eine gute Idee war es in diesem Zusammenhang sicherlich, nur die gesungenen Passagen in französischer Sprache und mit Übertiteln, die Dialoge aber in einer flotten deutschen Übertragung des Hausherrn zu präsentieren, der somit auch direkt an dieser bemerkenswerten Erfolgsproduktion beteiligt war.

Vergrößerung in neuem Fenster Fieramosca (Aris Argiris (links) und Balducci (Rainer Zaun, rechts) versuchen Papst Clemens VII (Nicolai Karnolsky, Mitte) gegen Benvenuto Cellini aufzubringen.

Doch auch die Inszenierung trägt das ihre bei: Andreas Baesler (seit der Spielzeit 2004/2005 Chefregisseur am Musiktheater im Revier) erzählt spannungsreich und präzis vom Kampf dieses Ausnahmekünstlers gegen seine Kritiker, Neider und Widersacher und für die Liebe und seine Kunst und zeichnet dabei ein durchaus ambivalentes, differenziertes Portrait des Titelhelden, der am Ende allerdings nicht so triumphierend da steht, wie von Berlioz und seinen Librettisten vorgesehen, sondern ermattet zu Boden geht - kein ungebrochenes happy end also.

Schon während der langen, prächtigen Ouvertüre sieht man Cellini Skizzen von seinem Lehrling und Modell Ascanio anfertigen - ein Vollblutkünstler, der fieberhaft um Perfektion ringt und sich dabei gern von Wein inspirieren lässt, ein maßloser Kreativer eben. Sinnstiftende Requisiten charakterisieren die Figuren: Da ist der (natürlich nicht wirklich neue) Schlafteddy Teresas, die zwischen ihrem behüteten, aber auch einengenden Jungmädchendasein und den erwachenden Gefühlen einer liebenden jungen Frau hin- und hergerissen ist, da sind die vielleicht etwas überstrapazierten "Flug-Rosen", mit denen ihre Verehrer sie beglücken, da sind Konfetti und ein Paar Luftschlangen, die eine dezente Karnevalsstimmung beschwören. Und man freut sich über viele wirklich komische, aber nie allzu klamottige Szenen (als Beispiel sei diejenige erwähnt, in der sich die Nachbarinnen Balduccis auf Fieramosca stürzen und ihn ausziehen), über eine poetische Pantomime im Stil der commedia dell'arte (Einstudierung: Pedro Malinowski), über sich in Grenzen haltenden Theaterzauber am Ende, über eine Inszenierung, die sich stark von Berlioz' Partitur inspirieren lässt und die einiges Tempo aufweist, so dass zumindest dem Rezensenten die Zeit kein bisschen lang wurde, über die klare, unprätentiöse Erzählweise, die es dem Zuschauer, der das Werk nicht kennt, nicht unnötig schwer macht, aber auch alles andere als konventionelles Rampentheater bietet.

Andreas Wilkens hatte eine von klaren geometrischen Formen bestimmte Bühne mit (hier einmal sinnvollen) schrägen Ebenen, einer riesigen Treppe und stilisierten Renaissancebauten entworfen (so eine Fensterfront mit darunter liegendem Säulengang), die von Bernd Krzistetzko und seiner Mannschaft hervorragend in meistens angenehm warmes Licht gesetzt wurde und auf diese Weise durchaus südliches Flair atmete, ohne in wohl auch zu teure und mitunter ja auch erstickende Opulenz auszuarten. Gabriele Heimann dagegen beschränkte sich nicht durchgängig auf schicke, aufwändige und fantasievolle Kostüme der Handlungszeit, sondern ließ diese eher als Verkleidungen während des Karnevals wirken; warum ansonsten Alltagskleidung etwa der Mitte des 20. Jahrhunderts zu sehen war, blieb mir unklar, ohne dass dies jedoch wirklich gestört hätte.

Vergrößerung in neuem Fenster Cellini (Burkhard Fritz, in der Bildmitte am Boden) ist verzweifelt: Das Metall reicht nicht aus, er wird seine anderen Werke opfern müssen. Papst Clemens VII (Nicolai Karnolsky), Balducci (Rainer Zaun), Fieramosca (Aris Argiris) und das Volk (Ensemble des MiR) wachen mit Argusaugen über das Geschehen.

Das Publikum freute sich auch über die Rückkehr von Burkhard Fritz, der seit dieser Spielzeit an der Deutschen Staatsoper Berlin engagiert ist und sich sowohl darstellerisch als auch stimmlich mehr als tapfer in der heiklen Titelpartie schlug: Sein metallischer Tenor weist die nötige Stahlkraft und Höhensicherheit auf und hat trotz einiger (zu) dramatischer Partien die Fähigkeit zu Pianotönen und zu Legatobögen noch nicht eingebüßt. Der Sänger versteht auch etwas von der voix mixte, und wie die Mehrheit des Ensembles singt er gar kein schlechtes, wenn auch kein bis in letzte Feinheiten idiomatisches Französisch (das tun die "Stars" auf mancher Tonkonserve wahrlich auch nicht!).

Claudia Braun gefiel mir als Teresa viel besser als im Sommer in der Titelpartie von Donizettis Rosmonda d'Inghilterra, kam sie doch diesmal mit ihrem kleinen Sopran nicht so häufig in vokale Nöte wie bei der Belcanto-Oper - ihre tief empfundene Arie zu Beginn etwa war ein erster Höhepunkt des Abends; ganz so neckisch und betulich hätte sie die Dialoge allerdings nicht sprechen müssen, um die Mädchenhaftigkeit der Figur zu illustrieren.

Großen Beifall erhielt der attraktive, inzwischen am Theater Dortmund engagierte Bariton Aris Argiris als Cellini-Konkurrent Fieramosca, der sich zwar mit dem deutschen Dialog schwer tat, dies aber mit seinem kräftigen, frischen, besonders klangschönen und höhenstarken lyrischen Bariton allemal wett machte und sich auch als komödiantisches Talent empfahl.

Die vor Spielfreude und Energie strotzende, kein vokales Risiko scheuende Anke Sieloff bewies einmal mehr Verwandlungsfähigkeit und feierte nun in der Hosenrolle des Ascanio einen großen persönlichen Erfolg, natürlich nicht nur auf Grund ihrer schauspielerischen Fähigkeiten, sondern auch wegen der Präsenz ihres vollmundigen, aber schlank geführten, beweglichen Mezzosoprans.

Enttäuschend war dagegen Rainer Zaun als schneidig aussehender Giacomo Balducci wegen seiner mehr als zweifelhaften Intonation, und man macht sich auch ein wenig Sorgen um den merkwürdig blass, müde und flach klingenden, unruhigen und die ganz hohen wie die tiefen Töne nicht eben leicht erreichenden Bass von Nicolai Karnolsky, der hier als Papst Clemens VII dabei war und im Dezember mit dem Attila eine der großen Fachpartien zu übernehmen hat. Norbert Klein, Persönlicher Referent und Stellvertreter des Generalintendanten, machte viel aus der Sprechrolle des Pompeo, und unbedingt erwähnt werden muss auch William Saetre, der mit seinem schnarrenden Charaktertenor wie ein direkt aus der Pariser Comique eingeflogener Gast klang und ein wahres Kabinettstück aus dem kurzen Auftritt des Carbaretier machte.

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Die Perseusstatue (Bildhintergrund) ist fertig, Cellini ist es auch (Burkhard Fritz, vorn am Boden).

Die von Nandor Ronay betreuten Chöre konnten sich nach reichlich wackligem Beginn mehr und mehr steigern, kamen aber dennoch immer wieder an Grenzen (das wäre bei anderen Kollektiven der Region nicht anders gewesen, das ist nun einmal sehr anspruchsvolle Musik), und leider wurde das Klangbild nicht selten von hörbar ungeübten, aus Gesangvereinen rekrutierten Laienstimmen dominiert.

Die unerhörte Intensität und Klangfarbenvielfalt, die Spannung und Ausdehnung der Kontraste dieses berauschenden Werkes zwischen duftig-intimen lyrischen Stellen, dem grellen Lachen der commedia und grandiosen Tableaux vermochte der eine gute Balance zwischen Bühne und Graben herstellende Samuel Bächli mit der bestens disponierten Neuen Philharmonie Westfalen auf erstaunlich hohem Niveau herausarbeiten, und so erhielt er zurecht den meisten Applaus, als er nach der glanzvollen Premiere die Bühne betrat.


FAZIT

Seit seinem Jubeljahr 2003 kann man durchaus von einer Berlioz-Renaissance sprechen (ich denke etwa an die vier Neuproduktionen der Troyens in Mannheim, Amsterdam, Paris und Leipzig, die es in der vergangenen Spielzeit zu erleben gab). Das Musiktheater im Revier hat dazu einen wichtigen, überzeugenden Beitrag geleistet - nochmals mein Kompliment für den Mut und das insgesamt hohe Niveau der Aufführung, zumal größere Häuser in Nordrhein-Westfalen und anderswo gleichzeitig abgestandene Reprisen von Standardwerken als Premieren verkaufen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Samuel Bächli

Regie
Andreas Baesler

Bühne
Andreas Wilkens

Kostüme
Gabriele Heimann

Chor
Nandor Ronay

Dramaturgie
Johann Casimir Eule



Chor und Extrachor des
Musiktheaters im Revier

Statisterie des
Musiktheaters im Revier

Neue Philharmonie
Westfalen


Solisten



* Alternativbesetzung

Benvenuto Cellini,
Goldschmied
Burkhard Fritz

Giacomo Balducci,
päpstlicher Schatzmeister
Rainer Zaun

Fieramosca,
päpstlicher Bildhauer
Aris Argiris

Teresa,
Tochter Balduccis
Claudia Braun

Ascanio,
Cellinis Lehrling
Anke Sieloff

Papst Clemens VII
Nicolai Karnolsky

Francesco
Georg Hansen

Bernardino
Jerzy Kwika

Carbaretier
William Saetre
*/ Sergey Fomenko

Pompeo,
Hofgießer
Norbert Klein

Pantomimen
Patrick Brauhoff
*/ Pedro Malinowski
Garikoitz John
Helge Salnikau
Carolin Steffen





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