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Sex and crime im Bankenviertel
Von Thomas Tillmann
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Fotos von Jörg Landsberg
Calixto Bieito, Leiter des Teatre Romea in Barcelona und Geschäftsführer der Compania Nacional de Teatro Clásico in Madrid, hatte 2002/2003 bereits Massenets Manon in der Main-Metropole inszeniert, so dass man natürlich ahnen konnte, dass sich auch bei seiner Neuinszenierung des Macbeth wieder ein mindestens kleiner Theaterskandal abspielen würde. Schon wenn man den Zuschauerraum betritt, fällt der Blick auf einen Videowürfel, der einem Einblick in einen Schweinestall vermittelt - "Macbeth ist halt ein Schwein", versteht eine Zuschauerin hinter mir. Der Regisseur selber hatte ihn vorab als "Jedermann" charakterisiert, als einen "Mann, getroffen, gezeichnet und ledern in der Seele geworden durch die Schläge. Ein Mann ohne Hoffnung, Lebenszuversicht und ohne jene grundlegende Fähigkeit des Menschen, sich in dieser Welt zu behaupten: ein Mann ohne Liebe". Und wo lebt ein solcher Mann in unseren von Aktien und Bilanzen bestimmten Tagen? Natürlich nicht in einer Burg in Schottland, sondern in einem ausladenden, kühl-eleganten Bankengebäude (Bühnenbild: Alfons Flores), das unweit der Frankfurter Oper stehen könnte, ein Refugium der Bänker, die - haben wir es nicht immer gewusst? - alle versoffene Perverse, aber eben auch die eigentlich Mächtigen in unserer depravierten Konsumwelt sind, die Rebecca Ringst in ihren Videoeinspielungen von Markenprodukten und den Prestigeobjekten der Reichen und Schönen präsent hält.
Macbeth (Zeljko Lucic) lässt sich ein erstes Mal mit den Hexen (Damenchor der Oper Frankfurt) ein.
Keine Frage, Giuseppe Verdi hatte kein Hochglanzevent für reife Stimmliebhaber in teurer Garderobe im Sinn, als er sich dem Shakespeare-Stoff zuwandte, und so erinnert Dramaturg Norbert Abels zurecht an des Komponisten Anspruch, "das Ungeheuerliche nicht zu domestizieren, das Bestialische nicht zu zähmen und das Monströse nicht dem konventionellen Geschmack zu unterwerfen". Die Frage ist, ob das denn nun wirklich alles so schwarz und weiß ist, wie Bieito uns glauben machen will, für den die Feindbilder klar sind. Mit anderen Worten: Streckenweise fühlt man sich doch an die engagiert und heißblütig vorgetragenen Gruppenarbeitsergebnisse von Politik-Grundkurs-Schülern erinnert, die ihrem konsumkritischen, seit vierzig Jahren die Geißel des Kapitalismus unerbittlich bekämpfenden Lehrer eine ideologische Freude machen wollen.
Mit der Leiche eines toten Königs (Wilfried Elste) zwischen den Schenkeln bekommt die Sexualität zwischen der Lady (Caroline Whisnant) und Macbeth (Zeljko Lucic) ganz neue Dimensionen.
Doch schauen wir genauer hin: Die Hexen unserer Tage sind Börsenmausis mit Pseudo-Vertrautheit schaffenden Namensschildern und engen, kurzen Röcken (Kostüme: Nicola Reichert), die sich rasch die Lippen malen und Parfüm versprühen, um wenig individuell gezeichneten Anzugträgern auf der Basis von Aktienkursen und Bilanzen perfekt gestylt die Zukunft vorherzusagen, was im weiteren Verlauf auch gern per Handy abgewickelt wird. Sexualität ereignet sich nur in Zusammenhang mit Macht, ist nichts als Ware und befriedigend überhaupt nur in Kombination mit Gewalt. Die Lady haucht den berühmten Brief aufreizend-vulgär ins Mikro, bevor sie den Tisch deckt im großzügigen Wohnbereich und rechtzeitig zur Cabaletta offenbar Wichtiges ins Laptop hämmert. König Duncan ist ein alter Bekannter der ihm aufgesetzt fröhlich reichlich Hochprozentiges einschenkenden Dame des Hauses, daher darf er sie auch nach Belieben begrapschen und dabei Macbeth demütigen, indem er ihm Fleischbrocken hinwirft und es mit seiner Lady tut, bevor der Than von Cawdor die Faxen dicke hat und den Nebenbuhler mit einer Sektflasche erschlägt. Erste erboste Buhrufe lösen die nächsten Aktionen der Lady aus, die Duncan im wahrsten Sinne des Wortes das tote Maul stopft, sich und den Gatten auszieht und dann noch einmal mit einem Korkenzieher auf die Leiche des Königs losgeht, die von nun an in entscheidenden Momenten über die Bühne schleicht. Vor der Ermordung Banquos, die mit Einkaufswagen vorgenommen wird, darf Macbeth sich dann noch in der Lady abreagieren, die offenbar nicht ganz auf ihre Kosten gekommen ist, denn vor "La luce langue" legt sie noch einmal selber Hand an, ohne ihr Ziel zu erreichen. Der Ärger mancher Teile des Publikums erreichte seinen Höhepunkt, als der Titelfigur in der Hexenszene des dritten Aktes die Nylons einer Choristin über den Kopf gezogen, mit Lippenstift einen Penis und Hoden aufs Unterhemd gemalt und bei hohen Tönen eine Faust in den Anus gerammt bekommt. Brechen wir die Beschreibung der Bühnenaktionen an dieser Stelle ab, schweinischer wurde es auch nicht mehr, spannender aber eben auch nicht, denn das hohe Tempo und die Spannung der Inszenierung ergibt sich letztlich im Wesentlichen aus dem Umstand, dass man nur darauf wartet, welche Geschmacklosigkeit als nächste folgen wird, nicht so sehr aus der wirklich zwingenden, erhellenden Werksicht, die manchen Leerlauf erkennen lässt, bei genauerem Hinsehen lange Zeit sehr traditionell und konventionell abläuft und sich weder durch eine exzeptionelle Figurenzeichnung noch durch eine ebensolche Personenführung auszeichnet.
Die Macbeths (Caroline Whisnant und Zeljko Lucic) amüsieren sich beim Bankett (Ensemble der Oper Frankfurt).
Eine großartige Leistung gelingt zweifellos Zeljko Lucic, der wie alle Kolleginnen und Kollegen sein Rollendebüt gab und der Titelpartie mit wohlüberlegter, sensibler Phrasierung, differenzierter Tongebung und verinnerlichtem Piano viel besser gerecht wird als Kollegen, die ungeschlacht ihr Material vorführen. Noch an Intensität gewinnen wird vermutlich auch Caroline Whisnant, seit dieser Spielzeit Ensemblemitglied am Nationaltheater Mannheim, die in Frankfurt als Probencover für Susan Bullocks Elektra entdeckt worden war und mit Partien wie Mozarts Donna Elvira, Beethovens Leonore, Leonora in Il Trovatore, Desdemona, Santuzza, Senta, Suor Angelica, Turandot, Elektra und Ariadne sowie den drei Brünnhilden ein sehr weitgespanntes Repertoire beherrscht. Man hört auch hier keine unkontrolliert auf Lautstärke getrimmte Riesenstimme, wohl aber eine gesunde mit einer besonders klangreichen Mittellage. Die ungemein kraftvoll angegangene zweite Arie ließ die Amerikanerin zum ersten umjubelten Höhepunkt des Abends werden, sie hatte auch wenig Probleme mit den virtuosen Anforderungen der Partie und krönte mit ihrem nicht zu dunklen Sopran die Tableaus ohne Anstrengung, und da war das Publikum auch gern bereit, das verunglückte Des in alto der ansonsten bestechend gesungenen Nachtwandelszene zu verzeihen.
Macbeth (Zeljko Lucic) begibt sich ein weiteres Mal in die Fänge der Hexen (Damenchor der Oper Frankfurt).
Magnus Baldvinsson macht als Banquo zwar viel aus seiner Arie, die Figur aber bleibt ziemlich belanglos, ähnlich wie die Stimme des Isländers in der tiefen Lage wenig Volumen und Durchschlagskraft aufweist. Mathias Zachariassen war ein ziemlich leichtgewichtiger Macduff mit Hang zum Schreien und zu übertriebenem Portamento, Lina Tetruashvili (Dama), Edgaras Montvidas (Malcolm) und Florian Plock (Medico) in den kleineren Partien weder Anlass zu Jubel noch zu Klage. Die Damenchöre hätten vor allem für die ersten Auftritte noch einige Proben mit Alessandro Zuppardo brauchen können, aber während des Abends steigerte sich das Kollektiv mehr und mehr und schaffte nicht zuletzt ein fein abgestuftes, sehr intensives "Patria oppressa". Paolo Carignani setzt am Pult des gut aufgelegten Museumsorchesters auf nie nachlassenden Drive, ohne dabei hektisch zu werden, auf Konzentration und Nüchternheit statt auf kulinarische Italianità, was dem Drama zweifellos zugute kommt, er ist stets um Differenzierung und Transparenz bemüht, ohne dass das Musizieren kopflastig oder blutarm würde, und Sänger begleiten kann er auch.
Calixto Bieitos Sicht auf Macbeth bleibt letztlich sehr eindimensional und nur vordergründig spannend: Nicht selten hat man den Eindruck, dass seine sexualisierten Gewaltfantasien sich verselbständigen und eher vom eigentlichen Drama ablenken. Wem's zuviel wird, der kann immer noch die Augen schließen und sich über ein glänzendes Protagonistenpaar freuen, das eben jene Differenzierung ins Spiel bringt, die man bei der Regie mitunter vermisst. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühnenbild
Kostüme
Dramaturgie
Licht
Chor
SolistenMacbeth Zeljko Lucic
Banquo
Lady Macbeth
Kammerfrau
Macduff
Malcolm
Arzt
Ein Diener/Ein Mörder/
Drei Erscheinungen
Michaela Friedrich Zoltan Winkler
Duncan
Lady Macduff
Oberhexe
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