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Der Rosenkavalier

Komödie für Musik in drei Aufzügen
Text von Hugo von Hofmannsthal
Musik von Richard Strauss


In deutscher Sprache
Aufführungsdauer: ca. 4 h 15' (zwei Pausen)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 20. November 2004


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Theater Essen
(Homepage)
Von der Einsamkeit des Aufsichtspersonals im Historischen Museum der Stadt Wien

Von Stefan Schmöe / Fotos von Matthias Jung


“Wie ich ja immer viel glücklicher in der Kunst als in der Natur gewesen bin, die Natur ist mir zeitlebens unheimlich gewesen, in der Kunst habe ich mich immer geborgen gefühlt.“
(Thomas Bernhard, „Alte Meister“)

Er trägt eine graue Uniform und eine Brille mit dicken Gläsern. Er kommt schnell ins Schwitzen und wischt sich unentwegt mit einem Taschentuch den Schweiß aus dem Gesicht. Im Museum arbeitet vermutlich schon immer, verjagt streng, wer den Exponaten der Kaiserzeit zu Nahe kommt. Eines Nachts lässt er sich einschließen, träumt sich in die Historie hinein, und während die Puppen in den Vitrinen um ihn herum lebendig werden, verwandelt er sich in den Herrn Ochs auf Lerchenau. Er ist eine Figur wie von Thomas Bernhard, dem großen Wien-Hasser, geschaffen – und da hat er auch seinen Ursprung, nämlich in Bernhards Komödie „Alte Meister“.

Szenenfoto Alles nur Puppen: In Vitrinen sind die Marschallin und Octavian zu bestaunen. Die sonstige Bagage besteht aus schlabbrigen Puppen, die nach Bedarf das passende Mäntelchen übergestülpt bekommen.

Die Hinwendung zum Restaurativen, mit der aus dem Bürgerschreck Richard Strauss nach den musikalischen Gewaltexzessen der Salome und Elektra zum Bürgerliebling wandelte, hat dem Komponisten neben höchstem Ruhm auch manche Kritik eingetragen. Gilt die zuckersüße Verschmelzung des hochpoetischen Textes von Hugo von Hofmannsthal und der entrückten Musik den einen als unantastbar, werfen die anderen diesem Konstrukt eine museale Verklärung einer nur auf die Vergangenheit bezogenen K.u.K.-Gegenwart vor, die sich rückwärts gewandt dem notwendigen musikalischen Fortschritt verweigert. Regisseur Anselm Weber greift diesen Zwiespalt mit der eingangs geschilderten Spielsituation ganz konkret auf: Wir befinden uns im Museum und lassen die Figuren aus den Dioramen steigen. Im Bühnenbild von Thomas Dreißigacker ist diese Problematik überdeutlich aufgezeigt.

Webers Blick ist dabei keineswegs verklärend oder auch nur liebenswert, sondern kalt und zynisch analysierend. Seine Sympathien gehören der Negativ-Figur Ochs, aus dessen Perspektive weite Teile der Oper erzählt sind. Der bei Bernhard entliehene Museumsangestellte im Kostüm des herabgesunkenen Möchtegern-Adeligen ist eine gescheiterte Existenz, dessen bemüht weltläufiges Auftreten (Franz Hawlata gestaltet ihn unter Verzicht auf den üblichen wienerischen Operettencharme als kleinbürgerlich-verklemmte Existenz) nicht darüber hinweg täuscht, dass er von Beginn an zum Scheitern verurteilt ist. Am Ende wird er, der im Keller des Museums in einer düsteren Umkleidekammer haust (hier spielt die erste Szene des 3. Aufzugs), in eine Vitrine eingesperrt. In den pathetisch-pastoralen Ton einer schlechten Sonntagspredigt übertragen könnte man sagen: Sind wir beim Betrachten des Rosenkavaliers nicht alle Gefangene unserer musealen Träume?

Szenenfoto

Alles nur Theater: Im Rokoko-Saal des Museums steht, ganz Zitat aus einer Welt, in der Opern wie der Rosenkavalier noch naturalistisch erzählt wurden, ein Nachbau des Schlafzimmers der Marschallin, die hier Octavian über die Vergänglichkeit der Liebe erzählt.

Die Inszenierung ist desillusionierend um jeden Preis. Marschallin und Octavian bleiben Kunstfiguren, die man aus der Distanz betrachtet. Die Überreichung der silbernen Rose findet auf einer Baustelle zwischen Leiter und Farbeimer statt. Die Marschallin wird im großen Terzett kurzerhand ausgemustert: Kaum haben sich Octavian und Sophie endgültig gefunden, hat sie ihre Schuldigkeit getan und kann gehen – der übliche melancholische Abschiedsblick Octavians unterbleibt. Natürlich verstört Weber das Publikum mit dieser Sichtweise, und nicht nur dieser Brechungen wegen stürzt die Inszenierung in ein Wechselbad der Gefühle. Vieles ist arg plump geraten (die japanische Touristengruppe ist ebenso peinlich misslungen wie das Auftreten des Kommissars als bundesdeutscher Streifenpolizist im ohnehin missratenen ersten Teil des Schlussaktes). Auch muss, wer den Rosenkavalier derart dekonstruieren will, etwas anderes an die Stelle des schönen Scheins setzen – allein die Illusion zu zerstören ist ein recht oberlehrerhaftes Ansinnen und nur dazu da, das Publikum zu verprellen.

Szenenfoto Alles Revolution: In den Dioramen über das 19. Jahrhundert findet man den Kriegsgewinnler Faninal (verwandschaftliche Beziehungen zur Essener Krupp-Dynastie darf man annehmen) nebst bravem Töchterlein Sophie.

Auf der anderen Seite muss man Weber lassen, dass seine Inszenierung (fast) nie vorhersehbar oder gar langweilig ist und dass die vielen Wendungen überraschende Blicke freigeben. Statt eines „runden“ Konzepts findet man viele Assoziationen, auch (neben manchen abstrusen) viele schlüssige Einzelideen. Wo Hofmannsthal und Strauss in dem an (allzu deutlichen) Andeutungen und Querverweisen überreichen Stück den Regisseur quasi zum Nacherzähler degradieren und überdeutlich die Interpretation mitliefern, setzt Weber einen kontrapunktischen Kommentar zur Musik, die sich in der Interpretation Stefan Soltesz' mühelos das nötige Gewicht verschafft. Einmal mehr versteht es Soltesz mit den hervorragend disponierten Essener Philharmonikern zu zaubern. Jedes Detail ist sorgfältig ausgelotet, Dirigent und Orchester reagieren auf kleinste Wendungen und Verschiebungen in der Handlung. So spielt sich ein zweites – oder besser: das eigentliche – Drama im Orchester ab. Dass es sich dabei nicht immer um das gleiche Stück wie auf der Bühne handelt (obwohl der Dirigent das Bühnengeschehen sehr wohl im Auge hat), ist kein Nachteil. An den besten Stellen der Inszenierung erlebt man ein spannungsvolles Gegeneinander von Szene und Musik, dass eine selten so deutlich gezeigte Vielschichtigkeit des Rosenkavalier offen legt.

Szenenfoto

Alles Staffage: Zwar wird die silberne Rose stilvoll überreicht, aber kaum ist die Celesta verklungen, ruft der Regisseur in die brutale Wirklichkeit zurück.

Soltesz dirigiert dabei keineswegs einen symphonischen Breitwandfilm und verweilt auch nicht schwelgerisch an den „schönen Stellen“, sondern treibt die Musik in einer Art parlando con brio voran, das einerseits mit den Sängern an der Sprachmelodie des Textes ausgerichtet ist, andererseits die musikalischen Großform hörbar macht. Die Spannungsbögen sind riesig weit gehalten, aber von zwingender Logik. Das Fließen der Zeit im Monolog der Marschallin wird ebenso plastisch herausgearbeitet wie die kernig-derbe Welt des Ochs. Die Sänger sind gut eingebetten, und Soltesz nimmt geschickt auf sein nicht allzu stimmgewaltiges Ensemble Rücksicht. Überhaupt scheinen die Sänger – Soltesz hat für die Hauptrollen Gäste engagiert – in erster Linie mit Blick auf die Inszenierung ausgewählt zu sein. Etwa die vom Erscheinungsbild wie von der Stimme sehr mädchenhafte Rachel Harnisch als Sophie: Ein Backfisch, ideale Verkörperung der gutbürgerlichen Tochter, die mit Teddybär aus dem Schaukasten zur Industrialisierung heraus steigt. Sie bleibt, auch bedingt durch die schöne, aber zarte Stimme, sehr puppenhaft. Claudia Mahnke ist ein ebenfalls sehr jugendlicher Octavian mit leuchtender, etwas zu hell eingefärbter Stimme, der (noch) das Charakteristische fehlt, das der Figur eine über das Maskenhafte hinaus gehende Persönlichkeit verleihen könnte.

Szenenfoto Alles misslungen: Ochs auf Lerchenau hat, man ahnt es bei diesem Anblick, kein Glück bei den Frauen und wird sich zukünftig wohl wieder ganz seinen Aufgaben als Aufseher im Historischen Museum der Stadt Wien konzentrieren können.

Martina Serafin gestaltet die Marschallin ungemein differenziert und jede Silbe des Textes sorgsam abwägend. Die Balance zwischen Text und musikalischer Phrase gelingt ihr sehr nuanciert, und sie ist die (von Hofmannsthal geforderte) attraktive Frau noch weit vor der Midlife-Crisis. Allerdings ist ihre Stimme recht scharf und ohne Wärme, und im Verlauf des Abends werden Verschleißerscheinungen hörbar, die die Sängerin zum Forcieren nötigen. So schön vieles gelingt, ausgerechnet im großen Schlussterzett fehlt die Homogenität. Im Hinblick auf den desillusionierenden Charakter der Inszenierung ist das sogar plausibel, musikalisch ist dieser Kulminationspunkt aber unverzichtbar.

Szenenfoto

Alles vorbei: Kaum hat die Marschallin ausgesungen, hüpfen Octavian und Sophie ins Lotterbett. Dass es sich dabei recht geschmacklos um die gerade noch gemeinsam mit der Marschallin genutzte Liegemöbel handelt, ist der zynischen Betrachtungsweise des Regisseurs zuzuschreiben.

Franz Hawlata ist, wie oben schon gesagt, ein nüchterner Ochs von Thomas Bernhards Gnaden; stimmlich bewältigt er das souverän, ohne deshalb großen Glanz zu verstrahlen. Tomas Möwes spricht den Faninal mehr als das er singt, das immerhin mit eindrucksvoller Wut. Andreas Hermann als lyrischer italienischer Sänger singt seine Arie sauber aus; das Intrigantenpärchen Valzacchi / Annina ist mit Rainer Maria Röhr und Ildiko Szönyi als Charakterdarstellern ebenso angemessen besetzt wie die Leitmetzerin mit Marie-Helen Joël. Alles in allem aber kein Fest der großen Stimmen, auch wenn die Aufführung auch vokal ihre Meriten hat, sondern eine Besetzung, die glaubwürdig das Regiekonzept umsetzen kann.

Das letzte Wort hat bezeichnenderweise die Putzfrau. Das Taschentuch, das Octavian hier im Schlussbild nicht versehentlich verliert, sondern dem konservativen Publikum wie einen Fehdehandschuh hinwirft, wird nämlich von der ausländischen Reinigungskraft als finale Pointe des Abends fachgerecht entsorgt. So wird sinnbildlich der Hofmannsthal-Strauss'sche Ausstattungsprunk zum Müll gegeben, während Octavian und Sophie ins heutige Leben entlassen werden. Zurück bleibt, als Zitat einer musealen Opernwelt, der süße kleine Mohr in seiner Vitrine.


FAZIT

Desillusionierende Inszenierung zwischen Plattitüde und gezielten Nadelstichen – ein Rosenkavalier zum (produktiven) Ärgern. Aber einer, der orchestral exzellent unterlegt ist.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Stefan Soltesz

Inszenierung
Anselm Weber

Bühnenbild
Thomas Dreißigacker

Kostüme
Bettina J. Walter

Licht-Design
Olaf Freese

Choreinstudierung
Alexander Eberle

Dramaturgie
Bettina Bartz



Opernchor
des Aalto-Theaters

Aalto-Kinderchor

Die Essener Philharmoniker




Solisten

* Besetzung der Premiere

Die Feldmarschallin
Martina Serafin

Baron Ochs auf Lerchenau
Franz Hawlata

Octavian
Michelle Breedt
* Claudia Mahnke

Herr von Faninal
Tomas Möwes

Sophie
* Rachel Harnisch
Iride Martinez

Die Leitmetzerin
Marie-Helen Joël

Valzacchi
Rainer Maria Röhr

Annina
Ildiko Szönyi

Ein Sänger
*Andreas Hermann /
Thomas Piffka

Ein Polizeikommissar
Diogenes Randes
* Marcel Rosca

Der Haushofmeister
bei der Feldmarschallin
Alexander Thompson

Der Haushofmeister
bei Faninal
Wolfgang Kleffmann

Ein Notar
Michael Haag

Ein Wirt
Albrecht Kludszuweit

Ein Tierhändler
Ulrich Wohlleb

Drei adelige Waisen
Sabine Brunke-Proll
Christina Hackeloer
Michaela Cenkier

Eine Modistin
Kyung-Nan Kong

Ein Hausknecht
Karl-Ludwig Wissmann

Leopold
Peter Holthausen

Ein Mohr
Damian Gelgör

Eine Putzfrau
Akosua Serwaah-Zielke






Weitere Informationen
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