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Von Markus Bruderreck
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Fotos von Thomas M. Jauk (Stage Picture Gmbh) Schon während der Ouvertüre tritt sie vor den Vorhang des Dortmunder Opernhauses. Die langen, goldenen Haare fallen der Schere zum Opfer, die Mütze verdeckt sodann den fülligen Rest. Aus Leonore wird in gut sechs Minuten Fidelio. Ein Bild ihres verschollenen Liebsten hält sie demonstrativ ins Publikum. Wanted: Florestan, not dead, but alive.
Rocco und Leonore (Fidelio)
Bei diesem Regieeinfall hat sich Regisseur Christian Pade von Bildern inspirieren lassen, wie man sie aus dem Fernsehen kennt: klagende Frauen, die mit einem Foto in Händen das spurlose Verschwinden ihrer Söhne, Männer oder Töchter anprangern. Zu unrecht Verfolgte und Inhaftierte, die unter Folter und Willkür leiden (aktuelle Beispiele: Die Gefängnisse in Guantánamo Bay und Abu Ghraib) existieren nicht nur in Diktaturen, sondern auch in demokratischen Staaten. Die Schicksale der Verschollenen werden von "Amnesty International" bekannt gemacht und angeprangert (ein Text zum Thema findet sich im Programmheft der Produktion). Christian Pade und sein Ausstatter Alexander Lintl, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnete, haben sie in den Mittelpunkt der Dortmunder "Fidelio"-Inszenierung gerückt. Ein solcher Ansatz kann eine schlüssige, ja brisante Aktualisierung ergeben. Das Dortmunder Publikum quittierte sie dennoch mit nicht wenigen Buhs, wohl besonders, weil die Umsetzung am Ende trotz manch interessantem Bild und Einfall eher blass und inkonsequent blieb.
Leonore und Fidelio
Im ersten Akt umschließt ein Band von Gefangenenbildern den schwarzen, kargen Bühnenraum. Ein mit Neonleuchten eingefasstes Rechteck bildet die Hauptspielfläche, eine Art Wasserrohr füllt den Raum (mehr als ein "Raumfüller" ist dieses Requisit wohl nicht, obwohl man es mit der Schlussszene in Verbindung bringen könnte). Ein Berg von Akten suggeriert zudem: Hier sind die Schicksale vieler Gefangener vergessen und begraben worden. So weit, so gut. Im Laufe der Inszenierung findet Pade auch zu starken Szenen: Aus den Gefangenenbildern treten flehend menschliche Arme und Köpfe hervor, ziehen sich aber zurück, als Leonore mit dem Bild Florestans an ihnen vorübergeht. Die Gefangenen fahren aus ihrer Kerkergruft auf, mittels der Hebebühne, die in einem riesigen Spiegel an der Bühnendecke zu sehen ist. Im zweiten Akt kommt die Drehbühne mit einer monströsen schiefen Ebene eindrucksvoll zum Einsatz (Sollte sie hier mehr Abwechslung bringen? Dramaturgisch ist sie wohl eher nicht zwingend).
Leonore (Kirsten Blanck), Pizarro (Jochen Schmeckenbecher) und Florestan (Paul Lyon).
Die Personenregie ist es, bei der hier manches im Argen liegt: Zahllose Chancen wurden verschenkt, um das Werk zu einem berührenden und spannenden Drama zu machen. Stattdessen: Konventionen und oft ungeschickt wirkender Aktionismus, der nicht frei ist von logischen Fehlern. Don Pizarro (Jochen Schmeckenbecher) betritt da etwa mit vorgehaltener Pistole drohend die Szene: Die Handelnden stehen unbewegt wie die Ölgötzen. Das Wiedersehen zwischen Leonore und Florestan verläuft ebenso seltsam. Von wegen, "namenlose Freude". Leonore richtet die Pistole gegen ihren Mann (er gibt den Typ "inhaftierter Literat"). Was wollte uns der Regisseur mit dieser Volte wohl sagen? Die Umsetzung der Befreiungsszene am Ende des Werkes erweist sich als besonders problematisch. In rotem Sträflingsdress brechen die Gefangenen in Gaswolken zusammen. Pade wollte hier wohl auf die jüngsten Rettungseinsätze bei Massengeiselnahmen in Moskau und Tschetschenien anspielen. Leider rücken zunächst andere, ungute Assoziationen in den Vordergrund. Auch wenn es vielleicht nicht intendiert ist: Der Gedanke an die Gaskammern des Dritten Reiches liegt nahe, und ihr Schrecken erscheint als billiger Schlusseffekt. Sollte das so sein?
Leonore und Florestan.
Die Sänger schlagen sich achtbar, allen voran Kirsten Blanck als Leonore - eine besondere, beschreibende Vokabel liegt bezüglich ihrer Leistung allerdings nicht auf der Zunge - sowie Bart Driessen als Rocco mit solidem, allerdings nicht besonders fülligen, ja atemlosen Bass. Die Marzelline von Selma Harkink, die wie eine auf poppig getrimmte Version von Mutter Beimer wirkte, war physisch eine Fehlbesetzung. Eine unglückliche Figur machte auch Paul Lyon als Florestan. Dass er vom Publikum herzlos ausgebuht wurde, nahm er immerhin mit einem Lächeln hin, dürfte aber wohl überrascht gewesen sein über soviel Gemeinheit aus dem Zuschauerraum. Dennoch: Er hatte schlicht nicht die stimmlichen Möglichkeiten, um diese Rolle zufrieden stellend zu meistern. FAZITEine spannende Aktualisierung, die leider in der Umsetzung verschenkt wurde - ein Hilsdorf wäre hier vonnöten gewesen. Die Sänger bewegen sich auf mittlerem Niveau, angenehm tönt es dagegen aus dem Orchestergraben. In puncto "Fidelio" hat man schon Besseres gesehen. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Choreinstudierung
Solisten* AlternativbesetzungDon Fernando Mikael Babajanyan * / Aris Argiris * / Daniel Cory
Don Pizarro
Florestan
Leonore
Rocco
Marzelline
Jaquino
Erster Gefangener
Zweiter Gefangener
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