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Musiktheater
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Kokain
Musiktheater von Steffen Schleiermacher
Libretto von Steffen Lüddemann und Steffen Schleiermacher
nach einer Novelle von Walter Rheiner



Aufführungsdauer: ca. 70' (keine Pause)

Uraufführung im Forum der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn
am 3. März 2005

in der Reihe BONN CHANCE! - Experimentelles Musiktheater
Eine Kooperation von Theater Bonn und der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland


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Theater Bonn
(Homepage)

Drogenkonsum im Schlafsaal

Von Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu


Ein Buch mit dem Titel Kokain in einem Schaufenster der DDR – das habe man seinerzeit einfach mitnehmen müssen, erzählte der 1960 in Halle/Saale geborene Komponist Steffen Schleiermacher vor der Uraufführung seiner Kammeroper mit dem gleichlautenden Titel den anwesenden Journalisten. Es handelt sich dabei um eine Novelle des expressionistischen Schriftstellers Walter Rheiner (1895 – 1925), eines Freundes von Johannes R. Becher. Mit autobiographischen Zügen erzählt Rheiner darin vom Dahindämmern eines Kokainsüchtigen. Ein Text, der nicht gerade besonders theatralisch daherkommt, der Schleiermacher aber sofort zu einer musikalischen Umsetzung inspiriert hat. Realisiert hat er diesen Plan jetzt als Auftragswerk für das Theater Bonn, wo es in Kooperation mit der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik im dortigen Forum uraufgeführt worden ist.


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Schizophrene Gestalt: Tobias 1 (Mark Rosenthal, links) und Tobias 2 (Holger Falk)

Um die Monolog-Situation aufzubrechen, haben Schleiermacher und sein Co-Librettist Steffen Lüddemann die Hauptfigur „Tobias“ auf zwei Sänger verteilt: „Tobias 1“ ist, vereinfacht dargestellt, der Süchtige, „Tobias 2“ der Verführer (in der Uraufführungsinszenierung werden Assoziationen an die Konstellation Faust – Mephisto deutlich). Hinzu kommen noch zwei Frauen und Solistenquartett; der musikalische Schwerpunkt liegt aber bei den 17 Instrumentalisten des Kammerorchesters. Formal ist das 70-minütige Werk als „Nummernoper“ aufgebaut – klar getrennte Abschnitte, die zwar nahtlos ineinander übergehen, aber für sich abgeschlossen sind. Innerhalb dieser Abschnitte (die jeweils von einer charakteristischen Instrumentengruppe gespielt werden) gibt es in der Regel ein festes rhythmisches Grundmodell und ein Motiv (das kann auch ein einzelnes Intervall sein). Damit ist der Ablauf im Wesentlichen festgelegt: Dieses begrenzte musikalische Material wird permanent, mehr oder weniger variiert, wiederholt; Entwicklungen gibt es kaum, Überraschungen praktisch gar nicht. Das Klangspektrum ist eng (die Instrumente werden traditionell gespielt); nur beim ohnehin umfangreichen Schlagwerk mischt Schleiermacher mit Gläsern, über deren Rand gestrichen wird, oder einer elektrischen Klingel „moderne“ Farben hinzu. Emotionen werden mit dieser Musik nicht nachgezeichnet, vielmehr liegt die Musik wie eine sehr technische „Spur“ über dem Geschehen oder vielmehr Nicht-Geschehen. Die Stimmen fügen sich wie zusätzliche Instrumente ein und erhalten kaum Entfaltungsmöglichkeiten.


Vergrößerung in neuem Fenster Schulmädchenreport? Die "Frau" (Liisa Viinanen)

Klangbeispiel Klangbeispiel: Tobias 1 (Mark Rosenthal) mag nicht mehr essen
(MP3-Datei)


Die strenge Ökonomie der Mittel erzwingt, dass man den sehr genau hinhört (und die Mitglieder des Beethoven Orchesters spielen unter der souveränen Leitung von Thomas Wise von Kleinigkeiten abgesehen ausgezeichnet). Ein zwingender Zusammenhang zwischen der Musik und dem (leider nur bruchstückhaft verständlichen) Text wird aber kaum plausibel. Die Musik ist in ihrer blockhaften, auf Entwicklungen verzichtenden Struktur sehr statisch, aber nicht in einer Weise, die einen Dämmerzustand des Kokainsüchtigen illustrieren würde. Eher verfremdet sie in ihrer Strenge die Situation, ist aber, auch wenn sie in einzelnen Momenten fesseln kann, auf Dauer in ihrem schematischen Ablauf und den unentwegten Repetitionen (die einen Hauch von Minimal-Music verbreiten) ermüdend.


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Cooler Verführer: Tobias 2 (Holger Falk)

Wäre es nach Schleiermacher gegangen, die Uraufführung wäre als Schattenspiel inszeniert worden. Mit Barbara Beyer allerdings hatte man eine Regisseurin verpflichtet, die für gänzlich andere, sehr viel konkretere Inszenierungsansätze steht. Er habe die letzten Tage nur mit einer Mischung aus Baldriantropfen und Alkohol überlebt, klagte der deprimierte Komponist im Hinblick auf eine Inszenierung, in der er sich, so Schleiermacher wörtlich, "nicht wiederfinde". Natürlich unterwirft sich Barbara Beyers Regie nicht bedingungslos der Musik, sondern setzt dieser sehr eigenständig gewichtige Bilder entgegen. Bühnen- und Kostümbildner Frank-Tilman Otto hat aus dem Forum der Kunst- und Ausstellungshalle einen eng möblierten Schlafsaal mit etwa 30 schlicht-biederen, fast gleichen Betten gemacht, mit fast gleichen Nachttischlämpchen und farbenfroher (hier aber individuell verschiedener) Bettwäsche. In seiner widersprüchlichen Mischung aus Uniformität und Privatheit ist dieser Raum irritierend (allein das drollige Zwergkaninchenpärchen, das zwischen den Betten an Möhren und Salat knabbern darf, hätte man sich getrost sparen können). Dieses Bühnenbild wie auch die Personenführung hat gleichzeitig realistische wie surreale Züge und spiegelt die Spielsituation zwar eigenwillig, aber durchaus treffend wieder.


Vergrößerung in neuem Fenster Rauchentwicklung: Oben Tobias 2, links an der Tür die "Frau", vorne die "1. Stimme" (Alicja Gulcz), sitzend Tobias 1

Klangbeispiel Klangbeispiel: Tobias 2 (Holger Falk) spricht von Hunden
(MP3-Datei)


Mark Rosenthal, wegen einer schweren Erkältung bei der Premiere indisponiert, ist als „Tobias 1“ die Leidensgestalt – was hier Spiel und was tatsächliche Krankheit des Darstellers war, ließ sich nicht erkennen; auch dürfte bei besserem Gesundheitszustand das musikalische Profil an Schärfe und Prägnanz gewinnen. Holger Falk als „Tobias 2“ hat sicher die dankbarere Rolle; als agiler Verführer (mit vielen Passagen im Sprechgesang, und besonders diese sind bravourös gestaltet) kann er sehr viel mehr Präsenz entwickeln. Liisa Viinänen als „Frau“ ist ein krankhaft mit den Fingern schnippendes Schulmädchen von ebenfalls hoher Bühnenpräsenz – dass die junge Sängerin noch an der Kölner Musikhochschule studiert, vermag man angesichts ihres professionellen Auftritts kaum glauben. Daniela Strothmann, mit etwas scharfem Sopran, erscheint als „Marion“ wie ein ironisches Zitat eines deus ex machina mit Flügelchen aus einer mit rotem Samt ausgeschlagenen besseren Welt hinter der Bühne. Da man auch hier den Text nicht versteht, wird die Funktion dieser Gestalt nicht klar, und die Regie scheint auch nicht so recht an deren Notwendigkeit zu glauben. Das Solistenquartett mit Alicja Gulcz, Ulrike Gmeiner, Ben Freikowski und Boris Belezki singt zwar ordentlich, bleibt aber letztendlich bedeutungslos.


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Später Besuch: Marion (Daniela Strothmann) bei Tobias 1

Die Inszenierung setzt eine Reihe visueller, oft fast choreographischer Akzente, die durchaus im Einklang mit der Strenge der Musik stehen. Alles vermeintlich Romantische hat Barbara Beyer eliminiert. Der Drogenrausch wird nicht als psychedelischer Dämmerzustand, sondern in klaren, aber uneindeutigen Bildern und Abläufen gezeigt, und daraus zieht die Aufführung gerade im Zusammenklang mit der Musik einige Spannung. Dass Kokain trotzdem kein ganz großer Wurf geworden ist, liegt an der fehlenden Theaterwirksamkeit des Stoffes, aber auch an der nicht nur spröden, sondern eben auch oft allzu mechanisch konstruierten Musik. Ob eine zurückhaltendere Regie das ändern würde, müsste man ausprobieren; in dieser Bonner Uraufführung ist gerade das Spannungsverhältnis zwischen Musik und Bühne ein Argument, sich Kokain anzusehen.


FAZIT

Ein Drogenrausch von fast mathematischer Strenge: 70 Minuten interessantes neues Musiktheater, aber länger muss es auch nicht sein.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Thomas Wise

Inszenierung
Barbara Beyer

Bühne und Kostüme
Frank-Tilman Otto

Dramaturgie
Jens Neundorf von Enzberg


Beethoven Orchester Bonn


Solisten

Tobias 1
Mark Rosenthal

Tobias 2
Holger Falk

Maroin
Daniela Strothmann

1. Stimme
Alicja Gulcz

2. Stimme
Ulrike Gmeiner

3. Stimme
Ben Freikowski

4. Stimme
Boris Beletzki

Frau, Prostituierte
Liisa Viinanen



Weitere
Informationen

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Theater Bonn
(Homepage)



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