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Ein Bilderbogen aus alten ZeitenVon Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu
Eigentlich schreibt Tatjana gerade ihren berühmten Brief, aber geheimnisvoll leuchtet es vom Boden des Waschkessels herauf - tut zwar nichts zur Sache, sieht aber allemal nett aus.
In Puschkins Versroman Eugen Onegin gibt es eine Episode, in der die unglücklich verliebte Tatjana einen merkwürdigen Traum hat: Im Wald begegnet sie einem Bären, der sie in ein Haus trägt, wo merkwürdige Wesen um eine Tafel herum sitzen Fabelwesen, und dazwischen, Herr der seltsamen Tafelrunde, Onegin. Dieses Traumbild greift Regisseur Silviu Purcarete in Bonn auf; immer mal wieder läuft ein Bär im Bühnenhintergrund vorbei, und die Festgesellschaft des zweiten Aktes scheint zumindest teilweise der Tafelrunde des Traumes entsprungen zu sein. Hätte Purcarete auf diesen Einfall verzichtet vermisst hätte wohl niemand etwas. Zum Verständnis des Stückes oder zur Verdeutlichung der Sicht des Regisseurs trägt es nichts Nennenswertes bei. Überhaupt strotzt die Inszenierung nur so von Einfällen, die letztendlich bedeutungslos sind. Offenbar möchte Purcarete die drei nur lose zusammenhängenden Akte tragfähig miteinander verzahnen, und daher läuft immer mal wieder jemand, der eigentlich gar nicht zur aktuellen Szene gehört, durchs Bild. Der zweite und dritte Akt gehen nahtlos ineinander über; während die Musik des dritten Aktes erklingt (der viele Jahre nach dem zweiten spielt), wirft sich Olga auf den tödlich verletzten Lenski. Oder Triquet, der beim Fest des zweiten Aktes sein Couplet zu Ehren Tatjanas singen darf, sitzt schon im ersten Akt herum blind übrigens (weshalb?). Einen erkennbaren Sinn macht fast nichts von diesen Ideen, und daher wirkt die Regie oft unangenehm wichtigtuerisch.
Dreierbeziehung mit tragischem Ende: Lenski steht bei Olga, Onegin (links) lauert im Schatten. Hinten sitzt Tatjana und wundert sich, warum die Leuchter ständig auf und ab fahren.
Letztendlich ist Purcaretes Inszenierung durch und durch dekorativ man steht, im hübschen Kostüm und in netter Kulisse direkt vorne an der Rampe und singt unter optimalen Bedingungen ins Publikum. Zwar gibt auch das Bühnenbild (Helmut Stürmer) manches Rätsel auf (warum fahren die Deckenleuchter ständig hoch und wieder herunter?), sind arg symbolüberfrachtet (etwa ein vereister, aber gut gedeckter Tisch in der Duell-Szene) und oft sehr bunt ausgeleuchtet, aber in ihren besten Momenten ist die Inszenierung einfach schön anzusehen allerdings immer hart am Kitsch. Dabei wird die gute alte Zeit beschworen, Gemälde der Romantik ebenso einbezogen wie ein plüschig-goldenes Theater. Das immerhin dient einen kurzen Augenblick lang einer wirklich fesselnden Idee, wenn Tatjana im dritten Akt auf genau dieser Bühne platziert wird ein Vorzeigeobjekt der hohen Gesellschaft, in die sie eingeheiratet hat. Kurz danach beginnt ein alter Mann, der leitmotivisch über die Bühne wandert und einem Gemälde Chagalls entsprungen sein könnte, ein auf dieser Bühne ein Grab zu schaufeln, und das ist dann ein in seinem Pathos kaum erträgliches Finale.
Duell im Schneetreiben. Ob wohl das Pferd im Hintergrund von der letzten Walküre übrig geblieben ist?
Die zurückhaltende Personenregie lenkt die Konzentration auf die musikalischen Leistungen. Bestechend singt Irina Oknina (angeblich ist diese Rolle ihr erstes bezahltes Engagement überhaupt) die Tatjana schwärmerisch und lyrisch, aber mühelos jubelnd auch in den Ausbrüchen in die hohe Lage. Susanne Blattert ist eine zuverlässige Olga, im Klang eine Spur direkter als Tatjana und daher gut passend wenn auch von der Regie im Wesentlichen übersehen. Nikola Mijailovic als Onegin hat einige Anlaufschwierigkeiten, im ersten Akt sang er sich in der hier beschriebenen Vorstellung mehrfach fest; im zweiten und dritten Akt gewann er aber an Statur und vokaler Präsenz. Ähnliches gilt für Vladimir Grishko als Lenski: Unscheinbar zu Beginn; Arie und Duett in der Duell-Szene aber gelangen eindrucksvoll. Andrej Telegin singt einen energischen und kraftvollen Gremin, der auch musikalisch seinen Anspruch auf Tatjana untermauert. Mit Evghenia Dundekova als Filipjewna und Vera Baniewicz als Larina sind auch die kleineren Rollen gut besetzt; Patrick Henckens singt einen sehr leichten und etwas grellen Triquet.
Alles zu spät, jetzt kriegt Onegin (links) Tatjana nicht mehr - denn die ist mit Gremin (hinten) verheiratet.
Klanggewaltig, aber im Forte auch unkultiviert laut singt der Chor, meistens auch präzise (angesichts der statischen Inszenierung dürften die Einsätze eigentlich immer präzise sein). Kapellmeister Wolfgang Lischke, der die bei der Premiere von GMD Roman Kofman betreute Produktion nachdirigiert, leitet das zuverlässige Beethoven Orchester Bonn behutsam und umsichtig. Er wählt ruhige Tempi und lässt sich Zeit für Übergänge, wird dabei aber nicht behäbig. Damit betont er den lyrischen Charakter der Partitur. Bei allem kammermusikalischen Denken hätte der Klang (vor allem der Streicher) aber wärmer sein dürfen. Dennoch: Die musikalische Seite der Aufführung tröstet über manche Plumpheit der Inszenierung hinweg.
Große Bilder mit Hang zum Kitsch: Ab und zu muss man darüber hinwegsehen. Von der Rampe aus wird jedenfalls ordentlich, teilweise sogar ausgezeichnet gesungen. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Licht
Choreinstudierung
Choreographie
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten VorstellungLarina Vera Baniewicz
Tatjana
Olga
Filipjewna, die Amme
Eugen Onegin
Lenskij
Fürst Gremin
Ein Hauptmann
Saretzkij
Triquet
Ein Bauer
Ein alter Mann
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