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Eine leicht perverse Sado-Maso-Revue
Von Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu In jeder Kreatur steckt ein göttlicher Funke schrieb Leos Janacek quasi als Motto über die Partitur zu Aus einem Totenhaus geschrieben. Das suggeriert ein Mitleiden mit den ja an sich recht zwielichtigen Charakteren, die in der Oper agieren: Gefangene in einem sibirischen Straflager, im wesentlichen Mörder. Dass Janacek (und Dostojewskij, auf dessen Roman Aufzeichnungen aus einem Totenhaus das vom Komponisten selbst erstellte Libretto basiert) den Lagerinsassen ihre eigene Geschichte, die sie moralisch zumindest zum Teil entlastet, mitgibt, auch dass Janacek mit einem zunächst verletzten und flugunfähigen, am Ende in die Freiheit ziehenden Adler seine Oper mit einem pathetischen Symbol umrahmt, kann man als Rückbezug auf die Romantik deuten. Modern dagegen ist das collagenhafte Moment der Dramaturgie, die auf einen klaren Handlungsstrang verzichtet und episodisch Einzelschicksale nacherzählen lässt. Mitunter lakonisch werden hier (Männer-)Schicksale erzählt, wobei die Betroffenen keine Chance mehr haben, ihr Leben zu ändern das ist nur dem als eine Art Beobachter eingeführten Gorjantschikow, der am Ende begnadigt wird (und über dessen Vergehen man nichts erfährt), vergönnt. Eine Oper ohne rechte Entwicklung also, die überspitzt formuliert eine Nummer nach der anderen abwickelt.
Das Leben ein (leicht perverser) Totentanz? Das scheint Tänzer Volker Wurth (links) zu signalisieren, während man Skuratow und Luka Kusmitsch im Dunkeln kaum zu erkennen vermag.
Der Begriff Nummer ist, sieht man die Bonner Neuinszenierung von Tomaz Pandur, durchaus doppeldeutig zu verstehen. Einerseits werden Menschen zu Nummern degradiert und als endlose Zahlenkolonnen verwaltet so zumindest kann man die per Video immer wieder eingeblendeten flimmernden Zahlenreihen interpretieren. Andererseits handelt Pandur die erzählten Schicksale wie Nummern einer Revue ab. Schon das Bühnenbild (Sadar Vuga Arhitekti), drei vertikal verschiebbare Ebenen, zwischen denen die Akteure fast zerquetscht werden, verweigert jeden erzählerischen Naturalismus, sondern abstrahiert Gewalt und Sexualität (die hier fast immer auslösendes Moment für die Straftaten der Gefangenen war). Die Häftlinge sind, von Lederstiefeln abgesehen, denkbar knapp bekleidet (die Kostümentwürfe stammen vom Regisseur selbst) und erinnern an das Personal einer Gay-Show, oft hart an der Grenze der Perversion. Allerdings vermeidet Pandur gerade in der Symbolisierung des Sexuellen jede Eindeutigkeit, und dadurch bleibt das Spiel in einem geheimnisvollen Schwebezustand. Die im Libretto, viel stärker aber noch in der Partitur allein durch die Besetzung des Tataren Aljeja mit einem Sopran, angedeutete Homosexualität wird auf einer artifiziellen Ebene weitergesponnen, auch verstärkt durch den Einsatz von zehn virtuos agierenden Tänzern. Das ist oft verstörend, aber niemals platt oder plump.
Bewegliche Plattformen, die den Menschen zu zermahlen drohen (Bühne von Sadar Vuga Arhitekti) Pandur hat mehr choreographiert als inszeniert. Permanent ist alles in Bewegung, oft überlagert von Video-Projektionen, die insbesondere im zweiten Akt (in dem die Gefangenen Theater spielen) das beherrschende Moment darstellen. Als Kontrast zur schaurigen Unterwelt-Revue des Totenhaus-Personals sieht man kurze Szenen aus Revue-Filmen der 20er- und 30er-Jahre, in endloser Wiederholung ein küssendes Paar. Aber auch hier bleibt vieles uneindeutig und dadurch geheimnisvoll. Irritierend ist auch der Schluss: Zwar klettert der begnadigte Gorjantschikow auf die oberste Plattform in das romantisierende goldene Licht der Freiheit, das einsetzende Schneetreiben als entgegengesetztes, ebenfalls romantisierendes Symbol widerspricht dem sofort. Nichts in dieser Inszenierung scheint fest zu sein, alles ist doppelbödig. Das kehrt die modernen Züge der Oper hervor, und es wendet sich auch gegen jede Betroffenheitsästhetik.
Der Mensch verschwindet hinter Nummern: Hier Tänzer Andreas Ebbert-Scholl
Leicht wird es dem Zuschauer dadurch nicht gemacht, denn es gibt durch die Aufhebung des Narrativen keine erzählerische Leitlinie, an der man sich bei dieser selten gespielten Oper entlang hangeln könnte. Andererseits ist derart viel gleichzeitig in Bewegung, hinzukommen die Videoprojektionen, dass man kaum alles wahrnehmen kann. Parallelen zu Schlingensiefs umstrittener Bayreuther Parsifal-Inszenierung mit ihrer permanenten Überfrachtung liegen nahe, sind aber unangebracht: Videoprojektionen als grundlegendes Gestaltungsmittel wird man der inzwischen leicht verfügbaren Technik wegen wohl zukünftig häufig erleben, und anders als Schlingensiefs chaotische Abläufe ist Pandurs Konzeption sehr streng und konzentriert angelegt, und die Personenführung ist, sowohl bei den Tänzern wie den Sängern, auf handwerklich sehr hohem Niveau. Die andauernde Irritation ist gewolltes und virtuos in Szene gesetztes Prinzip.
Tausend Augen schauen dich an - wer wollte da den Überblick behalten? (Videodesign von Dragan Mileusnic und Zeljko Serdarevic)
Für die Solisten ist das nicht immer zum Vorteil, weil ihnen die Regie die Persönlichkeit beschneidet (und Bravourarien hat ihnen der Komponist ohnehin verweigert). Allerdings wird außerordentlich gut gesungen. Das Betrifft besonders Peter Danailov (Schischkow), Vladimir Grishko (Luka) und Mark Rosenthal (Skuratow) mit größeren, durchweg sehr präsent gesungenen Erzählungen. Ansonsten ist es schwer, jemanden aus dem überzeugenden Ensemble herauszuheben. Recht unbestimmt im Ausdruck singt der (von Sibylle Wagner einstudierte) Herrenchor, der markanter und schärfer artikulieren müsste.
Begnadigt: Gorjantschikow obenauf im Schneetreiben, Aljeja bleibt unten zurück.
Hinter dem starken visuellen Eindruck bleibt auch der Orchesterpart etwas blass. Roman Kofman dirigiert durchaus die Schärfen der Musik, ein wenig fehlt das Vibrierende dahinter. Dadurch klingt die Musik zwar immer solide, aber gewinnt nicht das Gewicht, das sie bräuchte, um gegen die Bühne gleichwertig bestehen zu können. Vielleicht muss man diese Aufführung ja einfach mehrmals sehen, um die Musik in gleichem Maße aufnehmen zu können.
Glotzt nicht so romantisch: Keinen Betroffenheitskult, sondern ein sehr modernes und sehr offenes Stück mit ungewohnten Sichtweisen bringt Tomaz Pandur auf die Bühne mit guten Sängern, aber nicht immer im Gleichgewicht mit der Musik. Trotzdem sehens- und hörenswert, und eine anspruchsvoll gelegte Messlatte, an der sich andere Produktionen der noch jungen Saison erst einmal behaupten müssen. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Videodesign
Licht
Choreinstudierung
Dramaturgie
Solisten
Alexander P. Gorjantschikow
Alej, ein junger Tatar
Filka Morosow
Der große Sträfling /
Der kleine Sträfling
Der Platzkommandant
Der ganz alte Sträfling
Skuratow, der Narr
Tschekunow
Der betrunkene Sträfling
Der Koch
Der Schmied
Der Schmied
Der Pope
Sträfling in der Rolle des Don Juan
Kedril
Schapkin
Schischkow
Stimme hinter der Szene
1. Wache
2. Wache
Tänzer
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