Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Z mrtvéh Domu
(Aus einem Totenhaus)

Oper in drei Akten
Text von Leos Janácek
nach Fjodor M. Dostojewskis "Aufzeichnungen aus einem Totenhause"
Koproduktion mit dem Beethovenfest Bonn

In tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

Aufführungsdauer: ca. 1 h 40' (keine Pause)

Premiere im Theater Bonn
am 26. September 2004


Homepage

Theater Bonn
(Homepage)
Eine leicht perverse Sado-Maso-Revue

Von Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu


„In jeder Kreatur steckt ein göttlicher Funke“ schrieb Leos Janacek quasi als Motto über die Partitur zu Aus einem Totenhaus geschrieben. Das suggeriert ein Mitleiden mit den ja an sich recht zwielichtigen Charakteren, die in der Oper agieren: Gefangene in einem sibirischen Straflager, im wesentlichen Mörder. Dass Janacek (und Dostojewskij, auf dessen Roman „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ das vom Komponisten selbst erstellte Libretto basiert) den Lagerinsassen ihre eigene Geschichte, die sie moralisch zumindest zum Teil entlastet, mitgibt, auch dass Janacek mit einem zunächst verletzten und flugunfähigen, am Ende in die Freiheit ziehenden Adler seine Oper mit einem pathetischen Symbol umrahmt, kann man als Rückbezug auf die Romantik deuten. Modern dagegen ist das collagenhafte Moment der Dramaturgie, die auf einen klaren Handlungsstrang verzichtet und episodisch Einzelschicksale nacherzählen lässt. Mitunter lakonisch werden hier (Männer-)Schicksale erzählt, wobei die Betroffenen keine Chance mehr haben, ihr Leben zu ändern – das ist nur dem als eine Art Beobachter eingeführten Gorjantschikow, der am Ende begnadigt wird (und über dessen Vergehen man nichts erfährt), vergönnt. Eine Oper ohne rechte Entwicklung also, die – überspitzt formuliert – eine Nummer nach der anderen abwickelt.


Vergrößerung in neuem Fenster Das Leben ein (leicht perverser) Totentanz? Das scheint Tänzer Volker Wurth (links) zu signalisieren, während man Skuratow und Luka Kusmitsch im Dunkeln kaum zu erkennen vermag.

Klangbeispiel Klangbeispiel: Mark Rosenthal (Skuratow), 2. Akt
(MP3-Datei)


Der Begriff „Nummer“ ist, sieht man die Bonner Neuinszenierung von Tomaz Pandur, durchaus doppeldeutig zu verstehen. Einerseits werden Menschen zu Nummern degradiert und als endlose Zahlenkolonnen verwaltet – so zumindest kann man die per Video immer wieder eingeblendeten flimmernden Zahlenreihen interpretieren. Andererseits handelt Pandur die erzählten Schicksale wie Nummern einer Revue ab. Schon das Bühnenbild (Sadar Vuga Arhitekti), drei vertikal verschiebbare Ebenen, zwischen denen die Akteure fast zerquetscht werden, verweigert jeden erzählerischen Naturalismus, sondern abstrahiert Gewalt und Sexualität (die hier fast immer auslösendes Moment für die Straftaten der Gefangenen war). Die Häftlinge sind, von Lederstiefeln abgesehen, denkbar knapp bekleidet (die Kostümentwürfe stammen vom Regisseur selbst) und erinnern an das Personal einer Gay-Show, oft hart an der Grenze der Perversion. Allerdings vermeidet Pandur gerade in der Symbolisierung des Sexuellen jede Eindeutigkeit, und dadurch bleibt das Spiel in einem geheimnisvollen Schwebezustand. Die im Libretto, viel stärker aber noch in der Partitur allein durch die Besetzung des Tataren Aljeja mit einem Sopran, angedeutete Homosexualität wird auf einer artifiziellen Ebene weitergesponnen, auch verstärkt durch den Einsatz von zehn virtuos agierenden Tänzern. Das ist oft verstörend, aber niemals platt oder plump.


Vergrößerung in neuem Fenster

Bewegliche Plattformen, die den Menschen zu zermahlen drohen (Bühne von Sadar Vuga Arhitekti)

Pandur hat mehr choreographiert als inszeniert. Permanent ist alles in Bewegung, oft überlagert von Video-Projektionen, die insbesondere im zweiten Akt (in dem die Gefangenen Theater spielen) das beherrschende Moment darstellen. Als Kontrast zur schaurigen Unterwelt-Revue des Totenhaus-Personals sieht man kurze Szenen aus Revue-Filmen der 20er- und 30er-Jahre, in endloser Wiederholung ein küssendes Paar. Aber auch hier bleibt vieles uneindeutig und dadurch geheimnisvoll. Irritierend ist auch der Schluss: Zwar klettert der begnadigte Gorjantschikow auf die oberste Plattform in das romantisierende goldene Licht der Freiheit, das einsetzende Schneetreiben als entgegengesetztes, ebenfalls romantisierendes Symbol widerspricht dem sofort. Nichts in dieser Inszenierung scheint fest zu sein, alles ist doppelbödig. Das kehrt die modernen Züge der Oper hervor, und es wendet sich auch gegen jede Betroffenheitsästhetik.


Vergrößerung in neuem Fenster Der Mensch verschwindet hinter Nummern: Hier Tänzer Andreas Ebbert-Scholl

Leicht wird es dem Zuschauer dadurch nicht gemacht, denn es gibt durch die Aufhebung des Narrativen keine erzählerische Leitlinie, an der man sich bei dieser selten gespielten Oper entlang hangeln könnte. Andererseits ist derart viel gleichzeitig in Bewegung, hinzukommen die Videoprojektionen, dass man kaum alles wahrnehmen kann. Parallelen zu Schlingensiefs umstrittener Bayreuther Parsifal-Inszenierung mit ihrer permanenten Überfrachtung liegen nahe, sind aber unangebracht: Videoprojektionen als grundlegendes Gestaltungsmittel wird man der inzwischen leicht verfügbaren Technik wegen wohl zukünftig häufig erleben, und anders als Schlingensiefs chaotische Abläufe ist Pandurs Konzeption sehr streng und konzentriert angelegt, und die Personenführung ist, sowohl bei den Tänzern wie den Sängern, auf handwerklich sehr hohem Niveau. Die andauernde Irritation ist gewolltes – und virtuos in Szene gesetztes – Prinzip.


Vergrößerung in neuem Fenster

Tausend Augen schauen dich an - wer wollte da den Überblick behalten? (Videodesign von Dragan Mileusnic und Zeljko Serdarevic)

Klangbeispiel Klangbeispiel: Peter Danailov (Schischkow), 3. Akt
(MP3-Datei)


Für die Solisten ist das nicht immer zum Vorteil, weil ihnen die Regie die Persönlichkeit beschneidet (und Bravourarien hat ihnen der Komponist ohnehin verweigert). Allerdings wird außerordentlich gut gesungen. Das Betrifft besonders Peter Danailov (Schischkow), Vladimir Grishko (Luka) und Mark Rosenthal (Skuratow) mit größeren, durchweg sehr präsent gesungenen Erzählungen. Ansonsten ist es schwer, jemanden aus dem überzeugenden Ensemble herauszuheben. Recht unbestimmt im Ausdruck singt der (von Sibylle Wagner einstudierte) Herrenchor, der markanter und schärfer artikulieren müsste.


Vergrößerung in neuem Fenster Begnadigt: Gorjantschikow obenauf im Schneetreiben, Aljeja bleibt unten zurück.

Hinter dem starken visuellen Eindruck bleibt auch der Orchesterpart etwas blass. Roman Kofman dirigiert durchaus die Schärfen der Musik, ein wenig fehlt das Vibrierende dahinter. Dadurch klingt die Musik zwar immer solide, aber gewinnt nicht das Gewicht, das sie bräuchte, um gegen die Bühne gleichwertig bestehen zu können. Vielleicht muss man diese Aufführung ja einfach mehrmals sehen, um die Musik in gleichem Maße aufnehmen zu können.


FAZIT

„Glotzt nicht so romantisch“: Keinen Betroffenheitskult, sondern ein sehr modernes und sehr offenes Stück mit ungewohnten Sichtweisen bringt Tomaz Pandur auf die Bühne – mit guten Sängern, aber nicht immer im Gleichgewicht mit der Musik. Trotzdem sehens- und hörenswert, und eine anspruchsvoll gelegte Messlatte, an der sich andere Produktionen der noch jungen Saison erst einmal behaupten müssen.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Roman Kofman

Inszenierung
Tomaz Pandur

Bühne
Sadar Vuga Arhitekti

Kostüme
Tomaz Pandur

Videodesign
Dragan Mileusnic
Zeljko Serdarevic

Licht
Guido Paffen

Choreinstudierung
Sibylle Wagner

Dramaturgie
Jens Neundorf von Enzberg


Herrenchor des Theater Bonn

Beethoven Orchester Bonn


Solisten

Alexander P. Gorjantschikow
Martin Tzonev

Alej, ein junger Tatar
Katrina Thurman

Filka Morosow
Vladimir Grishko

Der große Sträfling /
Tscherewin
Zoltán Korda

Der kleine Sträfling
Stefan Baumgärtel

Der Platzkommandant
Andrej Telegin

Der ganz alte Sträfling
Johannes Mertes

Skuratow, der Narr
Mark Rosenthal

Tschekunow
Johannes Flögl

Der betrunkene Sträfling
Dong-Wok Lee

Der Koch
Johannes Marx

Der Schmied
Johannes Mertes

Der Schmied
Hartmut Nasdala

Der Pope
Gintaras Tamutis

Sträfling in der Rolle des Don Juan
Algis Lunskis

Kedril
Josef Linnek

Schapkin
Simeon Esper

Schischkow
Peter Danailov

Stimme hinter der Szene
Emil Raykov

1. Wache
Gernot Klein

2. Wache
Kamen Todorov

Tänzer
Andreas Ebbert-Scholl
Gustavo Fijalkow
Mario Lischies
Ulrich Kupas
Ladislav Rajn
Michael Schnizler
Martin Schurr
Petr Stopka
Marc Stuhlmann
Volker Wurth



Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Theater Bonn
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2004 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -