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Zaide
Deutsches Singspiel in zwei Akten KV 344
Libretto von Johann Andreas Schachtner
Neue Erzähltexte von Tobias Moretti und Veronika Zimmermann
Musik von Wolfgang Amadeus Mozart

Konzertante Aufführung im Festspielhaus Baden-Baden
am 30. Januar 2005


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Festspielhaus Baden-Baden
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Mozarts erste Entführung aus dem Morgenland

Von Christoph Wurzel


In Mozarts "Entführung" geht ja bekanntlich der Befreiungsversuch der beiden Europäerinnen aus dem Serail schief. Aber die Oper endet dennoch gut, weil der Hausherr den Eindringlingen aus dem Abendland verzeiht und von selbst zu wahrer Menschlichkeit fähig ist ("Wer so viel Huld vergessen kann, den seh` man mit Verachtung an!"). In dem etwa zwei Jahre zuvor entstandenen Singspiel Zaide geht es ebenfalls um die Flucht aus einem Sultanspalast. Auch diese scheitert, doch das Ende bleibt ungewiss, es ist sogar Schlimmstes zu befürchten, da dieser Machthaber kein aufgeklärter Bassa Selim ist, sondern Soliman heißt und furchtbar gegen seine freiheitsliebenden europäischen Gefangenen wettert und ihnen den Tod androht ("Alle beide müsst ihr sterben"). Aber wenn der Vorhang fällt, bleibt diese Frage offen.

Zweimal hat Mozart also ein Türken-Thema als Singspiel bearbeitet - mit "recht vielen Noten" , wie der Kaiser gegenüber dem Komponisten kritisch bemerkte, in seiner berühmten Entführung aus dem Serail und zuvor als eine "Operette" für eine böhmische Wandertruppe, welcher der Titel Zaide erst später hinzugefügt wurde. Mozart hat die Musik dieses fast unbekannt gebliebenen Werks noch in seiner Salzburger Zeit geschrieben, während die "Entführung" seine erste Wiener Oper wurde. Der Text stammt vom Hoftrompeter Johann Andreas Schachtner, überliefert ist er allerdings nur insoweit Mozart ihn in 15 Gesangsnummern verewigt hat. Dialoge fehlen, ebenso das Finale. Da es auch keine Ouvertüre gibt, die Mozart ja meist erst unmittelbar vor der Uraufführung einer Oper zu komponieren pflegte, kann man annehmen, dass Zaide mangels Gelegenheit niemals aufgeführt wurde, bis das Werk 1838 im Druck erschien.

Mozart hatte für das beliebte Türkensujet beim zweiten Mal ein ungleich eleganteres Libretto zur Verfügung. Während das Thema des kulturellen Unterschieds zwischen Morgen- und Abendland in der "Entführung" mit zahlreichen komischen Elementen durchdekliniert wird, die Personen in differenzierten Charakteren gezeichnet sind und schließlich dem lieto fine eine aufklärerische Botschaft unterlegt wird, wirkt der Text der Zaide doch etwas simpel ("Brüder, lasst und lustig sein, trotzet wacker den Beschwerden"), die Personen sind wenig ausgefeilt und vor allem scheinen eher gängige Klischees bedient. Es geht kurz gefasst ebenso wie im späteren Werk um eine gefangene Europäerin, die sich den Avancen des Sultans durch Flucht entziehen möchte. Nur ist hier ihr wahrer Geliebter ebenfalls Sklave im Sultanspalast. Auch einen Osmin gibt es, der in seinem einzigen Strophenlied seine Lebensweisheiten über das Glück bzw. Unglück zum Besten gibt. Den hasserfüllten Gegenpart zu den liebenswürdigen Europäern stellt hier der Sultan selbst dar.

Musikalisch allerdings fällt der Vergleich nicht gar so schlecht aus: Zaide enthält Schätze, die gehoben zu werden lohnen. Zuerst enthält das Werk zwei melodramatische Passagen, genannt "Melologo": gesprochene innere Monologe der Protagonisten mit unterlegter Musik. Man solle "die meisten Recitativ auf solche art in der oper tractieren," befand Mozart über diese von Georg August Benda im deutschen Raum popularisierte Form und er experimentierte in einem verschollenen Fragment "Semiramis" schon damit. Allein in der Zaide haben sich zwei solcher Szenen erhalten. Was es sonst an Arien gibt, zeigt bereits in voller Blüte Mozarts musikalische Charakterisierungskunst der Personen und ihrer Gefühle, wie gleich die erste Arie der Zaide ("Ruhe sanft, mein holdes Leben"), eine wunderschön wiegende, warm strömende Melodie, die in ihrer eigentümlichen Sanftheit bereits an die Figaro-Susanna erinnert. Von der obligaten Oboe stimmungsvoll umspielt lieh Eva Mai in der Baden-Badener Aufführung ihr zartes Legato diesem kleinen Liebeslied und vermochte auch den affektiven Kontrast in den aufeinander folgenden Arien des 2. Aktes ( eine Besänftigungsarie "Treulos schluchzet Philomele" und eine Wutarie "Tiger! wetze nur die Klauen!" ) anrührend zu gestalten. Nicht so facettenreich im Ausdruck vermochte Michael Schade in der Rolle des Sklaven Gomatz seine beiden Piècen zu bewältigen, seine Stimme neigte zur Schärfe und bot wenig charakteristische Färbung. Gerade in der bereits auf Tamino vorausweisenden "Bildnisarie" (Zaide hat ihm heimlich im Schlaf ein Amulett mit ihrem Bild zugesteckt) kamen Ausdrucksnuancen wenig zur Geltung.

Den edlen Fluchthelfer Allazim, in Wahrheit ein europäischer Fürst incognito, sang Matthias Goerne. Dunkel mit Pathos eingefärbt gestaltete er seinen Appell an den unerbittlich despotischen Orientalen: "Ihr Mächtigen seht ungerührt auf eure Sklaven nieder". Der Sultan, hier eine Tenorrolle; hat eine wirkungsvolle Arie, die ihn musikalisch mit reichen Koloraturen und affektreicher Orchesterbegleitung eindrucksvoll charakterisiert. Rudolf Schasching blieb deren Anforderungen auch nichts schuldig. Einen Coup in musikalischer Gestaltungskunst konnte Franz Hawlata mit der Osmin-Arie landen, die er zu einem Glanzstück musikalischen Humors ausbaute. Nicht zuletzt hat Mozart schon in diesem Singspiel Musterbeispiele seiner großartigen Kunst gegeben, Finalensembles zu erfinden. Am Ende ihrer gescheiterten Flucht stehen Zaide und Gomatz vor dem Sultan, entschlossen jeweils den Tod für den anderen zu erleiden. Allazim fleht um die Gnade des selbstherrlichen Potentaten, der aber sein Urteil gefällt zu haben scheint. Mozart hat hier die verschiedenen Gefühlsebenen der Protagonisten zu einem feinen dramatischen Geflecht verwoben, das weit auf die späteren Meisterwerke vorausweist.

Natürlich ist es vornehmlich Nikolaus Harnoncourts Spürsinn und Qualitätsbewusstsein zu danken, dass dieses Mozart-Werk einmal so prominent zur Aufführung kam. Und er widmete sich mit dem Concentus musicus, "seinem" Orchester, in seiner unnachahmlichen Art dem Werk: zupackend und temperamentvoll im Duktus ebenso wie empfindsam und stimmungsvoll im Ausdruck. Es hieße, Sträuße nach Wien zu tragen, wollte man die Qualitäten dieses mit nunmehr über 50 Jahren ältesten Originalklangensembles überhaupt preisen. Beeindruckend ist aber, wie sich im Laufe der Jahre das Klangbild gewandelt hat, seit der Concentus musicus Anfang der 60iger Jahre Aufnahmen vorgelegt hat. Die Strenge der Anfangsjahre ist einer höchst flexiblen Spielweise gewichen, die jede kleinste Nuance mit Leben erfüllt und die musikalische Klangrede delikat moussieren lässt.

Die Produktion war ein paar Tage zuvor bei der Salzburger Mozartwoche mit Erfolg präsentiert worden. Da sich das Werk szenisch kaum realisieren lässt, hat man eine Aufführung mit kommentierend-erzählenden Zwischentexten gewählt und obendrein eine ganze Sinfonie ( die frühe in Es - Dur KV 184) als Ouvertüre dreingegeben. Tobias Moretti führte teils ironisch, teils tiefsinnig durch die Handlung und ließ immer wieder Bezüge zum aktuell lodernden Konflikt der Kulturen durchblitzen als Spiegel unserer eigenen Bilder vom Guten und vom Bösen.


FAZIT

Wohl als Vorgriff auf das Jubiläumsjahr 2006 erwies sich Zaide als durchaus lohnende Ausgrabung aus Mozarts reichem musikalischem Kabinett.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Nikolaus Harnoncourt

Concentus Musicus Wien


Solisten


Zaide
Eva Mai

Gomatz
Michael Schade

Allazim
Matthias Goerne

Sultan Soliman
Rudolf Schasching

Osmin
Franz Hawlata

Erzähler
Tobias Moretti




Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Festspielhaus Baden-Baden
(Homepage)



Da capo al Fine

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