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Einsame Menschen
Von Thomas Tillmann
/ Fotos von Annemie Augustijns
Bereits im Jahre 2001 war Willy Deckers vor allem durch eine exzellente Personenregie und durch die imposante Optik einer in kühles, unheilschwangeres, todverkündendes Mondlicht getauchten, ohne jedes orientalische Flair auskommenden, nur durch ein paar schräge Wände begrenzten und durch einen Riss für das Verlies des Propheten unterbrochenen Stufenkonstruktion in Marmordesign von Wolfgang Gussmann überzeugende Produktion der Salome an der Vlaamse Opera mit großem Erfolg gezeigt worden - jetzt kehrte sie in neuer Besetzung nach Antwerpen und Gent zurück. Der deutsche Regisseur empfindet das Werk als zeitloses Stück über moralischen Verfall und Orientierungslosigkeit und zeigt eine Ansammlung furchtbar einsamer Menschen, die Beziehung nur noch auf der Gewalt- oder Sexualitätsebene leben können. Eindringlich herausgearbeitet wird dabei nicht zuletzt die Parallele der unerfüllten Liebe zwischen dem Pagen und Narraboth, Narraboth und Salome sowie Salome und Jochanann. Ein guter Einfall ist es, dass Salome sich trotz anfänglicher Scheu den Mantel des Propheten schnappt und sich darin einhüllt, etwa um sich vor den geilen Blicken ihres Stiefvaters zu schirmen, eine anschauliche Idee, Salome die stilisierte Krone ihrer Mutter zu übergeben, wenn sie die Hälfte des Königreiches als Gegenleistung für ihren erotischen Tanz offeriert bekommt, der übrigens unter Ausschluss der Öffentlichkeit in unwirklich blauem Licht stattfindet, stellenweise an ein Fangen-Spiel erinnert (was die Jugendlichkeit der Protagonistin und das Abstoßende der Szene unterstreicht) und indirekt auch den Propheten als eigentliches Objekt der Begierde Salomes einbezieht, ein durchaus einleuchtender Eingriff in die Handlung schließlich, wenn der Regisseur Salome sich selber umbringen lässt. Die einzige, die als "Gewinnerin" aus dem traurigen Spiel hervorgeht, ist Herodias, die hier in erster Linie als kalt berechnende, machthungrige Monarchin gezeichnet ist: Sie hat den Ring des Herodes rechtzeitig an sich genommen, sie hat mitgewirkt, ihre Tochter und Konkurrentin auszulöschen und den Propheten loszuwerden, der als einziger gewagt hatte, seine Stimme gegen sie und ihren zweifelhaften Lebenswandel zu erheben - und der als einziger Haare trägt und damit lebendig wirkt, während alle anderen kahlköpfig sind und an Raumschiff-Serien erinnernde futuristisch-geometrisch geschnittene Kostüme tragen (Salomes weißes Kleid hebt sich da ebenso ab wie die Kutte des Propheten).
Der Page (Corinne Romijn) warnt Narraboth (Markus Petsch), die Prinzessin nicht fortwährend anzuschauen.
Dass Anna-Katharina Behnke, die in Antwerpen und Gent bereits die Leonore im Fidelio gesungen hatte, mit ihrer vergleichsweise kleinen, hellen Stimme, die eigentlich die Grenzen des lyrischen Faches nie hätte verlassen dürfen, schöne Pianoeffekte erzielt und mit mühelos attackierten, durchdringenden, jene in dieser Partie so attraktive hysterische Farbe aufweisenden Tönen über dem System auftrumpft, versteht sich, dass der eine oder andere von ihnen scharf und schrill gerät auch. Dank ihrer großen Erfahrung als Prinzessin ist die Österreicherin natürlich auch schauspielerisch Zentrum der Aufführung und viel besser, als ich sie etwa vor einigen Jahren an der Deutschen Oper am Rhein gehört habe, auch wenn sie mir ein bisschen viel über die Stufen tänzelt, in der einen oder anderen Szene überspielt, als müsste sie eine Operette mit schwacher Handlung über die Rampe bringen, und sie sich mit dem Text weniger Mühe gibt als angezeigt ist (auch wenn die Mehrheit des Publikums das vielleicht nicht bemerkt).
Die Soldaten (Patrick Cromheeke und Wilfried Van den Brande) halten Jochanaan (James Johnson) fest, das Objekt der Begierde der Prinzessin von Judäa, in die sich Narraboth (Markus Petsch, vorn im Bild) unglücklicherweise verliebt hat. James Johnson sah zwar irgendwie aus, wie man sich einen Wüstenpropheten vorstellt, der schon einige Zeit unter Tage verbracht hat, hatte auch einige beeindruckende Töne in der Mittellage und steigerte sich während der Vorstellung, kam aber mit seinem reifen, allerhand Gebrauchsspuren aufweisenden Bariton sowohl in der hohen wie in der tiefen Lage hörbar an Grenzen (der Dirigent deckte da manchen gefährdeten Ton gnädig zu) und hätte auch aus dem herrlichen Text mehr machen können. Das gelang Peter Bronder als Herodes deutlich besser, der auch vokal auf der Höhe des Geschehens war und sich keineswegs auf welke Charaktertenortöne und greinende Outrage beschränken musste, um ein auch musikalisch differenziertes Portrait des depravierten Tetrachen zu zeichnen. Natürlich freute man sich auch über ein Wiedersehen mit der großen Livia Budai, die herrlich maliziös Herodes' lächerliche Pfauen parodierte, wunderbar dreckig lachte und auch immer noch über erstaunlich intaktes Material gebietet, darstellerisch als kühl-exaltierte Herodias ansonsten aber eher der Arbeit mit dem groben, großen Pinsel verpflichtet war. Mit Markus Petsch hatte man einen attraktiven Künstler für den Narraboth engagiert, der zwar eine lyrische Vergangenheit hat, sich inzwischen aber zum Fach des jugendlichen Heldentenors hin orientiert (am Staatstheater Oldenburg soll er einen beeindruckenden Hermann in der Pique Dame gesungen haben und wird dort auch in der nächsten Spielzeit als Tambourmajor im Wozzeck zu erleben sein) und so erheblich mehr Farbe und Glanz zu bieten hatte als andere Interpreten der ja nicht unwichtigen Rolle. Corinne Romijn war mit heller, wenig eindrucksvoller, nur in der Mittellage wirklich präsenten Stimme dagegen ein eher schwacher Page, während es auch in den kleineren, nicht minder anspruchsvollen Partien beeindruckende Leistungen zu bestaunen gab (ich denke an das hervorragende Juden-Quartett oder den exzellenten Ersten Nazarener von Henk van Heijnsbergen!), was für die Besetzungssorgfalt eines Hauses spricht, das aus guten Gründen nach dem Stagione-Prinzip arbeitet.
Ein Schleiertanz ist kein Kindergeburtstag: Herodes (Peter Bronder) berührt Salome (Anna-Katharina Behnke) sehr eindeutig.
Ivan Törzs' Ansatz, Strauss' Meisterwerk eher in herrlichen Klangwogen sinnlich schwelgend als kulinarisches Werk des fin de siècle denn analytisch sezierend als modernes Stück des 20. Jahrhunderts pulsierend-beschwingt musizieren zu lassen, mag diskutabel sein wie die kleineren Spielfehler das eine oder andere Mal - mir gefiel es insgesamt gut so (wie hat es wohl unter der Leitung des Komponisten geklungen, der am 23. März 1936 am selben Ort am Pult einer Salome-Vorstellung gestanden hat?), und einen wachsamen Blick auf die Interessen der Bühne hatte er dabei auch stets.
Wie so oft erweist sich Decker auch mit dieser Inszenierung nicht als modernistischer Bilderstürmer, sondern als sorgfältiger Geschichtenerzähler, der seine Hausaufgaben gemacht hat und trotz des begrüßenswerten Verzichts auf szenischen Aktionismus keinen Leerlauf aufkommen lässt, sondern die Fähigkeiten der Darsteller aufs Eindringlichste ins Gesamtkonzept zu integrieren weiß. Und auch die musikalische Seite rechtfertigte die kaum zweistündige Fahrt nach Flandern, die man frustrierten Opernfans aus Nordrhein-Westfalen nur immer wieder ans Herzen legen kann. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Regie
Ausstattung
Licht
Einstudierung der
Solisten
Herodes
Herodias
Salome
Jochanaan
Narraboth
Ein Page der Herodias
Fünf Juden
Zwei Nazarener
Zwei Soldaten
Ein Cappadocier
Ein Sklave
Der Henker
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