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Jérusalem

Oper in vier Akten
Libretto von Alphonse Royer und Gustave Vaez
nach Temistocle Soleras und Giuseppe Verdis Oper I Lombardi alla prima crociata
Musik von Giuseppe Verdi

In französischer Sprache

Aufführungsdauer: ca. 3h 30' (eine Pause)

Konzertante Aufführung im Concertgebouw Amsterdam
am 22. Januar 2005




Concertgebouw Amsterdam
(Homepage)
Französischer Verdi auf hohem Niveau

Von Thomas Tillmann


Mit frenetischem Beifall endete auch diese Zaterdagsmatinee, bei der mit Jérusalem eine eher selten aufgeführte Verdi-Oper in französischer Sprache zur Aufführung kam (für nähere Informationen zum Werk verweise ich auf meine Bemerkungen zur konzertanten Aufführung der Oper in Frankfurt im April 2003).

Was soll man noch Neues schreiben über Nelly Miricioiù, die Meisterin des erfüllten, expressiven Singens, des gehaltvollen Piano, der raffinierten, aber nie außermusikalischen Effekte, der Identifikation gerade mit den Frauengestalten des Ottocento? Die in London lebende Rumänin bleibt die unangefochtene Königin der Matineen im Concertgebouw, bei denen sich regelmäßig Fans aus ganz Europa versammeln und die inzwischen auch nach Bulgarien, Portugal, Tschechien, Ungarn, Rumänien, Lettland und Litauen übertragen werden. Die Fans jubelten bereits nach dem wunderbar zarten, von sinnstiftend eingesetzter messa di voce dominierten "Ave Maria", aber der eigentliche Showstopper des Nachmittags war die zweite Arie, zumal die Sopranistin furchtlos eine Fülle von Acuti riskierte, und auch ihr "Que m'importe la vie" mit seinen hinreißenden fil di voce-Effekten rechtfertigte den lang anhaltenden Applaus, zumal die Künstlerin sich in diesem Konzert deutlich gelöster präsentierte als damals in Frankfurt und sie hörbar weiter an ihrer Interpretation dieser vertrackten Partie gefeilt hat. Sicher, ihrem schlanken, aparten Sopran mag es an der letzten Fülle und Rundung für Verdipartien dieses Kalibers fehlen, aber das gilt für die arg dünne Stimme ihrer Vorgängerin Leyla Gencer in viel höherem Maße, deren (in italienischer Sprache gesungene) Hélène mir die Zugfahrt verkürzte (Katia Ricciarelli habe ich leider nicht hören können, Marina Mescheriakova in der einzigen Studioeinspielung des Werkes auch nicht).

Angesichts der superben Leistung von Julian Gavin als Gaston war das Bedauern über den Umstand, dass der eigentlich vorgesehene Francisco Casanova hatte absagen müssen, schnell verflogen. Der Australier (in Amsterdam nach seinem Macduff vor zwei Jahren in einer bemerkenswerten Aufführungsserie des Macbeth kein Unbekannter mehr) ließ zwar einen gewissen Mangel an Gestaltungsnuancen, Persönlichkeit und Individualität erkennen, entschädigte dafür aber allemal mit der Geschmeidigkeit seines Singens, mit der sensiblen Ausformung von Legatobögen, mit dem ausgeglichen-ebenmäßigen Ton seines zweifellos lyrisch fundierten, pianostarken Tenors, der trotz spürbarer Nervosität auch einigen Höhenglanz aufwies.

Ein Ärgernis war wie schon in Frankfurt der Interpret des Roger, der nicht nur den französischen Text skandalös vergewaltigte, sondern dessen vokale Unzulänglichkeit noch deutlicher hervortrat als vor knapp zwei Jahren. Mein Urteil von damals behält volle Gültigkeit: "Der Jubel um Julian Konstantinov, den man für die Rolle des intrigant-eifersüchtigen Bruder des Grafen engagiert hatte, und seine erstaunlich häufige Beschäftigung an ersten Häusern (Royal Opera House Covent Garden, Carnegie Hall New York, Salzburger Osterfestspiele, Wiener Staatsoper, die Debüts an der Opéra Bastille und an der New Yorker Met stehen bevor) wollte mir indes nicht einleuchten, weist sein Bass doch sowohl in der meistens nur unter größtem Kraftaufwand erreichten, gebrüllten Höhe als auch in der wahrlich matten, wenig voluminösen Tiefe nicht unerhebliche Schwächen auf; auf feinere Nuancen und dynamische Flexibilität wartete man ebenfalls vergeblich." Einen bedeutend seriöseren Eindruck hinterließ dagegen der zweite Bassist des Abends, Andrew Greenan, mit seiner hervorragend geführten Stimme, und gleiches gilt auch für Paul Austin Kelly, der mit seinem schlanken, gut ansprechenden Tenor ebenso wie die übrigen Comprimari bewies, dass es letztlich keine kleinen Rollen gibt. Fehlt noch Mark Rucker, dessen Graf von Toulouse wahrlich kein Jüngling mehr war, denn dazu klingt der Bariton des Amerikaners zu rau und weist zu viele Nebengeräusche auf.

Spiritus rector der bemerkenswerten Aufführung war zweifellos Paolo Olmi, der am Pult des in großer Form musizierenden Radio Symfonie Orkest nicht nur für machtvolle Steigerungen in den großen Chor- und Ensembleszenen sorgte, in denen der Groet Omroepkoor einmal mehr sein beachtliches Niveau, seine dynamische Flexibilität und seine stupende Homogenität nicht nur im exzellenten Pilgerchor unter Beweis stellen konnte, sondern auch stets die Übersicht behielt und den Sängern ein hilfreicher Partner war. Hervorzuheben ist auch die Sorgfalt, mit der er sich der etwa 25 Minuten langen Ballettmusik annahm, die inspirierte Momente und andere hat und bei manchem Besucher für größere Begeisterung sorgte als beim Berichterstatter.


FAZIT

Für Konzerte dieses Niveaus nimmt man gern die Zugfahrt nach Amsterdam in Kauf, ebenso wie für die im März anstehende Neuproduktion der Norma, bei der die Miricioiù ein weiteres Mal das Kostüm der Druidenpriesterin tragen wird, die sie am selben Ort vor einigen Jahren schon triumphal konzertant interpretiert hatte.


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Programm

Musikalische Leitung
Paolo Olmi

Choreinstudierung
Martin Wright



Groot Omroepkoor

Nederlands Radio Symfonie Orkest


Solisten

Hélène,
Tochter des Herzogs
von Toulouse

Nelly Miricioiù, Sopran

Gaston, Burggraf
von Béarn

Julian Gavin, Tenor

Roger, Bruder des Herzogs
von Toulouse

Julian Konstantinov, Bass

Graf von Toulouse
Mark Rucker, Bariton

Adhémar de Monteil,
päpstlicher Gesandter
Andrew Greenan, Bass

Raymond,
Schildknappe Gastons
Paul Austin Kelly, Tenor

Isaure,
Hélènes Vertraute
Anna Chierichetti, Sopran

Ein Soldat/
Ein Herold/
Emir von Ramala
Henk Neven, Bariton

Ein Offizier
Mark Omvlee, Tenor



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Zaterdagmatinee


Homepage von Nelly Miricioiù:
www.opera-singer.com


OMM-Interview mit Nelly Miricioiù



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