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Infinito Nero
(Das unendliche Schwarz)

Estasi in un atto von Salvatore Sciarrino
Text vom Komponisten nach Maria maddalena de'Pazzi

Il Combattimento die Tancredi e Clorinda
(Der Zweikampf zwischen Tancredi und Clorinda)

aus den Madrigali guerreri et amorosi (8. Buch)
von Claudio Monteverdi

Premiere im Schauspielhaus Wuppertal
am 27. März 2004


Logo: Wuppertaler Bühnen

Wuppertaler Bühnen
(Homepage)

Italienischer Doppelabend setzt an zum Sprung über fast 400 Jahre

Von Ralf Jochen Ehresmann / Fotos von Milena Holler


Den Wuppertaler Bühnen mit ihrer derzeit nur noch einzigen Spielstätte im Elberfelder Schauspielhaus ist ein hoch interessanter Doppelabend gelungen, der sich unbedingt der näheren Begutachtung empfiehlt. Dabei werden die fast 400 Jahre Abstand in der Entstehungszeit so mühelos überbrückt, dass man sich wundert, wieso derartige Verknüpfungen nicht viel öfter gesucht werden...

Die beiden Teile der Veranstaltung, über deren Bezeichnung als “Opernabend“ angesichts der Gesamtdauer von knapp 90 Minuten inklusive einer längeren Pause freilich verschiedentlich debattiert werden könnte, werden dabei sowohl über den Raum wie auch über das beteiligte Personal so verbunden, dass es der Sache nach auch denkbar wäre, von einem halbszenischen Konzert zu sprechen und die beiden Stücke enbloc zu präsentieren. Das soll nun gerade nicht bedeuten, dass Salvatore Sciarrino in der Wahl seiner musikalischen Ausdrucksmittel auf dem Stande Claudio Monteverdis stehen geblieben wäre, gewisslich nein!


Vergrößerung in neuem Fenster Im Schwebezustand: Tina Hörhold in Infinito Nero

Sciarrinos Infinito Nero setzt eine Frau mit offenkundigen Kommunikationsstörungen auf einen exponierten Platz, den man als „Eierschale am Stiel“ bezeichnen könnte. Da in Erwartung eher überschaubaren Besucherandrangs die Sitzreihen 1-10 des Elberfelder Schauspielhauses ohnehin zur erweiterten Vorderbühne umgestaltet und dem Publikum als entbehrlicher Sitzraum entzogen waren, konnte der die „Eierschale“ tragende Stiel in Reihe 6 aufgestellt eine außergewöhnliche Direktheit zwischen agierendem Personal und schweigender Zuhörerschaft ermöglichen, wie sie sonst unter gewöhnlichen Bühnenbedingungen selbst in Reihe 1 kaum anzutreffen sind. Dabei war das Ausmaß der zu protokollierenden Aktion der Dame im weißen Pelz vor unendlich schwarzem Hintergrund recht minimalistisch und erschöpfte sich über einen längeren Zeitraum in gleichermaßen ungesunder Regsamkeit der Augen wie des Atems, derweil die Tonproduktion des Orchesters – einer Kammerbesetzung von 16 MusikerInnen – mit minutenlang nur vereinzelten Lauten und Geräuschen hart an der Grenze zum Ultraschall lavierte.

Vor diesem Hintergrund wirkte das plötzliche Abwerfen des Mantels wie eine Aktivitätsexplosion, die keinen weiteren Zweifel zuließ: Jetzt hat es sie erwischt! Das Stück trägt seinen Untertitel zurecht: Während der Protagonistin gekränkte Seele in exstatischen Eruptionen gleichermaßen schwer ver- und erträgliches Blutgestammel absondert, das auch nicht durch die gelegentlich eingeschlichenen Phrasen mit begrenztem semantischen Inhalt an Charme gewinnt, darf auch das Orchester vernehmlicher erwachen und vergeblich versuchen, etwas Struktur in das Wirrwarr der blutberauschten Gottesverzückung zu bringen. Ob uns Sciarrino hier über das Seelenleben der Taliban oder moderner Satanisten aufklären wollte, wird aus der Sache selbst nicht deutlich und scheidet schon rein chronologisch aus, wenn man weiß, dass es sich um ein Frühwerk Sciarrinos aus den 1960ern handelt und die „Dichterin“ gar in einem italienischen Kloster des XVI.Jahrhunderts zu solcherart Lyrik kamdoch scheinen die vormaligen afghanische Regenten einer seelenverwandten Ästhetik zu huldigen. Immerhin scheinen solcherart Anwandlungen in jenen Tagen eine gewisse Verbreitung besessen zu haben, denn wie um dies zu unterstreichen, verlas der Komponist mit eigner Stimme einen Brief Torquato Tassos von 1583, wo dieser über ähnliche Störungen schreibt und sich seine Halluzinationen und deren psychosomatischen Begleitphänomene nicht anders zu erklären vermag als damit, verhext worden zu sein.

Tina Hörholds Amt war es nun, durch permanenten Registersprung in stets eiligem piano eine Vortragstechnik zu gestalten, die den Seelenzustand derjenigen reflektiert, die da als Seherin zur Kundgabe unappetitlicher Befindlichkeiten sich legitimiert sieht, und eben hierin besteht ihre außergewöhnliche Leistung, deren meisterliche Beherrschung sich bereits abzeichnete in ihrem noch wortlosen Gebaren vor Ausbruch ihrer Phantasien: dieses spannungsgeladene Augenspiel zwischen Zuckung und Verzückung auf exponiertem Podest über so viele Minuten, in denen von weit hinten aus dem ihr nicht sichtbaren Instrumentalensemble auch nur wenig Töne kamen, die zur Strukturierung des noch schweigsamen Vorwahnes gereicht hätten!

Immerhin konnten sich Teile des Publikums vor Begeisterung kaum halten und applaudierten schon los, ehe die Gute, die eben noch vom eigenen Verschwinden anderer Art fabuliert hatte, den inzwischen völlig dunklen Raum hatte verlassen können.


Vergrößerung in neuem Fenster Erzähler: Thomas Laske im Combattimento ...

Hatten währenddem noch 2 Herren schweigend auf der Bühne Platz genommen, von denen auch keiner genug Mut zeitigte, ins Geschehen einzugreifen, so erfuhr man nach der Pause deren Sinn, als die beiden die 2 männlichen Partien in Monteverdis VIII.Madrigalbuch, dem combattimento übernahmen. Während also Thomas Laske als testo teichoskopisch seinen Zeugenbericht von der ungleichen Schlacht zwischen Held Tancredi und Mannweib Clorinda referierte und damit in etwa die Rolle des Evangelisten in späteren Passionsvertonungen vorwegnahm, fand Raimund Fischer sich als Tancredi wieder, also quasi als „feindlicher Combattant“ - mit dem Glück der frühen Geburt.

Seinen 12.Gesang aus der Befreiung Jerusalems scheint Tasso allerdings in gesünderen Tagen verfasst zu haben, und die Inszenierung von Birgit Angele und Yona Kim verwandelte die hierin angelegte Bewegung speziell des Schlachtgeschehens in eine ebensolche der beiden Protagonisten, die die freien Reihen nun nutzen konnten, um darin eilige Verfolgungsjagden zu absolvieren – unter Weglassung sämtlicher Requisiten, die der Text erwähnt. War es vorhin die angespannte Starre, so vollzog sich – diesmal als Clorinda - Tina Hörholds 2.Chance zu zeigen, was ihre Stimme sonst noch vermag, wiederum unter erschwerten Umständen, musste sie doch nun derartig schnell und viel laufen wie es auf einer gewöhnlichen Opernbühne selten erforderlich sein dürfte. Angesichts dessen vermochten beide SolistInnen gleichermaßen mit klarer Linienführung und klangschöner Stimmgestaltung zu beeindrucken. Derweil trug Thomas Laske zweifellos den weitaus größten Teil des Textes und folgte der italieneischen Sprachmelodie wundervoll anschmiegsam, ohne dabei an Dramatik zu verlieren.

Das „Programmheft“ in Gestalt eines Leporellos lässt die Leserschaft leider eher ratlos zurück, was um so bedauerlicher ist, als es sich um Werke handelt, zu denen keine breite Auswahl an leicht zugänglicher Hilfsliteratur zur Verfügung steht und daher der Aufklärungsbedarf selbst eines vorgebildeten Publikums selten größer ist als hier. Nachdem von den 14 Seiten allein 4 Seiten Werbung abzuziehen waren, finden sich lediglich die komponierten bzw. vorgelesenen Texte abgedruckt, was freilich auch seinen Wert hat, um sich das Erlebte wachzurufen.


FAZIT

Ein hochfaszinierendes Theaterwagnis, dessen Loblied derer, die es sahen, um so lauter tönen möge, als dass es absehbarerweise keinen Besucheransturm auslösen wird



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Martin Braun

Inszenierung
Birgit Angele
Yona Kim

Bühnenbild und Kostüme
Birgit Angele

Dramaturgie
Karin Bohnert

Licht
Fredy Deisenroth



Sinfonieorchester Wuppertal


Solisten


Infinito Nero:
Die Frau
Tina Hörhold

Il Combattimento ...:
Testo
Thomas Laske

Clorinda
Tina Hörhold

Tancredi
Raimund Fischer



Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



Da capo al Fine

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