Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Homepage Musiktheater-Startseite E-mail Impressum



La Mamma!
(le convenienze ed inconvenienze teatrali)


Musikalische Farce von Domenico Giolardoni
Deutsch von Stephan A. Troßbach
Dialoge von Roland Spohr
Musik von Gaetano Donizetti

Aufführungsdauer: ca. 2 h 30' (eine Pause)

Premiere im Saarländischen Staatstheater Saarbrücken am 2. November 2003

(rezensierte Aufführung: 6. November 2003)

Homepage des Staatstheaters Saarbrücken
(Homepage)

The show must go on!

Von Claus Huth / Fotos von Bettina Stöß


Was ein Spaß! Einigermaßen irritiert ist das Opernpublikum, als sich kein Orchester im Graben befindet, da es keinen Graben gibt. Aber - hallo! - draußen über der Tür hängt doch wie immer das große Plakat, auf dem steht, was es heute Abend gibt: La mamma!, von Donizetti (?) - Oper. Wo ist das Orchester?



Vergrößerung Regie führende Sänger (Gabriele May legt Rudolf Schasching in Ketten) ...

Schon klingen Stimmgeräusche von der Bühne, ahaaaa, das Orchester sitzt auf der Bühne? Und wie. Bühnenbildnerin Jessica Westhoeven hat ein Bühnenbild gebaut, dass sicher nicht von ungefähr an die großen Fernseh-Galashows der 60er bis 80er Jahre erinnert: Eine große, breite Showtreppe schwingt sich, Stufe für Stufe beleuchtet, von links herein, und (als der Vorhang sich langsam öffnet, sieht man es) daneben und dahinter sitzt das Orchester, als Galakapelle von Constantin Trinks im Dinner-Jacket geleitet. And so the show must go on!

Mehr als eine Show ist Donizettis Opernpersiflage, die nicht ganz umsonst mit Rossinis Ouvertüre Die diebische Elster eingeleitet wird, auch nicht. Ein langer, großer, urkomischer Spaß. Gegen Ende der Ouvertüre lässt Regisseur Roland Spohr eine Art Fernsehballett auftreten, die allerlei unbeholfen komische Sachen machen müssen, bis es dann richtig zündet. Die Handlung - ist es eine - geht so: Vorabend zur großen Gala-Premiere von "Romulus und Ersilia" - und nichts klappt. Impressario, Komponist und Textdichter raufen sich die Haare, Sänger zicken herum, Tenöre reisen ab und erscheinen wieder - und inmitten all dessen erscheint dann auch noch: La mamma. Agatha, die Mutter der zweiten Sopranistin, die nichts mehr haben will, als dass ihr Sprösslein die erste Rolle bekommt, noch vor der Primadonna.



Vergrößerung ... eine entfesselte Primadonna (Stefanie Krahnenfeld mit Guido Baehr) ...

Mit einer Menge Tempo und dem treffsicheren Gefühl für Pointen zum rechten Moment inszeniert Roland Spohr das, und indem er die Oper ein wenig aus dem vertrauten Umfeld heraus- und in das Showumfeld einbettet (und dabei tief in die Theaterkiste greift, mit Erfolg), zeigen sich auch ganz unerwartete Aspekte des Stückes: Dass Donizetti, der Lieferant unzähliger Belcanto-Opern, hier nicht nur einfach Operngepflogenheiten parodiert sehen will, sondern auch dem Publikum den Spiegel vorhält: Nehmt ihr die Oper nicht einfach als Show da, als Perlenkettenreihe schöner Arien und Stimmen und eindrucksvoller Gesten? Ist Oper nur das?

Aber so ernste Fragen stellen sich erst hinterher - Donizetti übrigens hat selbst nur Ensembles neu geschrieben für diese Opern, die Arien, die die Sänger innerhalb von "Romulus und Ersilia" singen, sind teilweise bei anderen ausgeliehen, teils bei sich selbst geklaut. Und in Saarbrücken setzt man noch ein bisschen drauf, erweitert das Pasticcio um Musik nach Donizetti, um eine verrauchte Musical-Einlage und allerlei mehr.

Spohr (der auch die Dialogtexte neu eingerichtet hat) kann sich allerdings in jedem Moment auf sein spielfreudiges Ensemble verlassen, dass offenbar nichts lieber tut, als sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Schon wenn der Herrenchor in der ersten Probe für "Romulus und Ersilia" als römische Garnison in bester Asterix-Manier erscheint und dann verzweifelt versucht, Haltung und Würde zu wahren, liegt man auf dem Boden vor Lachen. Erst recht, wenn Elisabeth Wiles und Guido Baehr als Primadonna (samt obligatorischen Hündchen) und ihr treu ergebener Gatte Procolo hereinschneien: Die Primadonna sucht stets die beste Pose direkt an der Rampe und meckert ansonsten, dass es überall ziehe, der Gatte hat Hund und Handy zu versorgen, die Launen der Gemahlin zu ertragen, dabei keine Ahnung von Oper - aber das rettet ihn nicht, am Ende muss er den römischen Feldherren mit brüchigem Stimmchen falsch intonieren, da es offenbar sonst keine Darsteller mehr gibt. Markus Jaursch als Direttore/Impressario mit herrlich gestresstem Gehabe, Hiroshi Matsui als Poeta mit blasierter Langeweile und Otto Daubner als (urkomisch pomadig auftretender) koksender Roy Black-Verschnitt sind das Trio Infernale, dass irgendwie alles zusammenhalten muss, wobei ihnen Dirigent Trinks gelegentlich mit Wort, Tat und Gesang (!!) beiseite steht. Gabriele May als sadomaso-veranlagte Mezzöse liefert sich mit dem Tenore ein herrliches Kettenduett und Oxana Arkaeva gibt die zweite Sopranistin mit grosser Schüchternheit, liefert aber bei ihrer Einlage neben einer hervorragenden Arie auch einen chaplinesken Kampf mit einem störrischen Notenständer ab.



Vergrößerung ... hier ist nicht nur einer zuviel.

Und dann kommt "sie" - la Mamma in Gestalt des Baritons Stefan Röttig (kurzfristig für den erkrankten Patrick Simper eingesprungen). Herrlich tuntig gespielt, nicht immer ganz überzeugend gesungen. An Präsenz und Komik werden allerdings alle von einem übertroffen, dem wahrhaft die Krone gebührt: Rudi Schasching als "Rudi, Tenore" - eine Art mampfender Pavarotti-Verschnitt, der nichts lieber in der italienischen Oper hätte denn seine deutschen Arien - und deshalb mit Trinks am Klavier einen repräsentativen Querschnitt durch das deutsche Repertoire zum besten gibt - inklusive szenischer Umsetzung mit Gummiketten, Gewehr und Jagdkluft sowie schliesslich im Bärenfell: "Wääääääälse - Wääääääääääääääääälse - Wäääääääääääääääääää! - Nein, Rudi, nein, es sind nur zwei! - Oh, hoab i drei g'sunga? Nu joa, letzt Woch in Bern hoab i vier g'sunga!". Ungeheuer. Komisch. Zum Brüllen.

Dass der Abend nach der Pause etwas verpufft, wäre vielleicht zu vermeiden gewesen: Hätte man die Pause weggelassen und die restliche halbe Stunde direkt durchgespielt, wäre sicher die Atmosphäre des ersten Teils noch präsenter gewesen. Alles in allem ein szenisch und schauspielerisch ausgesprochen komisch-gelungener Abend, musikalisch nicht auf der Höhe der großen Abende - aber das erfordert diese Farce wohl auch nicht, und es gibt ja einige Highlights.


FAZIT

Wenn man sich einen Abend gut unterhalten will, sollte man an diesen tempo- und pointenreichen Abend denken. Wenn man Oper nur als ernste Veranstaltung erleben will - bleibt man besser zu Hause und hört sich einen Querschnitt aus  Donizettis Arien an.


Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Constantin Trinks

Inszenierung
Roland Spohr

Bühne
Jessica Westhoven

Kostüme
Dorothee Scheiffarth

Chor
Andrew Ollivant

Dramaturgie
Alexander Jansen

Choreografische Mitarbeit
Marlene Herrenleben



Opernchor und Statisterie,
des Saarländischen Staatstheaters
Das Saarländische Staatsorchester


Solisten

* Besetzung der rezensierten Vorstellung

Daria Garbinati, Primadonna
Stefanie Krahnenfeld /
* Elizabeth Wiles

Procolo, ihr Gatte
* Guido Baehr /
Stefan Röttig

Mamma Agatha
* Stefan Röttig /
Patrick Simper

Luigia, ihre Tochter
* Oxana Arkaeva /
Naira Glountchadze

Musico
* Gabriele May /
Maria Pawlus

Rudolf Hollemand
* Rudolf Schasching /
Philip Sheffield /
Algirdas Drevinskas

Maestro
Otto Dauber

Dichter
* Hiroshi Matsui /
Volker Philippi

Regisseur
* Marcus Jaursch /
Volker Philippi


Weitere Informationen
Staatstheater Saarbrücken (Homepage)



Da capo al Fine

Homepage Musiktheater-Startseite E-mail Impressum

© 2003 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -