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Der fliegende Holländer
Romantische Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner
Dichtung vom Komponisten


Aufführungsdauer: ca. 2 h 10 min (keine Pause)

Premiere im Saarländischen Staatstheater
am 7.März 2004


Logo:  Theater Saarbrücken

Saarländisches Staatstheater
(Homepage)
Holländer ohne Schiffsfriseur
Von Ralf Jochen Ehresmann und Claus Huth / Fotos von Bettina Stöß


John Dew ist ein Name als Programm, und wer als Freund seiner Produktionen nach Saarbrücken kam, wird eher enttäuscht heimgefahren sein. Man wurde den Eindruck nicht los, als ob die Zeit nicht ausgereicht hätte, das Konzept auszufeilen und adäquate Anwendungen für die Einzelszenen zu entwickeln. Zu sehr bleibt vieles offen, zu sehr entsteht auch der Eindruck, der Regisseur habe ein festes "Bild" nach dem nächsten gestellt und den SängerInnen weitgehend überlassen, wie sie sich dazwischen zurechtfinden mögen.

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Unmöglich dünkt mich's, dass ich nenne
die Länder alle, die ich fand: -
das einz'ge nur, nach dem ich brenne, -
ich find' es nicht, mein Heimathland! -

Dass die Geschichte nur als Märchen oder als Psychodrama ausgelegt werden kann, schränkt den Kanon denkbarer Inszenierungsmittel einerseits zwar ein, verschafft an anderer Stelle aber zugleich erhebliche Freiräume. Träumt Senta, Daland oder der Holländer? John Dew entzieht sich der Entscheidung: Immer, wenn seine Inszenierung an einen Wendepunkt kommt, hinter dem man Antwort erwartet, folgt diese just nicht.
Der "Märchenfraktion" verweigert Dew die schaurig-schöne Erlösung, worüber schon die Wahl der Fassung in der Ouvertüre Klarheit verschafft; dennoch vermeidet er zugleich jede Deutung im Wege einer Anamnese Sentas als Erklärung ihrer finalen Selbstauslöschung.
Senta "verkörpert [...] die Sehnsucht nach dem Neuen, Unerhörten, nach dem Ausbruch aus der Gegenwart und Umwelt. Senta ist keine Närrin oder Hysterikerin, wie man so oft gesagt und auf der Bühne dargestellt hat. Sie ist ein junger, leidenschaftlicher, sehr einsamer Mensch in einer engen und geistig platten Umwelt." So jedenfalls zitiert das Programmheft Hans Mayer, und derart erscheint Senta auch in keiner Innenschau oder als Protagonistin eines Psychodramas, wodurch allein aber noch wenig Klarheit gewonnen ist.

Vergrößerung in neuem Fenster Lasst mich's euch recht zum Herzen führen:
des Ärmsten Loos, es muss euch rühren!

Die Bühne - ein den Raum weit nutzender Wellblechkasten mit lediglich zwei Zugängen, von Ferne an das Innere eines großen Frachters denken lassend - verändert sich insgesamt sehr wenig und wird nur dadurch umgestaltet, dass gelegentlich von oben herab eine mobile Treppe herniedergleitet, die der Holländer vorzugsweise zum Betreten und Verlassen der Bühne nutzt. Dadurch erhält sein Schiff ein prägnantes Symbol - und der Holländer gleich mit, dessen Eindeutigkeit nicht darunter leidet, dass Daland genauso gut Seemann ist. Um ein Symbol seiner auch nur angedeuteten Anwesenheit zu sein, wäre es aber erforderlich gewesen, die Momente ihres herabgefahrenen Status klarer zu gliedern und dem Dramenverlauf besser anzupassen.
Gleichzeitig hat des Holländers erster Auftritt just über die Treppe auch einen gravierenden akustischen Nachteil: Das Saarbrücker Staatstheater hat mit Eglis Silins zwar einen imposanten, ausstrahlungs- und vor allem stimmstarken Holländer engagiert, der nur ausgesprochen selten - so etwa kurz vor dem Schluss - gesanglich an seine Grenzen stößt, aber er muss durch die Treppe den gesamten ersten Teil seines Monologes quasi mittenmang alleine im offenen Bühnenraum singen - und dabei geht seine Stimme fast verloren, strahlt nicht ausreichend ins Publikum, so dass man zunächst bangt, ob hier der richtige Darsteller gefunden ward. Kaum aber tritt er an die Rampe, stellt sich Gewissheit ein, dass hier ein Sänger über eine Stimme verfügt, die den Tonfall der Rolle ausgezeichnet trifft, für dämonische wie für Leidenstöne stets die richtige Färbung findet und keine Probleme hat, sich gegen das Restensemble durchzusetzen. Verwundert es bei diesem Befund, was die Akustik angeht, dass die allermeiste Zeit der Inszenierung die Solisten sehr zur Rampe hin tendieren? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Vergrößerung in neuem Fenster Von mächt'gem Zauber überwunden,
reisst mich's zu seiner Rettung fort:
hier habe Heimath er gefunden,
hier ruh' sein Schiff in ew'gem Port!

Im übrigen ist die Höllenleiter auch fast der einzige sympathische Einfall des Bühnenbildes, dessen Kargheit hier weniger von bewusster Reduktion der Mittel kündet und eher Ausdruck fehlenden Gestaltungswillens zu sein scheint und das in dieser Hinsicht symptomatisch für die Inszenierung stehen mag. So fragt man sich denn auch, ob Holländers Konterfei absichtlich weggelassen oder nur schlicht vergessen worden war.

Doch reicht die Liste der unverzeihlichen Schwächen noch weiter. Die entscheidende Szene des 2.Aufzuges, welche die bislang getrennten Kreise der beiden Schiffe einerseits und der weiblichen Landbevölkerung andererseits in Gestalt ihrer beiden wichtigsten Exponenten Senta und Holländer zu ihrer ersten Begegnung führt, verschenkt die ganze Spannung dieser faszinierenden "Annäherung aneinander vorbei", offenbart das ganze Manko an sinnvoller Personenführung und toppt diese Nichtentwicklung mit einem unmotivierten Überraschungskuss. Genauso wenig ist der dramaturgische Sinn der Chöre zu erkennen, die in diesem Konzept keine andere Aufgabe zu haben scheinen, als dem Publikum seine allseits beliebten Ohrwürmer zu kredenzen und ansonsten möglichst fröhlichen Ringelreihn zu tanzen. Überhaupt, in der Chorführung offenbarte sich wieder die allzu oft augenfällige Inspirationsarmut bei der Führung: Zwar darf der (während des ersten Aufzuges etwas zu kleine) Herren-Chor seinen ersten Auftritt in einer beeindruckenden, aber doch nichts besagenden "8" über die Bühne joggen; um aber dann mit "Halloho" für die atmosphärische Einstimmung zu sorgen, steht man wie konzertant gleich hinter der Rampe, Daland galant in die Mitte nehmend.

Am Ende bleibt die Frage: Wieso ersticht sich Senta überhaupt - mit Eriks Feldmesser - um solcherart die samt Holländer himmelwärts entschwindende Treppe hinunterzupurzeln, außer um der Erkenntnis willen, dass der versuchte Ausbruch aus der Spießigkeit mithilfe des unspaßigen Vagabunden im feuerroten Loge-Gewande fehlgeschlagen ist? Die Personen tragen - mit Ausnahme des Jägers Erik, der zunftgemäß in waidmannsgrün auftritt - frühindustrielle Klamotten, ohne dass dadurch ein sozialer Bezugsrahmen konstruiert werden würde, der hinterher irgendwie inhaltlich wieder aufgegriffen würde. Immerhin können die Kostüme von José-Manuel Vazquez, was Gestaltungswillen angeht, weitaus mehr überzeugen als Bühnenbild und Personenführung, was im übrigen auch für die recht ausgefeilte und meist sehr stimmungsvolle Lichtregie gilt.

Dass mit all dem keine Begeisterungsstürme zu ernten seien, muss dem erfolgsverwöhnten Regisseur auch gemunkelt worden sein, so dass er sich zwar noch kurz am Vorhang gezeigt, doch bereits zur Premierenfeier unter Hinweis auf auswärtige Geschäfte das Weite gesucht hat.

Vergrößerung in neuem Fenster Habt ihr keine Brief', keine Aufträg' fürs Land?
Unsren Urgroßvätern wir stellen's zur Hand!

Dabei kann sich Dew und kann sich das Saarländische Staatstheater auf ein meist gutes und zuverlässiges Sängerensemble verlassen - und vor allem das wird die freundliche Annahme der Produktion bei der Premiere wohl erklären. Barbara Gilbert als Senta ist neben dem schon erwähnten Eglis Silins der klare Volltreffer der Besetzungstafel, verkörpert sie doch die ideale Synthese aus jugendlichem Anblick, Habitus und Sangesweise bei gleichzeitiger Schärfe der Tonbildung und Diktion. Die Ballade, musikalisches Zentrum und Kernzelle der ganzen Oper, gerät ihr so spannend und intensiv, dass man endlich einmal versteht, was eigentlich die Mädchen um sie herum so fasziniert und bewegt. Und das lange "Duett" mit dem Holländer, das freilich viel eher zwei subtil ineinander verschränkte Monologe in einem Moment vereint, blüht gerade da musikalisch dank Silins und Gilbert auf, wo die Inszenierung die SängerInnen besonders schmählich im Regen stehen oder besser: auf den Stühlen sitzen lässt. Manou Walesch, als Mary ihr zur Seite, hat es naturgemäß gegen eine solche Darstellung schwer, füllt die kleine Rolle aber doch zuverlässig aus.

Stefan Vinke, vom Nationaltheater Mannheim kurzfristig für den erkrankten Rudolf Schasching als Erik eingesprungen, fand sich in einer eher personenführungsfreien Produktion naturgemäß gut zurecht und überzeugte, wie auch schon im Saarbrücker André Chenier zur Spielzeiteröffnung mit einem strahlkräftigen, gut fokussierten Tenor und intensiver Darstellung. Da freut es zu hören, dass Vinke in der kommenden Spielzeit für Saarbrücken wiederum zur Verfügung steht.

Intensive Darstellung ist auch die positive Seite des Daland von Patrick Simper: Stets schauspielerisch sehr präsent und engagiert, fehlt es ihm allerdings für den Daland an vokaler Statur: Diese doch immer wieder an Beethovens Rocco erinnernde Figur verlangt eigentlich nach einem in der Tiefe sonoreren, insgesamt runderen Bass, als Simper ihn bieten kann. Häufiger findet Simper auch den Kontakt zum Dirigenten nicht. Vor allem zu Beginn der Vorstellung ist das sicher noch auf Premierennervosität zurückzuführen, wie auch der leider allzu deutlich merkliche Textschmiss des ansonsten zuverlässigen Steuermanns Algirdas Drevrinskas im Steuermannslied - dass aber auch noch in Dalands buffonesker Arie des zweiten Aktes zwischen Graben und Bühne deutlich gezerrt wurde, trägt nicht eben zur Zufriedenheit mit dieser Rollengestaltung bei.

Vergrößerung in neuem Fenster Was hör' ich! Gott, was muss ich sehen!
Muss ich dem Ohr, dem Auge trau'n?
Senta! Willst du zugrunde gehen?
Zu mir! Du bist in Satans Klau'n!

Allerdings ist Simper nicht der einzige, der den Kontakt zum Dirigenten häufiger nicht findet: Namentlich die Chöre haben offenbar große Probleme, den Tempovorstellungen des Mannes am Pult zu folgen, und auch im Orchester, bei dem insbesondere die Intonation in den Holzbläsern immer mal unangenehm auffällt, klappert schon in der Ouvertüre die ein oder andere Stelle bedenklich: Sicher ein Problem, dass auch mit dem etwas unpräzisen und unentschiedenen Ansatz Michele Carullis zusammenhängt. Er verfiel dem immergleichen Fehler anzunehmen, Wagner dauere eh viel zu lang, und das müsse durch extra flottes Dirigat wieder reingeholt werden. Was allerorten als Kardinalirrtum angeblich moderner Dirigierweise zu kritisieren wäre, ist beim Fliegenden Holländer gleich doppelt absurd. Wäre es Wagner um miniaturistische Kürze gegangen, hätte er sicher Wege und Mittel gefunden, dies auszudrücken. So kann Carulli der Vorwurf unsachgemäßer Hetzerei nicht erspart bleiben, worin wir uns auch dadurch bestätigt sehen, dass es ihm häufig nicht gelang, die verschiedenen Orchestergruppen beisammen zu halten oder gar die Chöre koordinieren, deren raumfüllende Kraft ihre Prägnanz klar überflügelte.

Vor allem an lyrischen Stellen scheint er plötzlich zu bemerken, dass sein Tempo vielleicht doch etwas zu schnell für die Entfaltung der musikalischen Strukturen sein könnte und bremst dann recht unmotiviert und abrupt den Fluss ab, um kurz danach wieder ins hurtige Fahrwasser seiner Grundtempi zu steuern. Zudem scheint es bisweilen auch nicht ganz einfach zu sein, das Tempo innerhalb gewisser Szenen zusammenzuhalten: Besonders absurd in dieser Hinsicht geriet die große Chorszene zu Beginn des dritten Aktes, wo Chor und Orchester bisweilen wie zwei unterschiedliche Fluten auseinander drifteten und der leider zu schwach offenbar vom Band eingespielte - Geisterchor der Holländermatrosen dem ganzen dann noch einen dritten Tempovorschlag hinzufügte.


FAZIT

Szenisch und seitens des Dirigenten leider ein vager und unentschiedener Holländer - doch könnten reiselustige Opernfreunde vor allem wegen Barbara Gilbert und Eglis Silins einen Abstecher nach Saarbrücken in ihren Terminkalender aufnehmen.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Michele Carulli

Inszenierung
John Dew

Bühnenbild
Thomas Gruber

Kostüme
José-Manuel Vazquez

Chor
Andrew Ollivant

Dramaturgie
Alexander Jansen



Opernchor und Extrachor des
Saarländischen Staatstheaters

Das Saarländische
Staatsorchester



Solisten

Daland
Patrick Simper

Senta
Barbara Gilbert

Erik
Stefan Vinke

Mary
Manou Walesch

Steuermann
Algirdas Drevinskas

Holländer
Egils Silins






Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Saarländisches Staatstheater
(Homepage)




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