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Musiktheater
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Il Trittico
(Il tabarro, Suor Angelica, Gianni Schicchi)


Drei Opern-Einakter
Libretti von Giuseppe Adami (Il Tabarro)
und Giovacchino Forzano (Suor Angelica
und Gianni Schicchi)
Musik von Giacomo Puccini

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 40' (zwei Pausen)

Premiere im Großen Haus
des Oldenburgischen Staatstheaters
am 20. September 2003

Besuchte Vorstellung: 29. Oktober 2003

Logo: Oldenburgisches Staatstheater

Oldenburgisches Staatstheater
(Homepage)

Schmerzgrenze überschritten!

Von Thomas Tillmann / Fotos von Joachim Hiltmann


Leserinnen und Leser, die regelmäßig meine Artikel lesen, wissen, dass ich eine Schwäche habe für kleinere Opernhäuser, die mitunter mit wirklich wenig Geld inspiriertes, überzeugendes Musiktheater machen, und dass ich unter solchen Umständen immer gern bereit bin, über die eine oder andere Unzulänglichkeit einer Produktion hinwegzusehen. Die von mir besuchte Aufführung des Trittico indes (es handelte sich meines Wissens um die siebte nach der Premiere) hatte ein so beklagenswertes Niveau, das mir schon nach wenigen Minuten der Gedanke an eine vorgezogene Heimfahrt lustvoll durch den Kopf schoss.

Natürlich möchte man auch am Oldenburgisches Staatstheater nicht nur "kleine" Stücke spielen, sondern sich auch an den großen Werken des Repertoires versuchen (die Produktion der Sache Makropoulos in der letzten Saison hat ja gezeigt, dass man damit grundsätzlich reüssieren kann), aber es stellt sich doch die Frage, warum ein solch personalintensives, langes Werk zur Aufführung kommen muss, zumal man keine der sicher nicht leichten Hauptpartien adäquat besetzen kann. Madgalena Schäfer ist eine noch junge Giorgetta mit etwas zu kurzem Rock, die den Tod ihres Kindes nicht verarbeitet hat, die vieles hinter einer aufgesetzten Fröhlichkeit und Ausgelassenheit (beispielsweise in der Tanzszene) zu verstecken sucht und sich doch nach nichts mehr als nach Zärtlichkeit sehnt, die ihr Luigi eher geben zu können scheint als ihr verschlossener Mann; schauspielerisch bringt die Sopranistin dies alles tadellos über die Rampe, aber vokal bleibt sie weit hinter den Anforderungen zurück: Am angenehmsten klingt die insgesamt recht unkultiviert geführte, etwas schrille Stimme im Piano, und auch die Mittellage weist eine angenehme Färbung auf, während sie in der Höhe sehr hart, steif und scharf wird, so dass die wenigen Spitzentöne nur mit hörbarer Gewalt ausgestoßen werden und hörbar unter der notierten Tonhöhe bleiben - ein technisches Problem, für das ein versierter Gesangslehrer sicher ebenso eine Lösung weiß wie für die unzureichend gestützten Töne und das weit ausschwingende Vibrato bei länger gehaltenen Forti.

Vergrößerung Michele (Ks. Bernard Lyon) und Giorgetta (Magdalena Schäfer) haben sich nach dem Tode ihres Kindes auseinandergelebt.

Ihr Bühnenpartner Seung-Ji Choi hat zweifellos die großen Vertreter seines Stimmfaches studiert, aber leider im Wesentlichen deren Unarten kopiert, von denen das permanente Schluchzen und Drücken und das zu lange Aushalten von Schlusstönen störender sind als sein merkwürdig farbloses Timbre; immerhin zeigt er keine Probleme mit der Tessitura und kann sich auch gegen das freilich auch nicht allzu laut spielende, unter der Leitung des Ersten Kapellmeisters Eric Solen durchaus souverän und farbig musizierende Orchester behaupten, dessen Spiel gerade im Tabarro allerdings noch etwas flüssiger hätte sein können, in den beiden anderen Opern besonders bei den Streichern präziser. Den Michele mit einem so reifen Interpreten wie Bernard Lyon zu besetzen, mag dramaturgisch Sinn machen - in stimmlicher Hinsicht war er mit seinem schütteren Bariton der Partie wirklich nicht mehr gewachsen, auch wenn er die hohen Töne etwa des Schlusses seines Monologs mit letzter Kraft erreichte und mit seiner großen Erfahrung als Sängerdarsteller manches wett machen konnte. Alexia Basile machte zwar szenisch viel aus der hier als weiblicher Clochard gezeichneten Frugola, aber ihr dünnes Stimmchen war wirklich eine Pein. Martin Koch war mit hellem Tenor ein ansprechender Tinca, Henry Kiichli ein blasser Talpa, Daniel Behle ein aufhorchen lassender Liederverkäufer.

Vergrößerung

Luigi (Seung-Ji Choi) bringt ein bisschen Liebe in den tristen Alltag Giorgettas (Magdalena Schäfer).

Nina von Möllendorff warf sich mit großem Engagement in die Rolle der Suor Angelica und rührte erwartungsgemäß vor allem am Ende zu Tränen, aber ihr kleiner, metallisch-heller, im "Senza mamma" trotz gedämpften Orchesters und Traumposition direkt an der Rampe vor Überforderung zitternder, kleinmädchenhafter Sopran schaffte die Partie vokal natürlich nicht ansatzweise - ein verantwortungsvoller Intendant müsste zögern, sie als Blonde oder Ännchen zu besetzen! Stimmlich ebenso problematisch ist Ariane Arcojas Fürstin der harschen, scharfen Töne und der nicht mehr organisch zusammen zu bekommenden Register, von denen die gebieterisch brustige Tiefe noch das präsenteste ist; auch als Figur blieb die nervös-blasiert und über Gebühr theatralisch gezeichnete Aristokratin ohne Zwischentöne, und auch bei den übrigen Nonnen sah man sich eher mit Schatten als mit Licht konfrontiert. Uta Dittrich hätte den Damen des Chores - in Suor Angelica um einige Kolleginnen des Extrachores und einen Kinderchor verstärkt - erklären müssen, dass man gemeinsam einsetzen sollte und dass ein Blick zum Dirigenten oder auf die Monitore dabei hilfreich sein kann.

Vergrößerung Die strenge, mondäne Principessa (Ariane Arcoja) kennt kein Erbarmen mit ihrer Nichte Angelica (Nina von Möllendorff).

An der Seite der niedlichen Anja Metzger, die Laurettas "O mio babbino caro" ohne jede Raffinesse heruntersang und zudem noch mit wahrlich nicht leicht erreichten, mitunter auch etwas zu tiefen hohen Tönen irritierte, dem einige schöne lyrische Tenortöne beisteuernden Daniel Behle als Rinuccio und einigen anderen Ensemblemitgliedern, die man aus den beiden anderen Opern in schlechter Erinnerung hatte (die neu Auftretenden waren leider auch nicht besser), gab Paul Brady in Mafioso-Outfit einen vokal zwar nicht brillanten, aber soliden Schicchi und enthielt sich bis zur Szene im Bett erfreulicherweise allzu drastischer komischer Mittel; dass der im Krankenhemd Auftretende dem Publikum am Ende des Epilogs sein nacktes Hinterteil würde zeigen müssen, ahnte man lange vorher. Gianni Schicchi ist ohnehin ein Selbstläufer, bei dem Uwe Eric Laufenberg nicht viel mehr zu tun hatte, als die Aktionen seines spielbegeisterten Ensembles zu koordinieren. Die von Andreas Grüter hervorragend ausgeleuchtete Bühne, die eigentlich nur aus einigen dunklen Wänden besteht, wird von Claudia Jenatsch mit einigen Möbelstücken der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts und einem Florenz-Bild jenseits des Balkons aufgepeppt (im Tabarro hatte es noch eine schwimmbadähnliche Versenkung auf der Bühne gegeben, aus der die Arbeiter auftauchen und in der Micheles und Giorgettas Zimmer sich befindet, in Suor Angelica lockerten einige Blüten das triste Ambiente auf), und in diese Zeit weisen auch die Kostüme (während diejenigen im Tabarro in die ursprüngliche Handlungszeit gehören und das Kostüm der Principessa auch heute noch einer eleganten Italienierin mittleren Alters stehen dürfte).

Vergrößerung

Gianni Schicchi (Paul Brady, in weiß) im Kreise der Verwandten des Buoso Donati (Ensemble des Oldenburgischen Staatstheaters)

Tobias Sosinka lässt Michele noch vor den ersten Takten des Orchesters mit seinem nicht mehr funktionierenden Feuerzeug spielen - ein einleuchtendes Bild für die Funkstille, die in seiner Ehe mit Giorgetta herrscht, vielleicht auch eine Veranschaulichung seiner nachlassenden Manneskraft. Die trotz aller Schwierigkeiten und Frustrationen funktionierenden Beziehungen in seinem Umfeld machen dem Kahnbesitzer unmissverständlich klar, was er nach dem Tode seines Kindes offenbar unwiederbringlich verloren hat (dass solistisch hervortretende Liebespärchen mit zwei reifen Sängern zu besetzen, war in diesem Zusammenhang ein guter Einfall, den Aleksandra Szymanska und Mieczyslaw Szymanski bemerkenswert umzusetzen verstanden) und was seine Ermordung des Rivalen immerhin nachvollziehbar macht. Und so freut man sich über viele gelungene Momente, auch wenn man sich manche Szene noch eindringlicher erzählt vorstellen könnte. Ähnliches gilt auch für Dagmar Pischels Inszenierung des zweiten, zweifellos problematischsten Werkes, die erst gegen Ende wirklich an Intensität gewinnt: Mich jedenfalls hat es berührt, dass Angelica nach dem Trinken des Giftes über die Bühne tanzt und balanciert, ja fast zu fliegen scheint, während ich die Schlussszene mit den illuminierten Engeln im Deckengemälde des Zuschauerraums und dem aus lautstark produziertem Bühnennebel auftauchenden blonden Jungen, der die entseelte Nonne streichelt, bei allem Respekt vor der Werktreue übertrieben kitschig fand. Und wenn die Fürstin das Dokument, das Angelicas Enterbung rechtskräftig macht, nach dem Zusammenbruch ihrer Nichte dann doch selbst unterschreibt und der Badessa einen Scheck überreicht, hätte sie sich den Weg ins Kloster nicht auch gleich sparen können?



FAZIT

Vielleicht hätten die Verantwortlichen des Oldenburgischen Staatstheaters besser daran getan, gegen den erklärten Willen des Komponisten zu verstoßen und nur Gianni Schicchi (vielleicht in Verbindung mit einem weiteren leichter zu realisierenden Einakter des Repertoires?) aufzuführen. Eine vor allem in gesanglicher Hinsicht derart verheerende Produktion, die in der Premiere aller Wahrscheinlichkeit nach nicht besser gewesen ist, wird den Intentionen Puccinis jedenfalls nicht gerecht und schadet dem Ansehen des Hauses.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Alexander Rumpf

Musikalische Leitung
der besuchten Vorstellung
Eric Solen

Inszenierung
Il Tabarro
Tobias Sosinka

Inszenierung
Suor Angelica
Dagmar Pischel

Inszenierung
Gianni Schicchi
Uwe Eric Laufenberg

Bühne und Kostüme
Claudia Jenatsch

Licht
Andreas Grüter

Chöre
Uta Dittrich

Dramaturgie
Anke Hoffmann



Der Chor des
Oldenburgischen
Staatstheaters
Damen des Extrachores
Kinderchor

Das Oldenburgische
Staatsorchester

Statisterie


Solisten

* Alternativbesetzung



Il tabarro:

Michele,
Besitzer des Lastkahns
Ks. Bernard Lyon

Giorgetta,
seine Frau
Magdalena Schäfer

Luigi,
Arbeiter
Seung-Ji Choi

Tinca,
Arbeiter
Martin Koch

Talpa,
Arbeiter
Henry Kiichli

Frugola,
seine Frau
Alexia Basile

Ein Liedverkäufer
Daniel Behle

Ein Liebespärchen
Aleksandra und Mieczyslaw
Szymanski

Sopranstimme
Iveta Karageorgieva

Tenorstimme
Ihor Salo


Suor Angelica:

Suor Angelica
Nina von Möllendorff/
* Ks. Marcia Parks

La Zia Principessa
(Die Fürstin)
Ariane Arcoja

La Badessa
(Die Äbtissin)
Gitta Pamin-Jensen

La Suora Zelatrice
Alexia Basile

La Maestra
Annekatrin Kupke

Suor Genovieffa
Anja Metzger

Suor Osmina
Magdalena Schäfer

Suor Dolcina
Mary Kehl

La Suora Infermiera
Sharon Starkmann

Le Cercatrici
Ute Biniaß
Judit Varga

Le Converse
Edwina Treptow
Angela Löhnwitz


Gianni Schicchi:

Gianni Schicchi
Paul Brady

Lauretta,
seine Tochter
Anja Metzger

Zita, Buosos Kusine
Ariane Arcoja

Rinuccio,
Buosos Neffe
Daniel Behle

Gherardo,
Buosos Neffe
Martin Koch

Nella,
seine Frau
Magdalena Schäfer

Gherardino, ihr Sohn
Matthias Kelemen/
* Cedrik Plettenberg

Betto von Signa,
Buosos Schwager
Henry Kiichli

Simone,
Buosos Vetter
Ks. Fritz Vitu

Marco,
sein Sohn
Markus Butter/
* Andreas Lütje

Ciesca,
Marcos Frau
Alexia Basile

Dr. Spinelloccio,
Arzt
Douglas Linton

Amantio di Nicolao,
Notar
Udo Bormann

Pinellino,
Schuster
Leonard Katarzynksi

Guccio,
Färber
Jürgen Meyer

Buoso Donati
Klaus Knuth


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Oldenburgischen
Staatstheater

(Homepage)




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