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Madama Butterfly
Japanische Tragödie in drei Akten
Dichtung von Luigi Illica
Musik von Giacomo Puccini

In in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Aufführungsdauer: ca. 3 h (eine Pause)

Premiere am Theater Münster am 13. Dezember 2003
(rezensierte Aufführung: 30. Dezember 2003)


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Städtische Bühnen Münster
(Homepage)

Ein Big-Mac für Cio-Cio-San

Von Stefan Schmöe / Fotos von Michael Hörnschemeyer



Madama Butterfly besteht besonders stark unter dem Verdacht, sentimental oder gar kitschig zu sein. Eine Herz-Schmerz-Geschichte mit einer sterbenden Kindsfrau als Heldin in exotisch-fernöstlichem Ambiente scheint hart gesottenen Opernliebhabern zu weit zu gehen. Puccini sei der Verdi des kleinen Mannes, befand einst Kurt Tucholsky, und in der allem gar zu Schönen erst einmal ablehnend begegnenden Musikszene Nachkriegsdeutschlands stieß Puccinis schmerzdurchtränkter Wohllaut auf nachvollziehbares Misstrauen. Auf der anderen Seite mehren sich die Zeichen für eine andere Sicht auf Puccini. Ein Regisseur wie Robert Carsen etwa hat Puccini aus der Kitsch-Ecke herausgeholt, und Ulrich Schreiber setzt sich in seiner Kunst der Oper, der wohl nach wie vor besten Abhandlung zur Geschichte der Gattung; nachhaltig für den Komponisten ein. Bis Münster aber haben sich diese Ansätze offenbar noch nicht verbreitet.


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Neckisch: Dialog zwischen Cio-Cio-San (Victoria Safronova) und Pinkerton (hier - anders als in der rezensierten Vorstellung - Attila Wendler)

Wenn man benommen aus der Neuinszenierung der Butterfly am Theater Münster hinauswankt, dann ist schwer zu entscheiden, ob die Regie von Peter Beat Wyrsch mit dem Stück selbst oder mit überkommenen, klischeehaften Sichtweisen darauf abrechnen will. An einer überzeugenden Darstellung des Japanischen scheitern fast alle Regisseure; Wyrsch geht deshalb aufs Ganze: Sein Japan schwankt unentschlossen, aber schrill zwischen Pop-Art und dem Auslandsjournal. Das Bühnenbild von Jürgen Lancier zeigt eine Schmuddelecke einer modernen Großstadt mit Fast-Food-Bude und Eingang zum Parkhaus, allerdings im Puppenstubenformat. Pinkerton und Cio-Cio-San richten sich mit Kunstrasen und Plastikstühlen ein behagliches Plätzchen vor der Haustür ein, und durchs Fenster schimmert die Blümchentapete hindurch. Die Japanerinnen sind nicht wie gewohnt klein und zierlich, sondern groß und klobig und tragen postbarocke Perücken in knalligen Farben (Kostüme: Ursina Züchner), die ins Publikum zu schreien scheinen: Glaubt nicht an diesen Humbug! Manches soll wohl lustig sein, aber die maßlose Überzeichnung in buntesten Farben ist ebenso ermüdend und entmündigend: Etwas mehr Gedankenfreiheit darf man seinem Publikum auch bei Puccini zumuten.

Aber damit nicht genug; das Regieteam möchte nicht nur betroffenes Glotzen verhindern, sondern auch aufklärerisch darauf hinweisen, dass Japan kein Ort ungetrübter Glückseligkeit ist: Hier gibt es Gewalt auf der Straße, Prostitution und Müll. Gleich zu den ersten Tönen zofft sich eine jugendlich-asiatisch gekleidete Gang auf der Bühne und prügelt in mäßig virtuosen Stunts gleich kräftig an der Musik vorbei: Puccini beginnt bezeichnenderweise mit einem Fugato, sozusagen dem Inbegriff abendländisch-westeuropäischer Musikkultur. Hier wird der Musik ein Exotismus unterstellt, der in dieser Form nicht vorhanden ist. Das Parodieren von Klischees wird in dieser Inszenierung selbst zum Klischee, und der Kitsch, den Wyrsch austreiben will, holt er sich spätestens zu Beginn des dritten Aufzugs verstärkt zurück, wenn die niedlichen Häuschen pathetisch geneigt werden. Eine Welt in Schieflage? Auch das provoziert Widerspruch, scheitern doch fast alle Frauengestalten Puccinis daran, dass die Welt(ordnung) starr und unbeweglich ist. Über weite Strecken hat diese Inszenierung etwas trotzig Pubertäres an sich, dass vorlaut alles besser weiß und alles alte (was wusste Puccini schon von Japan?) niedertrampelt – und gleichzeitig von einer handwerklichen Dürftigkeit ist, die man bei einem Regisseur wie Peter Beat Wyrsch (man erinnere sich an den überzeugenden Ring des Nibelungen) nun wahrlich nicht erwartet hat.


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Blumig: Dialog zwischen Cio-Cio-San (Victoria Safronova, links) und Suzuki (Tina Hörhold)

Erst im zweiten Akt erinnert sich die Regie daran, dass es ja auch noch eine Geschichte zu erzählen gibt. In einem der wenigen starken Momente des Abends sieht man Cio-Cio-San, lässig gekleidet wie eine amerikanische Teenagerin, gelangweilt einen Hamburger verzehren. Hier wendet sich die Regie endlich einmal den Figuren zu. Leider verläuft sich diese Szene alsbald in den gewohnten Bahnen, die Personenregie bleibt zu pauschal. Im dritten Akt wird es für einen kleinen Moment noch einmal spannend, wenn Pinkertons amerikanische Ehefrau nur mit erheblichem Widerwillen bereit ist, Cio-Cio-Sans Kind anzunehmen. Insgesamt aber sind die schauspielerischen Leistungen blass, wirken schier erdrückt von dem unsäglichen Japan-Brimborium ringsumher. Und Dirigent Christian Voß am Pult des (mit Abstrichen bei den Holzbläsern) guten Symphonieorchesters der Stadt Münster trägt mit Hang zu knalligen, vordergründigen Effekten nicht eben zu einer differenzierten Sichtweise auf das Stück bei.

Immerhin überzeugen die sängerischen Leistungen. Mineo Nagata spielt zwar den Pinkerton wie einen Yankee der scheußlichsten Sorte, hat aber stimmlich einiges Potenzial. Die groß gewachsene Victoria Safronova ist schon von der Statur kein wehrloses Mädchen, sondern tritt auf wie als selbstbewusste junge Frau, sängerisch mehr die dramatischen als die lyrischen Seiten hervorhebend – das aber klangvoll und überzeugend. Radoslaw Wielgus ist ein smarter Konsul, musikalisch solide; Tina Hörhold als Suzuki (von der Regie weitgehend übersehen) singt mit warmer, tragfähiger Stimme. Mit diesen Sängern hätte man eine beachtliche Butterfly in Szene setzen können (wie ein Haus von vergleichbarer Größe großes Theater daraus macht, konnte man vor einigen Jahren in Krefeld erleben). Hier reicht es nur zum Wunschkonzert an der dramatischen Oberfläche.



FAZIT

Die Burger-Bude in der Kulisse symbolisiert es treffend: Ästhetisches Fast-Food.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Christian Voß

Inszenierung
Peter Beat Wyrsch

Bühne
Jürgen Lancier

Kostüme
Ursina Züchner

Chor
Peter Heinrich

Dramaturgie
Matthias Heilmann


Statisterie der Städtischen
Bühnen Münster

Chor der Städtischen
Bühnen Münster

Symphonieorchester Münster

*Besetzung der rezensierten Aufführung


Cio-Cio-San
Victoria Safronova

Suzuki
Judith Gennrich /
* Tina Hörhold

Kate Pinkerton
Annette Walaschewski

B. F. Pinkerton
* Mineo Nagata /
Attila Wendler

Sharpless
Radoslaw Wielgus

Goro
Mark Bowman-Hester

Yamadori
Yae-Joon Pak /
* Alexandre Partzov

Onkel Bonzo
Kevin Bell

Yakusidé
Frank Göbel /
* Kiyotaka Mizuno

Kommissar
Donald Rutherford

Standesbeamter
* Matthias Klesy /
László Varga

Cio-Cio-Sans Mutter
Lavina Kepetzis /
Ingeborg Rieger

Die Base
Heike Splittgerber /
*Eva-Lillian Thingbø

Die Tante
* Kerstin Cadow /
Gabriele Marnet

Das Kind
Julian Brinkmann /
Eyk Daeglau






Weitere Informationen
erhalten Sie von den
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(Homepage)






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