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Der Rosenkavalier
Komödie für Musik in drei Aufzügen von Hugo von Hofmannsthal,
Musik von Richard Strauss


Aufführungsdauer: ca. 4h (zwei Pausen)

Premiere am Theater Münster
am 26. Oktober 2003 im Großen Haus


Logo: Städtische Bühnen Münster

Städtische Bühnen Münster
(Homepage)

Die Zeit: immer noch ein sonderbar Ding

Von Christoph Kammertöns / Fotos von Michael Hörnschemeyer

Eine Oper, die als »Komödie« firmiert, im Schlafzimmer beginnt und in der Kneipe endet, in der notgedrungen von Nichtwienern gewienert wird und der dazu passende Walzer die Zukunft vor sich hertreibt, sollte sich wohl trefflich als Farce darstellen lassen – möchte man meinen. Es ist daher nicht abwegig, dass Gabriele Rech in Münster schloss, ein paar zusätzliche Kohlen Derbheit würden das Glimmen des Hofmannsthalschen Humors in das Feuer geschäftiger Komik überführen können. Man folgte im Ganzen wohl auch amüsiert, wenn Octavian sich im Wandschrank unter einer Batterie Putzmittel in Mariandl verwandelt, der (ausgewachsene) »Mohr« durch den Speiseaufzug abtritt und Ochs die Grenze vom Begehren zu gewohnheitsmäßiger Nötigung mit sabbernden Lefzen überschreitet. Nur bleibt alles Delikate, zuvorderst das atmosphärisch schwebend Androgyne, das hier noch mehr Zauber besitzt als im Figaro, bleibt die Ambivalenz der Gefühle zwischen Lust und Schmerz, Besitzen und Endsagen, zwischen Gönnen und Verwehrenwollen auf der Strecke.

Vergrößerung in neuem Fenster Ines Krome (Feldmarschallin), Daniel Lewis Williams (Baron Ochs)
und Judith Gennrich (Octavian).

In diesem Stück west die Zeit: durch das Einbringen einer vom Standpunkt von Schöpfern wie Zuhörern historisierenden, vom Standpunkt der Handlung aber vorausweisenden musikalischen Form – dem Wiener Walzer –, durch die Reflexion der Feldmarschallin über das Altern und den zerstörerischen Charakter zeitlichen und damit auch körperlichen Vergehens mit der wunderbar maßvollen Belegung des »Sonderbaren«, schließlich durch das gefühlte Anhalten der Zeit, wenn traumnahe Mixturklänge die Rosenübergabe ins Ewige zu entheben scheinen. (Wiederkehrend verzaubern sie auch den verbalisiert traum-haften Schluss: »Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein ...«)

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Ines Krome (Feldmarschallin) und Judith Gennrich (Octavian).

   Schon nach dem gemeinsamen Erwachen (entsprechend kniet Octavian nicht neben dem Bett, sondern räkelt sich neben der Marschallin) äußert »der junge Herr aus großem Haus« den Wunsch nach dem Festhalten der Zeit: »Warum ist Tag? Ich will nicht den Tag! Für was ist der Tag! Da haben Dich alle! Finster soll sein!« Die Marschallin antwortet später sinngemäß: »Manchmal stehe ich auf mitten in der Nacht und laß die Uhren alle stehn.« Die Motivation ist unterschiedlich: Octavian will nicht, dass die augenblickliche Lust endet, die Marschallin will das vorhersehbare Verlassenwerden hinauszögern. Sie richtet ihre Bedenken schließlich ins pragmatisch Positive: »Leicht muß man sein mit leichtem Herz und leichten Händen halten und nehmen, halten und lassen.« Hofmannsthal sollte sich im Briefwechsel mit dem Komponisten anlässlich der gemeinsamen Folgeproduktion, Ariadne auf Naxos, quasi präzisierend äußern: "Verwandlung ist Leben des Lebens, ist das eigentliche Mysterium der schöpfenden Natur; Beharren ist Erstarren und Tod. Wer leben will, der muß über sich selber hinwegkommen, muß sich verwandeln: er muß vergessen."

Vergrößerung in neuem Fenster Anna Korondi (Sophie) und Judith Gennrich (Octavian).

  Bedenkt man noch die parallel sich vollziehenden Zeitreflexionen von Bergson, möchte man fast zugestehen, dass die aktweise vollzogene Modernisierung des kunstvoll ramponierten Bühnenbilds (Ausstattung von Nicola Reichert) ein möglicher szenischer Reflex auf dieses grundlegende Thema ist. Im Grunde aber nimmt dieser Einfall ebenso wie die permanente Aktion sehr engagierter Statisten dem Stück jeden Fokus. Was bleibt, ist eine je toller desto müdere Belustigung, in der Bräute vervielfacht auftreten und Erotik doch arg ins Derbe gesteigert wird. Man könnte konzedieren, dass die Dresdner Hoftheaterzensur die eigentliche Intention Hofmannsthals auf das 1911 »verträgliche« Maß gestutzt hatte, Rech und Reichert nun also dem Dichter auf der Spur sein wollten; doch ist nun in Münster kein echter Zugewinn an Sinnlichkeit, an Erotik zu verzeichnen, um die es wohl gehen sollte.

Die Figur Max Reinhard, der als Uraufführungsregisseur mit dem Rosenkavalier dem Regietheater vorauseilte, der eine stilistische Einheit der Szene verwirklichte und seine Sicht für nachfolgende Realisierungen lange festzuschreiben wusste, mag wohl dazu einladen, es bewusst »ganz anders« zu versuchen, und vielleicht darf auch wirklich, bei etlichen kritisierenswerten Verlusten, das Abseitige ausprobiert werden – zumal in einem Land, dessen Theaterdichte (noch) von der Verantwortung befreit, für den Umkreis einer Tagesreise etwas Gültiges zu schaffen.

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Anna Korondi (Sophie) und Judith Gennrich (Octavian).

    Immerhin: der ganz Unwillige hätte auch die Augen schließen können und wäre wohl mit seinem Stadttheater zufrieden gewesen. Was aus dem Orchestergraben tönte, war zwar nicht eben ein Strauss-Sound (weder seidig noch, wo eigentlich nötig, üppig), doch bewies sich hier einmal mehr die Disziplin und individuelle wie kollektive Könnerschaft im Münsteraner Orchester. Einen solchen Klangkörper sollte die Stadt eher hofieren und aufstocken als mit Herabstufung zu bedrohen.

Vergrößerung in neuem Fenster Anna Korondi (Sophie) und Daniel Lewis Williams (Baron Ochs).

Wirklich begeisternd war die Trias Ines Krome (Feldmarschallin), Judith Gennrich (Octavian) und Anna Korondi (Sophie), deren Stimmen wunderbar verschmolzen und dem Abend jene ephemere Berücktheit wiedergaben, die inszenatorisch verneint wurde. Diese drei belebten den Straussschen Konversationston allem Klamauk zum Trotz, wie sie dem Finale des dritten Aktes tadellos koordiniert und mit innigen Kantilenen doch noch zur vorher vermissten Sinnlichkeit und Inbrunst verhalfen.

   Daniel Lewis Williams verlieh seinem Ochs die obligatorische bäuerische Grobheit und Schalkhaftigkeit mit dem nötigen unverwüstlichen Organ von unvollkommen gebändigter Kraft. Mark Bowman-Hester und Suzanne McLeod belustigten gekonnt als Intrigantenpaar Valzacchi und Annina, während Stefan Adam den servil-gewinnlerisch eingestellten Faninal mit seinem wohlgeführten Charakterbariton aufwertete. Alle weiteren Rollen standen den Hauptakteuren auf einheitlich hohem Niveau zur Seite. Will Humburg führte das exzellent einstudierte Ensemble gewohnt sicher durch den Abend.



FAZIT

Wer im Rosenkavalier das Potenzial zum Klamauk erkennt, ist in der Münsteraner Inszenierung richtig. Wem es etwas arg lustig zugeht, der kann sich bei geschlossenen Augen an den wunderbar vereint wirkenden Stimmen von Ines Krome, Judith Gennrich und Anna Korondi erfreuen, hat sich also auch nicht vertan.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Will Humburg

Inszenierung
Gabriele Rech / Benedikt Borrmann

Ausstattung
Nicola Reichert

Chor
Peter Heinrich

Dramaturgie
Berthold Warnecke


Statisterie der Städtischen
Bühnen Münster

Kinderchor des Gymnasium Paulinum
(Einstudierung: Margarete Sandhäger)

Chor der Städtischen Bühnen Münster

Symphonieorchester der Stadt Münster


Solisten

Feldmarschallin
Ines Krome

Baron Ochs
Daniel Lewis Williams

Octavian
Judith Gennrich

Herr von Faninal
Stefan Adam

Sophie
Anna Korondi

Jungfer Marianne
Ulrike Staude

Valzacchi
Mark Bowman-Hester

Annina
Suzanne McLeod

Polizeikommissar / Notar
Auke Kempkes

Haushofmeister
Christian-Kai Sander

Sänger
Mineo Nagata

Wirt
Mineo Nagata / Christian-Kai Sander

Leupold
Gian-Philip Andreas








Weitere Informationen
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